{"id":124669,"date":"2006-09-01T12:00:00","date_gmt":"2006-09-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2006\/09\/sommaruga-6\/"},"modified":"2023-08-23T23:47:18","modified_gmt":"2023-08-23T21:47:18","slug":"sommaruga-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2006\/09\/sommaruga-5\/","title":{"rendered":"Stillstand bedeutet R\u00fcckschritt &#8211; die Schweizer Landwirtschaft im Wandel"},"content":{"rendered":"<p>Unabh\u00e4ngig davon, ob sich die Frage eines Freihandelsabkommens im Agrarbereich mit der Europ\u00e4ischen Union (EU) schon bald konkret stellt oder nicht: Die Schweizer Landwirtschaft muss sich auf offene(re) Grenzen einstellen. Wer darin nur eine Bedrohung sieht und sich jeglichen Ver\u00e4nderungen zu verweigern versucht, wird in wenigen Jahren kaum auf der Gewinnerseite stehen. Die Schweizer Landwirtschaft hat ein grosses Potenzial. Dies zeigt sich etwa darin, dass gem\u00e4ss \u00abKonsumententrends 2006\u00bb beim Lebensmitteleinkauf das Merkmal der \u00abRegionalit\u00e4t\u00bb die mit Abstand wichtigste Rolle spielt. Dieses Potenzial soll sie nutzen k\u00f6nnen. Wer von der Landwirtschaft aber g\u00fcnstigere Preise verlangt, muss auch daf\u00fcr sorgen, dass die Kosten gesenkt werden.&#13;<\/p>\n<h2>Schere zwischen Produzenten- und Verkaufspreisen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr verst\u00e4ndliche Unzufriedenheit bei Bauern und Konsumenten sorgt die Tatsache, dass die Lebensmittelpreise seit 1990 um 14% zugenommen haben, w\u00e4hrend die Produzentenpreise im gleichen Zeitraum um 25% gesunken sind. F\u00fcr diese \u00abSchere\u00bb gibt es verschiedene Gr\u00fcnde. Dazu geh\u00f6rt die zunehmende Convenience bei Lebensmitteln ebenso wie die \u00fcberdimensionierten \u00abEinkaufspal\u00e4ste\u00bb des Detailhandels. Das Augenmerk muss aber auch auf die vor- und nachgelagerten Bereiche in der Schweizer Landwirtschaft gelenkt werden. Gerade die erste Verarbeitungsstufe ist gepr\u00e4gt durch \u00dcberkapazit\u00e4ten, teure Klein(st)-Strukturen und geringe Wettbewerbsintensit\u00e4t. Diese Situation tr\u00e4gt ebenso zur Verteuerung der Lebensmittel bei wie die Importmonopole und oligopolartige Strukturen in den vorgelagerten Stufen (D\u00fcngemittel, Saatgut, Tierarzneimittel, Ger\u00e4te, Traktoren, etc.). Hier wird Geld abgesch\u00f6pft, das dem Bauern fehlt.\u00a0Es ist deshalb richtig und im Sinne der Bundesverfassung, wenn mit der AP 2011 das Schwergewicht verst\u00e4rkt auf die Direktzahlungen gelegt und mit dem Abbau der Marktst\u00fctzungsmassnahmen der Wettbewerb in den vor- und nachgelagerten Bereichen intensiviert werden soll. Ein kosteng\u00fcnstigeres Umfeld bei der Beschaffung von Produktionsmitteln (Stichwort \u00abParallelimporte\u00bb) und bei der Verarbeitung von landwirtschaftlichen Produkten kommt sowohl den Bauern wie auch den Konsumenten zugute.&#13;<\/p>\n<h2>Mehrnutzen von Schweizer Produkten kommunizieren<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr die Kommunikation des Mehrnutzens von Schweizer Nahrungsmitteln sollte man sich in erster Priorit\u00e4t um die ausw\u00e4rtige Verpflegung k\u00fcmmern. Dort wurde bis heute die Chance praktisch kaum genutzt, die Schweizer Qualit\u00e4tsstrategie erlebbar zu machen. Anstatt Regionalit\u00e4t, Nat\u00fcrlichkeit und Tierwohl zum Verkaufsargument zu machen, verwenden Gastronomie, Kantinen, Grossk\u00fcchen, Take away usw. lieber importierte K\u00e4figeier und Billigst-Fleischimporte. Damit bleibt nicht nur ein Wertsch\u00f6pfungs-, sondern auch ein Profilierungspotenzial ungenutzt &#8211; eine Situation, die f\u00fcr die Konsumenten ebenso unbefriedigend ist wie f\u00fcr die Schweizer Landwirtschaft.\u00a0Investieren muss die Landwirtschaft aber ebenso in die \u00d6kologie. Auch wenn die Fortschritte gross sind, gibt es im Reinheft der Landwirtschaft noch ein paar \u00abTolggen\u00bb, die sich mit dem Verfassungsauftrag einer nachhaltigen Produktion und dem Schutz der Umwelt nicht vereinbaren lassen. Die Biodiversit\u00e4ts-Ziele sind nicht erreicht. Die Belastung der Oberfl\u00e4chengew\u00e4sser durch Phosphor und durch Pflanzenschutzmittel ist in bestimmten Gebieten nach wie vor betr\u00e4chtlich. Im tierintensivsten Kanton Luzern hat der Schweinebestand seit 1996 um 10000 Grossvieheinheiten zugenommen. Handlungsbedarf besteht auch in der Anwendung von Antibiotika in der Nutztierhaltung. In der Landwirtschaft werden quantitativ mehr Antibiotika eingesetzt als in der Humanmedizin. Jede vierte Milchkuh wird einmal pro Jahr mit Antibiotika behandelt. Ausgeschiedene Antibiotika k\u00f6nnen in Gew\u00e4sser geschwemmt werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft das Problem der Resistenzbildung als \u00e4usserst gravierend ein.&#13;<\/p>\n<h2>Verl\u00e4sslichkeit im Wandel als Ziel<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAuch wenn viele B\u00e4uerinnen und Bauern einen Marschhalt verlangen: Der Markt bleibt nicht stehen, und in der \u00d6kologie ist der Stillstand bereits ein R\u00fcckschritt. Die Politik muss f\u00fcr die Landwirtschaft aber verl\u00e4ssliche Rahmenbedingungen schaffen. Das bedeutet: Die B\u00e4uerinnen und Bauern werden f\u00fcr ihre Leistungen zu Gunsten der Gemeinschaft abgegolten und sie sollen weiterhin qualitativ hoch stehende Nahrungsmittel produzieren, die sich im In-, aber auch im Ausland gut verkaufen lassen. Die Politik soll aber nicht vorschreiben, wie sich die Landwirte auf ihrem Hof zu organisieren haben. Der Strukturwandel kann nicht das Ziel der Landwirtschaftspolitik sein, sondern er ist allenfalls das Resultat, und dieses kann durchaus vielf\u00e4ltig sein, wie etwa das Leitbild Agrarwirtschaft der Beratenden Kommission Landwirtschaft (9.12.2004) zeigt: \u00abVerl\u00e4sslichkeit im Wandel\u00bb, das muss das Motto der Schweizer Landwirtschaftspolitik sein.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unabh\u00e4ngig davon, ob sich die Frage eines Freihandelsabkommens im Agrarbereich mit der Europ\u00e4ischen Union (EU) schon bald konkret stellt oder nicht: Die Schweizer Landwirtschaft muss sich auf offene(re) Grenzen einstellen. Wer darin nur eine Bedrohung sieht und sich jeglichen Ver\u00e4nderungen zu verweigern versucht, wird in wenigen Jahren kaum auf der Gewinnerseite stehen. 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