{"id":167717,"date":"2022-06-08T07:46:42","date_gmt":"2022-06-08T05:46:42","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=167717"},"modified":"2023-08-24T01:29:21","modified_gmt":"2023-08-23T23:29:21","slug":"einkommen-in-der-schweiz-seit-jahren-stabil-verteilt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/06\/einkommen-in-der-schweiz-seit-jahren-stabil-verteilt\/","title":{"rendered":"Einkommen in der Schweiz seit Jahren stabil verteilt"},"content":{"rendered":"<p>Welche Faktoren beg\u00fcnstigen die Einkommensungleichheit? In j\u00fcngster Zeit wurde zur Einkommensverteilung ausgiebig geforscht. Einen wichtigen Grundbaustein legte der franz\u00f6sische \u00d6konom Thomas Piketty vor gut 20 Jahren: Mittels Steuerdaten gelang es ihm, die Entwicklung der Einkommenskonzentration in Frankreich \u00fcber das gesamte 20. Jahrhundert nachzuzeichnen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Sp\u00e4ter untersuchte er diese Entwicklung gemeinsam mit Forscherkollegen wie Emmanuel Saez f\u00fcr heute insgesamt 70 L\u00e4nder.<\/p>\n<p>Auch in der Schweiz sind in den vergangenen zehn Jahren mehrere Studien zur Einkommensungleichheit erschienen.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Die <a href=\"https:\/\/www.iwp.swiss\/sid\/\">Swiss Inequality Database<\/a> (SID) \u2013 eine neue Dienstleistung des Instituts f\u00fcr Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) der Universit\u00e4t Luzern \u2013 macht diese Daten nun mittels interaktiver Grafiken einer breiten \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich.<\/p>\n<p>Seit den 1930er-Jahren verlief die Einkommensentwicklung bemerkenswert konstant: Die Top-10-Prozent-Einkommen verdienten stets etwa ein Drittel des Gesamteinkommens in der Schweiz (siehe Abbildung).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>U-Form in den USA<\/strong><\/h2>\n<p>In anderen Industriestaaten verlief diese Entwicklung anders. In den USA beispielsweise nahm der Einkommensanteil der Bestverdienenden in den 1940er-Jahren ab, um dann ab den 1980er-Jahren wieder anzusteigen. Dieser u-f\u00f6rmige Verlauf ist auch f\u00fcr andere westliche Staaten charakteristisch: W\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs und in der Zwischenkriegszeit waren die Einkommen dort besonders konzentriert. Diese Konzentration der Einkommen nahm in der Nachkriegszeit stark ab. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind die Zerst\u00f6rung von physischem Kapital infolge des Kriegs und von Finanzkapital durch die hohe Inflation in der Nachkriegszeit. Ab den 1980er-Jahren beg\u00fcnstigten die Globalisierung und die Liberalisierung der Kapitalm\u00e4rkte den erneuten Anstieg der Einkommensanteile der Bestverdienenden.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Daten aus den skandinavischen Staaten, der Schweiz oder der Niederlande zeigen jedoch, dass es sich dabei um keine universelle Gesetzm\u00e4ssigkeit handelt. Der u-f\u00f6rmige Verlauf blieb hier trotz wirtschaftlicher Offenheit aus. Stabile politische Institutionen und vielf\u00e4ltige Bildungsangebote werden in der Literatur als m\u00f6gliche Erkl\u00e4rungsfaktoren genannt.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a><\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Einkommensanteile der Top-10-Prozent in der Schweiz und in den USA (1917 bis 2018)<\/strong><\/h2>\n<div class=\"legacy_chart_custom\"><div class='chart chart--normal' id='Schaltegger-6T-Abb1_DE'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Schaltegger-6T-Abb1_DE').highcharts({\n\n chart: {\n        type: 'spline'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    subtitle: {\n        text: ''\n    },\n     plotOptions: {\n        spline: {\n            marker: {\n                enabled: false\n            }\n        }\n    },\n    xAxis: {\n    \n    title: {\n                text: ''\n            },\n        categories: [\n\n'\t1917\t'\t,\n'\t1921\t'\t,\n'\t1925\t'\t,\n'\t1933\t'\t,\n'\t1936\t'\t,\n'\t1940\t'\t,\n'\t1945\t'\t,\n'\t1948\t'\t,\n'\t1951\t'\t,\n'\t1953\t'\t,\n'\t1955\t'\t,\n'\t1957\t'\t,\n'\t1959\t'\t,\n'\t1961\t'\t,\n'\t1963\t'\t,\n'\t1965\t'\t,\n'\t1969\t'\t,\n'\t1971\t'\t,\n'\t1973\t'\t,\n'\t1975\t'\t,\n'\t1977\t'\t,\n'\t1979\t'\t,\n'\t1981\t'\t,\n'\t1983\t'\t,\n'\t1987\t'\t,\n'\t1989\t'\t,\n'\t1991\t'\t,\n'\t1993\t'\t,\n'\t1995\t'\t,\n'\t1997\t'\t,\n'\t2001\t'\t,\n'\t2004\t'\t,\n'\t2007\t'\t,\n'\t2010\t'\t,\n'\t2013\t'\t,\n'\t2016\t'\t,\n'\t2018\t'\t\n\n\n],\n\n\n    },\n tooltip: {\n        headerFormat: '{point.key}: ' ,\n        pointFormat: '{point.y} %',\n    },\n    yAxis: {\nmin: 0,\n        title: {\n            text: ''\n        },\n        labels: {\n                format: '{value} %'\n            },\n            \n                   \n    },\n    \n    \n    series: [\n     {\n        name: 'Schweiz vor Steuern',\n        data: [\n  23\t,\n23\t,\n23\t,\n32\t,\n31\t,\n32\t,\n32\t,\n30\t,\n31\t,\n30\t,\n29\t,\n29\t,\n30\t,\n30\t,\n30\t,\n30\t,\n31\t,\n34\t,\n31\t,\n30\t,\n30\t,\n30\t,\n30\t,\n30\t,\n31\t,\n30\t,\n30\t,\n31\t,\n32\t,\n33\t,\n32\t,\n32\t,\n34\t,\n34\t,\n34\t,\n34\t,\n34\t\n\n\n\n\n\n]\n       \n           },  \n            {\n        name: 'USA vor Steuern',\n        data: [\n  45\t,\n48\t,\n47\t,\n48\t,\n49\t,\n49\t,\n36\t,\n39\t,\n38\t,\n36\t,\n37\t,\n36\t,\n36\t,\n36\t,\n37\t,\n37\t,\n34\t,\n34\t,\n35\t,\n34\t,\n35\t,\n35\t,\n35\t,\n35\t,\n37\t,\n39\t,\n38\t,\n39\t,\n40\t,\n42\t,\n42\t,\n42\t,\n44\t,\n44\t,\n45\t,\n45\t,\n46\t\n\n\n\n\n\n]\n       \n           },  \n           \n          \n           \n           \n           \n           ]\n});\n\n});\n\n\n\n<\/script>\n<\/div>\n<h6 class=\"content-copy\">Anmerkung:\u00a0Ein Anstieg der Kurve bedeutet, dass der Anteil der Top-10-Prozent der Einkommen am Gesamteinkommen zunimmt.\u00a0Die Jahresabst\u00e4nde sind aufgrund von L\u00fccken in den Datens\u00e4tzen nicht gleichm\u00e4ssig. Quelle: SID (2022) und <a href=\"http:\/\/www.wid.world\/\">WID (2022)<\/a>.<\/h6>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Geringe Ungleichheit vor Steuerabz\u00fcgen<\/strong><\/h2>\n<p>In der Schweiz sind das duale Bildungssystem, der flexible Arbeitsmarkt und der F\u00f6deralismus massgeblich daf\u00fcr verantwortlich, dass die Markteinkommen \u2013 also die Einkommen vor Steuern und Sozialtransfers \u2013 gleichm\u00e4ssiger verteilt sind als in den Nachbarl\u00e4ndern Deutschland und Frankreich sowie als im Durchschnitt der Mitgliedsstaaten der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Hingegen liegt die Schweiz mit Deutschland und Frankreich in etwa gleichauf, was die Verteilung der verf\u00fcgbaren Einkommen anbelangt. In der Schweiz wird somit weniger mittels Steuern und Sozialtransfers umverteilt als im OECD-Durchschnitt. Dennoch reduziert das progressiv ausgestaltete Steuersystem den Top-Einkommens-Anteil.<\/p>\n<p>Die Schweiz geh\u00f6rt zu den L\u00e4ndern, in denen die subnationale Ebene die h\u00f6chste Steuerkompetenz aufweist.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Es liegt in der Kompetenz der Kantone, ihre Einkommenssteuers\u00e4tze selber zu bestimmen, und die kantonalen Steuern machen einen grossen Anteil der Gesamtsteuerbelastung der Individuen aus. Folge dieses institutionellen Settings sind grosse Einkommenssteuerunterschiede zwischen den Kantonen. Gutverdiener ziehen daher h\u00e4ufig in Niedrigsteuerkantone.<\/p>\n<p>Trotzdem gibt es Mechanismen im f\u00f6deralen Steuersystem, die einen sch\u00e4dlichen Wettkampf um die niedrigsten Steuers\u00e4tze verhindern: Einerseits stellt die starke Progressivit\u00e4t der Bundessteuer die Umverteilung zwischen den Einkommen sicher.<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a> Andererseits gleicht der interkantonale Finanzausgleich die Kantonsfinanzen aus.<a href=\"#footnote_8\" id=\"footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Diese unterschiedliche Attraktivit\u00e4t der Kantone widerspiegelt sich in den Steueraufkommensanteilen der Topverdienenden. Hier zeigen sich betr\u00e4chtliche Unterschiede zwischen den Kantonen. W\u00e4hrend im Niedrigsteuerkanton Zug die Top-10-Prozent im Jahr 2018 einen Anteil von 88 Prozent des Steueraufkommens stemmten, kamen sie im Nachbarkanton Aargau, wo die Einkommenssteuers\u00e4tze deutlich h\u00f6her sind, lediglich auf einen Anteil von 47 Prozent (siehe Karte). Im schweizweiten Durchschnitt trugen die Topverdienenden 51 Prozent der Steuerlast.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Steueraufkommen der Bestverdienenden: Anteil der obersten 10 Prozent (2018)<\/strong><\/h2>\n<p>\n<script id=\"infogram_0_554ae7fd-f290-4833-b333-119dd84e8bb4\" title=\"DV_06-22_Schaltegger_Abb.2-Steueranteil\" src=\"https:\/\/e.infogram.com\/js\/dist\/embed.js?tYV\" type=\"text\/javascript\"><\/script>\n<\/p>\n<h6 class=\"content-copy\">Quelle: SID \/ Die Volkswirtschaft<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was lehrt uns dieser interkantonale Vergleich? Einerseits, dass durch niedrige Steuers\u00e4tze Gutverdienende tats\u00e4chlich angezogen werden. Andererseits, dass die Top-Einkommen auch einen grossen Teil der Steuerlast tragen.<\/p>\n<p>Der Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen verhindert somit nicht, dass die Top-Einkommen einen grossen Teil der Steuerlast stemmen. Auch in einem Land wie der Schweiz, in dem vergleichsweise wenig umverteilt wird, steuern die obersten Einkommen den gr\u00f6ssten Teil des Steueraufkommens bei.<\/p>\n<p>Ziehen wir Bilanz: Die Schweiz schneidet mit der aktuellen Verteilungssituation der Markteinkommen im L\u00e4ndervergleich gut ab und besticht zus\u00e4tzlich durch eine bemerkenswerte Konstanz \u00fcber das vergangene Jahrhundert. Erfolgsgeheimnis sind nicht zuletzt die soliden Institutionen wie das ausgekl\u00fcgelte Steuersystem, der flexible Arbeitsmarkt sowie das duale Bildungssystem. Es gilt, diese Tr\u00fcmpfe auch in Zukunft zu bewahren und weiterzuentwickeln.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Piketty (2001).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">F\u00f6llmi und Mart\u00ednez (2017); Frey und Schaltegger (2016); Frey, Gorgas und Schaltegger (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Alvaredo et. al. (2018).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Dorn, Fuest und Potrafke (2022).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">OECD (2021).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">OECD (2022).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">Frey und Schaltegger (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_8\" class=\"footnote--item\">Leisibach und Schaltegger (2019).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Faktoren beg\u00fcnstigen die Einkommensungleichheit? 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Economics Letters, 148, 5\u20139.<\/li>\r\n \t<li>Frey, C., Gorgas, C. und Schaltegger, C. A. (2017). The Long Run Effects of Taxes and Tax Competition on Top Income Shares: an Empirical Investigation. Review of Income and Wealth, 63(4), 792\u2013820.<\/li>\r\n \t<li>Leisibach, P. und Schaltegger, C. A. (2019). Zielkonflikte und Fehlanreize: Eine Analyse der Anreizwirkungen im Schweizer Finanzausgleich.\u00a0Perspektiven der Wirtschaftspolitik,\u00a020(3), 254\u2013280.<\/li>\r\n \t<li>OECD (2021). <a href=\"https:\/\/stats.oecd.org\/Index.aspx?DataSetCode=IDD\">Income Distribution Database<\/a>. Income Distribution and Poverty.<\/li>\r\n \t<li>OECD (2022). <a href=\"https:\/\/www.oecd.org\/tax\/federalism\/fiscal-decentralisation-database\/table_taxpower-2020.xlsx\">OECD Fiscal Decentralisation Database<\/a>. Tax Autonomy Indicators.<\/li>\r\n \t<li>Piketty, T. (2001). 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