{"id":171103,"date":"2022-06-13T11:56:10","date_gmt":"2022-06-13T09:56:10","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=171103"},"modified":"2023-08-24T01:29:59","modified_gmt":"2023-08-23T23:29:59","slug":"ruecklaeufige-fe-in-der-schweiz-ein-paradox","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/06\/ruecklaeufige-fe-in-der-schweiz-ein-paradox\/","title":{"rendered":"R\u00fcckl\u00e4ufige F&amp;E in der Schweiz: Ein Paradox?"},"content":{"rendered":"<p>Die Schweiz ist bei Innovationen weltweit f\u00fchrend: Zu diesem Schluss kommen mehrere internationale Rankings zu Forschung und Innovation, die unterschiedliche Methoden und Indikatoren betreffend Infrastrukturen, Arbeitskr\u00e4ftequalifikationen und Output einbeziehen (siehe Tabelle).<\/p>\n<p>Gleichzeitig zeigt jedoch eine Analyse der Konjunkturforschungsstelle (KOF) f\u00fcr die Schweiz: Die Ausgaben f\u00fcr Forschung und Entwicklung (F&amp;E) steigen zwar insgesamt, doch die Zahl der in diesem Bereich t\u00e4tigen Unternehmen sinkt.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Sprich: Die Innovationen konzentrieren sich auf immer weniger Unternehmen. Diese Entwicklung ist besorgniserregend, denn die F&amp;E-Ausgaben gelten als wesentlicher Indikator f\u00fcr Innovation. Dank F&amp;E-Ausgaben erlangt ein Unternehmen \u2013 nach herk\u00f6mmlicher Ansicht \u2013 f\u00fcr Innovationen unerl\u00e4ssliches Know-how und kann externes Fachwissen f\u00fcr sich nutzen. Ein R\u00fcckgang der Forschung und Entwicklung w\u00fcrde demnach bedeuten, dass immer mehr Schweizer Unternehmen aus dem Innovationskreislauf ausgeschlossen werden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Vier Innovationsrankings: Was messen sie?<\/strong><\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/06\/Foray_Tabelle_6G_06-22_DV_de.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-172871\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/06\/Foray_Tabelle_6G_06-22_DV_de-300x210.jpg\" alt=\"\" width=\"856\" height=\"599\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/06\/Foray_Tabelle_6G_06-22_DV_de-300x210.jpg 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/06\/Foray_Tabelle_6G_06-22_DV_de-1024x718.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 856px) 100vw, 856px\" \/><\/a><\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Zu viele Kriterien?<\/strong><\/h2>\n<p>Wie l\u00e4sst sich also erkl\u00e4ren, dass die Schweiz bei der Innovation weltweit f\u00fchrend ist, obwohl die Zahl der Unternehmen, die in unserem Land f\u00fcr Innovationen sorgen k\u00f6nnen, zur\u00fcckgeht? Zun\u00e4chst ist festzuhalten: Die internationalen Rankings enthalten \u2013 nebst der Innovation \u2013 eine ganze Reihe von anderen Kriterien wie beispielsweise das Humankapital, wissenschaftliche Publikationen oder die F\u00e4higkeit zur Zusammenarbeit. Entsprechend werden in der Gesamtnote eines Landes die Innovationskriterien (im engeren Sinne) schw\u00e4cher gewichtet. Durch den Einbezug unz\u00e4hliger Kriterien entsteht ein schwammiges Bild, das die wesentlichen Informationen verdeckt. L\u00e4nder mit gl\u00e4nzenden Ergebnissen in der einen oder der anderen Kategorie belegen letztendlich einen eher mittelm\u00e4ssigen Platz in Bezug auf Innovation.<\/p>\n<p>Nun einfach die ausgezeichneten Resultate der Schweiz in den internationalen Rankings zu ignorieren \u2013 nur, weil es sich um multidimensionale, nicht ausschliesslich auf Innovation ausgerichtete Messungen handelt \u2013, w\u00e4re aber nicht zielf\u00fchrend. Denn ein leistungsf\u00e4higes Hochschulsystem und eine qualitativ hochstehende wissenschaftliche Infrastruktur sind der Innovation unbestrittenermassen sehr zutr\u00e4glich.<\/p>\n<p>Das scheinbare Paradox zwischen Spitzenranking und einer r\u00fcckl\u00e4ufigen Zahl an F&amp;E-Abteilungen l\u00e4sst sich nur erkl\u00e4ren, wenn man sich mit den Gr\u00fcnden f\u00fcr den R\u00fcckgang der Innovationst\u00e4tigkeit in den Unternehmen befasst und sich fragt, wo denn Innovation eigentlich stattfindet. Eine 2020 ver\u00f6ffentlichte Studie<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> zeigt, dass sich das Innovationssystem der USA in den vergangenen 30 Jahren ver\u00e4ndert hat: Innovation findet heute \u00f6fter in Universit\u00e4ten, in staatlichen Labors und in Start-ups statt \u2013 und weniger oft in traditionellen Unternehmen. F\u00fcr die USA hat somit der F&amp;E-Unternehmensindikator an Aussagekraft verloren.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Ausgelagerte F&amp;E<\/strong><\/h2>\n<p>Dies trifft wohl auch auf die Schweiz zu. Eine r\u00fcckl\u00e4ufige Zahl an Unternehmen, die Forschung und Entwicklung betreiben, bedeutet nicht automatisch, dass auch die Innovation zur\u00fcckgeht. Denn hier kommen mindestens zwei weitere Faktoren ins Spiel: Erstens gehen zahlreiche innovative Unternehmen Partnerschaften mit externen Forschungsinstitutionen ein, um sich selbst auf die Konzipierung und die Entwicklung von Produkten zu konzentrieren. Das gilt insbesondere f\u00fcr kleine und mittlere Unternehmen (KMU) mit weniger als 200 Mitarbeitenden: Viele KMU sind von den Anforderungen bez\u00fcglich Kosten, Risiko und Unsicherheit, die beim Betrieb und beim Management einer internen F&amp;E-Abteilung anfallen, \u00fcberfordert.<\/p>\n<p>Eine entscheidende Rolle spielt daher der Wissenstransfer von Organisationen \u2013 wie etwa den Forschungs- und Kompetenzzentren <a href=\"https:\/\/www.csem.ch\/\">CSEM<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.inspire.ethz.ch\/\">Inspire<\/a> (MEM-Industrie), der Forschungsanstalt Empa oder ganz allgemein den Hochschulen \u2013 zu den KMU. Dank solcher Transfers k\u00f6nnen die Unternehmen auch ohne eigene F&amp;E-Abteilung weiterhin innovativ t\u00e4tig sein. J\u00fcngere Untersuchungen zeigen, dass diese Zusammenarbeit in der Schweiz vielfach schon ausgezeichnet funktioniert.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Zweitens stammen bahnbrechende Neuerungen in einigen Branchen gar nicht aus den F&amp;E-Abteilungen der Firmen. Dies gilt vor allem f\u00fcr den Banken- und Finanzsektor, wo Innovationen beeindruckend schnell stattfinden, obwohl dieser Sektor bei den F&amp;E-Ausgaben gegen\u00fcber anderen Branchen stark zur\u00fcckliegt: In der Finanzbranche betr\u00e4gt das Verh\u00e4ltnis F&amp;E-Ausgaben\/Verkauf weniger als 0,1 Prozent. Zum Vergleich: In der Industrie sind es 4 Prozent.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Der Grund ist: Obwohl Financial Engineering und Data-Science bei Innovationen in der Finanzbranche eine entscheidende Rolle spielen, werden sie bei den F&amp;E-Aktivit\u00e4ten nicht ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen: Die Quellen der Innovation verschieben sich demnach von firmeninterner zu firmenexterner Forschung und Entwicklung \u2013 oder zu anderen Formen der Wissensproduktion. Auch wenn es noch verfr\u00fcht ist, von einer \u00abSubstitution\u00bb fr\u00fcherer (auf interner Forschung und Enwicklung basierender) Innovationsformen durch neuere (auf F&amp;E-Partnerschaften oder anderen Formen der Wissensproduktion aufbauende) Formen zu sprechen, gilt als erwiesen: Das Ausmass der internen Forschung und Entwicklung bildet die Innovationst\u00e4tigkeit eines Landes weniger genau ab als fr\u00fcher. Der R\u00fcckgang innerhalb der Unternehmen bedeutet daher nicht zwangsl\u00e4ufig, dass Innovationen seltener werden. Es scheint vielmehr, dass Innovationen durch eine rasante Zunahme anderer Mechanismen in der Forschung und Wissensproduktion kompensiert werden.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe W\u00f6rter und Spescha (2020); derselbe Trend ist in Deutschland zu beobachten, siehe Rammer und Schubert (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Arora et al. (2020).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe Foray und W\u00f6rter (2020).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Siehe Jones (2022).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweiz ist bei Innovationen weltweit f\u00fchrend: Zu diesem Schluss kommen mehrere internationale Rankings zu Forschung und Innovation, die unterschiedliche Methoden und Indikatoren betreffend Infrastrukturen, Arbeitskr\u00e4ftequalifikationen und Output einbeziehen (siehe Tabelle). 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Gleichzeitig betreiben immer weniger Unternehmen selbst Forschung und Entwicklung. Wie geht das zusammen?","post_hero_image_description":"Forschungshalle von Syngenta in Stein AG.","post_hero_image_description_copyright_de":"Keystone","post_hero_image_description_copyright_fr":"Keystone","post_references_literature":"<ul>\r\n \t<li>Arora A. Belenzon S., Patacconi A. und Suh J. (2020). The Changing Structure of American Innovation: Some Cautionary Remarks for Economic Growth. Innovation Policy and the Economy. Bd.\u00a020.<\/li>\r\n \t<li>Foray D. und W\u00f6rter M. (2020). The Formation of Coasean Institutions to Provide University Knowledge for Innovation: a Case Study and Econometric Evidence for Switzerland, in: The Journal of Technology Transfer, 46(5).<\/li>\r\n \t<li>Jones B. (2022). Where Innovation Happens, and Where It Does Not, in: Andrew, Chatterji, Lerner and Stern (Hg.), The Role of Innovation and Entrepreneurship in Economic Growth, NBER, The University of Chicago Press.<\/li>\r\n \t<li>Rammer C. und Schubert T. (2016). Concentration on the Few? R&amp;D and Innovation in German Firms \u2013 2001 to 2013. Discussion paper n\u00b016\u2013005, ZEW, Mannheim.<\/li>\r\n \t<li>W\u00f6rter M. und Spescha A. (2020). Starker Trend zur Konzentration von Forschungs- und Entwicklungsausgaben. Die Volkswirtschaft, 6\/2020.<\/li>\r\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"Hallo Gina\r\nIch habe die Tabelle bei Foray in R\u00fccksprache mit Virginie noch etwas anders gestaltet, finde aber sie hat weiter Verbesserungspotenzial. R\u00fcckl\u00e4ufige F&amp;E in der Schweiz: Ein Paradox? \u2013 Die Volkswirtschaft\r\n \r\nIm Print w\u00fcrde ich die Angabe \u00abInstitution: XY\u00bb jeweils als Fussnote beim Titel unter der Tabelle darstellen, also zum Beispiel:\r\nGlobal Innovation Index (2020)a\r\na Wipo, INSEAD und Cornell University\r\n\r\nAuch das Ranking der Schweiz liesse sich eleganter l\u00f6sen, ev. einen Button draufzeichnen? \r\nWenn die Printversion sch\u00f6n geworden ist, k\u00f6nnte man ev. auch die Webversion durch diese ersetzen. \r\nAlles klar? 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