{"id":124579,"date":"2006-10-01T12:00:00","date_gmt":"2006-10-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2006\/10\/marti-6\/"},"modified":"2023-08-23T23:47:04","modified_gmt":"2023-08-23T21:47:04","slug":"marti-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2006\/10\/marti-5\/","title":{"rendered":"Wirkungen der arbeitsmarktlichen Massnahmenauf den schweizerischen Arbeitsmarkt"},"content":{"rendered":"<p>Wie beeinflussen die arbeitsmarktlichen Massnahmen (AMM) die Stellensuchendenquote? Diese Frage wurde mittels eines \u00f6konometrischen Modells erstmals f\u00fcr die Schweiz untersucht. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass vor allem vor\u00fcbergehende Besch\u00e4ftigung hilft, die Zahl der Stellensuchenden zu reduzieren. Wie bereits in vergleichbaren Studien f\u00fcr andere L\u00e4nder festgestellt wurde, ist der empirisch nachweisbare Zusammenhang zwischen den AMM und der Quote der Stellensuchenden schwach. Die Konjunktur hat einen ungleich st\u00e4rkeren Einfluss auf die Zahl der Stellensuchenden.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200610_07_Marti_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"252\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nArbeitsmarktliche Massnahmen wirken auf individueller Ebene. Dank eines Sprachkurses findet zum Beispiel die arbeitslose ehemalige Angestellte eines Reiseb\u00fcros, Frau M\u00fcller, wieder eine neue Stelle. Dies ist eine beabsichtigte Wirkung der Massnahme \u00abSprachkurs\u00bb. Auf aggregierter, makro\u00f6konomischer Ebene kann die Wirkung in diesem Beispiel anders beurteilt werden: H\u00e4tte Frau M\u00fcller keinen Sprachkurs absolviert, dann h\u00e4tte das Reiseb\u00fcro Herrn Meier eingestellt, welcher die geforderten sprachlichen F\u00e4higkeiten auch ohne Kurs mitbringt. Dank der AMM \u00abSprachkurs\u00bb ist anstelle von Frau M\u00fcller nun Herr Meier arbeitslos. Der Sprachkurs w\u00e4re aus makro\u00f6konomischer Sicht letztlich wirkungslos &#8211; ein Nullsummenspiel, der die Arbeitslosigkeit nicht reduziert.&#13;<\/p>\n<h2>Gesamtwirkung schwierig messbar<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWenn arbeitsmarktliche Massnahmen auf der individuellen Ebene Wirkung zeigen, bedeutet dies also noch nicht, dass die Arbeitslosigkeit zur\u00fcckgeht. Die Feststellung von positiven individuellen Wirkungen gen\u00fcgt der Arbeitsmarktpolitik nicht. Vielmehr muss sich diese fragen: K\u00f6nnen AMM die Arbeitslosigkeit reduzieren? Die nachfolgenden Ausf\u00fchrungen basieren auf der Ecoplan-Studie \u00abMakro\u00f6konomische Evaluation der Arbeitsmarktpolitik der Schweiz\u00bb. Diese Studie ist Teil des \u00abFollow-up\u00bb der Wirkungsevaluation der arbeitsmarktlichen Massnahmen (AMM). Das \u00abFollow-up\u00bb orientiert sich an der \u00abwirkungsorientierten Vereinbarung\u00bb, die seit 2000 in Kraft ist und im Jahre 2003 einer gr\u00f6sseren Revision unterzogen worden ist. Es sei vorweggenommen, dass diese zentrale Frage f\u00fcr die Schweiz &#8211; wie auch f\u00fcr andere L\u00e4nder &#8211; nicht abschliessend beantwortet werden kann. Datenprobleme und nur schwach messbare Zusammenh\u00e4nge erschweren eine klare Antwort.\u00a0Die Datenlage f\u00fcr die Schweiz l\u00e4sst keine Wirkungsabsch\u00e4tzungen auf die eigentliche Zielgr\u00f6sse der AMM &#8211; die Arbeitslosigkeit &#8211; zu. Dennoch lassen sich f\u00fcr die Schweiz einige interessante Auswirkungen arbeitsmarktlicher Massnahmen auf die Stellensuchendenquote empirisch erh\u00e4rten.&#13;<\/p>\n<h2>Quote der Stellensuchendenals Zielgr\u00f6sse<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWird einer AMM &#8211; z.B. basierend auf mikro\u00f6konomischen Studien &#8211; eine individuelle Wirkung zugesprochen, so ist dies keine hinreichende Voraussetzung f\u00fcr eine Reduktion der Stellensuchendenquote. Die individuell festgestellten Wirkungen d\u00fcrfen nicht aggregiert werden, da nicht sicher ist, dass ein Stellensuchender weniger auch die Gesamtzahl der Stellensuchenden reduziert. Zwei der am meisten diskutierten Aggregationseffekte seien hier beispielhaft erw\u00e4hnt:\u00a0&#8211; Substitutionseffekt: Durch AMM gef\u00f6rderte Arbeitsuchende verdr\u00e4ngen solche, die nicht in den Genuss der F\u00f6rderung gekommen sind. Die Stellensuchendenquote wird also nicht reduziert, sondern die Stellensuchenden werden lediglich \u00abausgetauscht\u00bb.\u00a0&#8211; Mitnahmeeffekt: H\u00e4tte ein gef\u00f6rderter Arbeitsuchender auch ohne AMM eine Stelle gefunden, so h\u00e4tte sich die Stellensuchendenquote auf jeden Fall reduziert. Die Reduktion der Quote kann in diesem Falle also nicht urs\u00e4chlich auf die AMM zur\u00fcckgef\u00fchrt werden.\u00a0\u00a0Beide Aggregationseffekte k\u00f6nnen dazu f\u00fchren, dass die Programme auf makro\u00f6konomischer Ebene keine Erfolge haben und die Zahl der Stellensuchenden nicht abnimmt.&#13;<\/p>\n<h2>Sch\u00e4tzverfahren<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMit \u00f6konometrischen Panel-Modellen wird untersucht, wie die Teilnahme an einzelnen Massnahmen die Stellensuchendenquote beeinflusst. Als Datengrundlage dienen Monatsdaten von Januar 2000 bis Dezember 2004. Aus Grafik 2 geht deutlich hervor, dass diese Quote &#8211; und damit die Zahl der Stellensuchenden &#8211; im Zeitablauf grossen Schwankungen unterliegt. Mit den vorliegenden Modellen wird untersucht, inwiefern die AMM diese Schwankungen beeinflussen. Daf\u00fcr werden insgesamt f\u00fcnf verschiedene AMM unterschieden (siehe Kasten 1 &#8211; Basiskurse sind Massnahmen, die der Standortbestimmung von Individuen und dem Erarbeiten einer Ausbildungsstrategie dienen. Ausserdem vermitteln sie Basiswissen f\u00fcr die Stellensuche, wie z.B. Bewerbungsbriefe zu verfassen. &#8211; Sprachkurse vermitteln Kenntnisse in einer der Landessprachen und erm\u00f6glichen so eine erfolgreiche Bewerbung. Wenn es zum n\u00e4heren Berufsumfeld des Stellensuchenden passt, werden einem Erwerbslosen auch Fremdsprachenkurse zugewiesen. Dies kann zum Beispiel bei Reiseb\u00fcro-Mitarbeitenden zutreffen.- Allgemeine Informatikkurse umfassen eine Einf\u00fchrung und Vertiefung f\u00fcr Anwender. Dabei werden die Anwender mit dem Grundwissen eines PCs vertraut gemacht und in die gel\u00e4ufigen Programme zur Textverarbeitung (Word), Tabellenkalkulation (Excel), Arbeit mit Datenbanken (Access) und Erstellung von Grafiken eingef\u00fchrt.- Programme zur vor\u00fcbergehenden Besch\u00e4ftigung bezwecken, die dauerhafte und m\u00f6glichst rasche berufliche (Wieder-)Eingliederung der Versicherten zu erleichtern. Dies kann einerseits durch berufsnahe T\u00e4tigkeiten erfolgen, welche der Ausbildung und den F\u00e4higkeiten der Versicherten sowie der Arbeitsmarktlage bestm\u00f6glich entsprechen. Damit wird die Arbeitsmarktf\u00e4higkeit erhalten oder verbessert. Andererseits wird die Wiedereingliederung durch integrierte Bildungsanteile gef\u00f6rdert, die auf die Bed\u00fcrfnisse des Arbeitsmarktes sowie der versicherten Personen ausgerichtet sind. Programme zur vor\u00fcbergehenden Besch\u00e4ftigung k\u00f6nnen in \u00f6ffentlichen und privaten, nicht gewinnorientierten Institutionen ausge\u00fcbt werden.- In der Kategorie \u00dcbrige Kurse werden Bildungsmassnahmen wie \u00dcbungsfirmen, Ausbildungspraktika sowie Kurse in den Bereichen Gastgewerbe, Hauswirtschaft, Raumpflege und dem Gesundheits- und Sozialbereich zusammengefasst. Aufgrund geringer Fallzahlen haben wir auch fachspezifische Informatikkurse sowie berufliche Weiterbildung (kaufm\u00e4nnische Weiterbildung, handwerkliche und technische Weiterbildung) in diese Kategorie eingereiht.). Neben den AMM wird auch der konjunkturelle Einfluss auf die Stellensuchendenquote im Modell ber\u00fccksichtigt.&#13;<\/p>\n<h3>Zwei Modelle<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nAuf gesamtwirtschaftlicher Ebene werden zwei Modelle gesch\u00e4tzt:\u00a0&#8211; Modell 1: Effekt der Massnahmen auf die Ver\u00e4nderung der Stellensuchenden (der Netto-Effekt aus Zu- und Abg\u00e4ngen aus der Stellensuche). F\u00fcr dieses Modell spricht die deutlich verl\u00e4sslichere Datengrundlage.\u00a0&#8211; Modell 2: Effekt der Massnahmen auf die Zahl der Stellensuchenden, welche eine Stelle gefunden haben. Dieses Modell hat den Vorteil, dass es direkter den interessierenden Zusammenhang misst.&#13;<\/p>\n<h2>Vor\u00fcbergehende Besch\u00e4ftigung als wirkungsvollste Massnahme<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Analyse der Auswirkungen von AMM auf die Stellensuchenden zeigt, dass die Effekte nur teilweise signifikant sind (siehe Tabelle 1). Von den untersuchten AMM schneidet die vor\u00fcbergehende Besch\u00e4ftigung am besten ab. Die Ergebnisse k\u00f6nnen wie folgt zusammengefasst werden:\u00a0&#8211; Den beabsichtigten Effekt finden wir bei der vor\u00fcbergehenden Besch\u00e4ftigung: In beiden Modellen ist auf aggregierter Ebene statistisch nachweisbar, dass die Massnahme \u00abvor\u00fcbergehende Besch\u00e4ftigung\u00bb die Quote der Stellensuchenden reduziert.\u00a0&#8211; Keinen Effekt finden wir bei den Basisprogrammen und den Sprachkursen: In beiden Modellen zeitigen diese AMM keine dauerhaften Effekte auf die Quote der Stellensuchenden.\u00a0&#8211; Widerspr\u00fcchliche Effekte sind bei den Informatikkursen bzw. den \u00fcbrigen Kursen feststellbar: Die beiden Modelle liefern jeweils gegens\u00e4tzliche Ergebnisse.&#13;<\/p>\n<h2>Resultate nach Wirtschaftsklassen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nTabelle 2 fasst die Massnahmen-Effekte auf die Stellensuchendenquoten in den vier Wirtschaftsklassen \u00abBau\u00bb, \u00abGastgewerbe\u00bb, \u00abMetallverarbeitende Industrie, Maschinenbau und Elektrotechnik\u00bb sowie \u00abDienstleistungen in den Bereichen Immobilien und Beratung\u00bb zusammen. Die Analyse auf Stufe dieser vier Wirtschaftsklassen best\u00e4tigt die Ergebnisse der gesamtwirtschaftlichen Analyse weitgehend: \u00a0&#8211; Analog zu den Ergebnissen auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene zeigt die vor\u00fcbergehende Besch\u00e4ftigung am deutlichsten die erw\u00fcnschten Wirkungen. Mit Ausnahme der Wirtschaftsklasse \u00abMetallverarbeitende Industrie, Maschinenbau und Elektrotechnik\u00bb reduziert diese Massnahme die Verweildauer in der Stellensuche und senkt somit die Stellensuchendenquote dauerhaft.\u00a0&#8211; Basisprogramme und Sprachkurse (Ausnahme: Dienstleistungen in den Bereichen Immobilien und Beratung) haben auf der Ebene der vier betrachteten Wirtschaftsklassen kaum Auswirkungen auf die Stellensuchendenquote. Ebenfalls geringe Auswirkungen haben die \u00fcbrigen Kurse (Ausnahme: Gastgewerbe).\u00a0&#8211; Bei den Informatikkursen zeigt sich kein einheitliches Bild: Die Auswirkungen sind je nach Wirtschaftsklasse unterschiedlich.&#13;<\/p>\n<h2>Insgesamt nur schwach messbarer Einfluss der Massnahmen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Erkenntnisse und m\u00f6glichen Aussagen lassen sich wie folgt zusammenfassen:\u00a0&#8211; Die Massnahme \u00abvor\u00fcbergehende Besch\u00e4ftigung\u00bb hilft, die Zahl der Stellensuchenden zu reduzieren. Dieses Ergebnis wird in allen getesteten Modellen best\u00e4tigt.\u00a0&#8211; Die Zusammenh\u00e4nge zwischen den AMM und der Stellensuchendenquote sind schwach. Dementsprechend sind auch die Ergebnisse wenig robust. Dieses Problem deckt sich mit den Erfahrungen makro\u00f6konomischer Evaluationen von AMM in anderen L\u00e4ndern. Das robusteste Ergebnis ist der oben erw\u00e4hnte Effekt der vor\u00fcbergehenden Besch\u00e4ftigung. \u00a0&#8211; Die Analyse beschr\u00e4nkt sich darauf, den Zusammenhang zwischen AMM und Stellensuchendenquote zu untersuchen. Auf dieser Basis k\u00f6nnen jedoch keine Aussagen zum Kosten-Nutzen-Verh\u00e4ltnis der AMM getroffen werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abUntersuchungsgegenstand: Arbeitsmarktliche Massnahmen und ihre Wirkung auf die Stellensuchendenquote\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abEntwicklung der Stellensuchendenquote, Januar 2000 bis Dezember 2004\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1 \u00abEffekte der AMM auf die Stellensuchendenquote nach Modell\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 2 \u00abEffekte der AMM auf die Stellensuchendenquoten nach Wirtschaftsklassen\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: F\u00fcnf Kategorien der untersuchten AMM &#8211; Basiskurse sind Massnahmen, die der Standortbestimmung von Individuen und dem Erarbeiten einer Ausbildungsstrategie dienen. Ausserdem vermitteln sie Basiswissen f\u00fcr die Stellensuche, wie z.B. Bewerbungsbriefe zu verfassen. &#8211; Sprachkurse vermitteln Kenntnisse in einer der Landessprachen und erm\u00f6glichen so eine erfolgreiche Bewerbung. Wenn es zum n\u00e4heren Berufsumfeld des Stellensuchenden passt, werden einem Erwerbslosen auch Fremdsprachenkurse zugewiesen. Dies kann zum Beispiel bei Reiseb\u00fcro-Mitarbeitenden zutreffen.- Allgemeine Informatikkurse umfassen eine Einf\u00fchrung und Vertiefung f\u00fcr Anwender. Dabei werden die Anwender mit dem Grundwissen eines PCs vertraut gemacht und in die gel\u00e4ufigen Programme zur Textverarbeitung (Word), Tabellenkalkulation (Excel), Arbeit mit Datenbanken (Access) und Erstellung von Grafiken eingef\u00fchrt.- Programme zur vor\u00fcbergehenden Besch\u00e4ftigung bezwecken, die dauerhafte und m\u00f6glichst rasche berufliche (Wieder-)Eingliederung der Versicherten zu erleichtern. Dies kann einerseits durch berufsnahe T\u00e4tigkeiten erfolgen, welche der Ausbildung und den F\u00e4higkeiten der Versicherten sowie der Arbeitsmarktlage bestm\u00f6glich entsprechen. Damit wird die Arbeitsmarktf\u00e4higkeit erhalten oder verbessert. Andererseits wird die Wiedereingliederung durch integrierte Bildungsanteile gef\u00f6rdert, die auf die Bed\u00fcrfnisse des Arbeitsmarktes sowie der versicherten Personen ausgerichtet sind. Programme zur vor\u00fcbergehenden Besch\u00e4ftigung k\u00f6nnen in \u00f6ffentlichen und privaten, nicht gewinnorientierten Institutionen ausge\u00fcbt werden.- In der Kategorie \u00dcbrige Kurse werden Bildungsmassnahmen wie \u00dcbungsfirmen, Ausbildungspraktika sowie Kurse in den Bereichen Gastgewerbe, Hauswirtschaft, Raumpflege und dem Gesundheits- und Sozialbereich zusammengefasst. 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