{"id":166307,"date":"2022-04-19T07:17:05","date_gmt":"2022-04-19T05:17:05","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=166307"},"modified":"2023-08-24T01:28:12","modified_gmt":"2023-08-23T23:28:12","slug":"die-tiefe-geothermie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/04\/die-tiefe-geothermie\/","title":{"rendered":"Die tiefe Geothermie \u2013 eine Energiel\u00f6sung vor Ort"},"content":{"rendered":"<p>Es ist un\u00fcbersehbar: Von Genf bis Basel und auch in den Kantonen Waadt und Jura ist die tiefe Geothermie (ab einer Tiefe von etwa 500 Metern) im Aufwind.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Nach anf\u00e4nglichem Z\u00f6gern hat sich die Schweiz aufgemacht, ihren tiefen Untergrund zu erkunden und ihr geothermisches Potenzial zu erschliessen. Dieses grosse Unterfangen ist aber nicht ohne Risiko, denn unser Untergrund ist eine teure Blackbox, deren Erkundung hohe Anfangsinvestitionen erfordert. Hinzu kommt, dass wir keine jahrzehntelange \u00d6l- und Gastradition haben und deshalb eine leistungsf\u00e4hige Industrie quasi von Grund auf neu aufbauen m\u00fcssen. Dennoch ist die Tiefengeothermie eine \u00fcberzeugende L\u00f6sung, um die aktuellen Herausforderungen im Energie- und Klimabereich zu bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<p>Die Nachrichten aus ganz Europa \u2013 insbesondere der Krieg in der Ukraine und die Entscheidung Frankreichs, sein Kernenergieprogramm wiederaufzunehmen \u2013 machen klar, dass unser Energiesystem widerstandsf\u00e4higer, flexibler und zuverl\u00e4ssiger werden muss. Wir m\u00fcssen die Energieversorgung f\u00fcr die Zukunft sichern und d\u00fcrfen gewissen schwierigen Fragestellungen nicht l\u00e4nger aus dem Weg gehen. Die L\u00f6sung liegt dabei sprichw\u00f6rtlich unter unseren F\u00fcssen<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Eine Quelle f\u00fcr W\u00e4rme und Elektrizit\u00e4t<\/strong><\/h2>\n<p>Der Schweizer Untergrund birgt ein riesiges nat\u00fcrliches W\u00e4rmereservoir, das unabh\u00e4ngig von klimatischen Bedingungen permanent und uneingeschr\u00e4nkt zur Verf\u00fcgung steht. Die geothermischen Ressourcen des oberfl\u00e4chennahen Untergrunds werden bereits in grossem Umfang f\u00fcr die W\u00e4rmeversorgung von Wohnh\u00e4usern genutzt: In der Schweiz liefern Erdw\u00e4rmesonden mit W\u00e4rmepumpen derzeit mehr als 80 Prozent der rund 4 Terawattstunden (TWh) W\u00e4rme, die aus geothermischer Energie gewonnen wird.<\/p>\n<p>Diese erneuerbare Energie kann auch in anderen Bereichen genutzt werden \u2013 zum Beispiel f\u00fcr zentrale Heizungs- und Klimaanlagen oder zur Stromerzeugung, wenn die W\u00e4rmequelle eine Temperatur von mehr als etwa 110 Grad Celsius liefert. Sie kann auch Industriebetriebe, Stadtviertel oder sogar ganze Agglomerationen mit Energie versorgen. Und sie hilft uns beim Ausgleich unseres Energiesystems, indem sie wertvolle saisonale Speicherkapazit\u00e4ten bietet. So kann \u00fcbersch\u00fcssige W\u00e4rme im Untergrund gespeichert werden, um bei Bedarf genutzt zu werden.<\/p>\n<p>Unsere europ\u00e4ischen Nachbarn haben bereits zahlreiche Projekte umgesetzt, die das wirtschaftliche Potenzial der \u00abhydrothermalen Tiefengeothermie\u00bb aufzeigen. Hydrothermale Tiefengeothermie meint die Nutzung von Heisswasserquellen, die nat\u00fcrlicherweise in den durchl\u00e4ssigen Schichten des Untergrunds vorhanden sind.<\/p>\n<p>In Frankreich gibt es im Grossraum Paris rund 55 hydrothermale Projekte, die seit Ende der 1970er-Jahre fast eine Million Menschen mit W\u00e4rme versorgen. In der Schweiz gibt es nur ein vergleichbares Projekt in Riehen BL, das seit 1994 fast 8000 Einwohner mit W\u00e4rme versorgt. Daneben k\u00f6nnen auch unkonventionelle Systeme entwickelt werden, wie beispielsweise stimulierte geothermische Systeme oder \u00abClosed Loop\u00bb-Systeme, mit denen die W\u00e4rme aus dem Untergrund unabh\u00e4ngig vom Vorhandensein geothermischer Gew\u00e4sser genutzt werden kann.<\/p>\n<p>Vielversprechend ist auch die sogenannte petrothermale Tiefengeothermie. Sie erzeugt Strom und W\u00e4rme durch die Nutzung der W\u00e4rme in kristallinem Gestein in grosser Tiefe. In Finnland wurde 2021 zum Beispiel in der N\u00e4he von Helsinki erstmals bis in eine Tiefe von 6,5 Kilometern gebohrt.<\/p>\n<p>Das Bundesamt f\u00fcr Energie (BFE) sch\u00e4tzt, dass die Nutzung der Energie aus warmem, trockenem Festgestein bis Mitte des Jahrhunderts <a href=\"https:\/\/www.bfe.admin.ch\/bfe\/de\/home\/politik\/energieperspektiven-2050-plus.html\">2 Terawattstunden<\/a> an geothermischem Strom liefern wird. Technologische Fortschritte erm\u00f6glichen nicht nur die Erschliessung immer tieferer geothermischer Ressourcen, sondern erweitern auch das Anwendungsspektrum der Geothermie.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Interessen abw\u00e4gen<\/strong><\/h2>\n<p>Die tiefe Geothermie hat viele Vorteile. Sie liefert sogenannte Bandenergie, das heisst, sie kann kontinuierlich genutzt werden, da sie nur von den spezifischen Eigenschaften des Untergrunds abh\u00e4ngt. Daher ist die Geothermie zumindest teilweise eine Alternative zur Kernenergie. Da die geothermische Energieproduktion flexibel ist und im Falle einer hohen t\u00e4glichen oder saisonalen Nachfrage hochgefahren werden kann, kann sie zur L\u00f6sung des Versorgungsproblems im Winter und so auch zur Verminderung unserer Abh\u00e4ngigkeit von Gas beitragen. Zudem bleibt der Preis f\u00fcr geothermische Energie stabil, ganz im Gegensatz zur chronischen Preisvolatilit\u00e4t der fossilen Energietr\u00e4ger, und er wird auch nicht durch Klimaschwankungen beeinflusst.<\/p>\n<p>Die Geothermie sch\u00fcrt jedoch auch \u00f6kologische Bedenken, insbesondere hinsichtlich der Verschmutzung der unterirdischen Trinkwasserressourcen. Zudem sind die Stimulations- und Bohraktivit\u00e4ten nicht ohne Risiko und k\u00f6nnen Erdbeben mit Schadenfolgen ausl\u00f6sen, wie sie bei den Projekten in Basel und St. Gallen beobachtet wurden. Um diese Risiken zu mindern, k\u00f6nnen bew\u00e4hrte Verfahren und Standards, wie sie in der \u00d6lindustrie seit Jahrzehnten in den Bereichen Reservoirmanagement und Bohrlochintegrit\u00e4t etabliert sind, auch bei der geothermischen Nutzung eingesetzt werden. Das Unternehmen Geo Energie Suisse hat im Rahmen seines Tiefengeothermie-Pilotprojekts in Haute-Sorne im Kanton Jura ein System zur \u00dcberwachung von Erdbeben eingerichtet. Dadurch kann der Betreiber die Betriebsabl\u00e4ufe anpassen, um stets unter der niedrigsten Alarmstufe zu bleiben und bei einer Zunahme der seismischen Aktivit\u00e4ten sofort reagieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Geothermie und Lithiumproduktion<\/strong><\/h2>\n<p>Bereits zeichnen sich neue M\u00f6glichkeiten ab, wie die wirtschaftliche Attraktivit\u00e4t der tiefen Geothermie weiter gesteigert werden kann. Eine zus\u00e4tzliche Einnahmequelle f\u00fcr geothermische Projekte ist beispielsweise die \u00abKaskadennutzung\u00bb der W\u00e4rme: Zun\u00e4chst wird Strom erzeugt, mit sinkender Temperatur dann W\u00e4rme, mit der Wohnh\u00e4user, Gew\u00e4chsh\u00e4user oder Fischzuchtbetriebe mit Warmwasser versorgt werden k\u00f6nnen. Einige geothermale Gew\u00e4sser enthalten auch wirtschaftlich und strategisch wichtige Metalle, wie beispielsweise geothermales Lithium, das bei der Herstellung von Autobatterien verwendet wird und den \u00dcbergang zur Elektromobilit\u00e4t f\u00f6rdern kann.<\/p>\n<p>Und auch der Technologie- und Wissenstransfer kann den Einsatz der Geothermie beschleunigen und die damit verbundenen Investitionskosten deutlich senken. In der Schweiz gibt es einen institutionalisierten Austausch zwischen den Akteuren der Geothermie, wie zum Beispiel das vom Dachverband <a href=\"https:\/\/geothermie-schweiz.ch\/transfer\/\">Geothermie-Schweiz<\/a> lancierte Programm \u00abTransfer\u00bb f\u00fcr den Austausch von Wissen und Technologie. Auf globaler Ebene steigt die \u00d6lindustrie in die geologische Speicherung von Kohlendioxid ein, ist aber zu einer weiteren Diversifizierung noch nicht bereit, obwohl sie \u00fcber das gesamte Fachwissen in diesem Bereich verf\u00fcgt. Um den Wandel zu initiieren, braucht es wohl noch deutlichere Signale aus den aktuellen Ereignissen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Ungenutztes Potenzial<\/strong><\/h2>\n<p>In der Schweiz ist die oberfl\u00e4chennahe Geothermie mit W\u00e4rmepumpen auch heute noch die verbreitetste Methode zur Nutzung geothermischer Ressourcen. Die Investitionen, die f\u00fcr Projekte zur Erkundung des tieferen Untergrunds erforderlich sind, werden immer noch als zu hoch angesehen. Doch solche Investitionen erm\u00f6glichen gerade im Falle von unkonventionellen Geothermieprojekten, die Machbarkeit dieser vielversprechenden Technologie nachzuweisen. Aus diesem Grund wird der Bund die Geothermie wie andere erneuerbare Energien auch weiterhin unterst\u00fctzen, sodass neue technische Fortschritte und Skaleneffekte erzielt werden k\u00f6nnen. Er schafft ein geeignetes regulatorisches Umfeld f\u00fcr die geothermische Energie und unterst\u00fctzt den Markt, der in der Schweiz erst im Entstehen ist. Die zahlreichen Tiefengeothermieprojekte, die 2022 auf der Agenda stehen, zeigen, dass die staatliche Unterst\u00fctzung bereits erste Fr\u00fcchte tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Der Wert der Geothermie besteht aus weit mehr als nur ihrer wirtschaftlichen Wettbewerbsf\u00e4higkeit oder ihrem CO<sub>2<\/sub>-Fussabdruck. Ihre Anwendungsm\u00f6glichkeiten sind breit gef\u00e4chert, genau wie ihr Nutzungspotenzial. F\u00fcr eine nachhaltige Dynamik dieser erneuerbaren Energie in der Schweiz braucht es jetzt nur noch eine Erfolgsmeldung.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Eine \u00dcbersicht \u00fcber die Geothermie-Projekte findet sich <a href=\"https:\/\/geothermie-schweiz.ch\/projekte\/?lang=fr\">hier<\/a>.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist un\u00fcbersehbar: Von Genf bis Basel und auch in den Kantonen Waadt und Jura ist die tiefe Geothermie (ab einer Tiefe von etwa 500 Metern) im Aufwind. Nach anf\u00e4nglichem Z\u00f6gern hat sich die Schweiz aufgemacht, ihren tiefen Untergrund zu erkunden und ihr geothermisches Potenzial zu erschliessen. 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