{"id":125134,"date":"2006-02-01T12:00:00","date_gmt":"2006-02-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2006\/02\/schlange-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:49:18","modified_gmt":"2023-08-23T21:49:18","slug":"schlange","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2006\/02\/schlange\/","title":{"rendered":"Administrative Entlastung von KMU im Kanton Graub\u00fcnden"},"content":{"rendered":"<p>Aus Unternehmerkreisen verlautet immer wieder der Ruf nach B\u00fcrokratieabbau. Dieser Forderung kann die Politik kaum in pauschaler Weise nachkommen. Vielmehr bietet sich die gezielte Entlastung der Unternehmen in einzelnen Bereichen an. Der Kanton Graub\u00fcnden ist dieser Frage erstmals fl\u00e4chendeckend nachgegangen. Zur Bestimmung konkreter Massnahmen wurde ein Vorgehen in drei Schritten gew\u00e4hlt: Erstens wurde in einer Unternehmensbefragung erfasst, welche administrativen Vorschriften in welchen Branchen als besonders belastend empfunden werden. Zweitens wurde abgekl\u00e4rt, \u00fcber welchen konkreten Handlungsspielraum zur Entlastung die Verwaltung verf\u00fcgt. Daraus liessen sich drittens geeignete Handlungsfelder f\u00fcr Entlastungsmassnahmen ableiten. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/1139052581_09_Schlange_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"248\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAdministrative T\u00e4tigkeiten k\u00f6nnen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) so stark belasten, dass ihre produktiven Leistungen dadurch beeintr\u00e4chtigt werden. Ziel der im Auftrag des Departements des Inneren und der Volkswirtschaft des Kantons Graub\u00fcnden durchgef\u00fchrten Unternehmensbefragung war die Identifizierung von Handlungsfeldern, die im Weiteren mit konkreten Massnahmen zur Entlastung der KMU bearbeitet werden k\u00f6nnen. Im Einklang mit M\u00fcller1 definiert die Untersuchung administrative Belastungen als Zusatzaufwand im Gesch\u00e4ftsbetrieb, der durch verbindliche beh\u00f6rdliche Vorschriften ausgel\u00f6st wird, und zwar unabh\u00e4ngig davon, ob die betroffenen KMU daraus eigenen Nutzen ziehen oder nicht. Keine administrativen Belastungen sind somit Vorschriften, welche von KMU als Beschr\u00e4nkungen des unternehmerischen Handlungsspielraums wahrgenommen werden. Gleichfalls ausgeschlossen sind administrative Auflagen der Leistungserstellung, welche Belastungen f\u00fcr KMU in Form von Zusatzinvestitionen oder erschwerten Betriebsabl\u00e4ufen nach sich ziehen. Vgl. auch Bundesrat (2003), S. 2.&#13;<\/p>\n<h2>Methodisches Vorgehen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie breit angelegte Untersuchung basiert auf einer Stichprobe von insgesamt 5846 B\u00fcndner KMU, denen im M\u00e4rz 2005 ein zweiseitiger Fragebogen zugestellt wurde. Gemessen an der gesamten Zahl von Arbeitsst\u00e4tten im Kanton Graub\u00fcnden (gem\u00e4ss Betriebsz\u00e4hlung 2001 rund 12000) wurde somit etwa die H\u00e4lfte der KMU kontaktiert. Obwohl die Ziehung der Stichprobe nicht zuf\u00e4llig erfolgte, sind die Resultate insoweit als repr\u00e4sentativ zu betrachten, als die Zusammensetzung der antwortenden KMU die Struktur der B\u00fcndner Wirtschaft recht gut abzubilden vermag. Zudem deutet auch die R\u00fccklaufquote von 24% darauf hin, dass sich aus den Umfrageergebnissen ein ziemlich aussagekr\u00e4ftiges Bild der Befindlichkeit unter den KMU zeichnen l\u00e4sst.\u00a0Bei den rund 1400 antwortenden KMU besteht ein \u00dcbergewicht in der Gruppe der Kleinstunternehmen mit weniger als 1 Mio. Franken Jahresumsatz und 1 bis 9 Vollzeitbesch\u00e4ftigten. Die Gruppe der KMU mit 10 bis 49 Besch\u00e4ftigten macht noch rund ein Viertel der Stichprobe aus, w\u00e4hrend die gr\u00f6sseren KMU mit mehr als 50 Besch\u00e4ftigten lediglich 7% f\u00fcr sich in Anspruch nehmen. Einerseits spiegelt dies die ausgepr\u00e4gte Dominanz der gewerblichen Wirtschaft im Kanton Graub\u00fcnden (85% der Betriebe haben gem\u00e4ss Betriebsz\u00e4hlung 2001 weniger als 10 Besch\u00e4ftigte). Zum anderen d\u00fcrften Klein- und Kleinstunternehmen von Administrativarbeiten vergleichsweise st\u00e4rker betroffen sein, m\u00fcssen sie doch den beh\u00f6rdlichen Vorschriften mit deutlich geringerer Ressourcenausstattung Folge leisten, als es bei den gr\u00f6sseren Unternehmen der Fall ist. Daher k\u00f6nnte diese Gruppe auch zus\u00e4tzliche Motivation versp\u00fcrt haben, sich an der Erhebung zu beteiligen.\u00a0Der nach Branchen gegliederte R\u00fccklauf zeigt ein \u00e4hnliches Bild ungleichm\u00e4ssiger Verteilung. W\u00e4hrend einige der insgesamt 19 Branchen &#8211; strukturbedingt &#8211; deutlich \u00fcberrepr\u00e4sentiert sind (Gast- und Baugewerbe, Gross- und Detailhandel, Produzierendes Gewerbe), sind andere, z.T. wertsch\u00f6pfungsintensive Wirtschaftszweige in geringerem Ausmass vertreten (so z.B. Industrie, Maschinen-\/Fahrzeugbau, EDV, Elektrotechnik, Feinmechanik und Optik, Banken und Versicherungen, Nachrichten\u00fcbermittlung). Auch hier d\u00fcrfte die gr\u00f6ssere subjektive Betroffenheit der KMU in einzelnen Branchen zu einer gewissen anteilsm\u00e4ssigen Verzerrung beigetragen haben.&#13;<\/p>\n<h2>Erkenntnisse aus der Erhebung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Mehrzahl empfindet ihre administrativen Belastungen als gewichtig: Rund drei Viertel der antwortenden KMU sind der Auffassung, die Erledigung beh\u00f6rdlicher Vorschriften verursache in ihrem Betrieb zu viel Aufwand. 43% gaben an, dies sei lediglich teilweise zutreffend. F\u00fcr rund 21% ist dies eher nicht oder gar nicht der Fall. Die effektive Belastung erscheint indes als nicht so gravierend, wie es zahlreiche Voten in \u00d6ffentlichkeit und Politik vermuten lassen. So sagen etwas mehr als ein Drittel aller antwortenden KMU, der zeitliche Gesamtaufwand f\u00fcr die Erledigung beh\u00f6rdlicher Vorschriften betrage in ihrem Betrieb im Durchschnitt mehr als 20 Stunden pro Monat; nur rund 5% gaben mehr als 60 Stunden an. Hingegen wenden rund 60% weniger als 20 Stunden pro Monat auf.\u00a0Als weiteres Ergebnis mag \u00fcberraschen, dass &#8211; entgegen den zuvor ge\u00e4usserten Vermutungen &#8211; das effektive Ausmass der administrativen Belastungen tendenziell mit wachsender Unternehmensgr\u00f6sse zunimmt. So sch\u00e4tzt die Gruppe der Kleinstunternehmen ihre Belastung als nicht so gross ein, wenden doch 70% von ihnen weniger als 20 Stunden pro Monat auf. Von den gr\u00f6sseren Unternehmen sagen dies lediglich zwischen 10% und 45%. Folglich empfindet die Mehrzahl der KMU die Administrativarbeiten zwar als belastend; ihre effektiv aufgewendete Zeit erscheint aber als moderat. Die beanstandeten M\u00e4ngel sind dennoch ernst zu nehmen, weil sie bei den betroffenen Unternehmen Zusatzaufwand verursachen, der sich m\u00f6glicherweise vermeiden l\u00e4sst.\u00a0Auch im Branchenvergleich zeigt sich, dass die KMU ihre Belastungen unterschiedlich wahrnehmen. Der Anteil der Unternehmen, f\u00fcr die beh\u00f6rdliche Vorschriften zumindest teilweise zu viel Aufwand verursachen, schwankt zwischen rund 85% bei den Branchen Gastgewerbe, Tourismus und Verkehr sowie Industrie und rund 65% bei den privaten Dienstleistungen und der Grundversorgung. Die Belastungen aus der Mehrwertsteuerabrechnung, der Unternehmensbesteuerung, den Umweltschutzauflagen sowie der Rechnungslegung sind f\u00fcr alle Branchen gleichermassen von Bedeutung. Hingegen werden die \u00fcbrigen Belastungsarten lediglich in einzelnen Branchen als bedeutsam empfunden.\u00a0Aufgrund dieser unterschiedlichen Gewichtungen lassen sich schliesslich die vorrangigen Handlungsfelder f\u00fcr administrative Entlastungen auf kantonaler Ebene aus Sicht der betroffenen Unternehmen heraussch\u00e4len. Diese liegen: \u00a0&#8211; erstens im Bereich Unternehmensbesteuerung und Rechnungslegung f\u00fcr alle KMU;\u00a0&#8211; zweitens im Bereich der Bewilligungen f\u00fcr Unternehmen aus den Branchen Bau- und Gastgewerbe, Tourismus und Verkehr, Industrie sowie Grundversorgung;\u00a0&#8211; drittens im Bereich Arbeitsauflagen f\u00fcr Unternehmen im Bau-, Gast- und produzierenden Gewerbe sowie in Tourismus und Verkehr. \u00a0\u00a0Weiter sind folgende Handlungsfelder auszumachen: ausl\u00e4ndische Arbeitnehmende, andere Steuern und Abgaben, Lehrlingsausbildung, Warenein- und -ausfuhr sowie Sozialversicherungen.&#13;<\/p>\n<h2>Beh\u00f6rdlicher Handlungsspielraum ausschlaggebend<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAngesichts des spezifischen Problemdrucks der KMU muss sich die Verwaltung fragen, in welchen Bereichen sie \u00fcber Handlungsspielraum f\u00fcr Entlastungsmassnahmen verf\u00fcgt. Da ihr der Weg einer Anpassung gesetzlicher Regeln verschlossen ist, sind diese vorab auf den Vollzug beschr\u00e4nkt. Damit konzentrieren sich Massnahmen auf die bereits vom Bundesrat definierten grundlegenden Optionen Beschleunigung, Vereinfachung und Koordination von Prozessen, Pr\u00fcfung und Einf\u00fchrung alternativer Verfahren sowie Durchsetzung der Kundenorientierung.3 Hinzu kommt, dass die kantonale Verwaltung Regelungen, welche auf Bundesgesetz beruhen bzw. in der Kompetenz der Gemeinden oder anderweitiger Dritter (z.B. der Suva im Bereich der Unfallversicherung) liegen, kaum beeinflussen kann.\u00a0<a title=\"Kantonale Handlungsfelder f\u00fcr Entlastungsmassnahmen\">Grafik 1<\/a> zeigt eine Zuordnung, wie sie unter Ber\u00fccksichtigung dieser \u00dcberlegungen vorgenommen werden kann. Dabei handelt es sich um eine erste Schwerpunktbildung, die sich aufgrund einer Sichtung der Belastungstatbest\u00e4nde aus kantonaler Perspektive ergibt. Administrative Vorschriften im Bereich der Mehrwertsteuer, der statistischen Ausk\u00fcnfte an Bundes\u00e4mter, der Rechnungslegung, der Lehrlingsausbildung sowie der Arbeitssicherheit sind auf kantonaler Ebene nicht oder kaum beeinflussbar, obwohl sie zu den h\u00e4ufig genannten Ursachen f\u00fcr administrativen Mehraufwand z\u00e4hlen. Abgeschw\u00e4cht gilt dies auch f\u00fcr die Renten- und Arbeitslosenversicherungen sowie f\u00fcr den Warenverkehr mit dem Ausland. Hingegen k\u00f6nnen die Bereiche Quellensteuer sowie andere Steuern und Abgaben, die statistischen Ausk\u00fcnfte an den Kanton, die Haltung von Motorfahrzeugen sowie die Alkoholabrechnung direkt angegangen werden, da sie weit gehend auf kantonaler Ebene geregelt sind.\u00a0Die wichtigsten Handlungsfelder liegen jedoch im Feld oben rechts. Hierzu geh\u00f6ren die administrativen Abl\u00e4ufe im Bereich der Unternehmensbesteuerung, die indes im Zusammenhang mit den Diskussionen \u00fcber die Steuerbelastung f\u00fcr Unternehmen am Standort Graub\u00fcnden noch genauer zu untersuchen sind. Eine weitere Gruppe betrifft den Bereich der Bewilligungsverfahren (Umweltschutz, Bauvorhaben), deren verwaltungsseitige Organisation ebenfalls vertieft zu analysieren ist. Aus kantonaler Sicht sind schliesslich die Produktionsvorschriften sowie die Administration der ausl\u00e4ndischen Arbeitnehmenden vorrangig.\u00a0Mit Blick auf die Umsetzung konkreter Entlastungsmassnahmen in den definierten Bereichen hat die Unternehmensbefragung auch gezeigt, dass die KMU dazu bereit sind, bei der Erarbeitung von Massnahmen zu ihrer Entlastung mitzuwirken. Dies zeigt sich an einer grossen Zahl konkreter Vorschl\u00e4ge zur Effizienzsteigerung der beh\u00f6rdlichen Verfahren. Die Verwaltung definiert drei strategische Stossrichtungen, die je nach Situation eingesetzt werden sollen:\u00a0&#8211; Fokusgruppen mit Branchen- und Verwaltungsvertretern bearbeiten Handlungsfelder, die f\u00fcr einzelne oder mehrere Branchen von hoher Bedeutung sind.\u00a0&#8211; Verwaltungsinterne Arbeitsgruppen bearbeiten administrative Abl\u00e4ufe, die mehrere Verwaltungsstellen betreffen.\u00a0&#8211; Einzelne Bereiche sind noch genauer zu \u00fcberpr\u00fcfen, um die materiellen und\/oder administrativen Ursachen der Belastung zu identifizieren. Danach k\u00f6nnen Fokusgruppen oder verwaltungsinterne Arbeitsgruppen eingesetzt werden.&#13;<\/p>\n<h2>Schlussfolgerungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie administrative Entlastung der KMU ist eine politische Aufgabe, die mit grosser Beharrlichkeit im Detail vorangetrieben werden muss. Verbesserungen schaffen Win-Win-Situationen, weil sowohl die Unternehmen weniger Administrativarbeiten zu bew\u00e4ltigen haben als auch die Verwaltung von effizienteren Abl\u00e4ufen profitiert. Die vorgestellte Erhebung verschafft Gewissheit dar\u00fcber, wie die Priorit\u00e4ten f\u00fcr solche Entlastungsmassnahmen zu setzen sind. Die grosse Beteiligung zeigt zudem, dass KMU bereit sind, bei der Suche nach geeigneten L\u00f6sungen Hand zu bieten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a title=\"Kantonale Handlungsfelder f\u00fcr Entlastungsmassnahmen\">Grafik 1 \u00abKantonale Handlungsfelder f\u00fcr Entlastungsmassnahmen\u00bb<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a class=\"inline-footnote__anchor\">Kasten 1: Literatur<\/a> &#8211; M\u00fcller, Christoph (1998): Administrative Belastung von KMU im internationalen und kantonalen Vergleich, Studienreihe Strukturberichterstattung, hrsg. vom Bundesamt f\u00fcr Wirtschaft und Arbeit (heute seco), St. Gallen, 1998.- Schweiz. Bundesrat (1999): Massnahmen zur Deregulierung und administrativen Entlastung, Bericht des Bundesrates vom 3. November 1999.- Schweiz. Bundesrat (2003): Massnahmen des Bundes zur administrativen Entlastung in den Unternehmen, Bericht des Bundesrates vom 16. Juni 2003.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus Unternehmerkreisen verlautet immer wieder der Ruf nach B\u00fcrokratieabbau. Dieser Forderung kann die Politik kaum in pauschaler Weise nachkommen. Vielmehr bietet sich die gezielte Entlastung der Unternehmen in einzelnen Bereichen an. Der Kanton Graub\u00fcnden ist dieser Frage erstmals fl\u00e4chendeckend nachgegangen. 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