{"id":168595,"date":"2022-06-02T07:51:51","date_gmt":"2022-06-02T05:51:51","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=168595"},"modified":"2023-08-24T01:30:07","modified_gmt":"2023-08-23T23:30:07","slug":"keine-alternative-zum-denken-in-alternativen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/06\/keine-alternative-zum-denken-in-alternativen\/","title":{"rendered":"Keine Alternative zum Denken in Alternativen"},"content":{"rendered":"<p>Sommer 1993, Diplom\u00fcbergabe zum Ende meines Wirtschaftsstudiums in Z\u00fcrich. Mir war nach Feiern zumute und weniger nach langen Reden. Und dann fiel dieser Satz von Professor Helmut Schneider: \u00abWenn Sie im Studium der Volkswirtschaftslehre etwas gelernt haben sollten, dann ist es das Denken in Alternativen.\u00bb Ein Satz, der mein ganzes Studium zusammenfasste und die Essenz meiner Arbeit \u00fcber die kommenden Jahre vorwegnehmen sollte.<\/p>\n<p>Als Chef\u00f6konom von Swiss Life beobachte ich mit meinem Economic-Research-Team die Konjunkturentwicklung \u2013 um R\u00fcckschl\u00fcsse f\u00fcr die Verwaltung der Sparverm\u00f6gen in der Vorsorge zu machen. Die Erfahrung zeigt, dass wir die richtigen Antworten nur dann finden, wenn wir zuvor die richtigen Fragen gestellt haben. Besonders wertvoll ist diesbez\u00fcglich der laufende Austausch mit unseren Anlagespezialistinnen und Risikomanagern.<\/p>\n<p>Pr\u00e4gend in Erinnerung bleibt mir die Finanzkrise von 2008. Nicht nur aufgrund der Verwerfungen an den M\u00e4rkten, sondern weil wir in meinem Team aufgrund dieses Wirtschaftsschocks auch die Arbeitsweise angepasst haben: Seither arbeiten wir konsequent mit alternativen Szenarien f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p>Nach der Finanzkrise herrschte eine grosse Unsicherheit in Bezug auf die k\u00fcnftige Konjunkturentwicklung. R\u00fcckblickend lagen wir mit unserer Kernannahme richtig, dass die geldpolitischen Massnahmen zur Bew\u00e4ltigung der Finanzkrise und der europ\u00e4ischen Schuldenkrise nicht zu Inflation oder einem Anstieg der Nominalzinsen f\u00fchren w\u00fcrden. So machte etwa der damalige Chef der Europ\u00e4ischen Zentralbank, Mario Draghi, im Sommer 2012 seine ber\u00fchmte Ansage, wonach seine EZB alles tun werde, um den Euro zu erhalten, \u2013 und best\u00e4tigte damit unsere Annahmen. Auch den Frankenschock von 2015 konnten wir mit unseren bew\u00e4hrten Prozessen schnell einordnen: Wir antizipierten den positiven Effekt des starken Frankens auf die Konsumnachfrage und teilten daher die allgemein vorherrschende Angst vor einer heftigen Rezession als Folge der Massnahme der W\u00e4hrungsh\u00fcter nicht.<\/p>\n<blockquote><p>Pr\u00e4gend in Erinnerung bleibt mir die Finanzkrise von 2008<\/p><\/blockquote>\n<p>Zu erw\u00e4hnen ist schliesslich der Ausbruch der Covid-19-Pandemie im Fr\u00fchling 2020. Nach Jahren der vor sich hergeschobenen Diskussionen um die Schuldenproblematik und die Rolle der Kapitalm\u00e4rkte hatte die Pandemie f\u00fcr einen \u00d6konomen aus dem Finanzsektor auch seine willkommenen Seiten: Jetzt war man nicht mehr Teil des Problems, sondern Teil der L\u00f6sung. Im Mai 2020 prognostizierten wir einen viel geringeren BIP-Einbruch f\u00fcr die Schweiz als s\u00e4mtliche anderen Institute \u2013 und lagen damit erneut richtig.<\/p>\n<p>Bei allen Prognoseerfolgen mahnt uns der Krieg in der Ukraine zu Demut. Weder sahen wir ihn kommen, noch konnten wir eine Aussage treffen, wie lange er dauern w\u00fcrde. Am Ausgangspunkt unserer Szenarien stand wieder die Suche nach den relevanten Fragen, vor allem jener nach der Versorgung Europas mit Gas.<\/p>\n<p>Heute k\u00f6nnen wir dank hochfrequenten Daten den Konjunkturverlauf in Echtzeit beobachten. Zus\u00e4tzlich lassen sich Erkenntnisse der Kognitionspsychologie heranziehen, um Fehler wie eine Best\u00e4tigungsverzerrung oder einen \u00abOptimismus-Bias\u00bb zu vermeiden. Bei einer unsicheren Nachrichtenlage zum Kriegsgeschehen ist dies unabdingbar. Zum Denken in Alternativen gibt es auch 2022 keine Alternative.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sommer 1993, Diplom\u00fcbergabe zum Ende meines Wirtschaftsstudiums in Z\u00fcrich. Mir war nach Feiern zumute und weniger nach langen Reden. 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