{"id":171840,"date":"2022-07-12T08:35:41","date_gmt":"2022-07-12T06:35:41","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=171840"},"modified":"2023-08-24T01:30:35","modified_gmt":"2023-08-23T23:30:35","slug":"bankenaufsicht-im-zeichen-von-suptech","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/07\/bankenaufsicht-im-zeichen-von-suptech\/","title":{"rendered":"Bankenaufsicht im Zeichen von Suptech"},"content":{"rendered":"<p>Die Technisierung hat l\u00e4ngst Einzug in unseren Alltag gehalten, und wir sind in jedem Lebensbereich damit konfrontiert.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Alles wird \u00abTech\u00bb: So befeuert die Corona-Pandemie beispielsweise die boomende Medtech-Industrie, oder Mobilitytech-Firmen entwickeln mit Hochdruck Elektrofahrzeuge, selbstfahrende Autos und Transportdrohnen. Sogar unsere Kleidung wird intelligent, und es gibt laufend neue Innovationen im Nahrungsmittelbereich.<\/p>\n<p>Auch aus der Finanzindustrie ist die Technisierung nicht mehr wegzudenken \u2013 Fintech-Anwendungen reichen von Crowdfunding \u00fcber Mobile Payment, Robo Advisory und Chatbots bis hin zu Kryptow\u00e4hrungen und Blockchain-Technologien. Viele Schweizer Banken sind bereits auf den Fintech-Zug aufgesprungen, weitere werden folgen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Datenbasierte Aufsicht<\/strong><\/h2>\n<p>Was bedeutet diese Entwicklung f\u00fcr die Finanzmarkt-Aufsichtsbeh\u00f6rden? Der Begriff Supervisory Technology, kurz \u00abSuptech\u00bb, d\u00fcrfte etwas weniger breit bekannt sein als die genannten Tech-Beispiele. Gem\u00e4ss dem 2020 publizierten <a href=\"https:\/\/www.fsb.org\/wp-content\/uploads\/P091020.pdf\">Glossar<\/a> des Financial Stability Board (FSB) steht Suptech f\u00fcr \u00abs\u00e4mtliche Fintech-Anwendungen, welche von Regulierungs-, Aufsichts- und \u00dcberwachungsbeh\u00f6rden genutzt werden\u00bb.<\/p>\n<p>In der Schweiz hat die Eidgen\u00f6ssische Finanzmarktaufsicht (Finma) die Nutzung moderner Technologien zur Verst\u00e4rkung der <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/12\/die-finanzmarktaufsicht-der-zukunft\/\">datenbasierten Aufsicht<\/a> in ihren strategischen Zielen verankert.<\/p>\n<p>Im Folgenden soll gezeigt werden, wie Suptech die Bankenaufsicht \u2013 als einen von vier Aufsichtsbereichen der Finma \u2013 ver\u00e4ndert (siehe Kasten).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Daten- und Analyseteam<\/strong><\/h2>\n<p>Einen Meilenstein in der Digitalisierung der Bankenaufsicht stellt das Daten- und Analyseteam der Finma dar, das die \u00dcberwachungsarbeiten mit umfassenden Datenauswertungen und Visualisierungen unterst\u00fctzt und teilweise automatisiert. Damit die Datenfachleute auf die Bed\u00fcrfnisse der Aufsichtsmitarbeitenden am besten eingehen k\u00f6nnen, hat die Finma das Daten- und Analyseteam organisatorisch fix integriert: Man kennt sich, arbeitet im selben B\u00fcrogeb\u00e4ude und tauscht sich laufend aus.<\/p>\n<p>Das derzeit wohl wichtigste Suptech-Werkzeug der Finma ist das Ratingsystem f\u00fcr Banken. Mit diesem \u00dcberwachungstool werden Finanzzahlen, Risikokenngr\u00f6ssen und Pr\u00fcfergebnisse zu den einzelnen Banken maschinell ausgewertet und grafisch aufbereitet, sodass die Finma-Mitarbeitenden jederzeit die aktuellen Risikoeinstufungen abfragen k\u00f6nnen. Dank dieser Systemunterst\u00fctzung, namentlich den Ratingentwicklungen und den automatisch generierten Warnmeldungen, kann sich die Bankenaufsicht auf die gr\u00f6ssten Risiken konzentrieren und ihre Ressourcen gezielt einsetzen.<\/p>\n<p>Besonders hilfreich ist dieses Tool f\u00fcr die \u00dcberwachung der 230 Schweizer Kleinbanken und Wertpapierh\u00e4user.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Dies umso mehr, als das Spektrum der Gesch\u00e4ftsmodelle in der Schweiz sehr breit ist \u2013 es reicht vom klassischen Retailgesch\u00e4ft \u00fcber die Verm\u00f6gensverwaltung bis hin zum relativ neuen Gesch\u00e4ft mit Kryptow\u00e4hrungen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>KI aus dem Labor<\/strong><\/h2>\n<p>In Zukunft m\u00f6chte die Finma noch st\u00e4rker in Richtung Suptech gehen. Um die Bankenaufsicht weiter zu optimieren, hat die Finma im Bankenbereich ein Data Innovation Lab aufgebaut. In diesem Labor testen Datenfachleute beispielsweise \u2013 im engen Austausch mit der Bankenaufsicht der Finma \u2013 Anwendungen der k\u00fcnstlichen Intelligenz (KI). Diese Arbeiten haben Forschungscharakter, und Fehler sind ausdr\u00fccklich erlaubt.<\/p>\n<p>Einige der Lab-Projekte setzen etwa auf Methoden zur maschinellen Textanalyse (\u00abNatural Language Processing\u00bb). Denn nebst Zahlenmaterial liegen der Finma viele Informationen in Textform vor \u2013 beispielsweise Gesch\u00e4ftsberichte, Risikoanalysen oder Reglemente von Banken, Presseartikel oder Social-Media-Posts. Mit KI-Methoden lassen sich diese enormen Datenmengen erstmals systematisch auswerten.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus lassen sich mit KI auch Zahlen analysieren, Datenl\u00fccken f\u00fcllen, Vergleichsgruppen mittels Clustering kalibrieren, Netzwerkanalysen durchf\u00fchren oder Trends prognostizieren. Bereits heute k\u00f6nnen Ergebnisse erzielt werden, welche zuvor in Bezug auf Pr\u00e4zision, Umfang, Reaktivit\u00e4t oder Antizipation unm\u00f6glich schienen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Internationaler Austausch<\/strong><\/h2>\n<p>Nebst dem Data Innovation Lab, das f\u00fcr die Umsetzung konkreter Suptech-Projekte zentral ist, spielt der Erfahrungsaustausch mit ausl\u00e4ndischen Aufsichtsbeh\u00f6rden eine wichtige Rolle \u2013 sowohl auf technischer als auch auf strategischer Ebene. Damit ist die Finma ein Teil der internationalen Suptech-Familie.<\/p>\n<p>Der Blick nach draussen reicht jedoch nicht aus. Damit die neuen Methoden und Werkzeuge in das Tagesgesch\u00e4ft \u00fcbergef\u00fchrt werden k\u00f6nnen, braucht es auch Finma-interne Bem\u00fchungen. Zun\u00e4chst m\u00fcssen die Mitarbeitenden an der Front mit den technologischen Hilfsmitteln vertraut sein und auch die Bereitschaft haben, ihre bisherige Arbeitsweise anzupassen. Gleichzeitig braucht es ein Grundverst\u00e4ndnis der Mitarbeitenden f\u00fcr die technischen M\u00f6glichkeiten und deren Grenzen. Damit diese ihre W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse bei den Datenfachleuten klar formulieren k\u00f6nnen, f\u00f6rdert die Finma den internen Austausch zu Suptech-Themen und unterst\u00fctzt die Mitarbeitenden mit Weiterbildungen.<\/p>\n<p>Grundvoraussetzung f\u00fcr jegliche technologische Unterst\u00fctzung ist schliesslich eine solide Datenbasis: Daten m\u00fcssen strukturiert, zeitnah verf\u00fcgbar und von guter Qualit\u00e4t sein. Um dies zu gew\u00e4hrleisten, richtet sich die Finma nach einem einheitlichen Datenqualit\u00e4tskonzept und entwickelt ihre IT-Infrastruktur laufend weiter.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Mensch und Maschine<\/strong><\/h2>\n<p>Abschliessend l\u00e4sst sich sagen: Die Finanzwelt wird datenbasiert und digital \u2013 daran f\u00fchrt kein Weg vorbei. Moderne Technologien er\u00f6ffnen nicht nur neue Gesch\u00e4ftsfelder, sondern sie revolutionieren auch die Aufsicht \u00fcber die Finanzinstitute. Informationen k\u00f6nnen umfassender und rascher genutzt werden, und Prozesse werden vereinfacht und beschleunigt.<\/p>\n<p>Wichtig ist dabei das optimale Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine. Denn die k\u00fcnstliche Intelligenz kann und soll den Menschen nicht ersetzen, sondern so weit entlasten und unterst\u00fctzen, dass er sich auf die wesentlichen Fragen und Herausforderungen konzentrieren kann.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Der Beitrag gibt ausschliesslich die pers\u00f6nliche Meinung der Autoren wieder. Diese deckt sich nicht zwingend mit derjenigen der Finma.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Knapp 90 Prozent der insgesamt 261 Banken in der Schweiz geh\u00f6ren zu den kleinsten Instituten (Aufsichtskategorien 4 und 5).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Technisierung hat l\u00e4ngst Einzug in unseren Alltag gehalten, und wir sind in jedem Lebensbereich damit konfrontiert. Alles wird \u00abTech\u00bb: So befeuert die Corona-Pandemie beispielsweise die boomende Medtech-Industrie, oder Mobilitytech-Firmen entwickeln mit Hochdruck Elektrofahrzeuge, selbstfahrende Autos und Transportdrohnen. 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