{"id":124999,"date":"2006-04-01T12:00:00","date_gmt":"2006-04-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2006\/04\/wolter-grob-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:48:36","modified_gmt":"2023-08-23T21:48:36","slug":"wolter-grob","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2006\/04\/wolter-grob\/","title":{"rendered":"Demografie und Bildungsausgaben"},"content":{"rendered":"<p>Wie die meisten industrialisierten L\u00e4nder verzeichnet auch die Schweiz einen tief greifenden demografischen Wandel. W\u00e4hrend die Zahl der Jugendlichen \u00fcberproportional sinkt, nimmt die Zahl der Rentner deutlich zu. Aus bildungs\u00f6konomischer Sicht stellen sich Fragen wie: Ist mit dem R\u00fcckgang der Sch\u00fclerzahlen auch eine proportionale Senkung der Bildungsausgaben zu erwarten? Und wie steht es mit der Bereitschaft der politischen Entscheidungstr\u00e4ger, in einer alternden Gesellschaft Bildungsausgaben zu t\u00e4tigen? Die Analyse beschr\u00e4nkt sich im folgenden Artikel auf die obligatorische Schule, ist doch auf dieser Stufe in den n\u00e4chsten zehn Jahren der st\u00e4rkste R\u00fcckgang an Sch\u00fclern zu erwarten. Eine ausf\u00fchrlichere Beschreibung der Untersuchungsmethoden, der Daten und der Literatur findet sich in: Grob, Ueli, Stefan C. Wolter (2005): Demografic Chance and Public Education Spending &#8211; A Conflict between Young and Old?, CESifo Working Paper No. 1555; www.cesifo-group.de.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200604_16_Wolter-Grob_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"260\" \/>&#13;<\/p>\n<h2>Weniger Kinder, mehr \u00c4ltere<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZwei Aspekte pr\u00e4gen den demografischen Wandel. Erstens: W\u00e4hrend sich die Bev\u00f6lkerung zwischen 1900 und 2000 noch mehr als verdoppelt hatte, hat sich das Bev\u00f6lkerungswachstum in den letzten Jahren &#8211; trotz anhaltender Immigration &#8211; stark verlangsamt. Die demografischen Prognosen sagen f\u00fcr die Schweiz in den n\u00e4chsten Jahrzehnten eine schrumpfende Wohnbev\u00f6lkerung vorher. Zweitens: Die demografische Pyramide hat aufgrund der sinkenden Geburtenrate ihren Sockel verloren. Die Zahl der Jugendlichen schrumpft schneller als die gesamte Wohnbev\u00f6lkerung . Am oberen Ende ist aber ein Zuwachs der Bev\u00f6lkerung entstanden, der sich nicht zuletzt durch die st\u00e4ndig steigende Lebenserwartung erkl\u00e4rt. \u00a0Die nachlassende Zahl der Jugendlichen hat ihre Wirkungen auf das Bildungssystem. Davon betroffen ist bereits heute die obligatorische Volksschule; der R\u00fcckgang der Sch\u00fclerzahlen wird sich hier in den n\u00e4chsten Jahren noch beschleunigen. Der \u00fcberobligatorische Bereich der Sekundarstufe II ist die n\u00e4chste Stufe, die davon tangiert sein wird.\u00a0Auf der obligatorischen Stufe k\u00f6nnen die sinkenden Sch\u00fclerzahlen kaum kompensiert werden; und selbst auf der \u00fcberobligatorischen Stufe ist dies nur sehr beschr\u00e4nkt m\u00f6glich, liegt doch die Beschulungsquote der derzeitigen Kohorte bereits \u00fcber 90%. Da die Schweiz im internationalen Vergleich eine relativ tiefe Akademikerquote aufweist, ist h\u00f6chstens bei der terti\u00e4ren Bildungsstufe eine gewisse Kompensation durch eine Quotensteigerung m\u00f6glich.&#13;<\/p>\n<h2>Wie reagiert das Bildungssystem auf Schwankungen in den Sch\u00fclerzahlen?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Bildungssystem, das konnte in der Vergangenheit immer wieder beobachtet werden, gingen die Anpassungen an zyklische Schwankungen in den Sch\u00fclerzahlen langsam vor sich. Typischer Indikator f\u00fcr diese Verhaltensweise des Bildungssystems sind die Schwankungen in den Klassengr\u00f6ssen. Variierten die Sch\u00fclerzahlen, wurden die bestehenden Inputfaktoren (in diesem Fall die Lehrerschaft) zuerst m\u00f6glichst konstant gehalten; die Anpassung an die Sch\u00fclerzahlen geschah dann \u00fcber die Klassengr\u00f6ssen. \u00a0Dieser verz\u00f6gerte Anpassungsprozess an Ver\u00e4nderungen in den Sch\u00fclerzahlen kann durchaus als \u00f6konomisch rational betrachtet werden. Die wichtigsten Inputfaktoren im Bildungsbereich &#8211; die Lehrer und die Schulimmobilien &#8211; k\u00f6nnten nur unter gr\u00f6sseren Kosten kurzfristigen Schwankungen angepasst werden. Immobilien, die den spezifischen Bed\u00fcrfnissen von Schulen gen\u00fcgen, k\u00f6nnen nicht \u00fcber Nacht desinvestiert oder zugekauft werden. Die Ausbildung der Lehrerschaft ist langwierig und spezifisch. Dies bedeutet, dass ein kurzfristig zunehmender Bedarf an Lehrkr\u00e4ften nur mittelfristig \u00fcber Ausbildung oder Abwerben auf dem Arbeitsmarkt gedeckt werden kann. Entsprechend reagiert man bei einem R\u00fcckgang der Sch\u00fclerzahlen auch nicht mit schnellen K\u00fcndigungen, da die entlassenen Lehrkr\u00e4fte bei einem neuerlichen Mehrbedarf nicht wieder kurzfristig rekrutiert werden k\u00f6nnten. Diese Inelastizit\u00e4t hat bei einem Wachstum der Sch\u00fclerzahlen gewisse entlastende Wirkungen. Wenn die Sch\u00fclerzahlen aber strukturell sinken, dann vergibt sich die \u00f6ffentliche Hand damit ein Sparpotenzial.\u00a0Daneben besteht eine &#8211; empirisch nachweisbare &#8211; Tendenz, dass durch einen Sch\u00fclerr\u00fcckgang freigesetzte Mittel einfach anderweitig im Bildungswesen verbraucht werden. Dies hat automatisch eine Steigerung der gesamten Bildungskosten pro Sch\u00fcler zur Folge, die in der Regel Ineffizienzen im Bildungswesen f\u00f6rdert. Wenn man an die sp\u00e4rliche Literatur denkt, die einen positiven Zusammenhang zwischen Schulressourcen und Sch\u00fclerleistungen findet.&#13;<\/p>\n<h2>Konkurrenz um \u00f6ffentliche Mittel<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDa die obligatorische Bildung in der Schweiz praktisch vollst\u00e4ndig aus \u00f6ffentlichen Ausgaben finanziert wird, sind diese Ausgaben einem demokratischen Entscheidungsprozess unterworfen. Dabei wird einerseits dar\u00fcber entschieden, wie viele Mittel dem \u00f6ffentlichen Sektor zur Verf\u00fcgung gestellt werden, und andererseits, f\u00fcr welche Zwecke man welchen Anteil der \u00f6ffentlichen Finanzen ausgibt. F\u00fcr die vorliegende Fragestellung entscheidender ist der Verteilungsprozess.\u00a0Das potenzielle Konfliktverh\u00e4ltnis zwischen \u00e4lteren und j\u00fcngeren Bev\u00f6lkerungsteilen um \u00f6ffentliche Mittel wurde seit mehr als einem Jahrzehnt theoretisch und empirisch eingehend untersucht. Mit Bezug auf diese Literatur werden folgende Annahmen getroffen: W\u00e4hler versuchen, im demokratischen Entscheidungsprozess ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Daraus folgt, dass ein h\u00f6heres Durchschnittsalter der W\u00e4hlerschaft die Bildungsausgaben eher negativ beeinflussen d\u00fcrfte. Dabei wird unterstellt, dass sich die jeweiligen Generationen im Entscheidungsprozess strikt eigenn\u00fctzig verhalten und unterschiedliche Pr\u00e4ferenzen aufweisen. Die h\u00f6here Zahl der W\u00e4hler, die aus der Bildung der jungen Generation keinen direkten (und kurzfristigen) Nutzen ziehen k\u00f6nnen, werden &#8211; gem\u00e4ss diesen \u00dcberlegungen &#8211; die \u00f6ffentlichen Mittel lieber f\u00fcr andere Zwecke als f\u00fcr Bildung einsetzen. \u00a0 Der Umstand, dass der Medianw\u00e4hler immer \u00e4lter wird und h\u00f6chstwahrscheinlich eine andere Pr\u00e4ferenzstruktur aufweist als beispielsweise junge Eltern, muss aber die Bildungsausgaben nicht zwingend negativ beeinflussen (siehe Kasten 1 Vier Gr\u00fcnde werden in der Literatur genannt, die daf\u00fcr sprechen, dass \u00e4ltere B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen f\u00fcr das Bildungswesen ebensoviel Geld auszugeben bereit sind wie der Rest der Bev\u00f6lkerung: &#8211; Positive intergenerationale Externalit\u00e4ten k\u00f6nnen bewirken, dass die \u00e4lteren Bev\u00f6lkerungsteile ein Interesse an einer gut ausgebildeten Bev\u00f6lkerung hat, da deren h\u00f6here Produktivit\u00e4t \u00fcberhaupt erst garantiert, dass Transferleistungen (Altersvorsorge, Gesundheitswesen, etc.), von denen vor allem \u00e4ltere Menschen profitieren, bezahlt werden k\u00f6nnen. Dieses Argument setzt voraus, dass der Medianw\u00e4hler diese Beziehung erstens durchschaut und zweitens in seinem Entscheid nicht nur auf seinen kurzfristigen Vorteil bedacht ist. &#8211; Ein intergenerationaler Altruismus k\u00f6nnte daf\u00fcr sorgen, dass \u00e4ltere Menschen sich durch einen Generationenvertrag gebunden f\u00fchlen. In diesem Fall w\u00fcrden sie der jungen Generation jene Mittel zugestehen, die sie selbst in ihrer Jugendzeit auch in Anspruch genommen hatten. Es stellt sich nur die Frage, ob sich diese Solidarit\u00e4t auf die Pro-Kopf-Bildungsausgaben oder die Bildungskosten pro Sch\u00fcler beziehen w\u00fcrde. &#8211; Vor allem US-amerikanische Studien verweisen auf den positiven Zusammenhang zwischen lokaler Schulqualit\u00e4t und H\u00e4userpreisen. Aufgrund dieses in der Vergangenheit immer wieder beobachteten Zusammenhangs k\u00f6nnte man nun vermuten, dass \u00e4ltere B\u00fcrger &#8211; die h\u00e4ufig Hausbesitzer sind &#8211; durch die mitgetragenen Bildungsausgaben auch den Wert ihrer Immobilien zu erhalten versuchen. F\u00fcr die Zukunft ist es unsicher, ob dieses Argument noch eine grosse Bedeutung hat, da aufgrund der demografischen Alterung immer mehr potenzielle K\u00e4ufer keine Kinder im schulpflichtigen Alter mehr haben werden. Somit werden sie bei der Beurteilung einer Immobilie nicht mehr auf die Bildungsqualit\u00e4t vor Ort schauen.- Schliesslich wird auch das Argument diskutiert, dass die \u00e4ltere Bev\u00f6lkerung nicht prim\u00e4r an der H\u00f6he der Ausgaben pro Sch\u00fcler als vielmehr an der absoluten H\u00f6he der Bildungsausgaben interessiert ist. In diesem Kontext w\u00e4re es denkbar, dass die aufgrund der sinkenden Sch\u00fclerzahlen ohnehin sinkenden Bildungsausgaben gen\u00fcgend Raum f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse der \u00e4lteren Bev\u00f6lkerung er\u00f6ffnen, sodass diese selbst steigende Ausgaben pro Sch\u00fcler akzeptieren w\u00fcrden. Gegen dieses Argument spricht das in den letzten Jahren stark gestiegene Interesse der Bev\u00f6lkerung an der \u00f6konomischen Effizienz der Bildung und die zunehmende politische Kritik an den hohen Ausgaben pro Sch\u00fcler.). Die Frage nach dem Einfluss eines steigenden Anteils der \u00e4lteren Bev\u00f6lkerung auf die \u00f6ffentlichen Bildungsausgaben l\u00e4sst sich deshalb nicht theoretisch, sondern nur empirisch kl\u00e4ren.&#13;<\/p>\n<h2>Empirische Ergebnisse<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Analyse der Bildungsausgaben pro Volkssch\u00fcler der Kantone von 1990-2002 Die Daten zu den Bildungsausgaben stammen von der Eidgen\u00f6ssischen Finanzverwaltung (EFV). Nach einer Ausreisserkontrolle wurden einzelne Werte nach R\u00fccksprache mit den entsprechenden Kantonen korrigiert. Die Panelsch\u00e4tzung erlaubt es dank der grossen Zahl von Kantonen \u00fcber einen relativ kurzen Zeitraum die Berechnungen mit vielen Beobachtungen (N = 338) zu sch\u00e4tzen. zeigt, dass der jeweilige Anteil der Rentner das Ausgabenniveau negativ beeinflusst. Hingegen beeinflussen der Anteil der ausl\u00e4ndischen Wohnbev\u00f6lkerung, das Volkseinkommen und der Urbanit\u00e4tsgrad die Ausgaben pro Sch\u00fcler positiv. Mit anderen Worten: Ein grosser Anteil an ausl\u00e4ndischen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern erh\u00f6ht &#8211; entgegen gewissen US-amerikanischen Ergebnissen &#8211; die Bildungsausgaben. Grund daf\u00fcr d\u00fcrften die h\u00f6heren Integrationskosten sein. Der Urbanit\u00e4tsgrad kann verschiedene Effekte ausdr\u00fccken. So k\u00f6nnte zum Beispiel der generell h\u00f6here Bildungsstand der Bev\u00f6lkerung in den st\u00e4dtischen Zentren bewirken, dass die Bereitschaft zu Bildungsausgaben h\u00f6her ist. \u00a0Ebenfalls kann festgestellt werden, dass reichere Kantone mehr f\u00fcr Bildung ausgeben. Dieses Resultat ist aber nicht unbedingt als eine positive Einkommenselastizit\u00e4t von Bildungsausgaben zu deuten, sondern eher als Folge h\u00f6herer Inputpreise (L\u00f6hne) in diesen Kantonen.\u00a0 Auch Ver\u00e4nderungen in der absoluten Zahl der Rentner \u00fcbten einen stark negativen Einfluss auf die Bildungsausgaben aus. Hingegen beeinflussten Ver\u00e4nderungen in der Zahl ausl\u00e4ndischer Sch\u00fcler die Ausgaben positiv. Weiter ist festzustellen, dass ein Zuwachs (Abnahme) in der Sch\u00fclerzahl wie erwartet mit einem Steigen (Sinken) der Bildungsausgaben verbunden ist; allerdings ist dieser Effekt nicht proportional. \u00dcber eine Zeitperiode von jeweils drei Jahren gerechnet, betr\u00e4gt die Anpassungsgeschwindigkeit lediglich 0,65 &#8211; d.h. bei einer Abnahme der Sch\u00fclerzahl um 10% sanken die Ausgaben lediglich um 6,5%.&#13;<\/p>\n<h2>Was geschieht in den n\u00e4chsten zehn Jahren?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr alle drei signifikanten Einflussfaktoren auf die Ver\u00e4nderungen in den Bildungsausgaben &#8211; Sch\u00fclerzahlen, ausl\u00e4ndische Wohnbev\u00f6lkerung und Rentneranteil &#8211; existieren Prognosewerte in den regelm\u00e4ssigen demografischen Szenarien des Bundesamtes f\u00fcr Statistik (BFS). Wir k\u00f6nnen also die Bildungsausgaben auf der Basis dieser Szenarien und der berechneten Koeffizienten bis ins Jahr 2014 extrapolieren. Dabei lassen sich verschiedene Berechnungen und Aussagen machen. Bei der Gesamtsch\u00e4tzung (siehe Grafik 1 ) f\u00e4llt als Erstes auf, dass sich die Bildungsausgaben f\u00fcr die obligatorische Schule nach einem H\u00f6hepunkt im Jahr 2004 bis ins Jahr 2014 real um mehr als 14% reduzieren werden. Die Sch\u00fclerzahlen gehen in der gleichen Zeit um praktisch den gleichen Wert zur\u00fcck. Die plausibelste Prognose f\u00fcr die n\u00e4chsten 10 Jahre ist daher ein proportionaler R\u00fcckgang der Bildungsausgaben; die Ausgaben pro Sch\u00fcler w\u00fcrden real gleich hoch bleiben. \u00a0Das w\u00e4re an sich kein spektakul\u00e4res Ergebnis. Allerdings ist zu bedenken, dass der prognostizierte R\u00fcckgang nur teilweise durch Reaktionen im Bildungswesen selbst zustande kommt, sondern auch durch den Druck der \u00e4lter werdenden Bev\u00f6lkerung auf das Bildungsbudget. Bei gleich bleibendem Anteil der Rentner (siehe Grafik 2 ) w\u00fcrde die Reduktion der Ausgaben \u00fcber die sinkenden Sch\u00fclerzahlen (abgeschw\u00e4cht durch den zunehmenden Anteil der ausl\u00e4ndischen Bev\u00f6lkerung) viel geringer ausfallen als ein proportionaler R\u00fcckgang. Umgekehrt w\u00fcrde mit gleich bleibendem Sch\u00fcleranteil alleine der Einfluss der \u00e4lteren Bev\u00f6lkerung die Bildungsausgaben schon so stark dr\u00fccken wie bei einem proportionalen R\u00fcckgang der Ausgaben bei sinkenden Sch\u00fclerzahlen. Mit anderen Worten: Aufgrund des exogenen Drucks auf die Bildungsbudgets muss das Bildungswesen viel mehr einsparen, als wenn es sich mit der gleichen (In-)Elastizit\u00e4t wie bisher an die sich ver\u00e4ndernden Sch\u00fclerzahlen anpassen w\u00fcrde. \u00a0Aufschlussreich sind auch Simulationen, bei denen die f\u00fcr die Schweiz durchschnittlich geltenden Koeffizienten mit den kantonalen Prognosen f\u00fcr die Sch\u00fcler-, Ausl\u00e4nder- und Rentnerzahlen korreliert werden (siehe Tabelle 1). In den einzelnen Kantonen k\u00f6nnen die Anpassungsprozesse ganz unterschiedlich ausfallen, da die Ver\u00e4nderung der Sch\u00fcler- und der Rentnerzahlen nicht \u00fcberall gleich stark ausf\u00e4llt. So k\u00f6nnen Kantone mit sinkenden Sch\u00fclerzahlen den Druck eines steigenden Rentneranteiles auf die Bildungsfinanzen auffangen und m\u00fcssen ihre Ausgaben allenfalls proportional reduzieren. Steigt hingegen der Rentneranteil, die Sch\u00fclerzahl sinkt jedoch nicht oder nur unwesentlich (z.B. im Kanton Tessin), m\u00fcssten die durchschnittlichen Ausgaben pro Sch\u00fcler deutlich gesenkt werden, um den Anpassungsdruck aufzufangen. Nur eine geringe Anzahl Kantone d\u00fcrfte hingegen in der komfortablen Lage sein, eine Reduktion der Sch\u00fclerzahl, stabile Rentneranteile und ein geringes Wachstum des Anteils ausl\u00e4ndischer Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen aufzuweisen, wodurch deren Bildungswesen in Form einer so genannten \u00abdemografischen Rente\u00bb entlastet wird.&#13;<\/p>\n<h2>Eine sich selbst erf\u00fcllende Prophezeiung?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEntsprechend internationaler Evidenz reagieren die Bildungsausgaben auch in der Schweiz auf Variationen in den Sch\u00fclerzahlen signifikant unelastisch. Was sich bei steigenden Sch\u00fclerzahlen positiv auswirkt, ist bei strukturell r\u00fcckl\u00e4ufigen Sch\u00fclerzahlen problematisch. Trotzdem ist es nicht wahrscheinlich, dass die Bildungsausgaben nur sehr langsam zur\u00fcckgehen werden, da ein signifikanter und stark negativer Einfluss der \u00e4lteren Bev\u00f6lkerung auf die Bildungsbudgets gemessen wird. Gelten die pr\u00e4sentierten Forschungsergebnisse auch f\u00fcr die Zukunft, dann wird das Bildungssystem zu weit st\u00e4rkeren Einsparungen gezwungen werden, als es auf der Basis von Erfahrungswerten selbst get\u00e4tigt h\u00e4tte. \u00a0Damit die Prognosen nicht zu einer sich selbst erf\u00fcllenden Prophezeiung werden, hat das Bildungswesen in den Kantonen zwei zuk\u00fcnftige Herausforderungen zu bew\u00e4ltigen. Erstens hatte man in der Regel lediglich das Problem, dass steigende Durchschnittsausgaben pro Sch\u00fcler nicht immer in Effektivit\u00e4tssteigerungen umgesetzt werden konnten. Dieser fehlende positive Zusammenhang zwischen Ressourcen und Outputs f\u00fchrte &#8211; wie in den meisten hoch entwickelten L\u00e4ndern &#8211; zu strukturellen Effizienzproblemen im Bildungswesen. Neu wird das Bildungswesen aber beweisen m\u00fcssen, dass es in der Lage ist, einen Ressourcenabbau ohne Effizienzverluste umsetzen zu k\u00f6nnen . Dies wird nicht einfach sein, denn so wie mehr Inputs nicht automatisch zu mehr Output f\u00fchren, ist es aber umgekehrt nicht sicher, ob eine Inputreduktion f\u00fcr den Output immer ohne negative Konsequenzen bleiben wird. \u00a0 Zweitens ist fraglich, ob sich der f\u00fcr die Neunzigerjahre gemessene, stark negative Einfluss steigender Rentnerzahlen auf die Bildungsausgaben in Zukunft auch tats\u00e4chlich fortsetzt. Damit dies vermieden wird, m\u00fcssen gerade die stimmaktiven \u00e4lteren Bev\u00f6lkerungsteile vermehrt davon \u00fcberzeugt werden, dass Geld, das in das Bildungswesen fliesst, gut investiert und effizient verwendet wird. Denn der Bildungsertrag fliesst letztendlich der gesamten Gesellschaft zu &#8211; und somit auch jenen, die keine schulpflichtigen Kinder (mehr) haben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abBildungsausgaben in der Volksschule: Prognose bei steigenden Rentner- und sinkenden Sch\u00fclerzahlen\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abBildungsausgaben in der Volksschule: Prognose bei stabilen Rentner- oder Sch\u00fclerzahlen\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Geben \u00c4ltere weniger Geld f\u00fcr Bildung aus? Vier Gr\u00fcnde werden in der Literatur genannt, die daf\u00fcr sprechen, dass \u00e4ltere B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen f\u00fcr das Bildungswesen ebensoviel Geld auszugeben bereit sind wie der Rest der Bev\u00f6lkerung: &#8211; Positive intergenerationale Externalit\u00e4ten k\u00f6nnen bewirken, dass die \u00e4lteren Bev\u00f6lkerungsteile ein Interesse an einer gut ausgebildeten Bev\u00f6lkerung hat, da deren h\u00f6here Produktivit\u00e4t \u00fcberhaupt erst garantiert, dass Transferleistungen (Altersvorsorge, Gesundheitswesen, etc.), von denen vor allem \u00e4ltere Menschen profitieren, bezahlt werden k\u00f6nnen. Dieses Argument setzt voraus, dass der Medianw\u00e4hler diese Beziehung erstens durchschaut und zweitens in seinem Entscheid nicht nur auf seinen kurzfristigen Vorteil bedacht ist. &#8211; Ein intergenerationaler Altruismus k\u00f6nnte daf\u00fcr sorgen, dass \u00e4ltere Menschen sich durch einen Generationenvertrag gebunden f\u00fchlen. In diesem Fall w\u00fcrden sie der jungen Generation jene Mittel zugestehen, die sie selbst in ihrer Jugendzeit auch in Anspruch genommen hatten. Es stellt sich nur die Frage, ob sich diese Solidarit\u00e4t auf die Pro-Kopf-Bildungsausgaben oder die Bildungskosten pro Sch\u00fcler beziehen w\u00fcrde. &#8211; Vor allem US-amerikanische Studien verweisen auf den positiven Zusammenhang zwischen lokaler Schulqualit\u00e4t und H\u00e4userpreisen. Aufgrund dieses in der Vergangenheit immer wieder beobachteten Zusammenhangs k\u00f6nnte man nun vermuten, dass \u00e4ltere B\u00fcrger &#8211; die h\u00e4ufig Hausbesitzer sind &#8211; durch die mitgetragenen Bildungsausgaben auch den Wert ihrer Immobilien zu erhalten versuchen. F\u00fcr die Zukunft ist es unsicher, ob dieses Argument noch eine grosse Bedeutung hat, da aufgrund der demografischen Alterung immer mehr potenzielle K\u00e4ufer keine Kinder im schulpflichtigen Alter mehr haben werden. Somit werden sie bei der Beurteilung einer Immobilie nicht mehr auf die Bildungsqualit\u00e4t vor Ort schauen.- Schliesslich wird auch das Argument diskutiert, dass die \u00e4ltere Bev\u00f6lkerung nicht prim\u00e4r an der H\u00f6he der Ausgaben pro Sch\u00fcler als vielmehr an der absoluten H\u00f6he der Bildungsausgaben interessiert ist. In diesem Kontext w\u00e4re es denkbar, dass die aufgrund der sinkenden Sch\u00fclerzahlen ohnehin sinkenden Bildungsausgaben gen\u00fcgend Raum f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse der \u00e4lteren Bev\u00f6lkerung er\u00f6ffnen, sodass diese selbst steigende Ausgaben pro Sch\u00fcler akzeptieren w\u00fcrden. 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