{"id":171751,"date":"2022-07-12T08:33:38","date_gmt":"2022-07-12T06:33:38","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=171751"},"modified":"2023-08-24T01:30:08","modified_gmt":"2023-08-23T23:30:08","slug":"markt-oder-staat-wer-soll-gesundheitsdaten-nutzen-duerfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/07\/markt-oder-staat-wer-soll-gesundheitsdaten-nutzen-duerfen\/","title":{"rendered":"Markt oder Staat: Wer soll Gesundheitsdaten nutzen d\u00fcrfen?"},"content":{"rendered":"<p>Sie war von Anfang an umstritten \u2013 jetzt ist sie Geschichte: Per 1. April 2022 schaltete der Bund die Swisscovid-App ab, welche die Nutzer im Nachhinein informierte, wenn sie l\u00e4ngeren Kontakt mit einer an Covid erkrankten Person hatten.<\/p>\n<p>Keine Frage: Die App hat Infektionen verhindert. Dennoch wurde ihr Potenzial bei Weitem nicht ausgesch\u00f6pft. Teilweise war dies ein Vers\u00e4umnis des Bundes, teilweise haben Infizierte nicht die notwendigen Codes in ihr Smartphone eingegeben, um andere zu warnen, und zu wenige Menschen haben die App \u00fcberhaupt installiert.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Insgesamt war es n\u00e4mlich nur gerade <a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz\/corona-pandemie-swisscovid-app-die-bilanz\">ein Viertel<\/a> der Schweizer Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Doch unabh\u00e4ngig vom Erfolg bei der Reduktion von Ansteckungen: Die App k\u00f6nnte in Zukunft als Referenz f\u00fcr den Umgang mit Gesundheitsdaten dienen. Denn die Frage, wer welche Gesundheitsdaten wof\u00fcr nutzen darf, wird umso dringender, je mehr Daten anfallen. Und mit Zyklustrackern, Smartwatches zum Messen von Schritten oder Herzschl\u00e4gen und Gensequenzierungen zum Aufsp\u00fcren von potenziellen Krankheiten wird unsere Datenspur t\u00e4glich gr\u00f6sser.<\/p>\n<p>Alle diese Daten versprechen medizinischen Fortschritt. Gleichzeitig geht mit ihnen aber die Gefahr von Diskriminierung und Verhaltenskontrolle einher. Damit droht auch ein Verlust der Solidarit\u00e4t, auf der unser Gesundheitssystem basiert. Dies zeigt die am Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) durchgef\u00fchrte Studie \u00ab<a href=\"https:\/\/gdi.ch\/shop\/entsolidarisiert-die-smartwatch-pdf-2021-d#attr=gdi.ch\/solidaritaet\">Entsolidarisiert die Smartwatch?<\/a>\u00bb \u2013 in Auftrag gegeben von der Stiftung Sanitas. Denn gerade bei steigendem Kostendruck im Gesundheitswesen k\u00f6nnte die zunehmende Datenflut genutzt werden, um Menschen zu gesundem Verhalten anzuhalten oder gar zu n\u00f6tigen. In der GDI-Studie haben wir dazu vier m\u00f6gliche Szenarien erstellt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Kontrolle durch Staat und Unternehmen?<\/h2>\n<p>Verhaltenskontrollen werden meist mit autorit\u00e4ren Staaten assoziiert. Doch mit Impfzertifikat und Maskenpflicht hat der starke Staat auch in der Schweiz ein \u2013 demokratisch legitimiertes \u2013 Comeback erlebt. Unser Szenario \u00abBig Government\u00bb zeigt, wie staatliche Kontrolle aussehen k\u00f6nnte: Gesunde Verhaltensweisen w\u00fcrden mit Punkten belohnt, ungesunde mit Abz\u00fcgen bestraft. Je nach H\u00f6he der Gesamtpunktzahl bedeutete das Privilegien oder Sanktionen.<\/p>\n<p>Verhaltenskontrollen k\u00f6nnen aber auch auf dem freien Markt stattfinden. Das zeigt das Szenario \u00abBig Business\u00bb. Heute schon zahlt man bei manchen Krankenversicherern tiefere Zusatzversicherungspr\u00e4mien, wenn man eine bestimmte Anzahl Schritte mit dem Schrittz\u00e4hler registriert. In Zukunft k\u00f6nnten auch Daten von smarten Toiletten oder Schlaftrackern in die Pr\u00e4mienberechnung einfliessen. Wer sich ungesund verhalten, hohe Risiken eingehen und vor allem seine pers\u00f6nlichen Daten f\u00fcr sich behalten will, muss sich das im Marktszenario finanziell leisten k\u00f6nnen. Eine finanzielle Sanktionierung ungesunden Verhaltens fand sich auch in der Pandemieforderung wieder, Ungeimpfte selbst f\u00fcr Behandlungskosten aufkommen zu lassen.<\/p>\n<p>Vereinzelte Verhaltenskontrollen, ob \u00fcber preisliche Anreize oder staatliche Vorgaben, k\u00f6nnen durchaus sinnvoll sein. Das Rauchverbot in Restaurants ist ein Beispiel f\u00fcr eine allgemein gesch\u00e4tzte Regel. Doch je mehr Datenpunkte vorhanden sind, desto genauer k\u00f6nnten Staat oder Unternehmen das Verhalten der Individuen steuern. Bei zu feinmaschiger Kontrolle besteht jedoch die Gefahr, dass nur noch Kennwerte maximiert werden und das Hauptziel \u2013 eine bessere Gesundheit \u2013 dabei vergessen geht. So k\u00f6nnte sich beispielsweise eine per se attraktive neue Sportart nicht durchsetzen, wenn sie digital schlecht erfassbar ist. Die Folgen w\u00e4ren: Verlust an M\u00fcndigkeit, Verantwortung und an Solidarit\u00e4t mit \u00abungesunden\u00bb Personen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Mehr M\u00fcndigkeit<\/h2>\n<p>Staatliche oder marktwirtschaftliche Kontrolle von Verhalten ist aber keine zwingende Folge der technologischen Entwicklung. Vielmehr ist es ein politisches Programm, welches von einem bestimmten Menschenbild ausgeht \u2013 n\u00e4mlich, dass sich der Mensch ohne Zwang oder finanzielle Anreize nicht gesund verh\u00e4lt. Das steht im Widerspruch zur humanistisch-liberalen Sicht, die dem \u00abBig Self\u00bb-Szenario zugrunde liegt. Hier bleibt die Kontrolle g\u00e4nzlich beim Individuum, denn die meisten wollen grunds\u00e4tzlich gesund leben. Daten werden nur genutzt, um Menschen zu bef\u00e4higen, nicht um sie zu kontrollieren. Die Covid-Tracing-App ist ein Beispiel f\u00fcr diesen Ansatz. Sie informierte Nutzerinnen und Nutzer \u00fcber Risiken \u2013 ohne die Daten zentral zu sammeln und so dem Staat, Krankenversicherungen oder sonst wem eine Kontrollfunktion zu geben. Man vertraute schlicht darauf, dass Menschen die Informationen verantwortungsvoll nutzen und bei einer Warnung einen Test machen oder sich in Quarant\u00e4ne begeben.<\/p>\n<p>Aber hat nicht die Pandemie gezeigt, dass dieser liberale Weg eben nur ungen\u00fcgend funktioniert und es doch \u00dcberwachung und Druck braucht? Anstrengungen in Richtung eines humanistisch-liberalen Umgangs mit Gesundheitsdaten bedeuten nicht, dass Staat und Markt gar keine Rolle mehr spielen sollen. Vielmehr geht es darum, den richtigen Mix zu finden. Mit wie viel Freiheit k\u00f6nnen Menschen umgehen, und wo braucht es doch Leitplanken in Form von finanziellen Anreizen oder Vorschriften? Und vielleicht noch wichtiger: Was k\u00f6nnen wir tun, damit mehr Freiheit m\u00f6glich und weniger Kontrolle n\u00f6tig ist?<\/p>\n<p>Damit Menschen ihre Gesundheitsdaten selbstbestimmt nutzen k\u00f6nnen, braucht es Gesundheits- und Datenkompetenz. Die Betroffenen m\u00fcssen Statistiken lesen und Wahrscheinlichkeiten interpretieren lernen, um beurteilen zu k\u00f6nnen, was beispielsweise ein um 50 Prozent erh\u00f6htes Thromboserisiko \u00fcberhaupt bedeutet. Materielle, zeitliche und mentale Ressourcen sind zudem n\u00f6tig, um sich mit Gesundheitsdaten und der eigenen gesundheitlichen Zukunft auseinandersetzen zu k\u00f6nnen. Denn wer nicht weiss, wie die n\u00e4chste Miete bezahlen, hat keinen Kopf f\u00fcr m\u00f6gliche zuk\u00fcnftige Erkrankungen. Finanzielle Unterst\u00fctzung von Armutsbetroffenen ist deshalb auch Gesundheitsf\u00f6rderung.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Daten teilen als gesellschaftlicher Beitrag<\/h2>\n<p>Daten entfalten ihre Kraft besonders dann, wenn sie mit anderen Daten in Zusammenhang gesetzt werden. Das Individuum muss also nicht nur bef\u00e4higt werden, selbst mit Daten umzugehen, sondern \u2013 wie im \u00abBig Community\u00bb-Szenario \u2013 auch darin best\u00e4rkt werden, Daten freiwillig mit anderen zu teilen. Das bedeutet beispielsweise, dass es bei einer Infektion den Code in der Covid-Tracing-App eingibt und andere gewarnt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch um Daten zu teilen, ist Vertrauen n\u00f6tig, dass diese nicht missbraucht werden. Daf\u00fcr sind klare Datenschutzrichtlinien und deren Kenntnis in der Bev\u00f6lkerung notwendig. Sollte dennoch ein Missbrauch stattfinden, m\u00fcssen Menschen wissen, wo ihnen geholfen wird. Eine Datendiskriminierungsversicherung w\u00e4re eine m\u00f6gliche Institution, die Opfern von Diskriminierung hilft. Dabei werden Menschen beispielsweise entsch\u00e4digt, wenn gespendete Gesundheitsdaten an die \u00d6ffentlichkeit gelangen und das etwa bei der Stellensuche von Nachteil ist. Staat, Unternehmen oder Stiftungen k\u00f6nnten ausserdem Datengenossenschaften mittels Anschubfinanzierungen f\u00f6rdern. Diese erlauben es, Daten in Gemeinschaften zusammenzuf\u00fchren und gemeinsame Regeln f\u00fcr deren Nutzung zu definieren. Gemeinsame Forschungsaktivit\u00e4ten mit den geteilten Daten w\u00e4ren mittels sogenannter Citizen-Science-Projekte m\u00f6glich.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Eine Kultur der Offenheit<\/h2>\n<p>Ausserdem braucht es eine Kultur der Offenheit. Wer von anderen Menschen das Teilen von Daten erwartet, sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Der Staat, Unternehmen wie auch die Wissenschaft k\u00f6nnten der Allgemeinheit mehr offene Daten zur Verf\u00fcgung stellen: Daten zur Luftqualit\u00e4t, wissenschaftliche Publikationen oder Informationen \u00fcber N\u00e4hrwerte und den \u00f6kologischen Fussabdruck einzelner Produkte sollten in einem standardisierten Format frei zug\u00e4nglich sein. Die Patentfreigabe f\u00fcr Covid-Impfungen ist ein solches \u00abBig Community\u00bb-Beispiel im Pandemiekontext.<\/p>\n<p>Menschen mit \u00dcbergewicht, Alkoholproblemen oder \u00abBewegungsmuffel\u00bb k\u00f6nnten durch das Teilen von Daten als Bereicherung angesehen werden. Denn: je breiter und diverser die Datengrundlage, desto robuster und aussagekr\u00e4ftiger das Datenmodell. Die Verdatung k\u00f6nnte so zu mehr und nicht zu weniger Solidarit\u00e4t f\u00fchren.<\/p>\n<p>Das mag vielleicht utopisch klingen. Wichtig ist jedoch, dass uns Technologie nicht einfach zust\u00f6sst und zwangsl\u00e4ufig zu mehr Kontrolle durch Staat oder Markt f\u00fchrt. Die Zukunft ist nicht alternativlos. Die Covid-Tracing-App ist ein Gehversuch auf einem humanistisch-liberalen, europ\u00e4ischen Weg im Umgang mit Gesundheitsdaten. Er stellt eine Alternative dar zu staatlich-autorit\u00e4rer \u00dcberwachung oder zu einer unsolidarischen, privatisierten Gesundheitsversorgung.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe \u00abWatson\u00bb (2022). <a href=\"https:\/\/www.watson.ch\/!329637086\">Der Bund schaltet SwissCovid ab \u2013 das musst du jetzt wissen<\/a>.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie war von Anfang an umstritten \u2013 jetzt ist sie Geschichte: Per 1. 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