{"id":124954,"date":"2006-04-01T12:00:00","date_gmt":"2006-04-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2006\/04\/gasser-lukac-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:48:22","modified_gmt":"2023-08-23T21:48:22","slug":"gasser-lukac","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2006\/04\/gasser-lukac\/","title":{"rendered":"Arbeitsmarktf\u00e4higkeit der \u00e4lteren Arbeitnehmenden"},"content":{"rendered":"<p>Die demografische Alterung wird nicht spurlos an unserem Arbeitsmarkt vorbeigehen. Die Entwicklung wird zwar sehr langsam verlaufen, doch wird sie den Arbeitsmarkt tief greifend ver\u00e4ndern. Die Erwerbsbev\u00f6lkerung wird knapper und \u00e4lter. Dass die Schweiz eine niedrige Arbeitslosigkeit hat, verdankt sie nicht zuletzt einem flexiblen Arbeitsmarkt und einer effizienten Stellenvermittlung. Damit dies auch in Zukunft so bleibt, m\u00fcssen die Arbeitsvermittlung und die arbeitsmarktlichen Massnahmen an die neuen Gegebenheiten angepasst werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn den kommenden Jahren wird die Erwerbsbev\u00f6lkerung im Durchschnitt \u00e4lter. W\u00e4hrend im Jahr 2000 noch 16,4% der Arbeitnehmenden zwischen 55 und 64 Jahre alt waren, werden es im Jahr 2025 bereits 22,1% sein (vgl. Grafik 1). Diese Entwicklung stellt die \u00f6ffentliche Arbeitsvermittlung und die arbeitsmarktlichen Massnahmen (AMM) vor eine Herausforderung. Der Bundesrat hat deshalb im Dezember 2005 im Rahmen des Massnahmenpakets \u00abPartizipation \u00e4lterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer\u00bb das Eidg. Volkswirtschaftsdepartement (EVD) beauftragt, die Arbeitsvermittlung und die AMM an diese Entwicklung anzupassen.&#13;<\/p>\n<h2>Der schweizerische Arbeitsmarkt im internationalen Vergleich<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie mit dieser Aufgabe betraute Arbeitsgruppe hat eine Analyse der heutigen Situation an den Anfang ihrer Arbeiten gestellt. Der schweizerische Arbeitsmarkt gilt im internationalen Vergleich als sehr flexibel und das Arbeitsvermittlungssystem als effizient. Nicht zuletzt auch aus diesem Grunde schneidet heute unsere Volkswirtschaft beim internationalen Vergleich der Arbeitsmarktpartizipation gut ab. Allerdings besteht langfristig die Gefahr, dass die Schweiz von ihrer Spitzenposition verdr\u00e4ngt wird (vgl. Grafik 2). Eine wichtige Ursache dieser negativen Entwicklung h\u00e4ngt mit dem Umstand zusammen, dass Fr\u00fchpensionierungen in der Vergangenheit vermehrt in Anspruch genommen wurden. Aufgrund demografischer Faktoren wird die \u00e4ltere Bev\u00f6lkerung im Verh\u00e4ltnis zur j\u00fcngeren Bev\u00f6lkerung weiter zunehmen. Das Arbeitsangebot d\u00fcrfte somit auch in der Schweiz knapper werden. Entsprechend besteht hinsichtlich der arbeitsmarktlichen Integration \u00e4lteren Arbeitnehmender Handlungsbedarf.\u00a0Im Gegensatz zur Schweiz konnten die Partizipationsraten in den nordischen L\u00e4ndern gesteigert werden. Als Vorbild dient insbesondere Finnland, wo heute \u00e4ltere Arbeitnehmende gegen\u00fcber fr\u00fcher deutlich bessere Chancen auf einen Arbeitsplatz besitzen. Mit einem im Jahr 2000 lancierten Reformprogramm Zum finnischen Programm Finpaw siehe Weiss, J. Ilmarinen, J. E.: \u00abErhaltung der Arbeitsf\u00e4higkeit \u00e4lterer Arbeitnehmender: Ein internationaler Vergleich\u00bb, S. 12ff des Monatsthemas dieser Ausgabe \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb. hat Finnland bedeutende Fortschritte erzielt und dank der eingeleiteten Reformen die Partizipation \u00e4lterer Arbeitnehmender erh\u00f6hen k\u00f6nnen. \u00a0Auch bez\u00fcglich des Niveaus der Arbeitslosigkeit muss sich die Schweiz ihre weltweite Spitzenposition f\u00fcr die Zukunft sichern. Die Arbeitslosenquote der \u00e4lteren Arbeitnehmenden geh\u00f6rt zu den niedrigsten in Europa. Jedoch erzielten in den letzten Jahren andere L\u00e4nder &#8211; wie z.B. Finnland &#8211; deutliche Fortschritte. Dank Massnahmen im Bereich der Arbeitsvermittlung konnte dort die Arbeitslosigkeit der \u00e4lteren Bev\u00f6lkerung deutlich verringert werden (vgl. Grafik 3).&#13;<\/p>\n<h2>Wo besteht Handlungsbedarf?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nArbeitsmarktanalysen zeigen, dass ein positiver Zusammenhang zwischen Qualifikationsniveau und Arbeitsmarktpartizipation besteht. Je h\u00f6her also die Qualifikation eines Arbeitnehmers, umso gr\u00f6sser ist seine Wahrscheinlichkeit, arbeitst\u00e4tig zu sein. Umgekehrt nimmt das Arbeitslosenrisiko bei gut qualifizierten Arbeitnehmenden ab. Die Arbeitslosenquote von \u00e4lteren Arbeitnehmenden (ab 50 Jahren) liegt zwar unterhalb der durchschnittlichen Arbeitslosenrate aller Altersklassen; jedoch bleiben gerade \u00e4ltere Erwerbslose \u00fcberdurchschnittlich lange arbeitslos. \u00a0Die Stellensuche gestaltet sich f\u00fcr \u00e4ltere Arbeitnehmende aus verschiedenen Gr\u00fcnden schwierig:\u00a0&#8211; Die moderne Arbeitswelt ist durch einen raschen technologischen Fortschritt und dem damit verbundenen starken Wandel der Qualifikationsanforderungen gekennzeichnet. Damit geht auch eine Beschleunigung der Entwertung des Wissens einher. Dies hat zur Folge, dass Wissen und Kompetenzen \u00e4lterer Arbeitskr\u00e4fte nicht mehr auf dem neuesten Stand sind, wodurch deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt beeintr\u00e4chtigt werden. \u00a0&#8211; Nach wie vor setzen viele Arbeitgeber wegen vermeintlich niedrigerer Kosten auf j\u00fcngere Arbeitskr\u00e4fte. \u00a0&#8211; Vorurteile der Arbeitswelt gegen\u00fcber \u00e4lteren Arbeitnehmenden erschweren deren Vermittelbarkeit. \u00a0&#8211; Aus Sicht des \u00e4lteren Stellensuchenden belasten erh\u00f6hte Lohnvorstellungen sowie h\u00f6here Anspr\u00fcche an die Arbeitsbedingungen die eigenen Vermittlungschancen.\u00a0&#8211; Eingeschr\u00e4nkte geografische sowie berufliche Mobilit\u00e4t beeinflussen die Vermittelbarkeit der \u00e4lteren Arbeitnehmenden. \u00a0&#8211; Zudem sind \u00e4ltere Erwerbst\u00e4tige nach einem Stellenverlust h\u00e4ufig mit fehlender Motivation konfrontiert; dazu kommen oft auch Selbstzweifel (\u00abzum alten Eisen geh\u00f6ren\u00bb). \u00a0&#8211; Gesundheitliche Probleme vermindern die Leistungsf\u00e4higkeit von \u00e4lteren Stellensuchenden. \u00a0&#8211; Ein essenzieller Faktor des Vermittlungsprozesses ist die Bewerbung: Eine nicht mehr ad\u00e4quate Art der Stellensuche erschwert die Vermittelbarkeit der \u00e4lteren Arbeitskr\u00e4fte zus\u00e4tzlich.&#13;<\/p>\n<h2>Vorgeschlagene Massnahmen zugunsten \u00e4lterer Arbeitnehmender<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie vorgeschlagenen Massnahmen im Bereich Arbeitsvermittlung und AMM erg\u00e4nzen diejenigen in den Bereichen \u00abSozialversicherungen\u00bb sowie \u00abArbeitsbedingungen und Gesundheit\u00bb. Im Gegensatz zu den andern Bereichen herrscht hier zwar kein unmittelbar dringender Handlungsbedarf, doch m\u00fcssen die Massnahmen in der n\u00e4heren Zukunft an die Hand genommen werden, damit sie beim Eintritt der demografischen Alterung bereits erprobt und erwiesenermassen wirksam sein werden. Mit andern Worten: Es handelt sich um Massnahmen, die mittelbis langfristig konkretisiert und umgesetzt werden sollen.&#13;<\/p>\n<h3>Besuch von AMM nach Ersch\u00f6pfung des Anspruchs auf Arbeitslosenentsch\u00e4digung<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nArbeitsmarktliche Massnahmen k\u00f6nnen einen wesentlichen Beitrag zur F\u00f6rderung der Vermittlungsf\u00e4higkeit von \u00e4lteren Stellensuchenden leisten und somit deren langfristige Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt f\u00f6rdern. In Zukunft sollen \u00e4ltere Stellensuchende, welche ihren Anspruch auf Arbeitslosenentsch\u00e4digung ersch\u00f6pft haben, aber noch an einer AMM teilnehmen, diese wenn immer m\u00f6glich auch beenden k\u00f6nnen. Gerade der Abschluss einer AMM erm\u00f6glicht \u00e4lteren Stellensuchenden die Steigerung der Arbeitsmarktf\u00e4higkeit.&#13;<\/p>\n<h3>EAZ f\u00fcr \u00e4ltere Arbeitslose 12 Monate generell und h\u00f6here Zusch\u00fcsse an Arbeitgeber<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEinarbeitungszusch\u00fcsse (EAZ) wirken sich positiv auf die Besch\u00e4ftigungschancen der Gef\u00f6rderten aus und sind als wichtiges Instrument zur langfristigen Wiedereingliederung \u00e4lterer Stellensuchenden anzusehen. Durch das Ausrichten von EAZ werden Arbeitgeber dazu motiviert, Arbeitsstellen auch mit schwerer vermittelbaren \u00e4lteren Personen zu besetzen. Wenn \u00e4ltere Stellensuchende auf diese Weise in den Arbeitsprozess eingegliedert werden k\u00f6nnen, tragen EAZ auch zur Vermeidung von Langzeitarbeitslosigkeit bei. Der dem Arbeitgeber entstehende Zusatzaufwand w\u00e4hrend der Einarbeitungsphase wird durch eine Reduktion der Lohnkosten abgegolten. EAZ k\u00f6nnten f\u00fcr \u00e4ltere Arbeitslose generell &#8211; und nicht wie aktuell nur ausnahmsweise &#8211; f\u00fcr maximal 12 Monate bewilligt werden. Ausserdem wurde vorgeschlagen, die H\u00f6he der Zusch\u00fcsse f\u00fcr \u00e4ltere Personen anzuheben.&#13;<\/p>\n<h3>St\u00e4rkere Verankerung der Validierungsinstrumente im Rahmen der AMM<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nHier geht es darum, im Betrieb oder im privaten Bereich erworbene Kompetenzen und Fachwissen zu validieren, d.h. durch ein eidgen\u00f6ssisch oder anderweitig anerkanntes offizielles Diplom ausweisen zu lassen. Der Nutzen dieser Anerkennung nicht formell erworbener Kompetenzen ist vielf\u00e4ltig. Zum einen erlaubt es der teilnehmenden Person, sich ein besseres Bild von sich selbst und den eigenen F\u00e4higkeiten zu machen, und erleichtert die Neuorientierung. Zum anderen erm\u00f6glicht die Validierung den berufsbegleitenden Zugang zu einem anerkannten Diplom. Zus\u00e4tzlich kann diese Anerkennung vor allem bei lernungewohnten Personen eine neue Lernmotivation bewirken. Die im Rahmen der AMM erworbenen F\u00e4higkeiten sollen von einer unabh\u00e4ngigen Stelle validiert werden k\u00f6nnen. Die Validierungsinstrumente sollen st\u00e4rker verankert und in der ganzen Schweiz eingesetzt werden.&#13;<\/p>\n<h3>Thematisierung der Gesundheit in den RAV und AMM im Rahmen des mehrj\u00e4hrigen Programms zur Gesundheitsf\u00f6rderung<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nUm auf die speziellen Bed\u00fcrfnisse \u00e4lterer Arbeitnehmender eingehen zu k\u00f6nnen, braucht es eine erh\u00f6hte Sensibilisierung innerhalb der regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV). Das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (seco) soll zusammen mit dem Verband schweizerischer Arbeits\u00e4mter (VSAA) ein entsprechendes Projekt ausarbeiten. Die RAV-Mitarbeitenden sollen durch gezielte Weiterbildungen auf diese Problematik aufmerksam gemacht werden. Ausserdem sollen die kantonalen Arbeitsmarktbeh\u00f6rden sowie die AMM-Organisatoren in das mehrj\u00e4hrige nationale Programm zur Gesundheitsf\u00f6rderung einbezogen werden.&#13;<\/p>\n<h3>St\u00e4rkere Ausrichtung des Forschungsprogramms der Arbeitslosenversicherung auf die Wiedereingliederung \u00e4lterer Arbeitnehmender<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIn den kommenden Jahren soll das Forschungsprogramm des Ausgleichsfonds der Arbeitslosenversicherungen st\u00e4rker auf die Problematik der Wiedereingliederung \u00e4lterer Arbeitnehmender gerichtet werden. Diese Forschungen sollen den kantonalen Vollzugsbeh\u00f6rden konkrete Angaben \u00fcber die zu w\u00e4hlenden Mittel, die zielf\u00fchrenden Strukturen und die bew\u00e4hrtesten Strategien liefern.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Arbeitsvermittlung und die AMM werden in den kommenden Jahren vor grosse Herausforderungen gestellt werden. Da in unserem Land der Arbeitsmarkt gut funktioniert, ist keine grundlegende Neuausrichtung gefragt, sondern eine konsequente, aber daf\u00fcr zielstrebig umgesetzte Anpassung an die neuen Gegebenheiten. Damit haben wir die Chance, bereits in wenigen Jahren \u00fcber ein ausgereiftes und erprobtes Instrumentarium zu verf\u00fcgen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a class=\"graphic-link\" title=\"Altersstruktur der Erwerbsbev\u00f6lkerung, 1981-2025 Anteile der Altersklassen von Erwerbst\u00e4tigen in&nbsp;%\">Grafik 1 \u00abAltersstruktur der Erwerbsbev\u00f6lkerung, 1981-2025 Anteile der Altersklassen von Erwerbst\u00e4tigen in&nbsp;%\u00bb<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abErwerbsquoten der 55- bis 64-J\u00e4hrigen im internationalen Vergleich\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3 \u00abArbeitslosenquoten der 55- bis 64-J\u00e4hrigen im internationalen Vergleich\u00bb<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die demografische Alterung wird nicht spurlos an unserem Arbeitsmarkt vorbeigehen. Die Entwicklung wird zwar sehr langsam verlaufen, doch wird sie den Arbeitsmarkt tief greifend ver\u00e4ndern. Die Erwerbsbev\u00f6lkerung wird knapper und \u00e4lter. 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