{"id":162031,"date":"2022-03-28T09:26:06","date_gmt":"2022-03-28T07:26:06","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=162031"},"modified":"2023-08-24T01:27:35","modified_gmt":"2023-08-23T23:27:35","slug":"altersvorsorge-verunsichert-junge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/03\/altersvorsorge-verunsichert-junge\/","title":{"rendered":"Altersvorsorge verunsichert Junge"},"content":{"rendered":"<p>Ihr Leben steht noch ganz am Anfang, und trotzdem sorgen sie sich bereits um das Ende: Nur wenige Themen bereiten den jungen Erwachsenen in der Schweiz so viel Unbehagen wie die Vorsorge und die Sicherheit im Alter. Im <a href=\"http:\/\/www.credit-suisse.com\/sorgenbarometer\">Sorgenbarometer<\/a> der Grossbank Credit Suisse aus dem Jahr 2021 z\u00e4hlten 38 Prozent der Befragten zwischen 18 und 29 Jahren die Zukunft der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) zu den f\u00fcnf wichtigsten Problemen der Schweiz. Nur der Umweltschutz (47%) und die Corona-Pandemie (43%) wurden von mehr Befragten dieser Altersgruppe h\u00e4ufiger genannt. Im Vergleich zur Altersvorsorge fallen typische Jugendthemen wie Arbeitslosigkeit (16%), Drogen und Alkohol (13%) oder auch das Bildungswesen (10%) deutlich ab.<\/p>\n<p>Warum ist das so? Warum sorgt sich eine Generation, der nachgesagt wird, eine Aufmerksamkeitsspanne k\u00fcrzer als die eines Goldfischs zu haben, um ein Thema, das sie noch f\u00fcr Dekaden nicht betrifft?<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Ein Dauerbrenner<\/strong><\/h2>\n<p>Ein Teil der Antwort findet sich im aktuellen gesellschaftlichen und politischen Kontext. Meinungsbildung \u2013 und dazu geh\u00f6rt auch die Sorgenwahrnehmung \u2013 geschieht nie im luftleeren Raum, sondern wird durch die \u00f6konomische und kulturelle Grundstimmung, gesellschaftliche Megatrends und die aktuellsten politischen Debatten der Zeit beeinflusst.<\/p>\n<p>Die Sanierung der Altersvorsorge ist in der Schweiz sowohl in der Problemwahrnehmung wie auch in der politischen Arena ein Dauerthema. Seit Jahren verfolgen wir, wie ein Versuch nach dem anderen, die Altersvorsorge zu sanieren, scheitert. Das schafft Unsicherheit. Gem\u00e4ss den Befragten im Jugendbarometer d\u00fcrfte die hohe Priorit\u00e4t, die dem Thema in der Schweiz zugeschrieben wird, durch die Corona-Krise eher noch versch\u00e4rft worden sein. Die Angst, dass die grosse finanzielle Last der Krise den Spielraum bei der Sanierung und der Sicherstellung der Altersvorsorge noch versch\u00e4rft, wird von rund 60 Prozent der jungen Erwachsenen in der Schweiz geteilt.<\/p>\n<p>Neben dem Kontext spielt aber auch die Altersgruppe eine Rolle. W\u00e4hrend Millennials, der Generation Y (mit den Jahrg\u00e4ngen 1980 bis 1999), nachgesagt wird, eine Generation zu sein, die in gr\u00f6sstm\u00f6glicher Sicherheit aufgewachsen ist, sind die Vorzeichen f\u00fcr ihre j\u00fcngeren Br\u00fcder und Schwestern d\u00fcsterer. Vertreter der Generation Z (ab Jahrgang 2000) haben w\u00e4hrend ihrer pr\u00e4genden Jahre des Erwachsenwerdens Finanzkrisen und geopolitische Unsicherheiten erlebt. Zudem sind in den sozialen Medien, die eine wichtige Informationsquelle f\u00fcr Jugendliche sind, Fakten und Fake nur schwer auseinanderzuhalten.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Ungewisse Zukunft <\/strong><\/h2>\n<p>Die Generation Y steht f\u00fcr Freiheit, Flexibilit\u00e4t und Optimismus \u2013 die Generation Z hingegen f\u00fcr das Bed\u00fcrfnis nach Sicherheit und Stabilit\u00e4t und f\u00fcr Realismus. W\u00e4hrend das Narrativ der endlosen M\u00f6glichkeiten die Generation Y noch stark gepr\u00e4gt hat, blickt heute nur noch rund die H\u00e4lfte der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Schweiz einigermassen zuversichtlich in die Zukunft \u2013 Tendenz sinkend. Und lediglich 27 Prozent der Jungen sind wirklich zuversichtlich, gen\u00fcgend Geld zu haben, um w\u00e4hrend ihrer Rentenjahre komfortabel zu leben.<\/p>\n<p>Angesichts des Umstandes, dass immer mehr junge Menschen der Generation Z erwachsen werden, d\u00fcrften ihre eher pessimistischere Sicht der Welt und ihr gr\u00f6sseres Sicherheitsbed\u00fcrfnis zunehmend an Gewicht im Potpourri der Meinungsbildung der Schweiz gewinnen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Selbst verantwortlich<\/strong><\/h2>\n<p>Da, wo Sorgen vorhanden sind, besteht Handlungsbedarf. Und da, wo die Politik an Reformen scheitert, wird die Verantwortung an das Individuum \u00fcbertragen. So finden gem\u00e4ss dem Credit-Suisse-Jugendbarometer zwei Drittel der Jungen in der Schweiz, jede einzelne Person m\u00fcsse bei der Verwaltung der Ersparnisse und der Altersvorsorge mehr Verantwortung \u00fcbernehmen. Das sind zwar weniger als beispielsweise in den USA, wo sogar drei Viertel der Jungen dieser Ansicht sind. Im Vergleich zur Schweiz gibt es dort allerdings keine \u00e4hnlich institutionalisierte Altersvorsorge. Klar scheint: Junge Menschen in der Schweiz m\u00f6chten sich in Zukunft besser absichern und sich dabei nicht ausschliesslich auf andere verlassen.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es einen Widerspruch zwischen passiver Einsicht und konkretem Handeln. Laut einer <a href=\"https:\/\/www.gfsbern.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/213045_schlussbericht_jugend_im_wirtschaftsdialog_def.pdf\">Umfrage<\/a> des Forschungsinstituts GFS Bern im Auftrag des Instituts f\u00fcr Schweizer Wirtschaftspolitik der Universit\u00e4t Luzern aus dem Jahr 2021 interessieren sich 16- bis 30-J\u00e4hrige in der Schweiz wesentlich st\u00e4rker f\u00fcr Themen wie Klimaschutz, Gleichstellung oder Work-Life-Balance als f\u00fcr die berufliche Vorsorge. Immerhin rund die H\u00e4lfte der Befragten hat ein Interesse an der beruflichen Vorsorge oder an der AHV.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Viele \u00fcbersch\u00e4tzen sich<\/strong><\/h2>\n<p>Obwohl die Altersvorsorge komplex ist, sind 46 Prozent der jungen Befragten dieser GFS-Umfrage der Ansicht, sie w\u00fcrden \u00fcber einen guten oder gar sehr guten Wissensstand in Bezug auf die AHV verf\u00fcgen. Ein Vergleich des selbst zugeschriebenen Wissensstandes mit den Antworten auf klassische Wissensfragen in diversen Wirtschaftsbereichen zeigt jedoch, dass zwischen der subjektiven Wahrnehmung und der objektiven Kompetenz tendenziell eine Diskrepanz herrscht und viele Fragen nicht korrekt beantwortet wurden. Somit \u00fcbersch\u00e4tzen viele Jungen ihr effektives Wissen.<\/p>\n<p>Dennoch: Die Bereitschaft zu lernen ist durchaus da. W\u00fcrde den Befragten gratis ein f\u00fcnft\u00e4giger Kurs zum Thema der Altersvorsorge angeboten, melden immerhin 39 Prozent ein grosses oder sogar sehr Interesse an. Nur 7 Prozent geben an, \u00fcberhaupt kein Interesse am Thema Vorsorge zu haben.<\/p>\n<p>Abschliessend l\u00e4sst sich somit sagen: Einerseits empfinden viele Jungen eine grosse Unsicherheit, was ihre Zukunft anbelangt \u2013 andererseits gelingt der Transfer zum aktiven Handeln nur selten. \u00c4hnlich wie beim Klimaschutz scheint es zudem schwierig, die k\u00fcnftigen Kosten heutiger Handlungen effektiv zu begreifen und zu internalisieren: Trotz Angst vor zu wenig Geld im Alter steht die Work-Life-Balance heute f\u00fcr viele weiterhin im Vordergrund.<\/p>\n<p>Hier k\u00f6nnen Politik und Wirtschaft einen wertvollen Beitrag leisten, indem sie auf Augenh\u00f6he aufkl\u00e4ren, M\u00f6glichkeiten aufzeigen, Kompetenzen schaffen und so eine Generation unterst\u00fctzen, die \u2013 trotz angeblich kurzer Aufmerksamkeitsspanne \u2013 bereit ist, weit in die Zukunft zu schauen, und hofft, vern\u00fcnftige Entscheide zu treffen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihr Leben steht noch ganz am Anfang, und trotzdem sorgen sie sich bereits um das Ende: Nur wenige Themen bereiten den jungen Erwachsenen in der Schweiz so viel Unbehagen wie die Vorsorge und die Sicherheit im Alter. 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