{"id":165529,"date":"2022-04-08T12:10:28","date_gmt":"2022-04-08T10:10:28","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=165529"},"modified":"2023-08-24T01:28:37","modified_gmt":"2023-08-23T23:28:37","slug":"ein-gutes-pferd-springt-nur-so-hoch-wie-es-muss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/04\/ein-gutes-pferd-springt-nur-so-hoch-wie-es-muss\/","title":{"rendered":"\u00abEin gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss\u00bb"},"content":{"rendered":"<div class=\"content-copy-questions\">Frau Bening, in letzter Zeit ist ein regelrechter Hype um die Kreislaufwirtschaft entstanden \u2013 woher kommt dieser?<\/div>\n<p>Das heute propagierte Konzept der Kreislaufwirtschaft will unseren Ressourcenverbrauch verringern \u2013 und die damit einhergehenden Probleme wie CO<sub>2<\/sub>-Ausstoss und r\u00fcckl\u00e4ufige Biodiversit\u00e4t. Im Gegensatz zur urspr\u00fcnglichen Idee des Recyclings, mit dem die Kreislaufwirtschaft in der Vergangenheit gleichgesetzt wurde, macht das neue Konzept ein grosses Versprechen, das lautet: \u00abHey, es geht alles so weiter wie bisher! Es gibt weiterhin Wirtschaftswachstum. Aber jetzt k\u00f6nnen wir das Wirtschaftswachstum sogar vom Ressourcenverbrauch und den negativen Umweltauswirkungen entkoppeln.\u00bb Ich denke, der Hype stammt daher, dass wir innerhalb der planetaren Grenzen bleiben k\u00f6nnen, ohne auf Wohlstand verzichten zu m\u00fcssen \u2013 das t\u00f6nt nat\u00fcrlich vielversprechend.<\/p>\n\n<div class=\"content-copy-questions\">Sind Sie skeptisch, dass das m\u00f6glich ist?<\/div>\n<p>Nein, das w\u00fcrde ich nicht sagen. Aber es gibt \u00dcberlegungen, die Suffizienz auch als wichtigen Teil der Kreislaufwirtschaft zu sehen. Dazu geh\u00f6ren der Verzicht auf Konsum in seiner bisherigen Auspr\u00e4gung und ein reduziertes Wirtschaftswachstum. Dieser Gedanke ist im aktuellen Postulat nicht prominent.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Was ist so verwerflich an der linearen Wirtschaftsweise?<\/div>\n<p>Das zentrale Problem ist, dass heute die Umweltsch\u00e4den beim Abbau, bei der Nutzung und bei der Entsorgung der eingesetzten Ressourcen nicht im Preis abgebildet sind. Das f\u00fchrt zu einem extremen Ressourcenverbrauch.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Wird eine Ressource knapp, steigt doch der Preis, und der Verbrauch nimmt ab.<\/div>\n<p>Einen Preisaufschlag gibt es erst dann, wenn die Knappheit und die externen Umwelteffekte bereits so gross sind, dass die Marktakteure sie wahrnehmen und ihre Aktivit\u00e4ten danach ausrichten. Dann kann es allerdings schon zu sp\u00e4t sein.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Wie geht die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft voran?<\/div>\n<p>Je nach Industrie gibt es grosse Unterschiede. Einige Bereiche wie die chemische Industrie sind bereits sehr aktiv. Andere wie der Bausektor kommen erst langsam auf den Radar. Insgesamt gibt es zwar in den meisten Branchen einige Vorreiter und Firmen, die einem guten Beispiel folgen \u2013 von einer Kreislaufwirtschaft sind wir aber noch weit entfernt.<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Zus\u00e4tzliche Regulierungen werden zentral sein<\/span><\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Der Bericht des Bundesrats zum Postulat Noser hat Regulierungen ausgemacht, welche die Kreislaufwirtschaft behindern. Reicht es, diese abzuschaffen?<\/div>\n<p>Nein. Der Abbau dieser Normen und Gesetze ist zwar wichtig, aber: Regulierungen sind nicht der Hemmschuh f\u00fcr eine Kreislaufwirtschaft \u2013 sie sind vor allem der Treiber. Zus\u00e4tzliche Regulierungen werden deshalb zentral sein. Wie sagt man so sch\u00f6n: Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Aber es gibt ja schon l\u00e4nger Firmen, die ohne Regulierungen eine Kreislaufwirtschaft anstreben.<\/div>\n<p>Auch hier ist die Regulierung entscheidend. Denn Unternehmen antizipieren solche kommenden Regeln nat\u00fcrlich, oder sie werden sogar erst gegr\u00fcndet, weil sich neue M\u00e4rkte auftun. Ein Beispiel f\u00fcr die Wirkung angedrohter Regulierungen ist das PET-Recycling Schweiz. Ende der Achtzigerjahre hat der Bund den Getr\u00e4nkeherstellern gesagt: Entweder ihr regelt das selber, oder wir regeln das f\u00fcr euch. Dann war ziemlich schnell klar, dass man das lieber selber regeln wollte. Und das Ergebnis davon ist sehr gut. Auch im Geb\u00e4udebereich oder beim Emissionshandelssystem haben uns Unternehmensf\u00fchrer in Studien immer wieder gesagt: \u00abDie Details einer Regulierung sind nicht so entscheidend. Hauptsache ist, dass wir ein verbindliches, langfristiges Ziel haben, an dem wir uns ausrichten k\u00f6nnen.\u00bb<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Das heisst, es m\u00fcssen f\u00fcr alle die gleichen Spielregeln gelten, damit sich die Firmen bewegen?<\/div>\n<p>Zentral ist, dass man den Innovationsrahmen f\u00fcr alle Firmen in einer Branche setzt, zum Beispiel indem man konkrete Ziele formuliert, wie etwa einen gewissen Anteil an rezykliertem Material in einem Produkt. Ansonsten bewegt sich keiner freiwillig. Denn er bef\u00fcrchtet Kostensteigerungen und somit einen Wettbewerbsnachteil.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_167014\" aria-describedby=\"caption-attachment-167014\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/03\/TOM7239-scaled.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-167014 size-large\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/03\/TOM7239-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"534\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/03\/TOM7239-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/03\/TOM7239-300x200.jpg 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/03\/TOM7239-768x512.jpg 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/03\/TOM7239-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/03\/TOM7239-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-167014\" class=\"wp-caption-text\">Bild: Keystone \/ Thomas Egli<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Die Grunds\u00e4tze der Kreislaufwirtschaft sind teilweise sehr normativ. Beispielsweise: Je l\u00e4nger ein Gut genutzt wird, desto besser. Ist das ein Problem?<\/div>\n<p>Nat\u00fcrlich stimmt dieser Grundsatz nicht immer. Bei einer \u00d6lheizung ist es \u00f6kologisch nicht sinnvoll, diese weiter zu nutzen, nur um m\u00f6glichst lange das im Heizkessel verbaute Material zu nutzen. Deshalb muss die Forschung Messinstrumente f\u00fcr eine Kreislaufwirtschaft finden, die \u00f6konomische, \u00f6kologische und soziale Nachhaltigkeit abbilden k\u00f6nnen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Wie sieht ein solches Messinstrument aus?<\/div>\n<p>Da gibt es noch extrem viel Forschungsbedarf. Denn ob es sich lohnt, ein Gut wiederzuverwenden, h\u00e4ngt immer vom Kontext und von der Alternative ab. In Z\u00fcrich ist eine Verpackung m\u00f6glicherweise \u00abschlecht\u00bb, weil sie hier einfach im Kehricht landet. In Berlin w\u00e4re dieselbe Verpackung aber m\u00f6glicherweise \u00abgut\u00bb, weil die Infrastruktur f\u00fcr das Recycling existiert. Allerdings m\u00fcsste man sich in Berlin auch fragen, wof\u00fcr die recycelte Verpackung dann wiederverwendet wird.<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Viele L\u00f6sungen sind gar nicht unbedingt eine Verbesserung im Sinne einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft<\/span><\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Besteht nicht auch die Gefahr, dass Firmen vermeintliche Kreislaufl\u00f6sungen als Marketing missbrauchen?<\/div>\n<p>Ja, die Gefahr besteht. Und zwar vor allem dort, wo Transparenz fehlt und die Sachlage komplex ist. Genau deshalb ist es so wichtig, Kreislaufl\u00f6sungen messbar und damit vergleichbar zu machen. Viele L\u00f6sungen werden sicher mit guten Intentionen auf den Markt gebracht, aber sind vielleicht gar nicht unbedingt eine Verbesserung im Sinne einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">K\u00f6nnen Sie ein Beispiel machen?<\/div>\n<p>Die Jacke aus PET-Flaschen etwa: Hier w\u00e4re es die bessere L\u00f6sung gewesen, aus dem Rezyklat der PET-Flasche wieder eine Flasche zu machen anstatt einer Jacke, die nicht auf dieselben Qualit\u00e4tsanspr\u00fcche angewiesen ist wie eine Lebensmittelverpackung. Ein anderes Beispiel sind Businessmodelle, die Unterhaltungselektronik zum Mieten statt zum Kaufen anbieten. Der Kreislaufgedanke dahinter ist nat\u00fcrlich, dass so die Lebenszyklen der Produkte erh\u00f6ht und damit die Ressourcennutzung verbessert wird. Je nach Markt und Preisstruktur kann dies aber auch dazu f\u00fchren, dass die Konsumenten viel schneller auf das neuste Modell wechseln, weil sie in einem Leasingmodell weniger an ein konkretes Produkt gebunden sind als bei einem Kauf. Auch hier gilt: Ob es sich um eine nachhaltige Kreislaufl\u00f6sung handelt, muss im Detail beurteilt werden.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Sie haben erw\u00e4hnt, dass es fast in allen Branchen Unternehmen gibt, die guten Willens sind. Warum sind wir dann noch nicht weiter?<\/div>\n<p>Die Herausforderungen sehen in den verschiedenen Wertsch\u00f6pfungsketten sehr unterschiedlich aus. Das hat neben der \u00f6ffentlichen Sichtbarkeit auch strukturelle Gr\u00fcnde. Zum Beispiel im Bausektor: Hier weiss man recht genau, was zu tun w\u00e4re, um die Kreisl\u00e4ufe zu schliessen. Trotzdem gibt es nur langsam Fortschritte. Ein Grund daf\u00fcr ist sicher die Vielzahl der involvierten Akteure. Das f\u00fchrt zu unklaren Zust\u00e4ndigkeiten und hemmt Innovation. Hier ist es nun am Regulator, klare Vorgaben zu machen, um eindeutige Signale an den gesamten Sektor zu senden.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Was k\u00f6nnten das f\u00fcr Signale sein?<\/div>\n<p>Anreize f\u00fcr Kreislaufinnovationen w\u00fcrden etwa dann gesetzt, wenn es ein klares Bekenntnis zur Regulierung von grauer Energie g\u00e4be. Dabei handelt es sich um nicht erneuerbare Prim\u00e4renergie, die bei der Produktion von neuen Baumaterialien entsteht. Wie bereits gesagt: Dabei ist es vor allem wichtig, dass ein klares und langfristig verbindliches Ziel formuliert wird, an dem sich eine Wertsch\u00f6pfungskette ausrichten kann. Bei der grauen Energie k\u00f6nnte etwa ein Absenkpfad aufzeigen, welche Menge an grauer Energie bei Neubauten k\u00fcnftig noch zul\u00e4ssig ist. Anschliessend m\u00fcssten dadurch nat\u00fcrlich auch Innovationen umgesetzt werden. Deshalb braucht es in einem zweiten Schritt eine aktive Wissensvermittlung in der Ausbildung, so wie der Bundesrat das nun im Bericht auf das Postulat Noser vorgeschlagen hat.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">In welchen Branchen hat die Kreislaufwirtschaft am meisten Potenzial?<\/div>\n<p>Das h\u00e4ngt vom Fokus ab. Rund 45 Prozent des CO<sub>2<\/sub>-Ausstosses k\u00f6nnte man mit Kreislaufl\u00f6sungen beim Ressourcenverbrauch einsparen \u2013 vor allem in der Schwerindustrie, in der Chemieindustrie oder eben im Bausektor. Wenn man den Fokus aber erweitert \u2013 was ja ein explizites Ziel der Kreislaufwirtschaft ist \u2013 und auch Aspekte wie Biodiversit\u00e4t oder Wasserknappheit ber\u00fccksichtigt, dann ist das Potenzial in der Landwirtschaft oder in der Textilindustrie sehr gross.<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Ein Konsumverzicht ist die direkteste Form der Ressourcenschonung<\/span><\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Welche Auswirkungen hat die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft auf die Konsumenten?<\/div>\n<p>Die Konsumenten und B\u00fcrger steuern massgeblich die Investitionsentscheide der Unternehmen und die regulatorischen Vorgaben des Staates. Denn da, wo ein \u00f6ffentliches Interesse existiert, da passiert auch etwas \u2013 zum Beispiel bei den Kunststoffverpackungen. Die angestossenen Innovationen bringen neue, idealerweise ressourcenschonendere Materialien auf den Markt oder erh\u00f6hen die Lebensdauer der hergestellten Produkte im Kreislauf. Das kann mithilfe von digitalen Plattformen geschehen, die beispielsweise die Reparatur oder das Teilen erm\u00f6glichen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Gen\u00fcgen solche technischen Innovationen?<\/div>\n<p>Nein. Bei den allermeisten Kreislaufl\u00f6sungen braucht es eine aktive Rolle des Konsumenten \u2013 sei es beim bewussten Wiederverwenden von G\u00fctern, beim Recycling oder beim unverpackten Einkaufen. Der Konsument muss sich dadurch aktiver einbringen als in der heutigen Wegwerfgesellschaft: Er muss sich ausf\u00fchrlicher informieren, um einen guten Entscheid zu treffen, und er muss sich generell fragen, welche Form von Konsum n\u00f6tig ist. Denn tendenziell gilt: Ein Konsumverzicht ist die direkteste Form der Ressourcenschonung.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Wird mit der Kreislaufwirtschaft nun alles teurer?<\/div>\n<p>Der Umbau von einer linearen zu einer zirkul\u00e4ren Wirtschaft ist ein paradigmatischer Wechsel, der Gewinner und Verlierer hervorbringen wird. Ob der Staat da einen Ausgleich schaffen will und ob das f\u00fcr den Umbau der Wirtschaft f\u00f6rderlich ist, ist eine offene Frage und aktuell noch schwierig zu beantworten. Was sich aber sagen l\u00e4sst: Wenn das Ziel der Kreislaufwirtschaft umgesetzt und der Ressourcenverbrauch eingeschr\u00e4nkt werden soll, dann ist ein m\u00f6glicher Weg dazu, den bislang fast kostenlosen Ressourcen einen Preis zu geben und negative Externalit\u00e4ten zu internalisieren. Wenn das passiert, dann wird sich das Preisgef\u00fcge, wie wir es heute kennen, \u00e4ndern. Ich halte es f\u00fcr unverantwortlich, dies nicht ganz explizit zu machen: Ein \u00abWeiter wie bisher\u00bb ist nicht m\u00f6glich und kann auch kein Ziel sein \u2013 auch nicht in einer Kreislaufwirtschaft.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frau Bening, in letzter Zeit ist ein regelrechter Hype um die Kreislaufwirtschaft entstanden \u2013 woher kommt dieser? Das heute propagierte Konzept der Kreislaufwirtschaft will unseren Ressourcenverbrauch verringern \u2013 und die damit einhergehenden Probleme wie CO2-Ausstoss und r\u00fcckl\u00e4ufige Biodiversit\u00e4t. 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