{"id":171319,"date":"2022-06-03T08:44:37","date_gmt":"2022-06-03T06:44:37","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=171319"},"modified":"2023-08-24T01:29:46","modified_gmt":"2023-08-23T23:29:46","slug":"nachhaltige-finanzen-in-entwicklungslaendern-wie-lassen-sich-huerden-abbauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/06\/nachhaltige-finanzen-in-entwicklungslaendern-wie-lassen-sich-huerden-abbauen\/","title":{"rendered":"Nachhaltige Finanzen in Entwicklungsl\u00e4ndern: Wie lassen sich H\u00fcrden abbauen?"},"content":{"rendered":"<p>Der Markt der nachhaltigen Finanzen (\u00abSustainable Finance\u00bb) ist in den letzten zehn Jahren stark gewachsen. Die meisten Gelder sind jedoch in Industriestaaten geflossen \u2013 obschon Entwicklungsl\u00e4nder in Bezug auf die nachhaltige Entwicklung oftmals vor viel gr\u00f6sseren Herausforderungen stehen.<\/p>\n<p>Deshalb stellt sich aus Sicht der internationalen Zusammenarbeit der Schweiz die Frage: Wie lassen sich die nachhaltigen Investitionen in den Entwicklungsl\u00e4ndern vorantreiben?<\/p>\n<p>Ende M\u00e4rz 2022 suchten internationale Finanzfachleute am International Cooperation Forum (<a href=\"https:\/\/icforum.swiss\/de\">IC-Forum 2022<\/a>) in Genf nach m\u00f6glichen L\u00f6sungsans\u00e4tzen. Die Tagung wurde vom Eidgen\u00f6ssischen Departement f\u00fcr ausw\u00e4rtige Angelegenheiten (EDA) organisiert und fand dieses Jahr zum ersten Mal statt.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Finanzierung der im Jahr 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedeten Ziele f\u00fcr nachhaltige Entwicklung (<a href=\"https:\/\/www.undp.org\/sustainable-development-goals\">SDG<\/a>) spielen die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit und die multilateralen Entwicklungsbanken eine zentrale Rolle. Die daf\u00fcr aufgewendeten Mittel sind jedoch nicht ausreichend \u2013 es braucht auch private Mittel. Insbesondere, was die Finanzierung der klimarelevanten Ziele anbelangt.<\/p>\n<p>Was h\u00e4lt private Investoren davon ab, in nachhaltige Klimaschutzprojekte in Entwicklungsl\u00e4ndern zu investieren? Das IC-Forum identifizierte zwei grosse H\u00fcrden: Zum einen fehlen klare Regeln und zuverl\u00e4ssige Labels, die eine nachhaltige wirtschaftliche Ausrichtung der Entwicklungsl\u00e4nder f\u00f6rdern. Zum anderen werden Investoren durch die hohen Risiken und das geringe Risiko-Ertrags-Profil solcher Investitionen abgeschreckt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Regulierung f\u00fcr nachhaltige Investitionen<\/h2>\n<p>Zun\u00e4chst zu den fehlenden Regeln und verl\u00e4sslichen Labels: Internationale Anleger, die im Bereich nachhaltige Finanzen t\u00e4tig sind, verlangen von ihren Investitionspartnern, dass sie sich an strenge Kriterien in Bezug auf Umwelt (\u00abEnvironment\u00bb), Soziales und Gouvernanz (ESG) halten. Die ESG-Kriterien stellen den Rahmen f\u00fcr die F\u00f6rderung nachhaltiger Investitionen zur Verf\u00fcgung, welcher auf dem gesamten Markt umgesetzt werden sollte. Indem Finanzinstitute dazu beitragen, die ESG-Risiken in den Anlagestrategien und in den Finanzprodukten abzubilden, f\u00fchrt dies zu gr\u00f6sserer Effizienz und Stabilit\u00e4t der Finanzm\u00e4rkte.<\/p>\n<p>Aus Sicht des IC-Forums sollte die Schweiz im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit versuchen, attraktive Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Privatinvestoren vermehrt in Nachhaltigkeitsprojekte in Entwicklungsl\u00e4ndern investieren, wobei diese Unterst\u00fctzung auf m\u00f6glichst viele L\u00e4nder ausgeweitet werden soll.<\/p>\n<p>Das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) unterst\u00fctzt Regierungen und Finanzinstitute in seinen Partnerl\u00e4ndern deshalb schon seit L\u00e4ngerem dabei, die Regeln f\u00fcr die Umsetzung der ESG-Kriterien zu verbessern. Da in vielen Unternehmen in Entwicklungsl\u00e4ndern die \u00abESG-Praxis\u00bb noch mangelhaft ist, versucht das Seco Anreize zu schaffen, dass Finanzinstitute und lokale Unternehmen ein solides und verl\u00e4ssliches ESG-Risikomanagement entwickeln und anwenden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Verl\u00e4ssliche Labels<\/h2>\n<p>Nebst den Regulierungen sind auch verl\u00e4ssliche Labels entscheidend: Um Private dazu zu bringen, auf dem Kapitalmarkt in nachhaltige Finanzprodukte aus Entwicklungsl\u00e4ndern zu investieren, m\u00fcssen die dortigen Finanzinstitute glaubw\u00fcrdige Nachhaltigkeitslabels verwenden. Die Fachleute des IC-Forums empfehlen der Schweiz, die Kapazit\u00e4ten von Finanzinstitutionen in Entwicklungsl\u00e4ndern weiterhin zu st\u00e4rken. Es gilt Reformen anzustossen, damit der Zugang zu den Klimadaten von Wertanlagen und Unternehmen sichergestellt, Anforderungen an die Messung und die Offenlegung von Klimarisiken definiert und die Nachhaltigkeitsressourcen in den Unternehmen erh\u00f6ht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Seco scheint hier auf dem richtigen Weg: Seit 2016 setzt es sich im Rahmen der Initiative f\u00fcr Klimaanleihen, der \u00abClimate Bonds Initiative\u00bb, f\u00fcr die Erarbeitung internationaler Standards ein. Gemeinsam mit der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) hat das Seco die Ausgabe der ersten \u00abgr\u00fcnen\u00bb Obligationen (\u00abGreen Bonds\u00bb) durch lokale Entwicklungsbanken in Kolumbien und Peru unterst\u00fctzt und in Zusammenarbeit mit der kolumbianischen Finanzmarktaufsicht Richtlinien nach Massgabe internationaler Standards wie der EU-Taxonomie f\u00fcr nachhaltige Entwicklung erarbeitet.<\/p>\n<p>Gem\u00e4ss dem IC-Forum sollten die Gremien, die ESG-Standards definieren, gezielt mit den Regulatoren und Finanzexperten von Entwicklungsl\u00e4ndern zusammenarbeiten. So k\u00f6nnen die Priorit\u00e4ten und Auflagen der Unternehmen der Entwicklungsl\u00e4nder besser ber\u00fccksichtigt werden. Die Schweiz sollte sich in diesen Gremien f\u00fcr diese Zusammenarbeit starkmachen.<\/p>\n<p>Ein vielversprechender Ansatz ist zudem der \u00abSwiss Climate Score\u00bb \u2013 ein vom Bundesamt f\u00fcr Umwelt (Bafu) und vom Staatssekretariat f\u00fcr internationale Finanzfragen (SIF) lanciertes Bewertungssystem, das den Marktteilnehmenden aufzeigt, inwieweit ihre Investitionen zur Erreichung der Ziele des Pariser Abkommens beitragen. Derzeit werden die Anforderungen noch nicht erreicht. Die Schweiz sollte gem\u00e4ss dem IC-Forum die Verwendung dieses Bewertungssystems f\u00f6rdern, um Investoren dabei zu helfen, fundierte Entscheidungen zu treffen und in- und ausl\u00e4ndisches Kapital f\u00fcr Entwicklungsl\u00e4nder mit guten Investitionsm\u00f6glichkeiten zu mobilisieren.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Risiko f\u00fcr Privatanleger senken<\/h2>\n<p>Nun zur zweiten H\u00fcrde \u2013 den grossen Risiken f\u00fcr private Investoren: Neben der Verbesserung von Regelwerken bieten Mischfinanzierungen (\u00abBlended Finance\u00bb) dem Privatsektor Anreize, mehr in nachhaltige Projekte in Entwicklungsl\u00e4ndern zu investieren. Eine zentrale Rolle spielt dabei der gezielte Einsatz \u00f6ffentlicher Gelder in der Projektvorbereitung, etwa in Form von technischer Unterst\u00fctzung. Bei der Projektfinanzierung kann zudem der Einsatz von Garantien Sinn machen, insbesondere dort, wo ein gewisses Marktversagen vorherrscht respektive die Dringlichkeit von Investitionen hoch ist.<\/p>\n<p>Als Beispiel wurde am IC-Forum 2022 das Vorgehen der <a href=\"https:\/\/www.pidg.org\/\">Private Infrastructure Development Group<\/a> (PIDG) pr\u00e4sentiert, die vom Seco als Gr\u00fcndungsmitglied seit 2002 unterst\u00fctzt wird und innovative Entwicklungen und Finanzierungen von Infrastrukturprojekten f\u00f6rdert. Die Organisation sorgt w\u00e4hrend der gesamten Projektdauer daf\u00fcr, dass die Entwicklung und die Umsetzung nachhaltiger und investitionsreifer Infrastrukturprojekte erfolgreich verlaufen und diese so an private Investoren verkauft werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Einsatz \u00f6ffentlicher und philanthropischer Mittel zur Mobilisierung privater Investitionen ist ein wirksamer Weg, um Finanzmittel anzuziehen, die sonst nicht in Entwicklungsl\u00e4nder fliessen w\u00fcrden. Aus diesem Grund haben das Seco und die Direktion f\u00fcr Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) \u2013 zusammen mit der UBS Optimus Foundation und der Credit Suisse Foundation \u2013 die \u00f6ffentlich-private Partnerschaft \u00ab<a href=\"https:\/\/www.sdgimpactfinance.org\/\">Sustainable Development Gobal Impact Finance Initiative<\/a>\u00bb lanciert. Sie will bis 2030 rund 100 Millionen Schweizer Franken von \u00f6ffentlichen und philanthropischen Akteuren beschaffen. Diese Mittel sollen anschliessend bis zu eine Milliarde Schweizer Franken an privatem Kapital mobilisieren, um die SDG in Entwicklungsl\u00e4ndern zu finanzieren.<\/p>\n<p>Laut den Expertinnen und Experten des IC-Forums sollte die Schweiz die Kapazit\u00e4ten der Banken und Unternehmen in Entwicklungsl\u00e4ndern weiter st\u00e4rken und Schulungen anbieten, um Regierungen, Finanzinstitutionen oder Unternehmen dabei zu helfen, gr\u00fcne Obligationen auszugeben und \u00fcber deren Auswirkungen auf die Umwelt Bericht zu erstatten. Dar\u00fcber hinaus sollte sie die Einf\u00fchrung regulatorischer Vorgaben speziell f\u00fcr kleine und mittlere Unternehmen (KMU) f\u00f6rdern, die auch in den meisten Entwicklungsl\u00e4ndern das volkswirtschaftliche R\u00fcckgrat bilden. Denn vielfach sind die Kapazit\u00e4ten und Ressourcen von KMU begrenzt, was den Einsatz nachhaltiger Finanzierungsinstrumente anbelangt.<\/p>\n<p>Aus Sicht der Finanzfachleute m\u00fcssen zudem Privatinvestitionen in Projekte zur Anpassung an den Klimawandel dringend gef\u00f6rdert werden, um den am st\u00e4rksten gef\u00e4hrdeten Bev\u00f6lkerungen zu helfen. Die internationale Zusammenarbeit der Schweiz k\u00f6nne hier viel bewirken, da sie privates Kapital anziehe und gut positioniert sei, so die vorherrschende Meinung am IC-Forum. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Daten: Indem Geberl\u00e4nder beispielsweise klimarelevante Daten der Entwicklungsl\u00e4nder erfassen und bereitstellen, k\u00f6nnen sie die Staatsbeitr\u00e4ge f\u00fcr die Anpassung an den Klimawandel gezielter einsetzen. Gleichzeitig l\u00e4sst sich so der private Investitionsbedarf besser ermitteln.<\/p>\n<p>Das IC-Forum 2022 zeigt: Es braucht einen ganzheitlichen Ansatz, um nachhaltige Investitionen in Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4ndern zu erh\u00f6hen. Indem sie die Finanzsysteme der Entwicklungsl\u00e4nder st\u00e4rkt, Regeln und Rahmenbedingungen f\u00fcr nachhaltige Investitionen erarbeitet und die Mischfinanzierung unterst\u00fctzt, kann die internationale Zusammenarbeit der Schweiz hierbei eine zentrale Rolle \u00fcbernehmen. Wenn der Wechsel hin zu einer gr\u00fcneren Wirtschaft gelingen soll, muss den Bed\u00fcrfnissen und Kapazit\u00e4ten der KMU besser Rechnung getragen werden. Dieser Prozess wird seine Zeit dauern. Die internationale Zusammenarbeit der Schweiz ist bereit, sich daf\u00fcr zu engagieren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Markt der nachhaltigen Finanzen (\u00abSustainable Finance\u00bb) ist in den letzten zehn Jahren stark gewachsen. 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