{"id":128543,"date":"2022-01-04T12:44:00","date_gmt":"2022-01-04T12:44:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2022\/01\/arbeitslosenversicherung-soziale-absicherung-mit-nebenwirkungen\/"},"modified":"2023-08-23T23:50:30","modified_gmt":"2023-08-23T21:50:30","slug":"arbeitslosenversicherung-soziale-absicherung-mit-nebenwirkungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/01\/arbeitslosenversicherung-soziale-absicherung-mit-nebenwirkungen\/","title":{"rendered":"Arbeitslosen\u00adver\u00adsi\u00adche\u00adrung: So\u00adzi\u00adale Ab\u00adsi\u00adche\u00adrung mit Nebenwirkungen"},"content":{"rendered":"<p>Die Arbeitslosenversicherung schafft soziale Sicherheit und wirtschaftliche Stabilit\u00e4t.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Gerade grosse Krisen wie die aktuelle Corona-Pandemie verdeutlichen ihre Wichtigkeit. Regierungen weltweit haben seit Beginn der Krise den Zugang zu Arbeitslosengeldern vereinfacht, die Auszahlungen erh\u00f6ht und die Bezugsdauer verl\u00e4ngert. Solche Massnahmen k\u00f6nnen dem Einzelnen helfen. Zudem sorgt das Ersatzeinkommen daf\u00fcr, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage weniger stark einbricht und stabilisiert damit die Konjunkturentwicklung. Gleichzeitig sollten aber auch m\u00f6gliche Nebenwirkungen der Arbeitslosenversicherung nicht ausser Acht gelassen werden.<\/p>\n<p>Denn eine grossz\u00fcgige Arbeitslosenunterst\u00fctzung bietet den Stellensuchenden oft einen schw\u00e4cheren Anreiz, rasch eine neue Anstellung zu finden. Das verl\u00e4ngert die Arbeitslosigkeit. Zudem haben Arbeitslose aufgrund der Arbeitslosengelder eine finanziell ausreichende Einkommensalternative und k\u00f6nnen so bei einem Stellenangebot ein h\u00f6heres Gehalt fordern. Auf der anderen Seite werden weniger Stellen ausgeschrieben, weil sie aufgrund der steigenden Lohnkosten f\u00fcr die Unternehmen weniger rentabel sind. Im Endeffekt kann eine grossz\u00fcgige Arbeitslosenversicherung so zu h\u00f6herer Arbeitslosigkeit f\u00fchren.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich h\u00e4ngen H\u00f6he und Dauer der Auszahlungen an Arbeitslose oft von der wirtschaftlichen Lage ab. Je h\u00f6her die Arbeitslosigkeit ist, desto l\u00e4nger oder grossz\u00fcgiger f\u00e4llt die Unterst\u00fctzung aus. Das wirft die Frage nach der Kausalit\u00e4t auf: F\u00fchrt eine grossz\u00fcgigere Arbeitslosenunterst\u00fctzung zu h\u00f6herer Arbeitslosigkeit oder ist sie eine Folge davon?<\/p>\n<h2>Schwedische Eigenheit gibt Aufschluss<\/h2>\n<p>Die Wissenschaftler Peter Fredriksson von der schwedischen Universit\u00e4t Uppsala und Martin S\u00f6derstr\u00f6m vom Schwedischen Institut f\u00fcr Arbeitsmarkt und Bildungspolitik untersuchen die Auswirkungen der Arbeitslosenversicherung am Beispiel Schwedens. Die spezifischen Regeln in Schweden erm\u00f6glichen es ihnen, das Problem umgekehrter Kausalit\u00e4t zu vermeiden. Denn in Schweden gibt es einen Maximalbetrag (\u00abDeckel\u00bb) bei der Arbeitslosenunterst\u00fctzung, der nicht \u00fcberschritten werden darf. Im Beobachtungszeitraum von 1992 bis 2014 wurde der Maximalbetrag nur sechs Mal angepasst.<\/p>\n<p>Die H\u00f6he dieses Maximalbetrags wird auf nationaler Ebene einheitlich bestimmt, hat aber regional unterschiedliche Folgen. Arbeitslose in Regionen mit hohen L\u00f6hnen sind h\u00e4ufiger von der Auszahlungsgrenze betroffen und profitieren daher st\u00e4rker von einer Anhebung des Deckels als jene in Regionen mit niedrigen L\u00f6hnen, wo eine Anhebung kaum Auswirkungen hat.<\/p>\n<p>Folglich l\u00e4sst sich vergleichen, wie sich dieselbe Anpassung des Deckels unterschiedlich auf die lokalen Arbeitsm\u00e4rkte auswirkt. Um zu untersuchen, wie sich Anpassungen bei der Versicherungsh\u00f6he auf die Arbeitslosigkeit auswirken, nutzen die Wissenschaftler Daten aus dem Personenregister und der \u00f6ffentlichen Arbeitsverwaltung zwischen 1992 und 2004. Diese beinhalten Informationen zu L\u00f6hnen und Berufslaufbahn. Zus\u00e4tzlich verwenden die Forscher Aufzeichnungen zu den Arbeitslosenquoten in 227 schwedischen Gemeinden.<\/p>\n<h2>Niedrige Ersatzrate bei hohen L\u00f6hnen<\/h2>\n<p>Mit diesen Daten sch\u00e4tzen die beiden Wissenschaftler, wie sich die Grossz\u00fcgigkeit der Arbeitslosenunterst\u00fctzung auf den lokalen Arbeitsmarkt auswirkt. Die Grossz\u00fcgigkeit bemisst sich vor allem an der Ersatzrate \u2013 das heisst an dem Einkommensanteil, den die Arbeitslosenzahlung gemessen am vorherigen Lohn \u00abersetzt\u00bb. Die Forscher berechnen die effektiven Ersatzraten f\u00fcr alle untersuchten Gemeinden. Die H\u00f6he der Ersatzraten h\u00e4ngt dabei entscheidend vom erw\u00e4hnten Maximalbetrag und dem lokalen Lohnniveau ab. Ein Beispiel: Bei hohen L\u00f6hnen wird nur der Maximalbetrag ausbezahlt, was angesichts der hohen L\u00f6hne eine relativ niedrige Ersatzrate bedeutet.<\/p>\n<p>In Regionen mit hohen L\u00f6hnen sind viele Arbeitslose von der Auszahlungsobergrenze betroffen und erhalten nur den Maximalbetrag. Sie profitieren deshalb mehr als andere von einer Anhebung des Deckels, weil sie dadurch h\u00f6here Arbeitslosenzahlungen erhalten. Aus diesem Grund wirken sich \u00c4nderungen des Maximalbetrags besonders stark auf die Ersatzraten in Gemeinden mit hohem Lohnniveau aus.<\/p>\n<p>Die kalkulierten Ersatzraten ber\u00fccksichtigen auch die Unterschiede der Lohnverteilung. Konkret stellen die Forscher eine negative Beziehung zwischen Ersatzrate und Durchschnittsl\u00f6hnen bei den 227 Gemeinden fest: Je reicher eine Gemeinde ist, umso niedriger sind die durchschnittlichen Ersatzraten. Denn dort befinden sich mehr Arbeitnehmer mit versicherten L\u00f6hnen \u00fcber dem maximalen Auszahlungsbetrag.<\/p>\n<p>Im Laufe der Zeit nahmen die Ersatzraten jedoch ab: Im Jahr 2014 betrugen sie im Schnitt 53 Prozent, w\u00e4hrend sie 1992 noch bei 83 Prozent lagen. Schw\u00e4cher war dieser R\u00fcckgang in Gemeinden mit den h\u00f6chsten Ersatzraten und einem niedrigen Durchschnittseinkommen. In Gemeinden mit niedrigen Ersatzraten und hohen Einkommen hingegen schwankten diese st\u00e4rker. Die Differenz zwischen den Ersatzraten in diesen beiden Gruppen ist \u00fcber die Zeit gestiegen.<\/p>\n<h2>Arbeitslosigkeit steigt mit zunehmender Lohnersatzrate<\/h2>\n<p>Konkret untersuchen die Forscher zwei Erh\u00f6hungen des Auszahlungsdeckels in den Jahren 2001 und 2002. Dabei teilten sie die Gemeinden in zwei Gruppen ein: Solche, die von der Anpassung am st\u00e4rksten betroffen waren und solche, die am wenigsten betroffen waren. Gemeinden mit einer Ersatzrate \u00fcber dem nationalen Durchschnitt und niedrigem Durchschnittseinkommen geh\u00f6rten der letzteren Kategorie an. Mit Anhebung des Deckels ist in dieser Gruppe die Ersatzrate um 1,4 Prozent weniger stark angestiegen als in Gemeinden mit hohem Einkommen (siehe <em>Abbildung<\/em>). Einem \u00e4hnlichen Muster folgt die Arbeitslosenquote. Sie nahm st\u00e4rker zu in Gemeinden mit hohem Einkommen, deren effektive Ersatzraten ebenfalls mehr stiegen.<\/p>\n<p>Gem\u00e4ss den empirischen Sch\u00e4tzungen steigt die Arbeitslosenquote um rund 3 Prozent, wenn die Ersatzrate um ein Prozent erh\u00f6ht wird. Neben diesem makro\u00f6konomischen Effekt sch\u00e4tzen die Forscher auch, wie sich eine h\u00f6here Ersatzrate auf das individuelle Risiko, arbeitslos zu werden, auswirkt. Das Resultat: die Wahrscheinlichkeit arbeitslos zu werden, steigt um 1,4 Prozent, wenn die Ersatzrate um ein Prozent steigt.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Arbeitslosenquote und Ersatzrate in schwedischen Gemeinden mit hohem und niedrigem Einkommen (1998 bis 2006)<\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/01\/WEB-ONLY_D-c-MAASSEN-Next-Generation-Abbildung.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-109114\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/01\/WEB-ONLY_D-c-MAASSEN-Next-Generation-Abbildung.jpg\" alt=\"\" width=\"796\" height=\"555\" \/><\/a><\/p>\n<p><span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Fredriksson und S\u00f6derstr\u00f6m (2020)<\/span><\/p>\n<h2>Steigende L\u00f6hne, h\u00f6here Arbeitslosigkeit<\/h2>\n<p>Woher kommt diese Diskrepanz zwischen dem Anstieg der Arbeitslosenquote und dem individuellen Risiko des Jobverlusts? Eine Erkl\u00e4rung ist, dass Arbeitssuchende in den Lohnverhandlungen eine umso st\u00e4rkere Position haben, je grossz\u00fcgiger die Arbeitslosenunterst\u00fctzung ausf\u00e4llt. Das erh\u00f6ht die Lohnkosten, so dass die Unternehmen weniger Stellen ausschreiben. Damit k\u00f6nnen Peter Fredriksson und Martin S\u00f6derstr\u00f6m in der Tat zeigen, dass eine grossz\u00fcgige Arbeitslosenunterst\u00fctzung tendenziell zu h\u00f6heren L\u00f6hnen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Forscher finden zudem, dass der Anstieg der Arbeitslosenquote zeitlich verz\u00f6gert eintritt, w\u00e4hrend sich die Geh\u00e4lter schneller anpassen. Schliesslich k\u00f6nnen sie auch zeigen, dass die Ersatzraten angrenzender Gemeinden einen Einfluss haben. Erh\u00f6ht sich die Ersatzrate einer benachbarten Gemeinde um ein Prozent, so steigt die Arbeitslosenrate um rund 1,5 Prozent.<\/p>\n<p>Zwar sch\u00fctzt die Arbeitslosenversicherung die Arbeitnehmenden vor einem Wohlstandsverlust bei Arbeitslosigkeit und gew\u00e4hrt ihnen so Einkommenssicherheit. Sie hat jedoch auch negative Nebenwirkungen. Wie die Studie zeigt, suchen Arbeitslose mit grossz\u00fcgigen Arbeitslosengeldern weniger intensiv nach neuen Stellen, so dass sie mit h\u00f6herer Wahrscheinlichkeit arbeitslos bleiben.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Dieser Artikel basiert auf der Studie von Fredriksson und S\u00f6derstr\u00f6m (2020).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Arbeitslosenversicherung schafft soziale Sicherheit und wirtschaftliche Stabilit\u00e4t. 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Darin fassen herausragende Studierende der Universit\u00e4t St. Gallen aktuelle und bedeutende Forschungsresultate von international renommierten Forschenden kompakt zusammen. Betreut und herausgegeben wird die Reihe von Christian Keuschnigg, Professor f\u00fcr National\u00f6konomie und \u00f6ffentliche Finanzen, und Michael Kogler, Lehrbeauftragter f\u00fcr Volkswirtschaftslehre. Weitere Artikel der Reihe finden Sie <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.chthema\/serien\/next-generation\/\">hier<\/a> sowie auf der <a href=\"https:\/\/www.unisg.ch\/de\/studium\/master\/volkswirtschaftslehre\/curriculum\/ehsgnextgeneration\">Website<\/a> der Universit\u00e4t St. Gallen."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":"","serie_email":null,"frontpage_slider_bild":128546,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"108901","post_abstract":"Wer arbeitet, will mehr als nur gute L\u00f6hne. Die Sicherheit des Lohneinkommens steht ganz oben auf dem Sorgenbarometer. Die Arbeitslosenversicherung sch\u00fctzt die Arbeitenden vor Wohlstandsverlusten bei Arbeitslosigkeit und bietet Sicherheit. 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