{"id":124814,"date":"2006-06-01T12:00:00","date_gmt":"2006-06-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2006\/06\/rieger-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:47:49","modified_gmt":"2023-08-23T21:47:49","slug":"rieger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2006\/06\/rieger\/","title":{"rendered":"Preiskampf: Nicht zulasten der Arbeitnehmenden"},"content":{"rendered":"<p>Der Schweizer Detailhandel ist eine Tieflohnbranche. Der Median der L\u00f6hne betr\u00e4gt gerade 4260 Franken; der Durchschnitt der Privatwirtschaft liegt um 29% h\u00f6her. Das tiefe Lohnniveau im Detailhandel trifft in besonderem Masse die Frauen: Nach Ber\u00fccksichtigung der Faktoren Anforderungsniveau der Arbeit, Stellung im Betrieb, Alter und Dienstalter bleibt gem\u00e4ss Lohnstrukturerhebung eine Lohndifferenz von 13%. Der Preiskrieg im Detailhandel hat &#8211; neben den erfreulichen Preissenkungen f\u00fcr Konsumentinnen und Konsumenten &#8211; zur Folge, dass diese ohnehin schon tiefen L\u00f6hne noch mehr unter Druck geraten. Gerecht w\u00e4re, wenn auch die Arbeitnehmenden von den Produktivit\u00e4tssteigerungen profitieren und die stossende Lohndiskriminierung der Frauen endlich abgebaut w\u00fcrde.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Lohnniveau im Detailhandel l\u00e4sst sich nicht durch die vermeintlich tiefe Wertsch\u00f6pfung pro Arbeitsstunde erkl\u00e4ren. Denn die Produktivit\u00e4t im Detailhandel ist jener anderer Binnenbranchen &#8211; wie Ausbau, Garagen usw. &#8211; \u00e4hnlich. Dort liegen die L\u00f6hne aber 10%-20% h\u00f6her. Wesentliche Gr\u00fcnde f\u00fcr die tieferen L\u00f6hne sind vielmehr der hohe Frauenanteil und der geringe gewerkschaftliche Organisationsgrad.\u00a0Dank der Kampagne der Gewerkschaften gegen die \u00abHungerl\u00f6hne unter 3000 Franken\u00bb konnten die allertiefsten L\u00f6hne angehoben werden: Sie stiegen bei Frauen mit einfacher und repetitiver T\u00e4tigkeit von 1998 bis 2002 um 8,2% gegen\u00fcber 4,2% beim Total der Besch\u00e4ftigten aller Branchen. Insgesamt ist der Lohnr\u00fcckstand im Detailhandel aber noch wenig abgebaut worden. Vor allem bleiben gelernte und erfahrene Frauen mehrheitlich ein Leben lang bei L\u00f6hnen unter 4000 Franken stecken.&#13;<\/p>\n<h2>Steigende Produktivit\u00e4t &#8211; stagnierende L\u00f6hne<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn den letzten Jahren erlebte der Detailhandel unter dem Druck des Preiskampfs eine deutliche Produktivit\u00e4tssteigerung: 2004 stieg der Detailhandelsumsatz um 1,5% und 2005 um 1,3%. Gleichzeitig war die Besch\u00e4ftigung stark r\u00fcckl\u00e4ufig (2004 -2,4%; 2005 -2,2%). 4,6% weniger Besch\u00e4ftigte erwirtschafteten also 2,8% mehr Umsatz. Die L\u00f6hne sind hingegen nominal um 2,3%, real jedoch aber nur um 0,4% gewachsen!\u00a0F\u00fcr die Angestellten im Detailhandel hiess die neueste Entwicklung deshalb vor allem mehr Stress. Die Klagen bei Gewerkschaften und Beratungsdiensten haben entsprechend massiv zugenommen. Im Vordergrund stehen Schikanen bez\u00fcglich Arbeitszeit (kurzfristiges Aufbieten oder Nachhauseschicken), \u00c4nderungsk\u00fcndigungen mit tieferem Anstellungsgrad, Entlassungen und Mobbing.&#13;<\/p>\n<h2>Arbeit im Detailhandel muss aufgewertet werden<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDass der Strukturwandel im Detailhandel weitergehen wird, ist auch den Gewerkschaften klar. Aber die Entwicklung soll nicht unter dem Primat des tiefsten Preises, sondern unter jenem des umfassenden Nutzens erfolgen.\u00a0F\u00fcr den Kunden-Nutzen z\u00e4hlt nicht allein der tiefe Preis, sondern ebenso die Qualit\u00e4t, die Nachhaltigkeit und der gute Service. Es darf nicht sein, dass man sich erst wieder an Qualit\u00e4t erinnert, wenn das Know-how der Angestellten im Detailhandel zu Tode gespart ist.\u00a0Ebenso muss in Zukunft der Arbeitnehmer-Nutzen im Detailhandel vergr\u00f6ssert werden. Die Arbeitnehmenden m\u00fcssen am Produktivit\u00e4tswachstum teilhaben, das sie erarbeiten, und zwar in verschiedener Form:\u00a0&#8211; Gute Arbeitspl\u00e4tze gilt es zu schaffen und zu erhalten. Die Arbeitnehmenden sind nicht einfach als manipulierbarer Kostenfaktor zu behandeln. Kontinuit\u00e4t und Dienstleistungsbereitschaft des Personals sind f\u00fcr die Branche wichtig.\u00a0&#8211; Die Arbeit im Detailhandel muss grundlegend aufgewertet werden. Dies erfordert eine deutliche Lohnerh\u00f6hung, insbesondere bei den Frauen. F\u00fcr das Image der Unternehmen im Detailhandel ist es untragbar, wenn die Lohndiskriminierung der Frauen von 13% einfach perpetuiert wird.\u00a0&#8211; Mehr Produktivit\u00e4t ist auch mit h\u00f6heren Anspr\u00fcchen an die Qualifikation der Arbeitenden verbunden. In kaum einer Branche ist der Lohnwert einer Berufslehre so gering wie im Detailhandel und berufliche Weiterbildung sowie Weiterbildungsurlaub so rudiment\u00e4r. Das muss sich \u00e4ndern.\u00a0\u00a0Diese geforderte Besserstellung des Personals steht keineswegs im Gegensatz zur \u00f6konomischen Entwicklung. Sie ist Abgeltung der Produktivit\u00e4tssteigerung, welche wiederum zu einer Senkung des Lohnkostenanteils am Umsatz f\u00fchrt. Gerade noch 18% betr\u00e4gt heute der Anteil der Lohnkosten bei Coop; bei Aldi und Lidl liegt er noch weit tiefer. \u00a0Verbesserungen der Bedingungen f\u00fcr die Angestellten im Detailhandel k\u00f6nnen nur mit einer umfassenden gesamtarbeitsvertraglichen Regulierung abgesichert werden, die alle konkurrierenden Unternehmen der Branche erfasst. Nur so l\u00e4sst sich verhindern, dass der Preiskampf im Detailhandel \u00fcber den Kampf um tiefere Arbeitskosten ausgetragen wird.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schweizer Detailhandel ist eine Tieflohnbranche. Der Median der L\u00f6hne betr\u00e4gt gerade 4260 Franken; der Durchschnitt der Privatwirtschaft liegt um 29% h\u00f6her. Das tiefe Lohnniveau im Detailhandel trifft in besonderem Masse die Frauen: Nach Ber\u00fccksichtigung der Faktoren Anforderungsniveau der Arbeit, Stellung im Betrieb, Alter und Dienstalter bleibt gem\u00e4ss Lohnstrukturerhebung eine Lohndifferenz von 13%. 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