{"id":164967,"date":"2022-05-10T09:56:07","date_gmt":"2022-05-10T07:56:07","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=164967"},"modified":"2023-08-24T01:27:59","modified_gmt":"2023-08-23T23:27:59","slug":"nach-der-pandemie-eine-neue-touristische-normalitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/05\/nach-der-pandemie-eine-neue-touristische-normalitaet\/","title":{"rendered":"Nach der Pandemie: Eine neue touristische Normalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Gut zwei Jahre hatte die Pandemie die Welt im Griff. Mit wenigen kurzen Ausnahmen in den Sommermonaten waren Reisen \u2013 vor allem jene in weiter entfernte L\u00e4nder \u2013 kaum m\u00f6glich. Was ist von dieser Zeit geblieben? Und was bedeutet das f\u00fcr den k\u00fcnftigen Tourismus? Um eine fundierte Einsch\u00e4tzung der Lage vorzunehmen und die unmittelbaren Zukunftsaussichten abzusch\u00e4tzen, hat das Forschungszentrum f\u00fcr Tourismus und Verkehr an der Universit\u00e4t St. Gallen in den vergangenen zwei Jahren mehrere nationale und internationale Expertenpanels einberufen, mit \u00f6ffentlich verf\u00fcgbaren Berichten als Resultat.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Dabei hat sich gezeigt: Vieles ist noch ungewiss, aber eine R\u00fcckkehr zum Tourismus wie vor der Pandemie ist unrealistisch.<\/p>\n<p>Was sich mit der Pandemie ge\u00e4ndert hat, l\u00e4sst sich am besten mittels dreier verschiedener Perspektiven unterscheiden: einer generellen, einer mit Fokus auf individuelle Ver\u00e4nderungen in der Nachfrage sowie einer unternehmerischen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Auf Unter- folgt \u00dcbernachfrage<\/h2>\n<p>Die Pandemie hat uns eine Reihe neuer bedeutsamer Erfahrungen machen lassen. Hierzu geh\u00f6ren zun\u00e4chst die Konfrontation mit einer hohen Zahl infizierter und erkrankter Menschen und die zeitweise erh\u00f6hten Mortalit\u00e4ten. Dadurch sind sich viele Personen ihrer eigenen Verletzlichkeit bewusst geworden. Die gegen das Coronavirus verh\u00e4ngten Massnahmen haben soziale Kontakte und Mobilit\u00e4t eingeschr\u00e4nkt &#8211; also die beiden Faktoren, auf die der Tourismus aufbaut. Zusammen mit der Eventbranche ist die Tourismusbranche damit einer der am meisten betroffenen Sektoren.<\/p>\n<p>Mit den Lockdowns hat sich das seltene Ereignis eines kombinierten Nachfrage- und Angebotsschocks ergeben. Mit anderen Worten: Die Nachfrage und das Angebot wurden zeitgleich blockiert. \u00dcber die gesamte Pandemiedauer hinweg hat die Schweiz allerdings gem\u00e4ss dem Government Response Stringency Index der Oxford University einen insgesamt relativ liberalen Kurs verfolgt und ist damit vergleichsweise glimpflich davongekommen. Auf einer Skala von 0 bis 100 (mit 100 als \u00abstriktestes\u00bb Mass) lag der Wert f\u00fcr die Schweiz am 1. April 2020 bei 73, am 1. Dezember 2020 bei 57 und am 1. Februar 2021 noch bei 60 Punkten. Zum Vergleich: In unseren Nachbarl\u00e4ndern lag der Maximalwert an diesen drei Daten jeweils deutlich h\u00f6her: 92 (damals: Italien), 82 (damals: \u00d6sterreich) und 83 (damals: Deutschland).<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Ein Beispiel f\u00fcr den eher liberalen Kurs der Schweiz war etwa die Offenhaltung der Hotels \u00fcber die ganze Pandemie hinweg und sogar im ersten Lockdown. Ein anderes Beispiel ist die Offenhaltung der Skigebiete im Winter 2020\/21 und 2021\/22.<\/p>\n<p>Zu guter Letzt lernen wir derzeit mit dem Virus und den damit verbundenen Ungewissheiten zu leben. Es steht aber ein noch l\u00e4nger anhaltender Prozess bevor, neue \u00f6konomische und soziale Gleichgewichte zu finden. Dies gilt auch f\u00fcr viele touristische M\u00e4rkte: Eine zweij\u00e4hrige Unternachfrage k\u00f6nnte bald von einer aufgestauten \u00dcbernachfrage abgel\u00f6st werden.<\/p>\n<p>Bei all diesen Herausforderungen positiv hervorzuheben ist, dass viele Unternehmen und Teilbranchen in Sachen Digitalisierung einen grossen Sprung nach vorne gemacht haben. F\u00fcr den Tourismus besonders relevant sind die grossen Fortschritte bei Homeworking und Telekonferenzen. Die fixe Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsort auf der einen Seite und Ferien- und Freizeitort auf der anderen Seite hat sich mit der Pandemie aufgel\u00f6st. Zu Gesch\u00e4fts-, Seminar- und Kongressreisen gibt es heute neu \u00abbranchenfremde\u00bb Alternativen, wie zum Beispiel pure Online-Meetings und Zusammenk\u00fcnfte.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Tourismus bedeutet dies: Mit einem Wegfall der Restriktionen d\u00fcrften die Freizeitreisen relativ rasch wieder zunehmen; der derzeit ansteigende Buchungsstand bei den Airlines zeugt davon. Viele dieser Reisen sind auch dadurch getrieben, dass Freunde und Verwandte, welche oft weit verstreut sind, besucht werden wollen, und zwar in beiden Richtungen (in die Schweiz und aus der Schweiz heraus). Die vorpandemischen Besucherstr\u00f6me d\u00fcrften damit sukzessive wieder zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p>Gesch\u00e4ftsreisen werden dagegen noch l\u00e4nger auf tiefem Niveau verharren. Aktuell besteht unter Experten ein Konsens, dass global die Gesch\u00e4ftsreisen im Vergleich zu vor der Pandemie kurz- bis mittelfristig um 20 bis 30 Prozent abnehmen werden. Die Global Business Travel Association geht davon aus, <a href=\"https:\/\/www.gbta.org\/blog\/what-post-pandemic-business-travel-looks-like-now-for-corporate-travel-management\/\">dass bestenfalls ab circa 2025 \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 das Vorkrisenniveau wieder erreicht sein wird<\/a>.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Kunden werden vorsichtiger planen<\/h2>\n<p>Auch aus individueller Perspektive bleiben verschiedene unmittelbare und vielleicht l\u00e4ngere Auswirkungen, welche die Nachfrage beeinflussen. Etwa die neue Dynamik im unmittelbaren Lebensumfeld: \u00abSicherheiten\u00bb welcher Art auch immer haben sich in der Pandemie nur als vor\u00fcbergehend erwiesen. Alle haben dar\u00fcber hinaus gelernt, was es bedeutet, mit staatlich auferlegten Verhaltensbeschr\u00e4nkungen zu leben. Und selbst bei deren Wegfall haben sich viele Menschen eigene Beschr\u00e4nkungen auferlegt \u2013 sei es aufgrund objektiver gesundheitlicher Zw\u00e4nge oder aufgrund eines gesch\u00e4rften Risikoempfindens. Hierzu beigetragen hat auch die potenzielle Verg\u00e4nglichkeit \u00f6konomischer Gewissheiten (Arbeitsstelle, Einkommen). Was davon bleibt, sind vielleicht das Vertrauen in die eigenen F\u00e4higkeiten im Umgang mit einem sehr herausfordernden und volatilen Lebensumfeld und die Flexibilit\u00e4t im eigenen Verhalten. Hier staunen wohl viele, was alles m\u00f6glich ist und war.<\/p>\n<p>Nachfrageseitig ist deshalb mit kurzfristigeren und flexibleren Reiseentscheidungen zu rechnen. Hierzu tragen auch die zunehmende Flexibilisierung in der Angebotsgestaltung und die weitere Digitalisierung des Buchungsprozesses aus Sicht der Kunden bei. Zu erwarten ist zudem eine h\u00f6here Risikowahrnehmung: So werden die Konsumenten ihre Reisen k\u00fcnftig vorsichtiger planen, was gesundheitliche Aspekte (etwa neue Virusvarianten), \u00f6konomische Aspekte (beispielsweise Arbeits- und Einkommenssituation sowie Inflation) oder auch regulatorische Aspekte (etwa potenzielle Reisebeschr\u00e4nkungen) angeht. Ob sich dabei der viel ge\u00e4usserte Wunsch nach einem nachhaltigeren Reiseverhalten erf\u00fcllt, wird die Zeit zeigen. Die Zahlungsbereitschaft f\u00fcr nachhaltige Angebote und sichere Destinationen, wie etwa die Schweiz, k\u00f6nnte steigen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Unternehmen haben Flexibilit\u00e4t bewiesen<\/h2>\n<p>Auch Tourismusunternehmen wurden direkt von der Pandemie getroffen, weil der Betrieb verboten oder eingeschr\u00e4nkt wurde. Zudem haben \u00f6konomische Besonderheiten wie die fehlende Lagerbarkeit der Produkte Auswirkungen auf die Erfolgsrechnungen und die Bilanzen. Die schnelle und unb\u00fcrokratische Reaktion des Staates mit den Covid-Krediten, der verl\u00e4ngerten Kurzarbeit und den H\u00e4rtefallhilfen konnte potenziell weitreichende, systemrelevante Zusammenbr\u00fcche wie den Konkurs einer Bergbahn oder von bedeutenden Hotels verhindern.<\/p>\n<p>Das \u00dcberleben der Unternehmen konnte so zwar gesichert werden. Die Ertr\u00e4ge sind jedoch ausgefallen, und der Ertragswert vieler Unternehmen insbesondere in international ausgerichteten Destinationen ist gesunken. Das schw\u00e4cht die Liquidit\u00e4t, die Eigenmittel und damit die zuk\u00fcnftige Investitionsf\u00e4higkeit. Der Fokus im Management hat sich vielerorts auf das Krisenmanagement verlagert, wobei weiter reichende strategische \u00dcberlegungen in den Hintergrund r\u00fcckten.<\/p>\n<p>Viele Tourismusunternehmen haben dabei die F\u00e4higkeit bewiesen, sich agil auf diese schwierigen und volatilen Bedingungen einzustellen. Erw\u00e4hnenswert ist die Anpassung von Gesch\u00e4ftsmodellen und Prozessen: So haben viele Hotels ihre Abl\u00e4ufe, etwa beim Check-in oder bei der Reinigung, vereinfacht. Ausserdem haben sie sich auf neue Produkte konzentriert, wie beispielsweise Langzeitangebote oder sogenannte Workation \u2013 eine Kombination von Arbeit und Ferien. Oder Restaurants haben auf Take-away umgestellt. Diese Innovationen haben gleichzeitig die Produktivit\u00e4t erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Diese F\u00e4higkeit, sich anzupassen, ist hoffentlich nachhaltig und hilft den Tourismusbetrieben dabei, den sich abzeichnenden Arbeitskr\u00e4ftemangel in der Branche besser aufzufangen. Dieser entstand nicht zuletzt auch deshalb, weil aufgrund der Unsicherheiten bez\u00fcglich der Zukunft des Tourismus viele Fachkr\u00e4fte die Branche verlassen haben und k\u00fcnftig vielleicht auch meiden werden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Das brauchen die Unternehmen jetzt<\/h2>\n<p>Angebotsseitig ist deshalb vor allem mit einem Schub in Richtung produktiverer Leistungsprozesse zu rechnen. Viele Tourismusunternehmen haben ihre Arbeitsweisen und ihre Kundenversprechen aufgrund der Kosten- und Ertragssituation in der Pandemie angepasst und werden nicht einfach zur \u00abalten\u00bb Welt zur\u00fcckkehren. Dies k\u00f6nnte teilweise auch den virulent gewordenen Fachkr\u00e4ftemangel lindern, weil damit verbunden weniger Personal n\u00f6tig ist.<\/p>\n<p>In Zukunft m\u00fcssen die Prozesse und Gesch\u00e4ftsmodelle weiter angepasst werden. Daf\u00fcr sollten die Unternehmen aus dem \u00dcberlebensmodus in einen Entwicklungsmodus kommen und die hierzu notwendigen finanziellen und personellen Ressourcenspielr\u00e4ume schaffen. In Sachen Finanzierung wird es dabei nicht nur um den Ersatz des Bestehenden gehen, sondern vermehrt auch um Investitionen in produktivere Prozesse \u2013 oft auch mithilfe digitaler Instrumente.<\/p>\n<p>F\u00fcr die touristische Wirtschaft insgesamt ist ein Umfeld notwendig, welches zun\u00e4chst die Erholung von Erfolgsrechnungen und Bilanzen der Unternehmen erm\u00f6glicht und sodann die zuk\u00fcnftige Entwicklung unterst\u00fctzt. Einiges ist bereits in der aktuellen Tourismusstrategie des Bundes festgeschrieben, wie beispielsweise die Revision des Gesetzes zur Beherbergungsf\u00f6rderung oder die Betonung der Nachhaltigkeit.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus sollten Bund und Kantone die zuk\u00fcnftige Politikgestaltung und Regulierung aber vermehrt auch auf ein immer dynamischeres Geschehen ausrichten \u2013 die verschiedenen innovativen unternehmerischen Reaktionen auf die Pandemie zeugen davon. Dazu braucht es nicht nur die wirtschaftlichen, sondern auch regulative Freir\u00e4ume \u2013 wie sie die Schweiz beispielsweise mit der vereinfachten Kurzarbeit oder der Ausweitung der bewirtschafteten Aussenfl\u00e4chen w\u00e4hrend der Pandemie den Tourismusunternehmen gew\u00e4hrt hat.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe <a href=\"https:\/\/imp.unisg.ch\/de\/imp-publikationen\/covid-reports\">Berichte mit Schweizer Perspektive<\/a> sowie <a href=\"https:\/\/www.aiest.org\/news\/covid-reports\">Berichte mit einer internationalen Perspektive<\/a>.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Bieger, T., Laesser, C. und Mitterer, D. (2021). Liberalism, Federalism, Self-Responsibility: The Way of Swiss Tourism Through the Pandemic, in: Callot, Ph. (Hrsg): Tourism Post Covid-19: Coping, Negotiating, Leading Change. Wien: TRC (S. 107\u2013122).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gut zwei Jahre hatte die Pandemie die Welt im Griff. Mit wenigen kurzen Ausnahmen in den Sommermonaten waren Reisen \u2013 vor allem jene in weiter entfernte L\u00e4nder \u2013 kaum m\u00f6glich. Was ist von dieser Zeit geblieben? Und was bedeutet das f\u00fcr den k\u00fcnftigen Tourismus? 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