{"id":165396,"date":"2022-04-26T09:46:06","date_gmt":"2022-04-26T07:46:06","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=165396"},"modified":"2023-08-24T01:28:09","modified_gmt":"2023-08-23T23:28:09","slug":"wiederaufflammen-der-inflation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/04\/wiederaufflammen-der-inflation\/","title":{"rendered":"Das \u00fcberraschende Wiederaufflammen der Inflation"},"content":{"rendered":"<p>Die j\u00fcngst wieder aufgeflammte Inflation hat alle \u00fcberrascht.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Viele junge Menschen \u2013 einschliesslich der Expertinnen und Experten in den Zentralbanken und in den Unternehmen \u2013 erleben erstmals selber, was eine starke Teuerung bedeutet. Denn global gesehen verharrte die Inflation seit den 1990er-Jahren bis vor Kurzem auf tiefem Niveau. Nach der Finanzkrise von 2009 war die Inflation teilweise sogar negativ.<\/p>\n<p>Um die Inflationsrate auf die angestrebten Zielwerte anzuheben, ergriffen die Zentralbanken damals aussergew\u00f6hnliche Massnahmen. Einerseits hielten sie den Nominalzins auf historisch tiefem Niveau oder gar im negativen Bereich. Andererseits weiteten sie ihre Bilanzen in Dimensionen aus, wie man sie bisher h\u00f6chstens in Kriegszeiten kannte.<\/p>\n<p>Sicherlich, in einigen L\u00e4ndern \u2013 darunter Japan, die Schweiz und China \u2013 stellt die Inflation noch kein grosses Problem dar. In Japan lag die Inflation bis vor Kurzem weiterhin deutlich unter dem angestrebten Ziel, und in der Schweiz hatte sie erst letzthin die Schwelle von 2 Prozent \u00fcberschritten. Diese Sonderf\u00e4lle \u00e4ndern aber nichts am Gesamtbild einer weltweit hohen Inflation.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Untersch\u00e4tztes Inflationsrisiko<\/strong><\/h2>\n<p>Noch Anfang 2021 \u2013 als die Volkswirtschaften stark unter der Corona-Krise litten \u2013 glaubten die meisten Expertinnen und Experten, dass sich die wirtschaftliche Verlangsamung noch einige Zeit fortsetzen w\u00fcrde. Entsprechend rechneten sie mit einem anhaltend niedrigen Inflationsdruck. Gem\u00e4ss der damals vorherrschenden Meinung war lediglich mit vor\u00fcbergehenden Preisanstiegen zu rechnen, da die pandemiebedingten Restriktionen die Produktion einschr\u00e4nken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Juni 2021 stellte die Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in ihrem j\u00e4hrlichen <a href=\"https:\/\/www.bis.org\/publ\/arpdf\/ar2021e.htm\">Wirtschaftsbericht<\/a> ein Szenario vor, das von einer h\u00f6heren und hartn\u00e4ckigeren Inflation ausging als fr\u00fchere Prognosen. Die Annahme war, dass die Inflation viel st\u00e4rker auf den Nachfragedruck auf die Produktionskapazit\u00e4ten (\u00abeconomic slack\u00bb) reagieren w\u00fcrde, als dies seit den 1990er-Jahren der Fall war. Dies, so die Annahme des Szenarios, w\u00fcrde wiederum die Inflationserwartungen ersch\u00fcttern, und in der Folge k\u00e4me es zu einer Lohn-Preis-Spirale, also einem sich gegenseitig verst\u00e4rkenden Anstieg von L\u00f6hnen und Preisen.<\/p>\n<p>Diese Annahmen schienen zwar plausibel zu sein, doch man ging angesichts fr\u00fcherer Erfahrungen nicht davon aus, dass sie tats\u00e4chlich zutreffen w\u00fcrden. Letztendlich \u00fcberstieg die tats\u00e4chlich beobachtete Inflationsrate aber sogar die Prognosen des BIZ-Szenarios.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Aufschwung und neue Nachfrage <\/strong><\/h2>\n<p>Warum ist die Inflation derzeit so hoch? Im Nachhinein, und mit etwas Demut, kristallisieren sich m\u00f6gliche Erkl\u00e4rungen heraus. Wenn man die Unterschiede zwischen den einzelnen L\u00e4ndern ausblendet, ist der j\u00fcngste Inflationsschub grunds\u00e4tzlich auf das Zusammenspiel dreier Faktoren zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Erstens erlebt die weltweite Nachfrage einen erstaunlich energischen Aufschwung. Daf\u00fcr sind das menschliche Verhalten und die Politik verantwortlich. W\u00e4hrend der Corona-Krise wurden die Ausgaben durch die Massnahmen zur Pandemiebek\u00e4mpfung k\u00fcnstlich gedrosselt. Sobald die Einschr\u00e4nkungen aufgehoben wurden, schnellten die Ausgaben sprunghaft nach oben, weil sich die Menschen nach Normalit\u00e4t sehnten.<\/p>\n<p>Entgegen den Bef\u00fcrchtungen dr\u00fcckte die Pandemie nicht langfristig auf die Konsumentenstimmung. Die expansive Geldpolitik trug ebenfalls zur Stimulation der Kaufkraft der Konsumenten bei. Dank den umfangreichen Konjunkturmassnahmen der USA stieg das den Haushalten zur Verf\u00fcgung stehende Einkommen so stark an wie seit den 1980er-Jahren nicht mehr. Gleichzeitig wurde die Geldpolitik gelockert, sodass infolge der aussergew\u00f6hnlich vorteilhaften Finanzierungsbedingungen der Anstieg der Nachfrage und damit auch der Preise unterst\u00fctzt wurde.<\/p>\n<p>Zweitens kann man derzeit ein erstaunlicherweise anhaltendes \u00abKippen\u00bb oder Umschwenken der aggregierten Nachfrage von den Dienstleistungen zu Industrieg\u00fctern beobachten: Zwar stiegen die Ausgaben zugunsten von lokalen Dienstleistungen wie Gastronomie oder Hotellerie wieder an, aber nicht im selben Ausmass wie erwartet. Angesichts des t\u00e4glich beobachtbaren Konsumverhaltens in der Schweiz wirkt dies vielleicht \u00fcberraschend, doch die Statistik zeigt, dass weltweit ein Umschwenken zu Industrieg\u00fctern stattgefunden hat.<\/p>\n<p>Drittens schliesslich konnte das Angebot mit der Nachfrage nicht Schritt halten. Die Engp\u00e4sse bei den Rohstoffen, den Vorleistungsg\u00fctern sowie bei Fracht und Transport bremsten die Produktion weltweit aus. Der Mangel an Halbleitern und Computerchips f\u00fchrte zu grossen Lieferverz\u00f6gerungen bei der Autoindustrie. Ausl\u00f6ser dieser Probleme waren zwar in erster Linie die Massnahmen zur Pandemiebek\u00e4mpfung, doch die hohe Nachfrage verst\u00e4rkte die Anspannung zus\u00e4tzlich. Die Halbleiterproduktion zum Beispiel \u00fcberstieg das Niveau, das vor Corona verzeichnet wurde, letztlich deutlich.<\/p>\n<p>Die globalen Wertsch\u00f6pfungsketten haben diese Engp\u00e4sse verst\u00e4rkt. Diese komplexen Produktionsnetzwerke mit Ver\u00e4stelungen in der ganzen Welt, die urspr\u00fcnglich die Kosten senken sollten, erwiesen sich als extrem krisenanf\u00e4llig. Zudem verabschiedeten sich viele Unternehmen vom Prinzip der Just-in-time-Lagerbewirtschaftung. Stattdessen f\u00fcllten sie ihre Lager auf, um einen Puffer zu schaffen. Diese Vorsichtsmassnahmen versch\u00e4rften die Lieferengp\u00e4sse zus\u00e4tzlich.<\/p>\n<p>Um die jetzige Inflationsdynamik zu verstehen, kann folgendes Bild hilfreich sein: Stellen Sie sich vor, Sie werfen eine Maschine an, die w\u00e4hrend einiger Zeit stillstand. Um sie in Gang zu setzen, f\u00fcllen sie einen effizienten Treibstoff in den Tank und verpassen der Maschine einen Fusstritt. Als Erstes stottert der Motor, dann raucht und faucht er.<\/p>\n<p>Genau das passierte mit der Weltwirtschaft, nachdem die wirtschaftliche Aktivit\u00e4t nicht mehr k\u00fcnstlich gedrosselt worden war. Die j\u00fcngste Inflation gleicht somit jenen Teuerungen, die jeweils nach Kriegsende entstehen, wenn eine ungebremste Nachfrage mit einer massiv wieder angekurbelten Produktion einhergeht.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Prognosen zur Inflationsentwicklung<\/strong><\/h2>\n<p>Bestimmte Faktoren k\u00f6nnten die Inflation fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wieder ins Lot bringen. So werden die Engp\u00e4sse zu einem \u2013 derzeit allerdings noch unbestimmten Zeitpunkt \u2013 wieder behoben sein. In einigen Sektoren k\u00f6nnte sich sogar ein Angebots\u00fcberschuss abzeichnen, da man innerhalb der globalen Wertsch\u00f6pfungsketten k\u00fcnftig immer weniger zur\u00fcckhaltend agieren wird und neue Produktionskapazit\u00e4ten entstehen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus sind weiterhin langfristige inflationshemmende Faktoren wirksam, die bis vor Kurzem die Inflation gebremst haben. Insbesondere die Globalisierung und die Technologie schr\u00e4nken die Preismacht von Arbeitnehmenden und Unternehmen nach wie vor ein, was Lohn-Preis-Spiralen weniger wahrscheinlich macht. Durch den Eintritt Chinas in das weltweite Handelssystem in den Neunzigerjahren und die wirtschaftliche \u00d6ffnung der Schwellenl\u00e4nder str\u00f6mten nicht weniger als 1,6 Milliarden \u00abbillige\u00bb Arbeitskr\u00e4fte auf den Weltmarkt.<\/p>\n<p>Dennoch bestehen durchaus gewisse Risiken. Eine wesentliche Rolle wird die Entwicklung der L\u00f6hne spielen: Von ihr h\u00e4ngt es ab, ob die sogenannten Zweitrundeneffekte Lohn-Preis-Spiralen ausl\u00f6sen werden. Ein starker Lohndruck besteht in den USA. Diese Entwicklung ist auch in vielen Schwellenl\u00e4ndern zu beobachten, insbesondere in Lateinamerika, wo sich die Inflation zuletzt schnell und anhaltend versch\u00e4rfte. In anderen Volkswirtschaften, vor allem in der Eurozone, war der Lohndruck hingegen weniger gross, auch wenn es noch zu fr\u00fch ist f\u00fcr eine Analyse, da viele Tarifverhandlungen erst im Laufe des Jahres stattfinden werden.<\/p>\n<p>Ein grosses Risiko geht vom Konflikt in der Ukraine aus, der den kurzfristigen Inflationsdruck betr\u00e4chtlich verst\u00e4rkt hat. So schnellten die Preise f\u00fcr Rohstoffe und Lebensmittel \u2013 f\u00fcr Energie, aber auch f\u00fcr Weizen \u2013 in die H\u00f6he. Falls sich diese Preisanstiege negativ auf die Wirtschaftsaktivit\u00e4t auswirken sollten, k\u00f6nnte dies die Anstrengungen zum Ausgleich des Kaufkraftverlusts mit der Zeit verst\u00e4rken und die Inflationserwartungen erh\u00f6hen, was letztendlich die gef\u00fcrchtete Lohn-Preis-Spirale ausl\u00f6sen k\u00f6nnte. Die weitere Entwicklung des Ukraine-Konflikts wird hier entscheidend sein.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich k\u00f6nnten langfristige strukturelle Kr\u00e4fte die Inflation tendenziell beg\u00fcnstigen. So besteht die M\u00f6glichkeit, dass Unternehmen beispielsweise aus geopolitischen Gr\u00fcnden ihre Wertsch\u00f6pfungsketten reorganisieren. Dies w\u00fcrde zu einer Abnahme der internationalen Verflechtungen f\u00fchren. Weiter k\u00f6nnte eine steigende Staatsverschuldung viele Regierungen dazu verleiten, eine st\u00e4rkere Inflation zu tolerieren, um so ihre Verschuldung dank der Teuerung zu verringern.<\/p>\n<p>Letztlich h\u00e4ngt der Verlauf der Inflation stark von den Massnahmen der Zentralbanken ab, die mit ihrer Geldpolitik die Teuerung kontrollieren k\u00f6nnen. Die Herausforderung wird sein, die Inflation einzud\u00e4mmen und gleichzeitig die negativen Auswirkungen der Massnahmen auf die Wirtschaft m\u00f6glichst gering zu halten. Der vom Ukraine-Konflikt ausgel\u00f6ste starke Anstieg der Rohstoffpreise erschwert diese Aufgabe, da er die Inflation ankurbelt und die Wirtschaftsaktivit\u00e4t verlangsamt. Wenn es den Zentralbanken gelingt, diese Herausforderung zu meistern, wird sich eine unkomfortabel hohe Inflation nicht verfestigen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Dieser Artikel gibt die Ansichten des Autors wieder. Sie entsprechen nicht zwingend jenen der Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die j\u00fcngst wieder aufgeflammte Inflation hat alle \u00fcberrascht. Viele junge Menschen \u2013 einschliesslich der Expertinnen und Experten in den Zentralbanken und in den Unternehmen \u2013 erleben erstmals selber, was eine starke Teuerung bedeutet. 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