{"id":166817,"date":"2022-05-10T09:55:32","date_gmt":"2022-05-10T07:55:32","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=166817"},"modified":"2023-08-24T01:28:44","modified_gmt":"2023-08-23T23:28:44","slug":"tourismus-wer-hats-erfunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/05\/tourismus-wer-hats-erfunden\/","title":{"rendered":"Tourismus: Wer hats erfunden?"},"content":{"rendered":"<p>Touristen im heutigen Sinn traf man bis in die neuere Zeit kaum. Reisende waren fr\u00fcher vor allem aus religi\u00f6sen Motiven unterwegs: als Pilger auf Wallfahrten oder als Kreuzfahrer ins Heilige Land. Auch S\u00f6ldner zu fremden Kriegsdiensten \u2013 sogenannte Reisl\u00e4ufer \u2013 bewegten sich auf etlichen Wegen sowie fahrende Gesellen. Aber auch H\u00e4ndler und Marktfahrer sowie Boten als Vorl\u00e4ufer der modernen Kommunikation und Beamte in obrigkeitlichem Auftrag reisten schon damals.<\/p>\n<p>Oftmals war das Reisen in fr\u00fcheren Zeiten eine abenteuerliche Angelegenheit. Auf die Reisenden warteten schlecht unterhaltene Wege und in den seltenen Gasth\u00e4usern eine spartanische Infrastruktur. So bemerkte beispielsweise der Universalgelehrte Erasmus von Rotterdam auf seiner Reise durch die Schweiz im Jahr 1518: \u00abDie Leint\u00fccher sind vielleicht vor einem halben Jahr letztmals gewaschen worden.\u00bb<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Wellnessen in Baden<\/h2>\n<p>Sehr fr\u00fch schon wurden auch gerne Heilwasser besucht, die vielerorts als Beginn des Tourismus dienten. Zu den ber\u00fchmtesten Quellen geh\u00f6rten die B\u00e4der von Pf\u00e4fers im heutigen Kanton St. Gallen, im Walliser Leukerbad sowie die Heilwasser in der B\u00fcndner Gemeinde Tarasp. Bereits im 16. Jahrhundert wurde die Quelle in St. Moritz beschrieben.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Eidgenossenschaft bildete aber die B\u00e4derstadt Baden den Mittelpunkt dessen, was wir heute \u00abFremdenverkehr\u00bb nennen: einen Ort, an welchem sich die vergn\u00fcgungss\u00fcchtige Welt mit Vorliebe ihr Stelldichein gab. Bereits r\u00f6mische Offiziere verbrachten ihre Sommerfrische gerne in den \u00abAquae Helveticae\u00bb. Ebenso war f\u00fcr die Abgeordneten an den Tagsatzungen der Eidgenossenschaft eine \u00abBadenfahrt\u00bb der Inbegriff aller Freuden und Gen\u00fcsse.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die Grand Tour \u2013 Bildungsreise durch Europa<\/h2>\n<p>Im sp\u00e4ten 16. Jahrhundert erschienen, vom Geist der Reformation beeinflusst, die ersten B\u00fccher \u00fcber besonders sch\u00f6ne Gebiete. Ihre Autoren waren Historiker, Kartografen und Kosmografen aus dem Kreise des humanistischen Gelehrten Thomas Platter aus Basel. Zu dieser Zeit erm\u00f6glichte die neue Kunst des Buchdruckes zudem die Ver\u00f6ffentlichung von Reiseberichten. Darin fanden sich auch erste Texte zu Reisen \u00fcber die Alpenp\u00e4sse und durch Gebirgst\u00e4ler.<\/p>\n<p>Ebenfalls in dieser Zeit verbreitete sich der Brauch, dass englische J\u00fcnglinge aus noblem Haus zum Abschluss ihrer Ausbildung eine Reise unternahmen: eine sogenannte Grand Tour durch Europa mit dem Endziel Italien. Meistens waren sie in Begleitung eines Erziehers, der sie auf einen standesgem\u00e4ssen Umgang im Alltag vorbereitete. Rasch b\u00fcrgerte sich als Bestandteil einer solchen Reise eine \u00abTour\u00bb durch die Schweiz ein. Aus den Bezeichnungen \u00abTour\u00bb oder \u00abGrand Tour\u00bb entwickelten sich schliesslich die Begriffe \u00abTourismus\u00bb und \u00abTourist\u00bb.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Vorstoss ins Gebirge<\/h2>\n<p>Im 18. Jahrhundert erreichte das Reisen einen ersten H\u00f6hepunkt. Nun besuchte man neue Gegenden aus Vergn\u00fcgen und zur Erweiterung des eigenen Horizonts. Der Inhalt einer Reise war wichtiger geworden als ihr Ziel, wodurch ein neuer Tourismus entstanden war. Damals reisten auch etliche Gelehrte wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und der Engl\u00e4nder William Turner durch die Schweiz und verbreiteten in der Folge den Ruf des paradiesischen Hirten\u2011 und Berglandes im Herzen von Europa als Reisegegend.<\/p>\n<p>Im 18. Jahrhundert begann auch der unaufhaltsame Vorstoss in die vergletscherte Gebirgswelt. So wurde 1786 erstmals der Gletscher am Montblanc bestiegen. Gegen 1800 hatte die Begeisterung f\u00fcr Berggipfel, Gletscher und Schluchten in den Gesellschaftsschichten, die sich eine Reise leisten konnten, weitherum Fuss gefasst. Im 19. Jahrhundert reihte sich Erstbesteigung an Erstbesteigung von Viertausendern: 1811 wurde die Jungfrau, 1812 das Finsteraarhorn, 1850 die Bernina, 1855 die Dufourspitze und 1865 das Matterhorn erstmals erklommen. Diese Expeditionen ins Hochgebirge blieben vorerst jedoch nur wenigen Abenteurern vorbehalten. Dazu geh\u00f6rten viele Engl\u00e4nder, die sich eine Erstbesteigung von Berggipfeln mit einheimischen Bergf\u00fchrern finanziell und zeitlich leisten konnten.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Hotels werden gebaut<\/h2>\n<p>Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden etliche neue Unterk\u00fcnfte zum Aufenthalt der immer zahlreicheren Touristen. Fr\u00fcher hatte die sp\u00e4rliche Infrastruktur dazu gef\u00fchrt, dass Reisende auch in den H\u00e4usern von Privatpersonen logierten. Aus diesen entstanden nun vielerorts erste Gasth\u00f6fe f\u00fcr den Aufenthalt von Touristen. Diese Unterk\u00fcnfte unterschieden sich normalerweise in ihrem Aussehen noch kaum von der orts\u00fcblichen Bauweise und bildeten vielerorts den Grundstein des Gasthauswesens.<\/p>\n<p>In den 1830er-Jahren setzte im schweizerischen Hotelbau eine intensive Bauphase ein. Vor allem in den St\u00e4dten an den grossen Schweizer Seen: In Genf, Lausanne und Vevey am Genfersee, in Thun am Thunersee, in Luzern am Vierwaldst\u00e4ttersee und etwas sp\u00e4ter in Lugano am Luganersee entstanden in diesen Jahren mehrere Stadthotels der ersten Generation wie beispielsweise in Genf das H\u00f4tel des Bergues (das erste Stadthotel \u00fcberhaupt in der heutigen Schweiz), in Lausanne das H\u00f4tel Gibbon, in Thun das Hotel Bellevue und in Luzern der Schwanen. Sie konnten diese Fremdenorte oftmals w\u00e4hrend langer Zeit pr\u00e4gen. Das Hotel am Wasser und sp\u00e4ter zur Aussicht in den Bergen wie beispielsweise die Hotels in Gletsch und auf der Belalp im Wallis, auf der Kleinen Scheidegg, auf der Rigi und der Davoser Schatzalp: Sie wurden bis zum Ersten Weltkrieg zu einem wegweisenden Bautyp im Schweizer Tourismus.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Auf den Boom folgt die Krise<\/h2>\n<p>In der sogenannten Belle \u00c9poque um 1900 fanden sich kaum Orte, die vom Wachstum des Tourismus nicht profitieren konnten. J\u00e4hrlich stiegen die Zahlen der \u00dcbernachtungen, und der Hotelbau entwickelte sich mancherorts zu einem eigentlichen Wettrennen. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg fanden in der Schweiz knapp 50\u2019000 Angestellte in Hotels ihr Auskommen, und im Vorkriegsjahr 1913 erzielte die Schweizer Hotellerie das sagenhafte Ergebnis von 22 Millionen Logiern\u00e4chten, eine in den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahrzehnten, bis nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht mehr erreichte Zahl.<\/p>\n<p>Erste Anzeichen einer kommenden Krise wurden aber von \u00abvorausschauenden K\u00f6pfen\u00bb bereits einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg prophezeit. So wurde bereits 1910 im Jahresbericht der Graub\u00fcndner Kantonalbank vor einer \u00abgef\u00e4hrlichen \u00dcberproduktion im Hotelbau\u00bb gewarnt. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs endete die Phase der Euphorie abrupt, und sie erhob sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er-Jahren wieder auf ein vergleichbares Niveau.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Historisch wertvolle Tourismusinfrastruktur<\/h2>\n<p>Die Belle \u00c9poque bildete den eigentlichen H\u00f6hepunkt der Fremdenindustrie. \u00dcberall schienen sich die Touristen zu vergn\u00fcgen. 1885 karikierte der franz\u00f6sische Schriftsteller Alphonse Daudet das Verhalten der vielen Touristen in einer Satire mit dem Titel \u00abTartarin sur les Alpes\u00bb mit bitterb\u00f6sen Texten zum Tourismus: \u00abDie Schweiz [&#8230;] ist heutzutage nur noch ein riesiger Kursaal, ge\u00f6ffnet von Juni bis September, ein Kasino mit Panorama, in dem sich Leute aus allen Erdteilen vergn\u00fcgen. Betrieben wird dieses Unternehmen von einer Hunderte Millionen und Milliarden reichen Gesellschaft mit Sitz in Genf und London. Stellen Sie sich nur vor, wie viel Geld es gebraucht hat, um diese ganze Landschaft mitsamt ihren Seen und W\u00e4ldern, Bergen und Wasserf\u00e4llen einzurichten und auf Hochglanz zu polieren, ein ganzes Heer von Angestellten und Statisten zu unterhalten und auf den h\u00f6chsten Gipfeln Luxushotels mit Gas, Telegraf und Telefon zu erbauen [&#8230;].\u00bb<\/p>\n<p>Heute sind wir stolz auf den Pioniergeist und die Innovationskraft unserer Vorfahren. Historische Hotels stellen ein wertvolles Kulturgut in der Schweiz dar, das auch von unseren internationalen G\u00e4sten gesch\u00e4tzt wird. Um einem drohenden \u00abGed\u00e4chtnisverlust\u00bb der Tourismus- und Hotelgeschichte aktiv zu begegnen, hat der Dachverband der\u00a0Schweizer\u00a0Beherbergungsbranche\u00a0Holleriesuisse mit weiteren Partnern 2008 das \u00ab<a href=\"https:\/\/hotelarchiv.ch\/\">Hotelarchiv Schweiz<\/a>\u00bb initiiert. Damit entstand eine Informationsplattform zur Tourismus- und Hotelgeschichte, die zur Verbreitung von Wissen und Information ihrer geschichtlichen Bedeutung dient.<\/p>\n<p>Ein n\u00e4chstes Ziel der Initianten des Hotelarchivs ist die Schaffung eines Zentrums mit Ausstellungen zur Dokumentation der Tourismus- und Hotelgeschichte, das in der Schweiz leider noch fehlt. Heute verf\u00fcgt einzig S\u00fcdtirol mit dem \u00abTouriseum\u00bb in Meran \u00fcber ein solches Landesmuseum. In der Schweiz als Vorzeigeland in diesen Bereichen sollte deshalb dringend auch ein Zentrum zu diesen Themen geschaffen werden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Touristen im heutigen Sinn traf man bis in die neuere Zeit kaum. Reisende waren fr\u00fcher vor allem aus religi\u00f6sen Motiven unterwegs: als Pilger auf Wallfahrten oder als Kreuzfahrer ins Heilige Land. 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Zur Geschichte des Tourismus in der Schweiz. In: Denkmalpflege und Tourismus. Interdisziplin\u00e4re Tagung in Davos 16.\u201318. IX. [Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft Alpenl\u00e4nder, Herausgegeben von der Kommission III]. Bozen 1997. S. 73\u2013142.<\/h6>\r\n<\/li>\r\n \t<li>\r\n<h6 class=\"content-copy\">Fl\u00fcckiger-Seiler, Roland (2001 und 2005). <a href=\"https:\/\/www.hierundjetzt.ch\/de\/catalogue\/hoteltraume-zwischen-gletschern-und-palmen_13000010\/\">Hoteltr\u00e4ume zwischen Gletschern und Palmen<\/a>. Schweizer Tourismus und Hotelbau 1830\u20131920. Baden.<\/h6>\r\n<\/li>\r\n \t<li>\r\n<h6 class=\"content-copy\">Fl\u00fcckiger-Seiler, Roland (2003 und 2005). <a href=\"https:\/\/www.hierundjetzt.ch\/de\/catalogue\/hotelpalaste-zwischen-traum-und-wirklichkeit_13000397\/\">Hotelpal\u00e4ste zwischen Traum und Wirklichkeit<\/a>. Schweizer Tourismus und Hotelbau 1830\u20131920. Baden.<\/h6>\r\n<\/li>\r\n \t<li>\r\n<h6 class=\"content-copy\">Fl\u00fcckiger-Seiler, Roland (2015). <a href=\"https:\/\/www.hierundjetzt.ch\/de\/catalogue\/berghotels-zwischen-alpweide-und-gipfelkreuz_15000005\/\">Berghotels zwischen Alpweide und Gipfelkreuz<\/a>. Alpiner Tourismus und Hotelbau 1830\u20131920. Baden.<\/h6>\r\n<\/li>\r\n \t<li>\r\n<h6 class=\"content-copy\">Fl\u00fcckiger-Seiler, Roland (2019). Vom spartanischen Nachtlager zum b\u00fcrgerlichen Traumschloss. Streiflichter zur Geschichte von Tourismus und Hotelbau in der Schweiz zwischen 1800 und heute. In: Bundesamt f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsschutz BABS, Forum 33.2019. Bern. 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