{"id":125155,"date":"2005-12-01T12:00:00","date_gmt":"2005-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2006\/01\/beroggi-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:49:18","modified_gmt":"2023-08-23T21:49:18","slug":"beroggi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2005\/12\/beroggi\/","title":{"rendered":"Wie Innovation messen und effektiv f\u00f6rdern? Eine Delphi-Befragung"},"content":{"rendered":"<p>Politik und Wirtschaft stehen permanent vor der Frage, wie forschungsbasierte Innovation valid gemessen und effektiv gef\u00f6rdert werden kann. Im Rahmen einer einj\u00e4hrigen Studie hat das Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) eine Expertenbefragung zu diesem Thema durchgef\u00fchrt. Als Resultat konnte ein Modell des Innovationssystems hergeleitet werden, mit welchem das BFS die Innovationsindikatoren definieren kann, die f\u00fcr die Analyse des Systems notwendig sind und dem Entscheidungstr\u00e4ger Grundlagen f\u00fcr seine Weiterentwicklung liefern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAm Ministertreffen des OECD-Komitees f\u00fcr Wissenschaft und Technologie vom Januar 2004 wurden die gr\u00f6ssten Herausforderungen der Wissenschafts- und Innovationspolitik formuliert.1 Bez\u00fcglich der Modellierung des Innovationssystems geh\u00f6ren dazu eine bessere Erfassung der Prozesse und Vernetzungen in der Innovation, ein Einbezug der Akteure und deren Entscheidungsprozesse in diese Strukturen und eine st\u00e4rkere Ber\u00fccksichtigung von Managementaspekten der Innovation.\u00a0Diese Herausforderungen haben einen entscheidenden Einfluss auf das Innovationssystem und somit auch auf die Definition von Innovationsindikatoren. Die Europ\u00e4ische Kommission hat in den Rahmenprogrammen 5 und 6 diesem Problem geb\u00fchrend Rechnung getragen und verschiedene neue Modelle zur Definition von Innovationsindikatoren entwickelt.<a class=\"inline-footnote__anchor\">2<\/a> G. Beroggi\/V. T\u00e4ube\/M. L\u00e9vy (2004): Neues Konzept zur Erfassung der Einfl\u00fcssen von IKT auf Wirtschaft und Gesellschaft. Die Volkswirtschaft, 7-2004, S. 58-62. Dabei sollen auch die operativen Instrumente des Innovationsmanagements geb\u00fchrend ber\u00fccksichtigt werden.<a class=\"inline-footnote__anchor\">3<\/a> EU DG-Enterprise Innovation Papers No. 38: Innovation Management and the Knowledge-Driven Economy, 2004.&#13;<\/p>\n<h2>Methodisches Vorgehen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas BFS befasst sich mit der Bereitstellung von Innovationsindikatoren als Basis f\u00fcr die politische und wirtschaftliche Entscheidungsfindung. Um das komplexe Innovationssystem effektiv erfassen und gezielt f\u00f6rdern zu k\u00f6nnen, gen\u00fcgen die heute bereitgestellten Innovationsindikatoren nur noch bedingt. Deshalb hat das BFS im Zeitraum von April 2004 bis Mai 2005 eine Delphi-Expertenbefragung durchgef\u00fchrt (siehe Kasten 1). Ziel dieser Untersuchung war die Definition eines Modells des Innovationssystems, von dem relevante Innovationsindikatoren abgeleitet werden k\u00f6nnen.\u00a0Die dabei angewandte Delphi-Methode besteht darin, anonym Expertinnen und Experten zu befragen, ob sie bestimmten Konzepten, Definitionen und Postulaten in einem zu validierenden theoretischen Rahmen zustimmen oder nicht. Diese Validierung wurde in drei Umg\u00e4ngen (Runden) vorgenommen. Die jeweils eingegangenen Antworten wurden in den theoretischen Rahmen integriert, worauf der neue Rahmen wiederum gepr\u00fcft wurde, bis er von allen Experten akzeptiert werden konnte. \u00a0Die ersten zwei Runden dieser Befragung wurden \u00fcber das Internet durchgef\u00fchrt. In der zweiten Runde konnten die Experten die Verteilung der Antworten aller Experten aus der ersten Runde sowie die vorgeschlagenen Text\u00e4nderungen der zweiten Runde beurteilen. Die dritte Runde fand als Workshop im BFS in Neuenburg statt. Dort wurde vertieft auf jene Postulate eingegangen, welche sich nach den ersten zwei Runden als die wichtigsten zur Definition eines Modells herauskristallisiert hatten.\u00a0Insgesamt wurden 46 Innovationsexperten von verschiedenen Verwaltungsstellen auf Kantons- und Bundesebene, Think-Tanks, Instituten, Hochschulen und der Wirtschaft &#8211; vornehmlich aus der Schweiz, aber auch aus Deutschland und \u00d6sterreich sowie der Europ\u00e4ischen Kommission &#8211; zur Teilnahme an der Delphi-Befragung eingeladen.&#13;<\/p>\n<h2>Wichtigste Ergebnisse<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer durchschnittliche Konsens bez\u00fcglich der Postulate lag in der ersten Runde bei 78% und wurde in der zweiten Runde auf 94% verbessert. Die wichtigsten Resultate hinsichtlich der Modellbildung sind im Folgenden zusammengefasst.\u00a0&#8211; Die Notwendigkeit, ein umfassendes Modell des Innovationssystems zu definieren, wird heute von allen Experten anerkannt. Dabei soll das Modell das \u00abEric\u00bb-Prinzip ber\u00fccksichtigen, bei dem sich Innovation aus einem vierteiligen Prozess zusammensetzt (E: Education, R: Research, I: Innovation, C: Commercialization).\u00a0&#8211; Es kam deutlich zum Ausdruck, dass die Innovation einen zugef\u00fcgten Wert (\u00abAdded Value\u00bb) aufweisen soll &#8211; und zwar f\u00fcr politische Investitionsentscheide aus der Sicht der Volkswirtschaft und f\u00fcr wirtschaftliche Investitionsentscheide aus der Sicht der Unternehmen. Auf politischer Ebene soll sich die Schweiz auf ausgew\u00e4hlte Industrien konzentrieren, wo ein besonderer international entscheidender Wettbewerbsvorteil erzeugt werden kann.\u00a0&#8211; Innovationstransfer ist ein zentrales Anliegen. Im Rahmen des 6. Forschungsprojekts der Europ\u00e4ischen Kommission wurde ein europ\u00e4isches Netzwerk aus so genannten Innovation Relay Centres (IRC) &#8211; bestehend aus 72 europaweit verteilten Zentren &#8211; eingerichtet, die den transnationalen Austausch von Innovation f\u00f6rdern und so einen Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung leisten sollen.<a class=\"inline-footnote__anchor\">4<\/a> Vgl. http:\/\/irc.cordis.lu. In der Schweiz wurden das Osec Business Network Switzerland und das Centre d&#8217;appui scientifique et technologique (Cast EPFL) als IRC anerkannt.\u00a0&#8211; Stark hervorgehoben wurde die wachsende Bedeutung des Austausches von Wissen im Sinne einer Wissensgesellschaft nebst dem eher traditionellen Transfer von Technologien. Besonders im Rahmen des Bologna-Prozesses muss darauf geachtet werden, dass Wissen als praktisch umsetzbare F\u00e4higkeit vermittelt wird. So soll z.B. die Fachkompetenz \u00abStatistik\u00bb auch als Instrument des Innovations-Managements gelehrt werden.\u00a0&#8211; Es wird erwartet, dass sich drei Formen der Hochschulbildung (Universit\u00e4ten, Eidg. Technische Hochschulen sowie Fachhochschulen) noch st\u00e4rker differenzieren und spezialisieren werden. Die sich schnell ver\u00e4ndernde Bildungslandschaft wird eine wichtige Rolle bei der Innovationsf\u00f6rderung spielen.\u00a0&#8211; Die Hochschulausbildung stand traditionellerweise vorwiegend unter der Verantwortung von Bund und Kantonen. Immer mehr treten aber private Anbieter auf dem Markt in Erscheinung und beginnen die Hochschulausbildung mitzupr\u00e4gen. \u00a0&#8211; Ein zentraler Punkt f\u00fcr einen effektiven Innovations- und Wissenstransfer sind die Beziehungen zwischen den Forschungsinstituten, Hochschulen und Wirtschaftsinstitutionen. Dabei geht es um mehr als um die Durchf\u00fchrung gemeinsamer Projekte und bekannter Synergieeffekte. Vielmehr ist eine strukturelle Neuerorientierung im Sinne des Karrieretransfers zwischen Hochschule und Wirtschaft anzustreben. \u00a0&#8211; Mit der im Herbst 2005 in Kraft getretenen Bologna-Reform wird die Hochschulausbildung differenziert nach Methoden-, Fach-, Sozial- und Umsetzungskompetenzen. Letztere k\u00f6nnten in Form von Praktika realisiert werden. Realistischer ist aber eine verbreitete Einf\u00fchrung von berufs- und karrierebegleitenden Bildungsformen, welche die Umsetzungskompetenz kontinuierlich &#8211; nicht nur tempor\u00e4r beschr\u00e4nkt und laborartig &#8211; anstreben.&#13;<\/p>\n<h2>Ein Modell des Innovationssystems<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAm Innovations-Workshop, der im BFS im Rahmen der dritten Delphi-Evaluationsrunde stattfand, f\u00fchrten die Diskussionen um die zehn Postulate praktisch zu einem Konsens. Basierend auf diesem Konsens konnte ein Modell des Innovationssystems abgeleitet werden. Im Modell werden drei Ebenen unterschieden (siehe Grafik 1). \u00a0&#8211; Die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungstr\u00e4ger setzen die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die Finanzmittel zur F\u00f6rderung der Innovation fest. Im Sinne eines Regelkreises basieren ihre Entscheide auf dem Nutzen, der aus vorg\u00e4ngigen Entscheiden resultierte. Der Nutzen setzt sich zusammen aus dem Umsatz und der Anzahl neu geschaffener Stellen seitens des Verwenders der Innovation sowie aus dem Ertrag seitens des Entwicklers der Innovationsleistung. Die Entscheidungstr\u00e4ger beeinflussen den Innovationstransfer durch F\u00f6rderung der Rahmenbedingungen f\u00fcr die Innovationsschaffenden (Innovationsofferte) und die Innovationsabnehmer (Innovationsnachfrage). Zudem beeinflussen sie Bildung und Forschung in Wissenschaft und Technologie (W&amp;T) und im Management.\u00a0&#8211; Auf der Praxisebene findet der eigentliche Innovationstransfer zwischen dem Anbieter einer Innovation (Innovationsangebot, z.B. Hochschule, Forschungszentrum, privater Anbieter) und dem Nachfragenden (Innovationsnachfrage, z.B. Unternehmen, Markt) statt. Der Transfer der Innovation kann gezielt gef\u00f6rdert werden, zum Beispiel durch IRC. Diese k\u00f6nnen private Vermittler, Technologietransferstellen an Hochschulen oder auch Beratungsb\u00fcros sein.\u00a0&#8211; Die Ebene des W&amp;T-Managements umfasst zum einen die wissenschaftlich-technische Entwicklung und zum anderen deren Management (Kommerzialisierung der Innovationen). Nur eine starke Synergie zwischen wissenschaftlicher und technologischer Entwicklung und Kommerzialisierung kann zu einem Innovationstransfer f\u00fchren. Das fachliche Wissen, aber auch jenes \u00fcber Managementtechniken, muss in die Innovation und die Vermarktung einfliessen (Wissenstransfer).\u00a0\u00a0Die in der Box \u00abManagement\u00bb in Grafik 1 aufgezeigten Wechselwirkungen entsprechen einem von der EU verwendeten Modell zur F\u00f6rderung des Innovationsmanagements<a class=\"inline-footnote__anchor\">5<\/a> EU DG-Enterprise Innovation Papers No. 38: Innovation Management and the Knowledge-Driven Economy, 2004.. Die gleichen Wechselwirkungen gelten aber auch f\u00fcr den W&amp;T-Bereich. In diesen beiden Bereichen spielt sich die Wechselwirkung zwischen Bildung (Hochschule) und Forschung ab, welche von Fachzentren und Beratungsfirmen unterst\u00fctzt wird. Eine Neupositionierung der Hochschulen ist dabei unabdingbar.\u00a0Die Experten empfahlen, als n\u00e4chsten Schritt dieses Modell auf einen ausgew\u00e4hlten technologischen Bereich anzuwenden. Denkbare Bereiche sind die Biotechnologie oder die Mikrotechnologie; aber auch gesellschaftswissenschaftliche Bereiche wie die P\u00e4dagogik oder das Gesundheitswesen sind nicht auszuschliessen.&#13;<\/p>\n<h2>Definition von Indikatoren<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr die verschiedenen Elemente des Modells geht es nun darum, quantifizierbare Innovationsindikatoren zu definieren, mit denen die Leistung des Innovationssystems auf verschiedenen Niveaus erfasst werden kann. Die Niveaus beziehen sich auf regionale, branchenspezifische und marktrelevante Aspekte. Auf der Ebene der Praxis sollen prim\u00e4r drei Aspekte gemessen werden:\u00a0&#8211; die Bereitstellung von Innovationsofferten und -nachfragen;\u00a0&#8211; die Zusammenf\u00fchrung von Anbietern und Nachfragern;\u00a0&#8211; der erfolgreiche Innovations- und Wissenstransfer.\u00a0\u00a0Diese drei Indikatorengruppen f\u00fchren sowohl f\u00fcr Anbieter als auch f\u00fcr Nachfrager zum Nutzen der Innovation. Der Nutzen wiederum liefert dann die Grundlagen f\u00fcr die Entscheidungstr\u00e4ger, ihren Mitteleinsatz zu optimieren. \u00a0Mit Hilfe dieser Indikatoren sollen die statistischen Grundlagen f\u00fcr die politischen Entscheidungstr\u00e4ger und Wirtschaftskreise erarbeitet werden. Auch wenn verschiedene Indikatoren bereits vorliegen, wird es notwendig sein, neue Indikatoren zu definieren, um das gesamte System auf allen Stufen erfassen zu k\u00f6nnen. Erst dann wird das Modell als effektives Entscheidungsinstrument auf wirtschaftlicher und politischer Stufe eingesetzt werden k\u00f6nnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a class=\"inline-footnote__anchor\">Kasten 1: Teilnehmende Organisationen<\/a> Die zur Teilnahme an der Delphi-Befragung eingeladenen 46 Experten geh\u00f6rten zum Zeitpunkt der Befragung den unten aufgelisteten Organisationen an. Da jedoch die Delphi-Befragung anonym durchgef\u00fchrt wurde, ist uns nicht bekannt, welche Experten welche Meinung vertraten. Ebenfalls darf nicht geschlossen werden, dass diese Organisationen irgendeine Stellung zu dieser Arbeit und diesem Artikel einnehmen.Staatssekretariat f\u00fcr Bildung und Forschung (SBF), Staatsekretariat f\u00fcr Wirtschaft (seco), Bundesamt f\u00fcr Berufsbildung und Technologie (BBT), Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS), Zentrum f\u00fcr Wissenschaft und Technologiestudien (Cest), Europ\u00e4ische Kommission, Eurostat, Avenir Suisse, Economiesuisse, Osec Business Network, Steinbeis-Stiftung, verschiedene Universit\u00e4ten und Fachhochschulen sowie verschiedene regionale Innovationstransfer-Zentren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politik und Wirtschaft stehen permanent vor der Frage, wie forschungsbasierte Innovation valid gemessen und effektiv gef\u00f6rdert werden kann. Im Rahmen einer einj\u00e4hrigen Studie hat das Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) eine Expertenbefragung zu diesem Thema durchgef\u00fchrt. 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