{"id":124714,"date":"2006-07-01T12:00:00","date_gmt":"2006-07-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2006\/07\/giger-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:47:33","modified_gmt":"2023-08-23T21:47:33","slug":"giger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2006\/07\/giger\/","title":{"rendered":"Preisschutz belastet die Schweizer Pr\u00e4mienzahler und ist ordnungspolitisch fragw\u00fcrdig"},"content":{"rendered":"<p>Die freie Marktwirtschaft wird im Arzneimittelbereich auch in Zukunft nicht realisiert werden k\u00f6nnen. Eine stark beschr\u00e4nkte Marktzulassung, aber auch Patente und Preisregulierungen pr\u00e4gen den Schweizer Arzneimittelmarkt. Solche Regulierungen sollten kritisch hinterfragt werden, da sie h\u00e4ufig \u00fcber ihr eigentliches Ziel hinausschiessen. Besonders Preisregulierungen behindern die Allokationseffizienz in erheblichem Masse. Sant\u00e9suisse pl\u00e4diert deshalb f\u00fcr eine Trennung des Preisschutzes vom Patentschutz und untermauert ihren Standpunkt mit einer Studie zu den Medikamentenpreisen im Ausland.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nOriginalpr\u00e4parate geniessen w\u00e4hrend 20 Jahren einen staatlich garantierten Patentschutz. Zus\u00e4tzlich kann der Hersteller ein so genanntes Schutzzertifikat von maximal 5 Jahren beantragen. Die Pharmafirmen werden in dieser Zeit zu Monopolisten. Die Marktexklusivit\u00e4t dient dazu, die Innovationsanreize f\u00fcr die Firmen aufrecht zu erhalten. Die Herstellung von Arzneimitteln ist relativ kosteng\u00fcnstig; der Forschungs- und Entwicklungsaufwand, um zu neuen Wirkstoffen zu kommen, ist jedoch betr\u00e4chtlich. K\u00f6nnten die Firmen ihre Innovationen nicht sch\u00fctzen, w\u00fcrde sich das Forschungsrisiko um ein Vielfaches erh\u00f6hen. Folge davon w\u00e4ren tiefere Investitionen in die Forschung und damit auch tendenziell kleinere Forschungserfolge. Sant\u00e9suisse bef\u00fcrwortet den heutigen Patentschutz, damit auch in Zukunft die Versicherten von neuen und innovativen Medikamenten profitieren k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h2>KVG garantiert Preisstabilit\u00e4t w\u00e4hrend 13 Jahren<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Krankenversicherungsgesetz (KVG) wird der Patentschutz mit einem Preisschutz im Arzneimittelbereich erweitert. Obwohl der Preisschutz mit den letzten Verordnungen ein wenig abgeschw\u00e4cht wurde (bei Indikations\u00e4nderungen wird das Pr\u00e4parat nach 7 Jahren \u00fcberpr\u00fcft), k\u00f6nnen Pharmafirmen auch heute noch von einer 13-j\u00e4hrigen Preisstabilit\u00e4t ausgehen, unabh\u00e4ngig vom Wettbewerbsumfeld. In dieser Zeit ist es in der Praxis unm\u00f6glich, Preissenkungen durchzusetzen. Dies gilt sogar f\u00fcr offensichtliche Fehlbeurteilungen der Beh\u00f6rden bei der Aufnahme eines Pr\u00e4parates. Im Gegenteil: Solche Fehler werden sogar \u00abweitervererbt\u00bb, da sich die Hersteller auf das Prinzip der Gleichbehandlung berufen k\u00f6nnen. Weil w\u00e4hrend 13 Jahren die Preise nicht gesenkt werden k\u00f6nnen, Preiserh\u00f6hungen jedoch m\u00f6glich sind, ergibt sich eine systembedingte Preisdynamik nach oben.\u00a0Die Preisbildung in der Spezialit\u00e4tenliste basiert auf den S\u00e4ulen \u00abtherapeutischer Quervergleich\u00bb und \u00abAuslandspreisvergleich\u00bb. Mit diesen zwei Kriterien m\u00f6chte man einen Preiswettbewerb simulieren. Wie in einer Wettbewerbssituation \u00fcblich, \u00e4ndern sich bez\u00fcglich eines Pr\u00e4parates diese beiden Kriterien im Laufe der Zeit. Die Regulierung sieht allerdings w\u00e4hrend 13 Jahren keine Preisanpassungen vor. Bei neuen und innovativen Pr\u00e4paraten sind 13 Jahre fast eine Ewigkeit. Erst nach einiger Erfahrung in der klinischen Anwendung kann n\u00e4mlich beurteilt werden, wie wirksam ein Pr\u00e4parat tats\u00e4chlich ist und mit welchen (l\u00e4ngerfristigen) Nebenwirkungen man rechnen muss. Deshalb sollte der therapeutische Quervergleich regelm\u00e4ssig durchgef\u00fchrt werden.\u00a0Auch der Auslandspreisvergleich sollte regelm\u00e4ssig nachgef\u00fchrt werden, da die Schweiz die neuen Medikamente fr\u00fch in den Markt einf\u00fchrt und deshalb bei der Aufnahme einige L\u00e4nder noch gar keinen Preis f\u00fcr das neue Pr\u00e4parat angeben k\u00f6nnen. Ferner erlauben die Regulierungen im Ausland teilweise Preisanpassungen, sodass sich der Auslandspreisvergleich ebenfalls ver\u00e4ndert.&#13;<\/p>\n<h2>Vergleichsstudie zu Medikamentenpreisen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSant\u00e9suisse konnte diesen Effekt in einer Vergleichsstudie f\u00fcr Medikamentenpreise best\u00e4tigen: Als Vergleichsl\u00e4nder hierf\u00fcr dienten Deutschland, die Niederlande, D\u00e4nemark, Grossbritannien, Frankreich, Italien und \u00d6sterreich. Alle diese Staaten sind Referenzl\u00e4nder, welche heute vom Bundesamt f\u00fcr Gesundheit (BAG) zur Preisbildung herange-zogen werden, wobei \u00d6sterreich, Frankreich und Italien weniger stark gewichtet werden als die anderen L\u00e4nder. Die Preise der 100 vergleichbaren, umsatzst\u00e4rksten Produkte aus der Spezialit\u00e4tenliste wurden in der Studie den entsprechenden Preisen in den Vergleichsl\u00e4ndern gegen\u00fcbergestellt. Diese meistverkauften Medikamente machen 56% des Gesamtumsatzes der ambulant abgegebenen Medikamente in der Grundversicherung aus. Die durch Spit\u00e4ler abgegebenen Medikamente wurden im Rahmen der vorliegenden Studie nicht ber\u00fccksichtigt. \u00a0Da die Vergleichsstudie vorwiegend in der zweiten Jahresh\u00e4lfte 2005 erarbeitet wurde, dienen einerseits der Publikumspreis (PP) und andererseits der Fabrikabgabepreis (FAP) respektive Apothekereinstandspreis (AIP) des Jahres 2005 als Vergleichsgr\u00f6ssen. Als PP gilt der FAP inklusive Vertriebsanteil, aber exklusive Mehrwertsteuer (MWST), Pauschalen, Rabatte und Geb\u00fchren. Diese Gr\u00f6ssen sind in jedem Land unterschiedlich hoch und k\u00f6nnen beim jeweiligen Vergleichsmedikament nicht in jedem Fall exakt beziffert werden. Die MWST wurde ausgeklammert, da sie vor allem mit Steuer- und weniger mit Preispolitik zu tun hat: Eine Erh\u00f6hung der MWST soll einen Medikamentenpreisvergleich nicht verzerren. In den Niederlanden und D\u00e4nemark musste der Apothekereinstandspreis als Vergleichsgr\u00f6sse herangezogen werden, da es in diesen beiden L\u00e4ndern keinen fixen FAP gibt: Er wird verhandelt, weshalb keine offiziellen Angaben bestehen. Gem\u00e4ss BAG m\u00fcssten in D\u00e4nemark vom AIP 2%-10% und in NL 6%-12% abgezogen werden, um auf den FAP zu kommen. Die Fabrikabgabepreise von Grossbritannien wurden analog der Praxis des BAG berechnet, indem vom NHS-Preis (National Health Service) 16% abgezogen wurden.\u00a0Um m\u00f6glichst genaue Preisvergleiche zu erhalten, wurden der PP und der FAP\/AIP f\u00fcr jedes Vergleichsland und Medikament je Einheit &#8211; z.B. pro Tablette bei gleicher Dosierung &#8211; bestimmt und mit dem analogen Preis in der Schweiz verglichen. Auf diese Weise konnte die unterschiedliche Marktsituation in den einzelnen Vergleichsl\u00e4ndern ber\u00fccksichtigt werden. Die relative Preisdifferenz wurde je Einheit mit den jeweiligen Ums\u00e4tzen 2004 (Umsatzdaten von 2005 standen noch nicht zur Verf\u00fcgung) gewichtet und so das absolute Einsparpotenzial in Mio. Franken berechnet. Sant\u00e9suisse ist sich deshalb bewusst, dass es beim absoluten Einsparpotenzial zu Verschiebungen innerhalb der Top 100 kommen kann, wenn anstelle der Ums\u00e4tze 2004 die Ums\u00e4tze 2005 verwendet w\u00fcrden. Die qualitative Aussage der Untersuchung w\u00fcrde sich jedoch auch beim Preisvergleich mit 2005 ergeben.&#13;<\/p>\n<h2>Das Resultat: Hochpreisland Schweiz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Grafik 1 zeigt, dass Deutschland, Grossbritannien und die Niederlande bei allen patentgesch\u00fctzten Medikamenten g\u00fcnstigere Preise aufweisen. Die Gruppe der neusten Produkte (nach 2000) sind bis auf D\u00e4nemark ebenfalls preiswerter als in der Schweiz. Bei D\u00e4nemark muss jedoch ber\u00fccksichtigt werden, dass die Berechnungen auf dem Apothekeneinstandpreis beruhen und je nach Angaben der Pharmafirmen 2%-10% vom AIP abgezogen werden k\u00f6nnen. Bei NL w\u00fcrde das korrekte Einsparpotenzial um 6%-12% h\u00f6her ausfallen. Die Berechnungen von Sant\u00e9suisse untersch\u00e4tzen also die Preisunterschiede.\u00a0Die Vergleichsl\u00e4nder zeigen bei den patentgesch\u00fctzten Medikamenten eine mit zunehmendem Markteintrittsalter h\u00f6her werdende Preisdifferenz. Diese Dynamik l\u00e4sst darauf schliessen, dass die Preise in der Schweiz nach der \u00dcberpr\u00fcfung der Neuaufnahmen nach 24 Monaten w\u00e4hrend 13 Jahren unver\u00e4ndert bleiben, w\u00e4hrend sie im Ausland kontinuierlich sinken. Der Blick \u00fcber die Grenze f\u00fchrt uns vor, dass Patentschutz nicht gleich Preisschutz bedeuten muss. Die Schweiz verf\u00fcgt nicht nur \u00fcber die h\u00f6chsten Medikamentenpreise in Europa, sondern bel\u00e4sst diese auch noch am l\u00e4ngsten auf dem hohen Niveau.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Patentschutz darf nicht dazu missbraucht werden, auch einen Preisschutz zu installieren. Die negativen Marktwirkungen des Patentschutzes werden durch einen Preisschutz vervielfacht, ohne den Innovationsschutz zu verbessern. Im Gegenteil: Der Preisschutz beg\u00fcnstigt Pr\u00e4parate, die im therapeutischen Quervergleich zu teuer sind, deren Innovationsgrad also im Verh\u00e4ltnis zu den Mitbewerbern bescheiden ausf\u00e4llt. Mit Wettbewerbselementen kann auch im Arzneimittelbereich eine effizientere Allokation der Ressourcen sichergestellt und der Patentschutz gew\u00e4hrleistet werden. Dabei muss der Preisschutz in den Verordnungen zum KVG fallen. Regulierte Arzneimittelpreise m\u00fcssen regelm\u00e4ssig \u00fcberpr\u00fcft werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abEinsparpotenzial bei Medikamenten nach Markteintrittsalter: Schweiz im internationalen Vergleich\u00bb<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die freie Marktwirtschaft wird im Arzneimittelbereich auch in Zukunft nicht realisiert werden k\u00f6nnen. Eine stark beschr\u00e4nkte Marktzulassung, aber auch Patente und Preisregulierungen pr\u00e4gen den Schweizer Arzneimittelmarkt. Solche Regulierungen sollten kritisch hinterfragt werden, da sie h\u00e4ufig \u00fcber ihr eigentliches Ziel hinausschiessen. Besonders Preisregulierungen behindern die Allokationseffizienz in erheblichem Masse. 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