{"id":166810,"date":"2022-05-10T09:59:08","date_gmt":"2022-05-10T07:59:08","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=166810"},"modified":"2023-08-24T01:29:32","modified_gmt":"2023-08-23T23:29:32","slug":"reisen-aus-sicht-der-bereisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/05\/reisen-aus-sicht-der-bereisten\/","title":{"rendered":"Reisen aus Sicht der Bereisten"},"content":{"rendered":"<p>Tourismusdestinationen sind Monokulturen. Das mag vielleicht nicht gelten f\u00fcr New York und Paris \u2013 f\u00fcr Randregionen wie Bali, die Malediven und sogar das Engadin trifft diese Beschreibung hingegen zu. Fast alle Anwohnerinnen und Anwohner sind hier mit dem Tourismus verbandelt. Entweder an der Front in der Hotellerie und in Restaurants oder im zweiten Glied als IT-Fachfrau f\u00fcr die Hotels, als Lehrer, als Schreinerin, als Klempner, als Treuh\u00e4nder. In guten Zeiten ziehen dabei alle am gleichen Strick, in Krisenzeiten f\u00fchlt es sich eher an wie eine schwere Kette, welche alle in dieser Abh\u00e4ngigkeit verbindet.<\/p>\n<p>Zudem ist diese Monokultur starken, saisonalen Schwankungen ausgesetzt. Das bringt zuweilen absurd anmutende Umst\u00e4nde mit sich: So muss etwa die neu eingeweihte Kl\u00e4ranlage von St. Moritz darauf ausgelegt sein, in Spitzenzeiten mit dem Unrat von rund 100\u0618\u2019000 Menschen klarzukommen. In den \u00fcbrigen neun Monaten des Jahres aber ist die Anlage drastisch unterfordert, wie ein 12-Zylinder-Rennwagen, der auf zwei Zylindern durch eine 30er-Zone tuckert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">\u00dcber Jahrzehnte hinweg akzeptierte man stillschweigend ein zum Teil ungesundes Mass an Ausbeutung der Natur<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein weiterer Spagat, den es aus Sicht der lokalen Bev\u00f6lkerung zu meistern gilt, betrifft die Frage: \u00abWie viel Tourismus darf es denn sein?\u00bb \u00dcber Jahrzehnte hinweg akzeptierte man stillschweigend ein zum Teil ungesundes Mass an Ausbeutung der Natur. \u00abStillschweigend\u00bb deshalb, weil die Entwicklung zum Tourismusort ganz langsam und oft nach dem gleichen Muster passiert: Menschen entdecken ein kleines Paradies, empfehlen es weiter, Einheimische sehen eine Chance, bauen etwas auf, und schon steckt man in dieser Spirale. Zum Gl\u00fcck hat in den letzten zehn, zwanzig Jahren ein Umdenken stattgefunden. Schliesslich bleibt es nicht ewig ein Paradies, wenn jeder Flecken niedergetrampelt werden darf. Diesen Balanceakt zu meistern, bleibt die vermutlich schwierigste Aufgabe der Tourismusdestinationen.<\/p>\n<p>Was mich aber sehr optimistisch stimmt, ist die Tatsache, dass dieses Umdenken von den G\u00e4sten aktiv mitgetragen wird. Selbst in St. Moritz mit seiner einzigartigen 5-Sterne-Dichte und dem Ruf des Nobelkurorts wurde \u00abLuxus\u00bb in den letzten Jahren stetig umdefiniert: statt des Neung\u00e4ngers mit Goldsteak lieber ein Slow-Food-Abend mit selbst gemachter Pasta und nachhaltig produziertem Wein. Statt des Leopardenfells lieber ein Pullover aus lokaler Wolle und Manufaktur. Selbst die alten, grossen Hotels, welche f\u00fcr gew\u00f6hnlich von ihrer Tradition leben, m\u00fcssen sich hier ein St\u00fcck weit neu orientieren. Sofern es ihnen gelingt. Denn die wenigen E-Bikes, die im Hotel zur Verf\u00fcgung stehen, sind stets ausgebucht, der hauseigene Rolls-Royce verstaubt derweil erhaben vor dem Haus.<\/p>\n<p>Eine Tourismusdestination ist auch eine B\u00fchne. Auffrischungen im B\u00fchnenbild sind n\u00f6tig. Ebenso in der Technik, der Ausstattung und zuweilen wohl auch in der Besetzung. Nur so kann die Geschichte spannend bleiben.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tourismusdestinationen sind Monokulturen. Das mag vielleicht nicht gelten f\u00fcr New York und Paris \u2013 f\u00fcr Randregionen wie Bali, die Malediven und sogar das Engadin trifft diese Beschreibung hingegen zu. Fast alle Anwohnerinnen und Anwohner sind hier mit dem Tourismus verbandelt. 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