{"id":162136,"date":"2022-04-21T07:38:31","date_gmt":"2022-04-21T05:38:31","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=162136"},"modified":"2023-08-24T01:27:36","modified_gmt":"2023-08-23T23:27:36","slug":"gruene-wirtschaft-braucht-ingenieure","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/04\/gruene-wirtschaft-braucht-ingenieure\/","title":{"rendered":"Gr\u00fcne Wirtschaft braucht Ingenieure"},"content":{"rendered":"<p>Das Umweltbewusstsein in der Schweiz hat zugenommen \u2013 nicht zuletzt wegen des sich manifestierenden Klimawandels. In der Strategie \u00abNachhaltige Entwicklung 2030\u00bb stellt der Bundesrat unter anderem den nachhaltigen Konsum und die nachhaltige Produktion in den Fokus. Damit m\u00f6chte er beispielsweise die Ressourceneffizienz in der Produktion erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Diese Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft wird den Arbeitsmarkt ver\u00e4ndern. So steigt die Nachfrage nach T\u00e4tigkeiten, die einen Beitrag zu einer nachhaltigen Wirtschaft leisten. Ein Beispiel daf\u00fcr w\u00e4re eine Umweltingenieurin, die ein neues Verfahren zur Kontrolle der Wasserqualit\u00e4t entwickelt. In diesem Fall sind F\u00e4higkeiten wie Chemie- und Physikkenntnisse sowie die Durchf\u00fchrung von Datenanalysen gefragt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Gr\u00fcne T\u00e4tigkeiten<\/strong><\/h2>\n<p>In einer aktuellen Studie haben wir untersucht, wie gut der Schweizer Arbeitsmarkt auf solche Transformationen vorbereitet ist.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Die Untersuchung ist Teil des <a href=\"https:\/\/cieb.unibas.ch\/de\/projekte\/nfp73\/\">Nationalen Forschungsprogramms (NFP) 73 \u00abNachhaltige Wirtschaft\u00bb<\/a> des Schweizerischen Nationalfonds. Ziel der Analyse war es, Berufsfelder ausfindig zu machen, die ein hohes Potenzial f\u00fcr gr\u00fcne T\u00e4tigkeiten aufweisen (siehe <em>Kasten<\/em>). Dabei ist es unerheblich, ob der Beruf bereits gr\u00fcne T\u00e4tigkeiten beinhaltet oder nicht.<\/p>\n<p>Beispielsweise kann eine Elektroingenieurin ihre F\u00e4higkeiten sowohl bei der \u00dcberwachung eines Reaktors in einem Kernkraftwerk als auch in der Forschung zu erneuerbaren Energien einsetzen. Nur im zweiten Fall geht sie einer gr\u00fcnen T\u00e4tigkeit nach, aber in beiden F\u00e4llen bringt sie das Potenzial mit, gr\u00fcne T\u00e4tigkeiten aus\u00fcben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In der Analyse haben wir gemessen, wie gut einzelne Berufe geeignet sind, Produktionsprozesse und Produkte nachhaltiger zu gestalten. Dies wiederum d\u00fcrfte zentral f\u00fcr eine erfolgreiche gr\u00fcne Transformation sein, zumindest dann, wenn sich eine Gesellschaft f\u00fcr diesen Weg entschieden hat und die Anreize in Form von regulatorischen Massnahmen oder Preismechanismen gesetzt sind.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Gefragte Ingenieure<\/strong><\/h2>\n<p>Ein grosses gr\u00fcnes Potenzial weisen sogenannte Mint-Berufe<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> auf, wie unsere Auswertungen zeigen. An vorderster Stelle stehen Ingenieure (ohne Elektrotechnik, Elektronik und Telekommunikation). Dahinter folgen Physiker, Chemikerinnen, Geologen sowie F\u00fchrungskr\u00e4fte in der Produktion in Land- und Forstwirtschaft und Fischerei. Ein relativ grosses gr\u00fcnes Potenzial gibt es auch bei Mathematikern, Produktionsleiterinnen in Industrie und Bau sowie bei Elektro- und Telekommunikationsingenieuren.<\/p>\n<p>Weiter untersuchten wir, wie es um die Verf\u00fcgbarkeit von Erwerbst\u00e4tigen in Berufen mit einem hohen gr\u00fcnen Potenzial in der Schweiz steht. Die Verf\u00fcgbarkeit entsprechend ausgebildeter Arbeitskr\u00e4fte ist wichtig, damit der Wandel hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft stattfinden kann. Personen mit einem hierf\u00fcr geeigneten Qualifikationshintergrund werden bei einer Transformation hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft verst\u00e4rkt nachgefragt.<\/p>\n<p>Im Jahr 2017 waren rund 670\u2019000 Vollzeit\u00e4quivalente in Berufen mit hohem gr\u00fcnem Potenzial besch\u00e4ftigt, wie unsere Berechnungen anhand der Schweizerischen Arbeitskr\u00e4fteerhebung (Sake) zeigen. Dies entspricht 19 Prozent aller Vollzeit\u00e4quivalente in der Schweiz. Dabei f\u00e4llt auf: Erwerbst\u00e4tige in Berufen mit hohem gr\u00fcnem Potenzial sind im Durchschnitt j\u00fcnger, h\u00e4ufiger m\u00e4nnlich, haben ein h\u00f6heres Bildungsniveau und eine h\u00f6here Wahrscheinlichkeit, eingewandert zu sein. Dar\u00fcber hinaus weist diese Berufsgruppe eine niedrigere Arbeitslosenquote und eine h\u00f6here Quote offener Stellen auf.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Wichtige Fachkr\u00e4fteinitiative<\/strong><\/h2>\n<p>Wie erw\u00e4hnt weisen gerade Mint-Berufe ein grosses gr\u00fcnes Potenzial auf. Allerdings gibt es in diesen Berufen bereits heute Anzeichen f\u00fcr einen <a href=\"https:\/\/cieb.shinyapps.io\/nrp_73_green_potential\/\">Fachkr\u00e4ftemangel<\/a>. Deshalb scheinen Initiativen wie die Fachkr\u00e4fteinitiative auf Bundesebene sowie Massnahmen gegen den Fachkr\u00e4ftemangel von Branchenverb\u00e4nden umso wichtiger: Diese Initiativen setzen etwa auf Aus- und Weiterbildung sowie auf eine bessere Nutzung des vorhandenen Fachkr\u00e4ftepotenzials. Zudem versuchen sie zu verhindern, dass die Fachkr\u00e4fte in andere Berufe abwandern oder vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden. Weiter streben sie an, dass die Fachkr\u00e4fte \u00fcber das normale Rentenalter hinaus arbeiten.<\/p>\n<p>Nicht alle diese Massnahmen scheinen jedoch f\u00fcr Berufe mit hohem gr\u00fcnem Potenzial gleichermassen relevant zu sein. So gibt es Hinweise darauf, dass das Arbeitskr\u00e4ftepotenzial in Berufen mit hohem gr\u00fcnem Potenzial bereits \u00fcberdurchschnittlich ausgesch\u00f6pft wird, sodass nur noch wenig Spielraum f\u00fcr eine Erh\u00f6hung des Besch\u00e4ftigungsniveaus bleibt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Ausbildung als Schl\u00fcssel <\/strong><\/h2>\n<p>Zudem zielen die Fachkr\u00e4fteinitiative sowie Branchenbestrebungen unter anderem darauf ab, \u00e4ltere Erwerbst\u00e4tige \u00fcber das Pensionsalter hinaus in den Berufen zu halten. Vor dem Hintergrund, dass Arbeitst\u00e4tige in den Berufen mit hohem gr\u00fcnem Potenzial tendenziell j\u00fcnger sind als der Schweizer Durchschnitt, schafft dies wenig Abhilfe.<\/p>\n<p>Um eine erh\u00f6hte k\u00fcnftige Nachfrage im Zuge der Transformation hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft decken zu k\u00f6nnen, scheint daher die Aus- und Weiterbildung von geeigneten Fachkr\u00e4ften zielf\u00fchrender zu sein. Ein Schl\u00fcssel k\u00f6nnte etwa darin liegen, die Bedeutung von Mint-T\u00e4tigkeiten gegen\u00fcber jungen Menschen (besser) zu kommunizieren, insbesondere auch, da f\u00fcr viele junge Menschen Nachhaltigkeit ein sehr wichtiges Thema darstellt (\u00abFridays for Future\u00bb). Zudem k\u00f6nnte es sich lohnen, verst\u00e4rkt Frauen auf diese Thematik aufmerksam zu machen, denn die Schweiz weist absolut und auch im internationalen Vergleich eine sehr geringe Zahl an <a href=\"https:\/\/innoscape.ch\/en\/publications\/gender\">Mint-Absolventinnen<\/a> auf.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Lobsiger, M., Rutzer, C. (2021).\u00a0<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1186\/s41937-021-00076-y\">The Green Potential of Occupations in Switzerland<\/a>, Swiss Journal of Economics and Statistics 157: 8.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Umweltbewusstsein in der Schweiz hat zugenommen \u2013 nicht zuletzt wegen des sich manifestierenden Klimawandels. In der Strategie \u00abNachhaltige Entwicklung 2030\u00bb stellt der Bundesrat unter anderem den nachhaltigen Konsum und die nachhaltige Produktion in den Fokus. Damit m\u00f6chte er beispielsweise die Ressourceneffizienz in der Produktion erh\u00f6hen. 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Anhand dieser Daten trainierten wir Machine-Learning-Algorithmen, um einen Zusammenhang zwischen F\u00e4higkeiten und gr\u00fcnen T\u00e4tigkeiten herzustellen. Anschliessend \u00fcbertrugen wir die F\u00e4higkeitsprofile der O*Net-Datenbank auf Schweizer Berufe und verwendeten diese als Input f\u00fcr unsere zuvor trainierten Machine-Learning-Algorithmen. 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