{"id":125166,"date":"2005-12-01T12:00:00","date_gmt":"2005-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2006\/01\/zehnder-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:49:23","modified_gmt":"2023-08-23T21:49:23","slug":"zehnder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2005\/12\/zehnder\/","title":{"rendered":"Bildung und Forschung als Transferprodukte f\u00fcr innovative Firmen"},"content":{"rendered":"<p>Die grosse Herausforderung einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung in den westlichen L\u00e4ndern erfordert eine innovationszentrierte Verkn\u00fcpfung wesentlicher Ressourcen im \u00f6konomischen, politischen und akademischen Bereich. Hochpreisl\u00e4nder wie die Schweiz m\u00fcssen sich noch viel mehr auf den Innovationswettbewerb statt den g\u00e4ngigen Produktionswettbewerb ausrichten. Diese Form der Re-Industrialisierung bedingt einen Paradigmawechsel, denn der Innovationswettbewerb verlangt einen dynamischen und effizienten Wissensaustausch. Gleichzeitig muss in unserer Gesellschaft eine gesunde Risikokultur Akzeptanz finden. Diese Aspekte kommen in unserer Bildung immer noch viel zu kurz.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/1134652548_09_Zehnder01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"272\" \/>&#13;<\/p>\n<h2>Re-Industrialisierung &#8211; eine Neuorientierung fundamentaler Art<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweiz hat &#8211; wie alle westlichen L\u00e4nder &#8211; lange versucht, die Abwanderung von Produktionsst\u00e4tten zu verhindern. Nicht ohne Grund: Arbeitspl\u00e4tze gingen verloren, Restrukturierungen brachten die traditionellen Vorstellungen von Arbeit ins Wanken, soziale Errungenschaften wie die Arbeitslosenversicherung mussten pl\u00f6tzlich die Folgen eines breiten strukturellen Wandels auffangen. Es gab keine Strategien, um diesem durch die Globalisierung erzwungenen Wandel eine zukunftsgerichtete Vision zu geben. \u00a0Re-Industrialisierung ist nun nicht einfach die Umkehrung dieses Trends, sondern bedeutet eine Neuorientierung fundamentaler Art. Die Aufgabe, welche unsere Gesellschaft in Form der industriellen Produktion wahrgenommen hat, muss heute auf den Innovationsprozess selbst \u00fcbertragen werden. Innovation und Wissensaustausch sind qualitativ anspruchsvolle Produkte und Prozesse geworden, die wir mit unserem Bildungs- und Dienstleistungssystem herstellen. Dieser grossen Herausforderung f\u00fcr unser Wirtschaftssystem k\u00f6nnen wir uns stellen, wenn wir uns auf einen weltweiten Innovationsstatt Produktionswettbewerb einlassen, auf allen Bildungsstufen das Spiel mit dem Wissen zur Kultur werden lassen, die Freude f\u00fcr unternehmerisches Denken wecken und Innovation als zentrale Querschnittaufgabe der Politik erkl\u00e4ren. \u00a0Die Schweiz ist dazu gut positioniert. Wir haben es nur noch nicht ganz bemerkt und sch\u00f6pfen unser Potenzial viel zu wenig aus. Wir sind mitten in einem stimulierenden, internationalen und multikulturellen wirtschaftlichen Umfeld mit h\u00f6chster Wertsch\u00f6pfung in Bereichen eingebettet, in denen wir traditionell St\u00e4rke bewiesen haben und weiter Know-how austauschen: Chemie, Informationstechnologie, Optik und Pr\u00e4zisionsinstrumente sowie Maschinen- und Fahrzeugbau, um nur einige auf der technologischen Seite zu nennen. Im Bereich der \u00d6konomie stellen die Versicherungen und Banken Pfeiler unserer Volkswirtschaft dar. Wir verf\u00fcgen \u00fcber ein nationales Netzwerk von Klein- und Mittelunternehmen (KMU) bis hin zu Grosskonzernen und weisen eine gut sichtbare Innovationsaktivit\u00e4t auf.&#13;<\/p>\n<h2>Die Antwort des ETH-Bereichs<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm ETH-Bereich haben wir auf verschiedenen Ebenen begonnen, neue Formen des Wissensaustausches zu konkretisieren: Kompetenzzentren zu den Themen Energie, Umwelt und Materialwissenschaften sind im Aufbau und werden sowohl Partner der Industrie und der \u00f6ffentlichen Hand als auch der Universit\u00e4ten und der Fachhochschulen einbeziehen. Die bereits existierenden Kompetenzzentren mit ETH-Bereichsbeteiligung &#8211; SystemsX und Biochemical Imaging Group &#8211; sind als Verbundprojekte mit Universit\u00e4ten und der pharmazeutischen Industrie, respektive Spit\u00e4lern konzipiert. \u00a0Auch Firmenausgr\u00fcndungen sind ein Teil der Forschungskultur im ETH-Bereich geworden. Mit dem neuen Artikel 3a des ETH-Gesetzes sind nun auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen f\u00fcr Beteiligungen an Firmen im Rahmen des Leistungsauftrages und der Weisungen des ETH-Rates gegeben. Highlights dieser sich wandelnden Forschungskultur waren Firmengr\u00fcndungen wie Cytos und Kuros Therapeutics. Im Jahr 2004 wurde Integrated Systems Engineering f\u00fcr 90 Mio. Franken von Synopsis und 2005 GlycArt durch Roche mit einer Rekordsumme von 235 Mio. Franken \u00fcbernommen. \u00a0Der ETH-Bereich muss also den Vergleich mit namhaften Universit\u00e4ten in den USA nicht scheuen. So weisen die ETH Z\u00fcrich und die EPF Lausanne eine \u00e4hnlich hohe Anzahl an Firmenausgr\u00fcndungen aus wie zwei Spitzenuniversit\u00e4ten der USA, n\u00e4mlich das Massachusetts Institute of Technology (MIT) und die Stanford University. Die Zahlen des Europ\u00e4ischen Patentamtes attestieren der Schweiz mit 300 erteilten Patenten pro Million Einwohner ebenfalls eine Spitzenposition in der Erzeugung von verwertbarem Wissen. \u00a0Die rege Innovationst\u00e4tigkeit l\u00e4sst sich auch am Venture-Businessplan-Wettbewerb der ETH Z\u00fcrich und McKinsey ablesen. Seit 1998 wurden weit \u00fcber 300 Businesspl\u00e4ne eingereicht. Im Jahr 2004 waren es 200 Businessplan-Ideen; 100 davon brachten es schliesslich zur Businessplan-Reife.&#13;<\/p>\n<h2>Ansatzpunkte einer modernen Innovationsf\u00f6rderung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Innovationst\u00e4tigkeit der Schweiz stimmt also. Die Vielfalt einheimischer Branchen sollte sich stimulierend auf den Standort Schweiz auswirken; das internationale Umfeld ist g\u00fcnstig und die Bereitstellung von verwertbarem Wissen ist ausgezeichnet. Warum gelingt aber der Umstieg von einem produktionsorientierten Standort zu einer innovationsorientierten Wissensgesellschaft nur z\u00f6gerlich?\u00a0Die Erfolge einzelner neuer Firmen d\u00fcrfen nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass in der Regel Ausgr\u00fcndungen und Start-Ups nur langsam wachsen. Eine MIT-Studie1 hat vor einigen Jahren die zeitliche Dynamik von Firmengr\u00fcndungen durch MIT-Alumni analysiert. Lediglich 12%-15% der Firmen erreichten eine Gr\u00f6sse von \u00fcber 100 Mitarbeitenden 15 bis 30 Jahre nach Studienabschluss des Firmengr\u00fcnders oder der Firmengr\u00fcnderin. Nach 50 Jahren oder mehr waren es 30%. Daraus lassen sich zwei Schl\u00fcsse ziehen. \u00a0&#8211; Erstens: Firmengr\u00fcndungen, die kurzoder mittelfristig eine grosse Auswirkung auf die Wirtschaft haben, sind die Ausnahme, nicht die Regel. \u00a0&#8211; Zweitens: Innovationsf\u00f6rderung kann sich nicht auf F\u00f6rderung der Ausgr\u00fcndungen beschr\u00e4nken. Sie muss Kan\u00e4le in Tausende von KMU \u00f6ffnen.\u00a0\u00a0Wo aber muss dann Innovationsf\u00f6rderung ansetzen? Einfach ausgedr\u00fcckt: in den K\u00f6pfen! Die konkreten Handlungsfelder, die sich daraus ergeben, m\u00f6chte ich mit 4 Thesen skizzieren.&#13;<\/p>\n<h3>These 1: Wissens- und Technologietransfer ist bidirektional und braucht einen Push\/Pull-Ansatz<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nInnovation braucht in einer komplexen Welt bereits im Stadium der Konzeption das Feedback des Verbrauchers, der Ben\u00fctzerin, der Beh\u00f6rde oder des KMU; zu wenig k\u00f6nnen die Endanforderungen an ein Produkt oder an eine Dienstleistung vorhergesehen werden. Deshalb m\u00fcssen wir gezielt einen Push\/Pull-Ansatz w\u00e4hlen: Einerseits sollen neue Ideen aus der Forschung gezielt f\u00fcr die Praxis aufbereitet werden; anderseits muss die Praxis Forschungsergebnisse aktiv absorbieren und wiederum praxisrelevante Fragen an die Forschung stellen. Nur mit diesem dringend notwendigen Paradigmawechsel &#8211; weg vom hochschulseitig gesteuerten Wissens- und Technologietransfer, hin zu einem partizipativen, transdisziplin\u00e4ren Innovationssystem &#8211; kann der \u00abWissensstau\u00bb behoben werden. Damit werden auch die Voraussetzungen geschaffen, dass Innovationst\u00e4tigkeit ein Teil unserer Denkkultur in Wirtschaft und Politik wird. Ein Blick auf die Branchenlandschaft der Schweiz zeigt, dass dieser bidirektionale Wissensaustausch besonders wichtig ist f\u00fcr Branchen mit guter Wettbewerbsposition und hoher Attraktivit\u00e4t, u.a. Pharma und Chemie, Elektrotechnik und Elektronik, Informatik und Telekommunikation, Maschinen- und Fahrzeugbau sowie Banken und Versicherungen.&#13;<\/p>\n<h3>These 2: Menschen als Tr\u00e4ger von Bildung und Forschung sind die Fundamente f\u00fcr eine Innovationskultur<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nGrossfirmen mit eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen machen den Wissensaustausch mit der Praxis \u00abin house\u00bb. Kleine und mittlere Unternehmen sind hingegen meist auf Interaktionen mit externen Partnern angewiesen. KMU sind ein \u00abWachstumsmarkt\u00bb. W\u00e4hrend die Anzahl gr\u00f6sserer Firmen abnimmt, legen Firmen mit unter 200 Mitarbeitenden deutlich zu. Um neueste Forschungsergebnisse rascher und besser umsetzen zu k\u00f6nnen, bedarf es einer St\u00e4rkung des Pull-Mechanismus in den KMU: Bildung und Forschung m\u00fcssen h\u00f6heren Stellenwert erhalten, sowohl qualitativ als auch quantitativ, um die Kompetenz zur Wissensabsorption von KMU zu verbessern. Dies erfordert eine aktive Rekrutierungsstrategie in KMU von klugen und praxisorientierten K\u00f6pfen aus unseren Hochschulen und Fachhochschulen, welche schon w\u00e4hrend ihres Studiums oder des Doktorates mit Unternehmungen enge Kontakte gekn\u00fcpft haben. Bildung und Forschungserfahrung werden so zu Transferprodukten und fungieren sozusagen als \u00abEnabling Technologies\u00bb f\u00fcr innovative Firmen. Innovation stellt dabei auch eine kulturelle Leistung dar, weil Wissensaustausch von Begegnungen zwischen Personen lebt und immer eine Kultur voraussetzt.&#13;<\/p>\n<h3>These 3: Klar identifizierbare Transferplattformen f\u00f6rdern die Innovationst\u00e4tigkeit<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer ETH-Bereich macht mit seinen Kompetenzzentren einen Br\u00fcckenschlag zu den Unternehmen, um ihnen so Kontaktstellen und Forschungsplattformen zu bieten, die den beidseitigen Wissensaustausch f\u00f6rdern. Analoges gilt f\u00fcr die \u00f6ffentliche Hand &#8211; auch sie ist willkommene Partnerin im Wissensaustausch, weil die Anforderungen von Politik und Gesellschaft oft nicht am technologisch Machbaren scheitern, sondern am Umsetzungswillen oder an einer unvollst\u00e4ndigen \u00f6konomischen Gesamtsicht. Gerade im Umweltbereich und in Fragen der nachhaltigen Entwicklung von St\u00e4dten, Landschaften bis hin zu Grossregionen unseres Landes herrscht grosser Nachholbedarf, dem nur durch eine integrierende Sichtweise aller Prozesse auf technischer, wirtschaftlicher und sozialer Ebene entsprochen werden kann. Das Projekt 2000 Watt Gesellschaft\/Pilotregion Basel von Novatlantis &#8211; der Nachhaltigkeitsinitiative im ETH-Bereich, in Zusammenarbeit mit dem Kanton Basel-Stadt und den Fachhochschulen beider Basel &#8211; ist ein gutes Beispiel, wo dieses Paradigma zu greifen beginnt und innovative Resultate zeigt.&#13;<\/p>\n<h3>These 4: Wissenschaft und unternehmerisches Denken m\u00fcssen Teil unserer Kultur werden<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEine Umfrage im ETH-Bereich hat gezeigt, dass sich der Wunsch, ein eigenes Unternehmen zu gr\u00fcnden, zwischen Studienanfang und -ende von 8% auf 2% der Studierenden reduziert. Dieser Verlust an Innovationspotenzial darf nicht sein. Es muss uns gelingen, unternehmerisches Denken junger Menschen auf allen Bildungsstufen zu erhalten und zu f\u00f6rdern. Wissen muss als essenzieller und gestaltender Grundbaustein unserer Gesellschaft gelebt, erfahren und ausprobiert werden. Dazu geh\u00f6rt eine Kultur, die Mut zu gesundem Risiko thematisiert und akzeptiert.&#13;<\/p>\n<h2>Forderungen an Gesellschaft und Politik<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nGut ausgebildetes und sich stetig weiterbildendes Personal in unseren Unternehmen und \u00f6ffentlichen Institutionen ist Voraussetzung f\u00fcr die Absorption und nachhaltige Umsetzung von innovationstr\u00e4chtigen Ideen aus der Forschung. Diese Ideen k\u00f6nnen aber nur effizient genutzt werden, wenn im akademischen Bereich der unternehmerische Geist gest\u00e4rkt und der Blick f\u00fcr das Anwendungspotenzial von Forschungsergebnissen gesch\u00e4rft wird. \u00a0Aus den vorangegangenen Ausf\u00fchrungen ergeben sich vier zentrale Forderungen an die Politik und an die Gesellschaft. Wir brauchen:\u00a0&#8211; eine intensive Schulung des unternehmerischen und innovativen Denkens auf allen Bildungsstufen;\u00a0&#8211; eine h\u00f6here Risikobereitschaft und Akzeptanz von Erfolg und Misserfolg in unserer Gesellschaft;\u00a0&#8211; optimale staatliche Rahmenbedingungen f\u00fcr Jungunternehmer und -unternehmerinnen wie Steuererleichterungen, vereinfachte Administrationsabl\u00e4ufe und risikofreundlichere Finanzierungsm\u00f6glichkeiten;\u00a0&#8211; Mut zur Akzentsetzung in der Forschung und den Willen, Gebiete, in denen wir erfolgreich sind, weiter zu st\u00e4rken. \u00a0\u00a0Die Konkretisierungen dieser Forderungen stellen erste Schritte dar, die dazu beitragen werden, dass die direkteste Methode des Wissenstransfers markant gest\u00e4rkt wird: Menschen, die es mit ihrem Wissen und ihrer Forschungserfahrung in innovative Firmen zieht, um sich dort der grossen Herausforderungen unserer Zeit anzunehmen. \u00a0Ich w\u00fcnsche mir eine mutige und ehrgeizige Schweiz, die auf allen Stufen ihres Bildungssystems die Leistung, das unternehmerische Denken, die innovativen Ideen und die Risikobereitschaft von Einzelnen bis hin zu ganzen Institutionen wahrnimmt, f\u00f6rdert und belohnt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die grosse Herausforderung einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung in den westlichen L\u00e4ndern erfordert eine innovationszentrierte Verkn\u00fcpfung wesentlicher Ressourcen im \u00f6konomischen, politischen und akademischen Bereich. 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