{"id":125064,"date":"2006-03-01T12:00:00","date_gmt":"2006-03-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2006\/03\/spreng-schwank-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:48:34","modified_gmt":"2023-08-23T21:48:34","slug":"spreng-schwank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2006\/03\/spreng-schwank\/","title":{"rendered":"Preisvolatilit\u00e4t und Versorgungssicherheit"},"content":{"rendered":"<p>In Zukunft sind beim Erd\u00f6l vermehrt signifikante, kurzfristige Preisschwankungen zu erwarten. Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind das verlangsamte Wachstum der Produktion in vielen F\u00f6rderl\u00e4ndern und die kleiner werdenden Reservekapazit\u00e4ten der weltweiten F\u00f6rderleistung, aber auch unvorhergesehene Ereignisse, die Nachfrage oder Angebot beeinflussen. Diese Preisschwankungen k\u00f6nnen zu unerwarteten und unerw\u00fcnschten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen f\u00fchren. Es stellt sich deshalb die Frage, inwieweit vorhandene strategische Reserven in der Schweiz effektiv und effizient zur Gl\u00e4ttung dieser Preisschwankungen eingesetzt werden k\u00f6nnten.&#13;<\/p>\n<h2>Langfristige Erd\u00f6lpreisentwicklung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie langfristige Erd\u00f6lpreisentwicklung wird von Experten sehr unterschiedlich beurteilt. Auf der einen Seite sagen die Modelle der Energy Information Administration (EIA) des US-amerikanischen Energiedepartementes eine mittelfristige Entspannung im Markt und bis 2030 einen \u00d6lpreis auf dem heutigen Niveau voraus.1 W\u00e4hrend sich andere Analysen nicht auf konkrete Preisprognosen einlassen, schliesst sich die neue Studie des renommierten Beratungsunternehmens Cambridge Energy Research Associates (Cera) grunds\u00e4tzlich der Einsch\u00e4tzung der EIA an und prognostiziert f\u00fcr die Zukunft einen Ausbau der Produktionskapazit\u00e4ten dank Produktediversifikation bis 2020. Auf der anderen Seite des Szenarienspektrums befindet sich die Analyse des Englischen Energy Institute in der Petroleum Review, welche die von Cera prognostizierten Kapazit\u00e4tserweiterungen als unrealistisch einstuft und einen Produktionsengpass &#8211; mit entsprechenden Preissteigerungen &#8211; erwartet. Dieser Einsch\u00e4tzung schliessen sich andere prominente Kenner an, so zum Beispiel Colin Campbell oder Matthew Simmons . \u00a0Die Kritiker der optimistischen Produktionsszenarien zweifeln nicht prim\u00e4r das Ausmass der in der Erdkruste noch vorhandenen \u00d6lreserven an. Stattdessen sagen sie &#8211; vor allem wegen des Alters der produktivsten \u00d6lfelder &#8211; einen langsamen R\u00fcckgang der Produktionskapazit\u00e4t des \u00ableicht f\u00f6rderbaren, g\u00fcnstigen \u00d6ls\u00bb ab 2010 voraus. F\u00fcr die n\u00e4chsten 25 Jahre ist demnach die entscheidende Frage nicht, wie lange das Erd\u00f6l noch reicht, sondern ob und wie lange die F\u00f6rderkapazit\u00e4t aufrechterhalten oder ausgebaut werden kann. Sollte dies nicht mehr der Fall sein, w\u00e4re mit einem deutlichen Trend zu h\u00f6heren Preisen zu rechnen.&#13;<\/p>\n<h2>Kurzfristige Preisschwankungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBei aller Unsicherheit \u00fcber die langfristige Entwicklung des durchschnittlichen \u00d6lpreises bleibt die Tatsache der global schwindenden Reserven bei der F\u00f6rderkapazit\u00e4t relativ unbestritten. \u00a0Mangelnde Investitionen und markante Nachfragesteigerungen in der Gr\u00f6ssenordung von 2% pro Jahr haben dazu beigetragen, dass ein dramatischer R\u00fcckgang der Reservekapazit\u00e4ten von etwa 8% auf 1,2% der Gesamtf\u00f6rdermengen innerhalb der letzten vier Jahre stattfand (siehe <a title=\"Reserve in der F\u00f6rderkapazit\u00e4t der Opec-L\u00e4nder und durchschnittliche Roh\u00f6lpreise auf Spotm\u00e4rkten, 2002-2005\">Grafik 1<\/a>). \u00a0In der Vergangenheit konnten Produktionsengp\u00e4sse oder akute Nachfragesteigerungen haupts\u00e4chlich durch Auslastung der Reservekapazit\u00e4ten Saudi Arabiens aufgefangen und die \u00d6lpreise stabilisiert werden. Diese Reservekapazit\u00e4t wird ohne Nachfrageeinbruch kaum wieder zu erreichen sein. Somit reduzieren sich auch die M\u00f6glichkeiten, Schwankungen im Angebot oder in der Nachfrage mit Anpassungen der Produktionsmenge aufzufangen. Die schwindende Reservekapazit\u00e4t und ung\u00fcnstige Rahmenbedingungen in vielen F\u00f6rderl\u00e4ndern werden zu vermehrten kurz- und mittelfristigen Preisschwankungen f\u00fchren. Die Auswirkungen dieser Preisschwankung k\u00f6nnen f\u00fcr Wirtschaft und Gesellschaft von grosser Relevanz sein.\u00a0Der Economist fasst eine Analyse der zuk\u00fcnftigen \u00d6lpreisentwicklung mit den folgenden Worten zusammen: \u00abDas einzige Vern\u00fcnftige, was man heute \u00fcber die \u00d6lpreise sagen kann, ist, dass es unwahrscheinlich ist, dass sie stabil bleiben werden.\u00bb In der gegenw\u00e4rtigen Situation kumulieren sich strukturelle Ursachen f\u00fcr die erh\u00f6hte Variabilit\u00e4t der \u00d6lpreise mit politischer Instabilit\u00e4t in wichtigen F\u00f6rderl\u00e4ndern (z.B. Irak und Iran), welche spekulative Aktivit\u00e4ten ausl\u00f6sen. Spekulationen auf den Erd\u00f6lm\u00e4rkten d\u00fcrften in Zukunft das Risiko erh\u00f6hter Volatilit\u00e4t noch versch\u00e4rfen. Ob Preisschocks durch Spekulation oder durch Ungleichgewichte im Markt ausgel\u00f6st werden &#8211; die verst\u00e4rkte Volatilit\u00e4t der Erd\u00f6lpreise birgt so oder so grosse Herausforderungen.&#13;<\/p>\n<h2>Auswirkungen kurzfristiger Preisschwankungen in der Schweiz mildern<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr die Entscheidungstr\u00e4ger in der Schweizer Wirtschaft und Politik gilt es, die Auswirkungen von kurzfristigen Preisschwankungen abzusch\u00e4tzen. Die entscheidende Frage ist, wie wir auf m\u00f6gliche k\u00fcnftige St\u00f6rungen reagieren werden, wenn bereits das bestehende Preisniveau als \u00abnahe der Schmerzgrenze\u00bb wahrgenommen wird. W\u00e4hrend auf lange Sicht Energietr\u00e4ger substituiert werden k\u00f6nnen und auf langfristige Preissteigerungen mit Energiespar- und -effizienzsteigerungsmassnahmen reagiert werden kann, sind Wirtschaft und Gesellschaft kurzfristig stark von den Energietr\u00e4gern abh\u00e4ngig, auf welche sie ausgerichtet sind. Als besonders empfindlich sind Verbraucher von Treibstoffen einzustufen. Dabei spielen auch psychologische Aspekte eine wesentliche Rolle, beansprucht doch diese Verbrauchergruppe rund 55% der Erd\u00f6lprodukte (siehe <a title=\"Endverbrauch von Erd\u00f6lprodukten in der Schweiz, 2004 (in 1000 t)\">Grafik 2<\/a>). \u00a0Angesichts der Zunahme der Preisvolatilit\u00e4t stellen sich, wollen wir k\u00fcnftig die Auswirkungen kurzfristiger Preisschwankungen f\u00fcr unser Land minimieren, folgende zentrale Fragen: \u00a0Was kostet die Erd\u00f6lpreisvolatilit\u00e4t die Schweizer Wirtschaft? Wie viel ist die Wirtschaft f\u00fcr effektive Massnahmen zur Sicherung der Stabilit\u00e4t in der Erd\u00f6lversorgung zu bezahlen bereit? Welche M\u00f6glichkeiten bestehen f\u00fcr die Schweiz, um sich gegen die negativen Folgen der erh\u00f6hten Volatilit\u00e4t der Erd\u00f6lpreise zu sch\u00fctzen?&#13;<\/p>\n<h2>Handlungsoption: Einsatz strategischer Reserven<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr die Schweiz, die ein kleiner Nachfrager auf dem Weltmarkt ist und sich ausserhalb politischer Allianzen befindet, sind die Handlungsoptionen beschr\u00e4nkt. Aber auch uns stehen Mittel zur Verf\u00fcgung. Im September letzten Jahres haben die Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur (IEA), darunter auch die Schweiz, einstimmig einem Notstandsplan zur Sicherung der Versorgung mit Erd\u00f6l zugestimmt. Die gemeinsamen Massnahmen zur Abschw\u00e4chung von Preisschocks haben sich im Falle des Hurrikans Katrina bereits bew\u00e4hrt. \u00a0Analog zu den strategischen Reserven in den USA gibt es in der Schweiz Pflichtlager und milit\u00e4rische Einsatzreserven f\u00fcr Erd\u00f6lprodukte. Seit einigen Jahren werden diese Reserven schrittweise reduziert. Die Verkleinerung der Armee sowie die Reduktion der Pflichtlager von ehemals 6 auf 4,5 Monate Gesamtverbrauch machen zahlreiche Lager obsolet. Es stellt sich die Frage, ob die ehemaligen Pflichtlager nicht neu als Lager f\u00fcr die Wirtschaft beansprucht werden k\u00f6nnten und ob mit dem Einsatz der neuen, gr\u00f6sseren Reserve bei starken kurzfristigen Preisschwankungen nicht ein Beitrag zur Stabilit\u00e4t der Erd\u00f6lversorgung geleistet werden k\u00f6nnte.\u00a0Insbesondere sollte gepr\u00fcft werden, ob solche Reserven bewirtschaftet werden k\u00f6nnen, indem interessierten Schweizer Firmen und Organisationen Optionen f\u00fcr Treibstoff zu einem garantierten Preis offeriert werden. Anders als bei Optionen, wie sie auf dem Finanzmarkt erh\u00e4ltlich sind, w\u00fcrden die bestehenden Anlagen die Lagerung in der Schweiz erm\u00f6glichen und so kurzfristig eine vollst\u00e4ndig autarke Versorgung sicherstellen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a title=\"Reserve in der F\u00f6rderkapazit\u00e4t der Opec-L\u00e4nder und durchschnittliche Roh\u00f6lpreise auf Spotm\u00e4rkten, 2002-2005\">Grafik 1 \u00abReserve in der F\u00f6rderkapazit\u00e4t der Opec-L\u00e4nder und durchschnittliche Roh\u00f6lpreise auf Spotm\u00e4rkten, 2002-2005\u00bb<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a title=\"Endverbrauch von Erd\u00f6lprodukten in der Schweiz, 2004 (in 1000 t)\">Grafik 2 \u00abEndverbrauch von Erd\u00f6lprodukten in der Schweiz, 2004 (in 1000 t)\u00bb<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zukunft sind beim Erd\u00f6l vermehrt signifikante, kurzfristige Preisschwankungen zu erwarten. 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