{"id":125375,"date":"2005-10-01T12:00:00","date_gmt":"2005-10-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2005\/10\/sheldon-8\/"},"modified":"2023-08-23T23:50:00","modified_gmt":"2023-08-23T21:50:00","slug":"sheldon-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2005\/10\/sheldon-7\/","title":{"rendered":"Performance der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung der Schweiz 1998-2003"},"content":{"rendered":"<p>Seit einigen Jahren wird die relative Performance der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung in der Schweiz im Rahmen einer so genannten Wirkungsvereinbarung zwischen Bund und Kantonen regelm\u00e4ssig gemessen. Die dabei gewonnenen Ergebnisse zeigen, welche Regionalen Vermittlungszentren (RAV) in einem gegebenen Jahr erfolgreicher arbeiten als andere. Sie liefern jedoch keine Erkenntnisse dar\u00fcber, ob die \u00f6ffentliche Arbeitsvermittlung als Ganzes (absolute Performance) effektiver wird, worauf die Vereinbarung eigentlich abzielt. Zudem bleibt unklar, welche Faktoren f\u00fcr die Leistungsunterschiede zwischen den RAV verantwortlich sind. Diese zwei Fragestellungen standen im Mittelpunkt der Studie, \u00fcber deren Ergebnisse im Folgenden berichtet wird.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/1130348335_16_Sheldon_01.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"245\" \/>&#13;<\/p>\n<h2>Empirisches Vorgehen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Performance eines RAV wurde im Rahmen der Studie an seiner Vermittlungseffizienz gemessen. Die Effizienz befasst sich mit dem Verh\u00e4ltnis zwischen dem Input, die einem Produktionsprozess zugef\u00fchrt werden, und dem Output, die der Prozess hervorbringt. Ein Produktionsprozess gilt als effizient, wenn aus einem Minimum an Input ein Maximum an Output erzeugt wird.\u00a0 Output\u00a0Effizienz = &#8212;&#8212;\u00a0 Input\u00a0Auch die Vermittlung l\u00e4sst sich als ein Produktionsprozess betrachten. Aus dieser Optik besteht die Arbeitsvermittlung aus der Umwandlung von Stellensuchenden (Input) in Stellenbesetzungen (Output). \u00a0In- und Output unserer Studie setzten sich aus den so genannten exogenen Variablen (Input) und den Wirkungsvariablen (Output) zusammen, worauf die bisherige Messung der relativen Performance der RAV im Rahmen der Wirkungsvereinbarung beruht. Die Wirkungsvariablen stellen Gr\u00f6ssen dar, welche die K\u00fcrze und Dauerhaftigkeit des Vermittlungserfolgs messen, w\u00e4hrend die exogenen Variablen die grunds\u00e4tzliche Vermittelbarkeit der Stellensuchenden und sonstige erschwerende Bedingungen ausserhalb der Kontrolle des einzelnen RAV erfassen. Die Ber\u00fccksichtigung erschwerender Umst\u00e4nde soll allen RAV die gleichen Startchancen gew\u00e4hren. Auf der Grundlage dieses In- und Outputs z\u00e4hlt ein RAV als vermittlungseffizient, wenn es aus einem Minimum an g\u00fcnstigen Voraussetzungen ein Maximum an schnellen und dauerhaften Vermittlungen produziert.\u00a0Das Hauptproblem bei der empirischen Umsetzung des Konzepts der Vermittlungseffizienz liegt darin, dass die verschiedenen Variablen des In- und Outputs heterogen sind und sich folglich nicht einfach zusammenz\u00e4hlen lassen. Zur \u00dcberwindung dieses Problems ist die so genannte Data Envelopment Analysis (DEA) entwickelt worden, die im Rahmen unserer Untersuchung Verwendung fand.\u00a0Im Unterschied zum Messmodell der Wirkungsvereinbarung verwendet die DEA die Performance der besten statt der durchschnittlichen RAV als Messlatte und misst die Effizienz der RAV bez\u00fcglich aller vier Outputvariablen simultan. Das Messmodell der Wirkungsvereinbarung hingegen muss die Effizienz bez\u00fcglich jeder Outputvariablen einzeln ermitteln und aus den vier Resultaten einen gewichteten Durchschnitt bilden. Die Gewichte sind in der Wirkungsvereinbarung festgelegt. Mit der DEA kann man die Gewichte entweder vorgeben oder von der DEA bestimmen lassen. Im letzteren Fall w\u00e4hlt die DEA jene Gewichte aus, welche die Effizienz des jeweiligen RAV am h\u00f6chsten erscheinen l\u00e4sst. Die nachfolgenden Resultate beruhen auf der festen Gewichtung der Wirkungsvereinbarung.&#13;<\/p>\n<h2>Relative Vermittlungseffizienz der RAV<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie relative Vermittlungseffizienz misst die Performance der einzelnen RAV im Quervergleich. Das Effizienzmass gibt an, bis zum welchen Grad ein RAV &#8211; angesichts der Performance der leistungsst\u00e4rksten RAV (Messlatte) &#8211; sein Leistungspotenzial aussch\u00f6pft. Demnach bedeutet ein Wert von 0,90, dass das RAV sein Leistungspotenzial bis zu 90% erreicht.\u00a0Grafik 1 zeigt die Entwicklung der relativen Vermittlungseffizienz der RAV im Zeitraum 1998-2003. Es handelt sich um das gewichtete geometrische Mittel der relativen Effizienz der einzelnen RAV. Als Gewicht dient die Gr\u00f6sse eines RAV gemessen an der Zahl der Stellensuchenden. Da die relative Vermittlungseffizienz nach oben begrenzt ist bzw. h\u00f6chstens 100% betragen kann, gibt der abgebildete Durchschnitt zugleich das Effizienzgef\u00e4lle zwischen den RAV wieder. Ein niedriger Wert bedeutet, dass die Performance der RAV stark streut. Wenn alle RAV gleichermassen effizient w\u00e4ren bzw. kein Leistungsgef\u00e4lle aufwiesen, w\u00fcrde der Durchschnitt 100% betragen.\u00a0Wie aus der Grafik 1 hervorgeht, ist das Leistungsgef\u00e4lle zwischen den RAV bis 2000 gr\u00f6sser geworden und danach unver\u00e4ndert geblieben. Das Ergebnis \u00fcberrascht insofern, als die seit dem Jahr 2000 g\u00fcltige Wirkungsvereinbarung zwischen Bund und Kantonen die RAV zu h\u00f6heren Vermittlungsleistungen anspornen sollte. Unter diesen Umst\u00e4nden w\u00fcrde man erwarten, dass die leistungsschw\u00e4cheren RAV zu den leistungsst\u00e4rkeren aufgeschlossen h\u00e4tten. Dass das Gegenteil geschah, k\u00f6nnte bedeuten, dass die exogenen Variablen (Inputs), die f\u00fcr gleich lange Spiesse sorgen sollen, nicht alle relevanten Umweltfaktoren erfassen.&#13;<\/p>\n<h2>Absolute Vermittlungseffizienz der RAV<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Umstand, dass die relative Vermittlungseffizienz der RAV seit 1998 abgenommen hat, bedeutet allerdings nicht, dass die absolute Effizienz der \u00f6ffentlichen Stellenvermittlung gesunken ist. Die relative Vermittlungseffizienz bezieht sich lediglich auf die Effizienzgrenze des jeweiligen Jahres. Wenn sich die Messlatte zur Bestimmung der relativen Effizienz im Untersuchungszeitraum nach aussen verschoben hat, kann sich die Vermittlungseffizienz der RAV absolut erh\u00f6ht haben, obwohl deren relative Vermittlungseffizienz gefallen bzw. das Effizienzgef\u00e4lle zwischen den RAV gr\u00f6sser geworden ist.\u00a0Gem\u00e4ss Grafik 2 scheint dies auch der Fall gewesen zu sein. Sie zeigt die Entwicklung des Index (Basisjahr 1998) der absoluten Vermittlungseffizienz der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung zwischen 1998 und 2003. Wie zu sehen ist, stieg der Index im gesamten Zeitraum von 1,00 auf etwa 1,22 bzw. um 22%. Das heisst, dass die RAV &#8211; unter sonst gleichen Bedingungen &#8211; die Stellensuchenden 2003 schneller und dauerhafter vermitteln konnten als 1998. Die Verbesserung um 22% impliziert f\u00fcr das Jahr 2003 eine Ersparnis von rund 1 Mrd. Franken in Form nicht beanspruchter Taggeldzahlungen.\u00a0Die absolute Effizienz der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung stieg also, w\u00e4hrend ihre relative Effizienz fiel. Das bedeutet, dass die leistungsschw\u00e4cheren gegen\u00fcber den leistungsst\u00e4rkeren RAV an Boden verloren haben, obwohl sie sich absolut gesehen verbesserten.\u00a0Die allgemein gestiegene Performance der RAV ist nicht lediglich auf eine g\u00fcnstige Konjunkturentwicklung zur\u00fcckzuf\u00fchren. Wie zu erkennen ist, weist die Arbeitslosenquote im Unterschied zur Performance der RAV keine Trendentwicklung auf &#8211; im Gegenteil: Die Arbeitslosenquote lag 2003 etwa auf dem gleichen Niveau wie 1998.\u00a0Interessant ist die Beobachtung, dass der Beginn des Anstiegs der absoluten Vermittlungseffizienz der RAV zeitlich mit dem Inkrafttreten der ersten Wirkungsvereinbarung zwischen Bund und Kantonen im Jahr 2000 zusammenf\u00e4llt. Die erste Vereinbarung machte die Beteiligung der Arbeitslosenversicherung an der Finanzierung der kantonal gef\u00fchrten Arbeitsvermittlung zum Teil vom Erfolg der Kantone im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit abh\u00e4ngig. Seit dem Inkrafttreten der zweiten Vereinbarung 2003 gilt das Bonus-Malus-System nicht mehr; seither ist auch der Anstieg der Performance der RAV zum Stillstand gekommen. Ob hier allerdings ein Kausalzusammenhang besteht, l\u00e4sst sich angesichts der K\u00fcrze des Beobachtungsraums und der Vielzahl sonstiger m\u00f6glicher Einflussfaktoren nicht mit Gewissheit sagen. Man wird die Entwicklung der Performance der RAV weiter verfolgen m\u00fcssen.&#13;<\/p>\n<h2>Erkl\u00e4rung der relativen Effizienzunterschiede zwischen den RAV<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNebst der Entwicklung der Performance der Arbeitsvermittlung als Ganzes interessierte auch die Ursachen der Leistungsunterschiede zwischen den RAV. Nur wenn die Bestimmungsfaktoren der Unterschiede bekannt sind, kann ein RAV seine Performance bewusst steigern. \u00a0Im Rahmen der Studie wurde der Erkl\u00e4rungsbeitrag einer Reihe arbeitsmarktpolitischer Instrumente untersucht, unter anderem der Personalberater-Dichte, der Intensit\u00e4t der Stellenakquisition, der H\u00e4ufigkeit von Beratungsgespr\u00e4chen, der H\u00e4ufigkeit schwerwiegender Sanktionen, der H\u00e4ufigkeit von Stellenzuweisungen und des Ausmasses der Teilnahme an aktiven arbeitsmarktpolitischen Massnahmen. Trotz umfangreicher Versuche liess sich keine zeitlich stabile Beziehung zwischen der relativen Performance eines RAV und der Intensit\u00e4t seines Mitteleinsatzes empirisch nachweisen.\u00a0Mehrere Gr\u00fcnde bieten sich als Erkl\u00e4rung f\u00fcr das entt\u00e4uschende Resultat an:\u00a0&#8211; Die untersuchten Bestimmungsfaktoren sind nicht aussagekr\u00e4ftig, da sie nicht sorgf\u00e4ltig genug erhoben werden.\u00a0&#8211; Die verschiedenen Mittel werden in der Praxis nicht gezielt genug eingesetzt, um mehrheitlich positiv zu wirken.\u00a0&#8211; Nicht nur der tats\u00e4chliche Einsatz der Mittel, sondern auch ihr angedrohter, aber letztlich nicht erfolgter Einsatz f\u00f6rdert die Wiedereingliederung.\u00a0&#8211; Andere, nicht erhobene Faktoren sind f\u00fcr die Leistungsunterschiede zwischen den RAV verantwortlich.&#13;<\/p>\n<h2>Ausblick<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm der Frage nach den Ursachen von Performance-Unterschieden weiter nachzugehen, wurde mit Hilfe der DEA f\u00fcr jedes ineffiziente RAV ein Vorbild-RAV ermittelt, das unter \u00e4hnlich schlechten Voraussetzungen die Leistung des betrachteten RAV am st\u00e4rksten \u00fcbertrifft. Auf diese Weise konnte f\u00fcr jedes leistungsschw\u00e4chere RAV ein Modell-RAV identifiziert werden, mit dem es sich jetzt direkt vergleichen k\u00f6nnte, um die Ursachen seiner niedrigeren Performance selbst zu ermitteln. Nun steht es an, den Vergleich in der Praxis umzusetzen.?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a class=\"inline-footnote__anchor\">Kasten 1: Literatur<\/a> &#8211; Sheldon, G. (2000), Die Auswirkung der Errichtung von Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) auf die Effizienz der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung, In: Die Volkswirtschaft, 4-2000, S. 25-29.- Sheldon, G. (2003), Die Effizienz der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung der Schweiz im Zeitraum 1998-2001, In: Die Volkswirtschaft, 4-2003, S. 31-34.- Sheldon, G. (2005), Entwicklung der Performance der \u00f6ffentlichen Stellenvermittlung der Schweiz im Zeitraum 1998-2003, Studie erstellt im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (seco), Forschungsstelle f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Industrie\u00f6konomik, Universit\u00e4t Basel.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einigen Jahren wird die relative Performance der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung in der Schweiz im Rahmen einer so genannten Wirkungsvereinbarung zwischen Bund und Kantonen regelm\u00e4ssig gemessen. Die dabei gewonnenen Ergebnisse zeigen, welche Regionalen Vermittlungszentren (RAV) in einem gegebenen Jahr erfolgreicher arbeiten als andere. 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