{"id":125039,"date":"2006-03-01T12:00:00","date_gmt":"2006-03-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2006\/03\/minsch-moser-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:48:46","modified_gmt":"2023-08-23T21:48:46","slug":"minsch-moser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2006\/03\/minsch-moser\/","title":{"rendered":"Volkswirtschaftliche Kosten der Zollschranken: Ergebnisse einer Unternehmensumfrage"},"content":{"rendered":"<p>Die Zollschranken an der Schweizer Grenze verursachen hohe Kosten f\u00fcr Unternehmen und verteuern die Ex- und Importe. Erstmals konnten mit Hilfe einer breit angelegten Unternehmensbefragung in der Schweiz die Kosten der Grenze in Erfahrung gebracht werden. Die im Auftrag von Avenir Suisse durchgef\u00fchrte Studie zeigt, dass die Zollschranken bei j\u00e4hrlichen Einnahmen von 1 Mrd. Franken f\u00fcr den Staat Belastungen von rund 4 Mrd. Franken f\u00fcr die Unternehmen verursachen. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz reduziert sich dadurch um 0,85%. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200603_17_Minsch-Moser_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"242\" \/>&#13;<\/p>\n<h2>Grenze f\u00fchrt zu hohen Kosten f\u00fcr Unternehmen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Warenkontrollen an der Schweizer Grenze belasten die Unternehmen aus vier Gr\u00fcnden: \u00a0&#8211; Erstens muss jede grenz\u00fcberschreitende Transaktion dem Zollamt gemeldet werden. Die Zollabfertigungskosten fallen selbst bei den rund 80% der Importe an, f\u00fcr die kein Zoll bezahlt werden muss. Da die Ex- und Importe in der Regel sowohl in der Schweiz als auch im Ausland mehrwertsteuerpflichtig sind, muss die Mehrwertsteuer (MWST) f\u00fcr die Schweiz und f\u00fcr das Ausland abgerechnet werden. Die Kosten der Zollformalit\u00e4ten bestehen somit neben den Zollabfertigungsauch aus den MWST-Abrechnungskosten. \u00a0&#8211; Zweitens entstehen aufgrund der Grenze Wartezeiten f\u00fcr den grenz\u00fcberschreitenden Warenverkehr. In der Nacht und an Sonn- und Feiertagen sind die Zoll\u00e4mter zudem geschlossen, sodass Mehrkosten entstehen k\u00f6nnen und gewisse Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeiten gar verunm\u00f6glicht werden. \u00a0&#8211; Drittens m\u00fcssen die Unternehmen einen Ursprungsnachweis erbringen, um zollbefreit in die EU exportieren oder aus der EU importieren zu k\u00f6nnen. \u00a0&#8211; Schliesslich fallen den imoder exportierenden Unternehmen Kosten f\u00fcr die Produktzulassung an. Mit den bilateralen Vertr\u00e4gen wurden hier zwar wichtige Verbesserungen erzielt; nach wie vor sind aber gewisse Exporteure in der EU gegen\u00fcber den EU-Konkurrenten benachteiligt. \u00a0 \u00a0All diese durch die Zollschranken verursachten Transaktionskosten betreffen nicht nur Unternehmen mit Sitz in der Schweiz, welche ihre Produkte exportieren, sondern auch ausl\u00e4ndische Unternehmen, die ihre Produkte in die Schweiz liefern. \u00a0Zollformalit\u00e4ten, Wartezeiten an der Grenze, Ursprungslandregel und Nachteile bei der Produktzulassung verteuern die Ex- und Importe. Die Tabelle 1 fasst die Resultate der Unternehmensbefragung zusammen: Im Durchschnitt summieren sich die Kosten auf rund 1,9% des in die EU exportierten Warenertrages bzw. rund 2,3% des aus der EU importierten Warenaufwandes. Da die zus\u00e4tzlichen Lagerkosten und die Umsatzverluste, die infolge der Zollgrenzen entstehen, nicht quantifizierbar sind, werden sie in diesen Berechnungen nicht ber\u00fccksichtigt. \u00a0Zum Vergleich: Der Durchschnittszollsatz der Schweiz bei Industrieg\u00fctern gegen\u00fcber den L\u00e4ndern ohne Freihandelsabkommen betr\u00e4gt 2,3%. Die beobachteten Transaktionskosten an der Grenze sind folglich etwa gleich hoch wie dieser Durchschnittszoll. W\u00e4hrend Z\u00f6lle aber Einnahmen f\u00fcr den Staat generieren, stellen die hier ausgewiesenen Transaktionskosten in vollem Ausmass Ressourcenkosten dar. Die aufgewendete Arbeitszeit und das eingesetzte Kapital k\u00f6nnen nicht f\u00fcr die Produktion von G\u00fctern und Dienstleistungen eingesetzt werden. \u00a0Im Folgenden werden die einzelnen Kostenarten diskutiert und anschliessend aufgezeigt, wie diese Kosten reduziert werden k\u00f6nnten.&#13;<\/p>\n<h2>Aufw\u00e4ndige Zollformalit\u00e4ten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Zollformalit\u00e4ten (Zollabfertigung, MWST-Abwicklung) verursachen bei Exportlieferungen im Durchschnitt Kosten von rund 50 Franken und bei Importlieferungen sogar Kosten von rund 70 Franken. Diese Zahlen sind verl\u00e4sslich, da die Antworten der befragten Export- und Importunternehmen und der separat befragten Spediteure nahezu identisch sind. Die Unternehmensumfrage zeigt deutlich, dass die Kosten f\u00fcr Zollformalit\u00e4ten umso h\u00f6her sind, je kleiner das Unternehmen ist. Diese Kosten sind keine unbedeutende Gr\u00f6sse, verteuern sie doch die Transportkosten um 14% bis 15%. \u00a0Da jede grenz\u00fcberschreitende Warensendung deklariert werden muss, sind nicht nur Unternehmen, sondern auch Privatpersonen von den Zollformalit\u00e4ten betroffen. Die Tarife der privaten Spediteure zeigen dies deutlich: F\u00fcr eine Sendung im Wert von 100 Franken sind etwa bei SwissPost GLS 20 Franken f\u00fcr die MWST-Abwicklung und 33 Franken f\u00fcr die Zollabwicklung zu bezahlen (Stand Dezember 2004). Die Kosten f\u00fcr Zollformalit\u00e4ten f\u00fcr die 100-Franken-Sendung belaufen sich somit total auf 53 Franken!\u00a0Dass die Schweiz ein erhebliches Verbesserungspotenzial im grenz\u00fcberschreitenden Warenverkehr aufweist, best\u00e4tigt auch die Weltbank. Diese ver\u00f6ffentlicht in einer Benchmark-Studie f\u00fcr Gesch\u00e4ftsregulierungen Angaben \u00fcber die Regulierungsdichte im internationalen Warenverkehr.2 Darin belegt die Schweiz von 155 L\u00e4ndern lediglich den 57. Platz. Die Schweizer Regulierungsdichte im grenz\u00fcberschreitenden Warenverkehr ist also auch im internationalen Vergleich gross.&#13;<\/p>\n<h2>Lange Wartezeiten an der Grenze<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Warenkontrollen f\u00fchren zu Wartezeiten beim Grenz\u00fcbertritt, die je nach Tageszeit, Wochentag und Grenz\u00fcbergang zwischen einigen Minuten und mehreren Stunden variieren. So warten die Lastwagen im Durchschnitt minimal rund 50 und maximal 150 Minuten bei einem Grenz\u00fcbertritt von der Schweiz nach Deutschland. Neben den teilweise langen Wartezeiten fallen die grossen Unterschiede auf, welche die Zeitplanung der Unternehmen erschweren. Selbst wenn die Spediteure einen gewissen Anhaltspunkt haben, zu welchen Zeiten mit welchen Wartezeiten zu rechnen ist, m\u00fcssen allf\u00e4llige Verz\u00f6gerungen an der Grenze in der Logistik ber\u00fccksichtigt und Pufferzeiten f\u00fcr die Lieferungszeit vor Ort eingeplant werden. Spediteure bevorzugen zudem f\u00fcr den Grenz\u00fcbertritt die Zoll\u00e4mter mit den tiefsten Wartezeiten und nehmen Umgehungsfahrten in Kauf. Die Spediteure sch\u00e4tzen, dass die Transportkosten f\u00fcr Exporte allein durch den Wegfall der Wartezeiten am Zoll im Durchschnitt um 7,4% fallen w\u00fcrden. Die Reduktion der Transportkosten beim Import wird im Durchschnitt mit 8,7% prognostiziert. \u00a0Auch Privatpersonen werden aufgrund h\u00f6herer Transportkosten und der Zollformalit\u00e4ten zur Kasse gebeten. Die Analyse der Tariflisten von DHL, UPS und FedEx zeigt tats\u00e4chlich frappante Kostenunterschiede zu- ungunsten von Lieferungen in die Schweiz: F\u00fcr eine 50 Kilogramm schwere Sendung in die Schweiz verlangen private Spediteure im Durchschnitt fast 80 Euro mehr als in den EU-Raum.&#13;<\/p>\n<h2>Begrenzte Zoll\u00f6ffnungszeiten behindern gewisse Gesch\u00e4fte<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSpediteure k\u00f6nnen grenz\u00fcberschreitende Lieferungen am Zoll nur innerhalb eines gewissen Zeitfensters abwickeln: Die Zoll\u00e4mter sind in der Regel zehn Stunden zwischen 7 Uhr und 17.30 Uhr ge\u00f6ffnet. Am Samstagnachmittag und an Sonn- und Feiertagen sind sie geschlossen. Die eingeschr\u00e4nkten \u00d6ffnungszeiten der Zoll\u00e4mter werden h\u00e4ufig nur deshalb nicht als wesentliches Problem wahrgenommen, weil in der Schweiz f\u00fcr den Schwerverkehr das Nacht- und Sonntagsfahrverbot gilt. Lieferwagen, die mit Ersatzteilen oder Kleinlieferungen eilige Sendungen transportieren, betrifft dieses Fahrverbot jedoch nicht: Sie werden ausschliesslich durch die Zoll\u00f6ffnungszeiten gebremst. \u00a0Die befragten Unternehmen sch\u00e4tzen die betriebswirtschaftliche Relevanz unterschiedlich ein. W\u00e4hrend die Mehrheit der Firmen in der Schweiz mit den Wartezeiten an der Grenze gut leben kann, gibt jede zehnte Unternehmung an, dass ihr die Wartezeiten und die begrenzten Zoll\u00f6ffnungszeiten betr\u00e4chtliche Probleme bereiten. Einige Unternehmen nennen Umsatzverluste und Lagerkosten in der Schweiz oder in der EU. F\u00fcr andere Unternehmen f\u00fchren Zeitverz\u00f6gerungen zu einem schlechten Image der Firma bei ausl\u00e4ndischen Kunden und auch dazu, dass sie als Zulieferer f\u00fcr die Just-in-time-Produktion benachteiligt sind. Auch kann kein 24-Stunden-Ersatzteillieferdienst oder Expressdienst mit ausl\u00e4ndischen Unternehmen aufgebaut werden. Welche konkreten Probleme die beschr\u00e4nkten Zoll\u00f6ffnungszeiten verursachen k\u00f6nnen, zeigen die im <a class=\"inline-footnote__anchor\">Kasten 2<\/a> Das Beispiel der Firma K\u00fcnzli SwissSchuh AG in Windisch zeigt, dass kleine und mittlere Unternehmen (KMU) besonders stark von beschr\u00e4nkten Zoll\u00f6ffnungszeiten betroffen sein k\u00f6nnen. K\u00fcnzli stellt seit vielen Jahren erfolgreich therapeutische Orthop\u00e4die-Schuhe her und exportiert die Produkte u.a. nach Deutschland, Japan und in die USA. Die Schuhe geniessen einen ausgezeichneten Ruf und werden vor allem von Unfallversicherungen favorisiert, weil sie die Ausfallzeit am Arbeitsplatz gegen\u00fcber einer Fussstabilisierung mit Gips reduzieren. Die orthop\u00e4dischen Schuhe sollten nach einem Unfall so schnell wie m\u00f6glich beim Kunden eintreffen. W\u00e4hrend der Schweizer Kunde die Schuhe bereits am n\u00e4chsten Tag um sieben Uhr morgens erh\u00e4lt, verhindern die Zeitverz\u00f6gerungen am Zoll eine rechtzeitige Belieferung der deutschen Kunden vom Zentrallager aus. Die Firma ist deshalb gezwungen, im deutschen Freiburg ein separates Lager mit den g\u00e4ngigsten Produkten zu f\u00fchren. Gem\u00e4ss Auskunft der Firmenleitung verursacht diese doppelte Lagerf\u00fchrung Kosten in der H\u00f6he von rund 10% -15% der Warenertr\u00e4ge im EU-Raum.Zeitverz\u00f6gerungen am Zoll k\u00f6nnen aber auch Firmen der Investitionsg\u00fcterindustrie betreffen. Die Firma Trumpf Maschinen Gr\u00fcsch AG beispielsweise, die Blechverarbeitungsmaschinen herstellt, evaluierte verschiedene Standorte f\u00fcr ein zentrales Ersatzteillager in Europa. Die Schweiz kam wegen ihrer zentralen Lage in die n\u00e4here Wahl, fiel jedoch aufgrund der Zollproblematik aus dem Rennen. Weil das Industrieunternehmen nun in der Schweiz parallel ein beschr\u00e4nktes Ersatzteillager f\u00fchrt, verteuern sich die Lagerkosten um zirka 50%. Sind gewisse Ersatzteile in der Schweiz nicht verf\u00fcgbar, behilft man sich damit, dass ein Bestandteil am Standort Gr\u00fcsch aus einer neuen Maschine ausgebaut und dem Kunden geliefert wird. Wenn das Ersatzteil aus dem Zentrallager sp\u00e4ter eintrifft, wird es wieder in die Maschine eingebaut. Die beschr\u00e4nkten Zoll\u00f6ffnungszeiten verteuern somit die Produktion am Standort Schweiz. erw\u00e4hnten Beispiele.&#13;<\/p>\n<h2>Unterschiedlich hohe Kosten f\u00fcr Ursprungsnachweise<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Durchschnitt betragen die Kosten f\u00fcr den Ursprungsnachweis 3285 Franken pro Jahr. F\u00fcr die \u00fcberwiegende Mehrheit der Unternehmen ist der Ursprungsnachweis unproblematisch; eine Minderheit hat jedoch grosse Kosten pro Jahr zu tragen. Die Kosten steigen mit der Zahl der Exportlieferungen in die EU. Auch erkl\u00e4ren Brancheneffekte einen Teil der Unterschiede. Die Kosten f\u00fcr die Ursprungslandregel belaufen sich durchschnittlich auf 0,2% des Wertes der in die EU exportierten Waren. Dieser Wert ist deutlich tiefer als die Sch\u00e4tzungen f\u00fcr andere L\u00e4nder, welche von Kosten f\u00fcr die Ursprungslanderegel von rund 5% des Warenwertes &#8211; allerdings inklusive Kosten der Zollbeh\u00f6rde &#8211; ausgehen.&#13;<\/p>\n<h2>Nachteile f\u00fcr 18% der CH-Unternehmen bei der Produktzulassung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nK\u00e4mpfen die Schweizer Exporteure in der EU mit gleich langen Spiessen wie die EU-Konkurrenten? Trotz den in den letzten Jahren erzielten Fortschritten bei der Produktzulassung geben immer noch 18% der befragten Unternehmen h\u00f6here Kosten an. Die Mehrheit der Unternehmen (57%) sieht sich allerdings bei der Produktzulassung gegen\u00fcber den EU-Konkurrenten nicht benachteiligt. Die zwei wichtigsten Gr\u00fcnde f\u00fcr die Kostenachteile sind h\u00f6here Kosten aufgrund der Notwendigkeit einer separaten Produktzulassung und &#8211; im Vergleich zu EU-Konkurrenten &#8211; l\u00e4ngere Pr\u00fcfverfahren. Im Durchschnitt wenden Schweizer Unternehmen 0,5% des Warenertrages in der EU f\u00fcr die zus\u00e4tzlichen Aufwendungen bei der Produktzulassung auf. Beim Import fehlen Unternehmensangaben; doch ist aufgrund der Kleinheit des Schweizer Marktes davon auszugehen, dass die Kostennachteile f\u00fcr ausl\u00e4ndische Unternehmen h\u00f6her ausfallen. \u00a0Durch die Umfrage wurde allerdings nicht erfasst, wie hoch die indirekten Kosten der separaten Produktzulassungen sind. Muss ein Produkt f\u00fcr den kleinen Schweizer Markt eine andere Zusammensetzung aufweisen oder mit einer separaten Beschriftung versehen werden, ist eine Sonderfertigung notwendig. Die Durchschnittskosten f\u00fcr die Schweizer Produktvariante steigen, und es entstehen Gr\u00f6ssennachteile in der Produktion. Sonderfertigungen sind vor allem bei Nahrungsmitteln und verwandten Produkten zu beobachten.&#13;<\/p>\n<h2>Hohe volkswirtschaftliche Kosten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWie hoch sind die volkswirtschaftlichen Kosten der Zollschranken? Ausgehend von den oben vorgestellten Sch\u00e4tzungen der betriebswirtschaftlichen Kosten errechnete Ecoplan (2005) die gesamtwirtschaftlichen Kosten der Warenkontrollen. Das Mehrl\u00e4nder-Gleichgewichtsmodell Swissgem wurde bereits f\u00fcr den Integrationsbericht im Jahre 1999 verwendet, aber in zweifacher Hinsicht \u00fcberarbeitet: \u00a0&#8211; Erstens hat sich seit 1999 die politische Ausgangslage (Bilaterale Vertr\u00e4ge, EU-Erweiterung) erheblich ver\u00e4ndert;\u00a0&#8211; zweitens sind neue und qualitativ bessere Aussenhandelsstatistiken erh\u00e4ltlich. \u00a0 \u00a0Um die Auswirkungen der Zollschranken abzusch\u00e4tzen, wurde ein Referenzszenario mit dem Szenario \u00abAbschaffung der Warenkontrolle an der Grenze zur EU\u00bb verglichen. Das Referenzszenario betrifft den Status quo. Dieses geht davon aus, dass die Zollkosten den Umfrageergebnissen entsprechen. Das Szenario \u00abAbschaffung der Warenkontrolle an der Grenze zur EU\u00bb geht demgegen\u00fcber davon aus, dass dadurch die Kosten f\u00fcr Wartezeiten, Ursprungslandregel und Produktzulassung auf Null sinken. Bei den Zollformalit\u00e4ten wird unterstellt, dass ohne Warenkontrollen eine Kostensenkung um drei Viertel resultiert. Die Differenz zwischen den beiden Szenarien ergibt die grenzbedingten Mehrkosten, welche der Schweiz aus dem Vorhandensein der physischen Grenze anfallen. Man beachte, dass die Sch\u00e4tzungen beider Szenarien eine Bestandesaufnahme darstellen. Neue Abwicklungssysteme oder Erleichterungen bei den Produktzulassungen k\u00f6nnen die Kosten und allenfalls auch die Kostendifferenz in Zukunft reduzieren.\u00a0Durch die Reduktion der Transaktionskosten f\u00fcr grenz\u00fcberschreitende Lieferungen steigt erwartungsgem\u00e4ss der Schweizer Aussenhandel. Ohne Zollformalit\u00e4ten w\u00fcrden die Exporte um rund 0,6% und die Importe gar um rund 0,9% ansteigen. W\u00fcrden zus\u00e4tzlich die Wartezeiten, die Ursprungsnachweise und die Produktzulassung wegfallen, erh\u00f6hten sich die Exporte um 1,7% und die Importe um 2,4%. Der Wegfall der zollbedingten Ressourcenkosten erlaubt es, Arbeitskr\u00e4fte und Kapital f\u00fcr die Produktion von G\u00fctern und Dienstleistungen einzusetzen. Gem\u00e4ss den Modellberechungen w\u00fcrden die Investitionen in der Schweiz um rund 1,4% anziehen, der Konsum um etwa 1,1%. Der Abbau der Handelsbarrieren w\u00fcrde auch den Arbeitnehmenden zugute kommen, die als Folge des h\u00f6heren Kapitaleinsatzes (plus 1,5%) von h\u00f6heren Reall\u00f6hnen profitieren (total plus 1,6%). Gem\u00e4ss Swissgem w\u00fcrde sich die Besch\u00e4ftigung moderat um 0,3% erh\u00f6hen. \u00a0Bei einer Abschaffung der Warenkontrollen an der Grenze zur EU w\u00fcrde das Bruttoinlandprodukt (BIP) um rund 0,85% steigen. (siehe <a title=\"Auswirkungen der Zollgrenzen auf das BIP\">Grafik 1<\/a>) Bei einem BIP von 446 Mrd. Franken (2004) belaufen sich die Kosten der Grenze somit auf rund 4 Mrd. Franken. Fast die H\u00e4lfte der Grenzkosten geht dabei auf das Konto der Zollformalit\u00e4ten. Etwa je ein F\u00fcnftel ist bedingt durch die Produktzulassung und die Wartezeiten; rund ein Zehntel macht die Ursprungslandregel aus.&#13;<\/p>\n<h2>Wirtschaftspolitische Optionen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWie k\u00f6nnte die Schweiz diese betr\u00e4chtlichen volkswirtschaftlichen Kosten reduzieren? Drei Optionen sind m\u00f6glich. \u00a0Erstens k\u00f6nnte die Schweiz unilaterale Massnahmen ergreifen, welche die Transaktionskosten an der Grenze reduzieren. Da aber der Schweizer Zoll immer auch ein EU-Zoll\u00fcbergang ist, kann nur ein kleiner Teil von Verbesserungen ohne vertragliche Abmachungen mit der EU realisiert werden. Eine zweite M\u00f6glichkeit w\u00fcrden deshalb bilaterale Vertr\u00e4ge mit der EU darstellen. Damit w\u00e4ren gegenseitige Zugest\u00e4ndnisse m\u00f6glich. Beispielsweise liessen sich ausgew\u00e4hlte Zoll\u00fcberg\u00e4nge 24 Stunden und an sieben Wochentagen betreiben. \u00a0Die radikalste L\u00f6sung w\u00e4re eine Zollunion der Schweiz mit der EU. Dadurch k\u00f6nnten die Zollschranken vollst\u00e4ndig abgebaut werden: Wartezeiten und Ursprungsnachweise w\u00e4ren hinf\u00e4llig, lediglich die MWST m\u00fcsste weiterhin abgerechnet werden. Eine Zollunion h\u00e4tte aber weitreichendere Folgen. So m\u00fcsste die Schweiz die Aussenz\u00f6lle zu Drittstaaten und die gesamte Aussenhandelspolitik der EU \u00fcbernehmen. Diese Konsequenzen w\u00e4ren jedoch gering, wie Minsch und Moser (2006) zeigen. Im Weiteren m\u00fcsste die Schweiz alle Z\u00f6lle auf landwirtschaftlichen Produkten aus der EU abschaffen und das Steuersystem umbauen. Da die Schweiz ihren MWST-Satz auf den EU-Minimalsatz von 15% anheben m\u00fcsste, k\u00f6nnten daf\u00fcr andere Steuern reduziert werden. Bei einer geschickten Ausgestaltung k\u00f6nnte das Wachstum dadurch weiter gesteigert werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a title=\"Auswirkungen der Zollgrenzen auf das BIP\">Grafik 1 \u00abAuswirkungen der Zollgrenzen auf das BIP\u00bb<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a class=\"inline-footnote__anchor\">Kasten 1: Missverh\u00e4ltnis zwischen Zolleinnahmen und -abwicklungskosten<\/a> Die Zollabwicklung ist nicht nur f\u00fcr private Unternehmen aufwendig, sondern auch f\u00fcr den Staat. Die Ausgaben der Schweizer Zollverwaltung beliefen sich im Jahr 2004 auf 792 Mio. Franken. Allerdings ist nur ein Teil dieser Aufwendungen auf die Zollabwicklung zur\u00fcckzuf\u00fchren, da die Zollverwaltung neben Z\u00f6llen verschiedene Steuern erhebt (Tabak-, Mehrwert-, Automobilsteuer, LSVA usw.). Wir sch\u00e4tzen, dass die Kosten beim Bund f\u00fcr die Zollabwicklung etwa 200-400 Mio. Franken betragen d\u00fcrften. Diesen Kosten stehen die Zolleinnahmen durch Einfuhrz\u00f6lle gegen\u00fcber. Im Jahr 2004 betrugen diese noch 1054 Mio. Franken. Der gr\u00f6sste Anteil der Zolleinnahmen stammt von Importen landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Lediglich 28% &#8211; oder weniger als 300 Mio. Franken &#8211; werden durch Einfuhrz\u00f6lle auf Industrieprodukten generiert. Die Zolleinnahmen weisen eine eindeutig sinkende Tendenz auf: Seit 1995 sind sie real um 18% gesunken. Im Jahre 2004 entsprachen sie gerade noch 2,2% der gesamten Bundeseinnahmen. Vor dem Hintergrund neuer Freihandelsvertr\u00e4ge (z.B. S\u00fcdkorea) und des Freihandels f\u00fcr K\u00e4se mit der EU ab 2007 ist voraussehbar, dass die Zolleinnahmen in Zukunft weiter sinken werden. Bei der Gegen\u00fcberstellung von Kosten und Einnahmen zeigt sich ein betr\u00e4chtliches Missverh\u00e4ltnis. W\u00e4hrend die volkswirtschaftlichen Kosten der Grenze (Private und Staat) somit in der Summe etwa 4 Mrd. Franken pro Jahr betragen, belaufen sich die Zolleinnahmen auf etwas mehr als 1 Mrd. Franken. Kurz: Jeder eingenommene Zollfranken verursacht volkswirtschaftliche Kosten von 4 Franken!&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a class=\"inline-footnote__anchor\">Kasten 2: K\u00fcnzli SwissSchuh AG und Trumpf Maschinen AG<\/a> Das Beispiel der Firma K\u00fcnzli SwissSchuh AG in Windisch zeigt, dass kleine und mittlere Unternehmen (KMU) besonders stark von beschr\u00e4nkten Zoll\u00f6ffnungszeiten betroffen sein k\u00f6nnen. K\u00fcnzli stellt seit vielen Jahren erfolgreich therapeutische Orthop\u00e4die-Schuhe her und exportiert die Produkte u.a. nach Deutschland, Japan und in die USA. Die Schuhe geniessen einen ausgezeichneten Ruf und werden vor allem von Unfallversicherungen favorisiert, weil sie die Ausfallzeit am Arbeitsplatz gegen\u00fcber einer Fussstabilisierung mit Gips reduzieren. Die orthop\u00e4dischen Schuhe sollten nach einem Unfall so schnell wie m\u00f6glich beim Kunden eintreffen. W\u00e4hrend der Schweizer Kunde die Schuhe bereits am n\u00e4chsten Tag um sieben Uhr morgens erh\u00e4lt, verhindern die Zeitverz\u00f6gerungen am Zoll eine rechtzeitige Belieferung der deutschen Kunden vom Zentrallager aus. Die Firma ist deshalb gezwungen, im deutschen Freiburg ein separates Lager mit den g\u00e4ngigsten Produkten zu f\u00fchren. Gem\u00e4ss Auskunft der Firmenleitung verursacht diese doppelte Lagerf\u00fchrung Kosten in der H\u00f6he von rund 10% -15% der Warenertr\u00e4ge im EU-Raum.Zeitverz\u00f6gerungen am Zoll k\u00f6nnen aber auch Firmen der Investitionsg\u00fcterindustrie betreffen. Die Firma Trumpf Maschinen Gr\u00fcsch AG beispielsweise, die Blechverarbeitungsmaschinen herstellt, evaluierte verschiedene Standorte f\u00fcr ein zentrales Ersatzteillager in Europa. Die Schweiz kam wegen ihrer zentralen Lage in die n\u00e4here Wahl, fiel jedoch aufgrund der Zollproblematik aus dem Rennen. Weil das Industrieunternehmen nun in der Schweiz parallel ein beschr\u00e4nktes Ersatzteillager f\u00fchrt, verteuern sich die Lagerkosten um zirka 50%. Sind gewisse Ersatzteile in der Schweiz nicht verf\u00fcgbar, behilft man sich damit, dass ein Bestandteil am Standort Gr\u00fcsch aus einer neuen Maschine ausgebaut und dem Kunden geliefert wird. Wenn das Ersatzteil aus dem Zentrallager sp\u00e4ter eintrifft, wird es wieder in die Maschine eingebaut. Die beschr\u00e4nkten Zoll\u00f6ffnungszeiten verteuern somit die Produktion am Standort Schweiz.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a class=\"inline-footnote__anchor\">Kasten 3: Weiterf\u00fchrende Literatur<\/a> &#8211; Ecoplan (2005): Wirtschaftliche Auswirkungen einer Zollunion Schweiz &#8211; EU. Ergebnisse aus dem berechenbaren Mehrl\u00e4nder-Gleichgewichtsmodell Swissgem. Unver\u00f6ffentlichtes Manuskript. Bern.- Minsch, Ruedi, Moser, Peter (2006), Die schweizerische Aussenhandelspolitik im Windschatten der Europ\u00e4ischen Union, erscheint in: Aussenwirtschaft, Heft 1. &#8211; World Bank (2005): Doing Business. Benchmarking Business Regulations. ( <a href=\"http:\/\/www.doingbusiness.org\">www.doingbusiness.org<\/a> ).<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zollschranken an der Schweizer Grenze verursachen hohe Kosten f\u00fcr Unternehmen und verteuern die Ex- und Importe. Erstmals konnten mit Hilfe einer breit angelegten Unternehmensbefragung in der Schweiz die Kosten der Grenze in Erfahrung gebracht werden. Die im Auftrag von Avenir Suisse durchgef\u00fchrte Studie zeigt, dass die Zollschranken bei j\u00e4hrlichen Einnahmen von 1 Mrd. Franken [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":2772,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[154],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":2772,"seco_co_author":[2773,0],"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Professor f\u00fcr Volkswirtschaftslehre, Hochschule f\u00fcr Technik und Wirtschaft Chur (HTW Chur)","seco_author_post_occupation_fr":"Professeur d'\u00e9conomie politique, Hochschule f\u00fcr Technik und Wirtschaft (HTW), Coire","seco_co_authors_post_ocupation":[{"seco_co_author":2773,"seco_co_author_post_occupation_year":"","seco_co_author_post_occupation_de":"Professor f\u00fcr Volkswirtschaftslehre, Zentrum f\u00fcr wirtschaftspolitische Forschung, Fachhochschule Graub\u00fcnden, Chur","seco_co_author_post_occupation_fr":"Professeur de sciences \u00e9conomiques, Centre de recherche en politique \u00e9conomique, Haute \u00e9cole sp\u00e9cialis\u00e9e des Grisons"}],"short_title":"","post_lead":"","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":125042,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"9165","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/55dc14369aa38"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/125039"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2772"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=125039"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/125039\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":128464,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/125039\/revisions\/128464"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2773"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2772"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=125039"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=125039"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=125039"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=125039"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=125039"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=125039"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}