{"id":174197,"date":"2022-09-13T11:12:59","date_gmt":"2022-09-13T09:12:59","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=174197"},"modified":"2023-08-24T01:31:26","modified_gmt":"2023-08-23T23:31:26","slug":"stadt-der-zukunft-dichte-benoetigt-mehr-raum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/09\/stadt-der-zukunft-dichte-benoetigt-mehr-raum\/","title":{"rendered":"Stadt der Zukunft: Dichte ben\u00f6tigt mehr Raum"},"content":{"rendered":"<p>Die Welt ist im Wandel. Klimakrise, Fluchtbewegungen, geopolitische Spannungen, Ressourcenknappheit oder Artensterben \u2013 sie betreffen uns alle und haben Auswirkungen auf unseren gebauten Lebensraum. Die Art und Weise, wie wir unsere Siedlungen planen und bauen, wird sich \u00e4ndern m\u00fcssen. Und auch bereits bestehende urbane Strukturen m\u00fcssen zukunftsf\u00e4hig umgebaut werden.<\/p>\n<p>Die nachhaltige Stadt im postfossilen Zeitalter ist dicht. Sie bietet bezahlbaren Wohnraum f\u00fcr viele neu zugewanderte Menschen, sie ist dezentral organisiert und besticht durch einen produktiven Mix aus Gewerbe, Wohnen und gemeinwohlorientiertem Engagement. Ausserdem ist sie als wassersensible und hitzeangepasste sogenannte Schwammstadt ausgebildet, das heisst: Die Stadt kann Wasser speichern und in Hitzezeiten wieder abgeben. Begr\u00fcnte Fassaden und D\u00e4cher, \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze und Wasserbecken dienen diesem Prinzip. Die Stadt der Zukunft verf\u00fcgt auch \u00fcber ausreichend Gr\u00fcnfl\u00e4chen und Frischluftschneisen, und die Bewohnenden sind aktive Stadtakteure. In Quartier- oder Gemeindezentren k\u00f6nnen sie gemeinwohlorientiert arbeiten und finden die notwendige Unterst\u00fctzung bei der Gestaltung ihres Alltags.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Umbau mit vielen Anforderungen<\/h2>\n<p>Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Die Herausforderungen f\u00fcr den Umbau der Stadt sind gewaltig. Aus den \u00fcberwiegend bereits gebauten Strukturen m\u00fcssen dichte, aber doch gr\u00fcne und lebenswerte St\u00e4dte werden. Ausserdem gilt es, einen klimafreundlichen und produktiven Lebensraum zu realisieren, der die Bewohnenden in ihrer Resilienz st\u00e4rkt und sie dabei unterst\u00fctzt, mit den \u00abHerausforderungen des Lebens fertigzuwerden, sich anzupassen und zu gedeihen\u00bb<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>. Kurz gesagt: Ziel ist ein Siedlungsraum, der Stressfaktoren \u00fcberwindet, der sich weiterentwickeln kann und der Handlungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr k\u00fcnftige Generationen schafft \u2013 auch in Zeiten von unvorhergesehenen Ereignissen.<\/p>\n<p>Viele verstehen unter der \u00abStadt der Zukunft\u00bb vor allem verdichtetes Wohnen. Doch bauliche Dichte allein ist noch kein st\u00e4dtebauliches Leitbild. Es braucht eine Vorstellung davon, welche Dichte zu welcher Form von Zusammenleben beitragen soll. So ist etwa das Miteinander in einer historischen Altstadt ein anderes als in einem Neubaugebiet, in dem es erst noch entstehen und wachsen muss. In diesem Sinne argumentiert auch die \u00abNeue Leipziger Charta 2020\u00bb, das Leitdokument f\u00fcr gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung in Europa. Ihr zufolge unterst\u00fctzt eine sorgf\u00e4ltige Verdichtung funktionierende Nachbarschaften und f\u00f6rdert soziale Interaktion.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Anonyme Stadt war gestern<\/h2>\n<p>Die Covid-19-Pandemie hat uns die Notwendigkeit von sorgf\u00e4ltig geplanten, dichten Strukturen deutlich vor Augen gef\u00fchrt. Wie viel Not wurde durch eine funktionierende Nachbarschaft und durch menschliche N\u00e4he gelindert, die \u00fcberhaupt erst durch eine gewisse soziale Dichte und eben auch verdichtete bauliche Strukturen entstehen konnte? Nur wer seinen Nachbarn kennt, kann auch helfen.<\/p>\n<p>Doch daf\u00fcr braucht es Raum: Raum f\u00fcr Austausch, Begegnung, aber auch f\u00fcr individuellen R\u00fcckzug im Freien. Gestaltet soll dieser Raum unterschiedlich werden: mal als Gr\u00fcnraum, mal als bebaute Fl\u00e4che. Im Raum zwischen den Geb\u00e4uden entstehen so Nutzungsspielr\u00e4ume, die das Gef\u00fchl f\u00fcr verf\u00fcgbaren Raum erweitern und Dichtestress vermeiden. Denn nicht die Dichte ist das Problem, sondern die beliebige Anordnung anonymer Baumassen, die den Bewohnenden keine Luft zum Atmen lassen und Anonymit\u00e4t und Isolation f\u00f6rdern.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Unbebauter Raum bestimmt das Stadtklima<\/h2>\n<p>Dichte verlangt gleichzeitig Entdichtung. Wer dichte Quartiere m\u00f6chte, muss zun\u00e4chst das \u00abDazwischen\u00bb denken. Denn der Raum zwischen den Geb\u00e4uden entscheidet \u00fcber die Qualit\u00e4t und die Gestaltung des Lebensalltags im Quartier. Wir leben im Zwischenraum, und es ist dieses Dazwischen, das unser Stadtklima im weitesten Sinne pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Verdichtete Strukturen ben\u00f6tigen deshalb nicht weniger, sondern mehr zusammenh\u00e4ngende Zwischenr\u00e4ume, mehr Begegnungszonen und weniger Vorschriften, wie sie genutzt werden d\u00fcrfen. Anstelle eines einzigen zentralen Ortes braucht es eine Vielfalt von kleineren und dezentralen Orten f\u00fcr Begegnung und Erholung. Das nimmt Druck aus dem System, die Menschen k\u00f6nnen sich besser verteilen und organisieren.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Eine Stadt voller D\u00f6rfer<\/h2>\n<p>Die Pandemie und der Klimawandel verst\u00e4rken den Ruf nach gr\u00f6sseren Ausweichm\u00f6glichkeiten und zus\u00e4tzlichen Raumangeboten in urbanen Strukturen. Unsere St\u00e4dte k\u00f6nnen daran angepasst werden, indem wir sie nachverdichten, zweckgebundene Fl\u00e4chen anders verteilen und sie in vielf\u00e4ltig nutzbare, f\u00fcr verschiedene Bev\u00f6lkerungsgruppen verf\u00fcgbare Zonen umwandeln. Das st\u00e4rkt die Dezentralit\u00e4t. Die Agglomerationen und Vororte gewinnen so an Bedeutung und sind daf\u00fcr als sozial und infrastrukturell gut funktionierende Wohn- und Arbeitsorte deutlich aufgewertet.<\/p>\n<p>Nachverdichtung heisst auch: neue R\u00e4ume anbieten, die soziale Arrangements stimulieren, und im Umfeld eine Wohnqualit\u00e4t schaffen, die \u00fcber die private Wohnfl\u00e4che hinausgeht. Die Systemgrenze ist das Quartier. Eine ausgepr\u00e4gte Sharing-Economy schafft Mehrwert f\u00fcr viele. Geteilte R\u00e4ume entlasten den Druck auf die eigene Wohnung, reduzieren den individuellen Fl\u00e4chenbedarf, f\u00f6rdern die Interaktion und schaffen finanziellen Freiraum.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Effiziente Mobilit\u00e4t schafft zus\u00e4tzlichen Platz<\/h2>\n<p>Verdichtung kann nur in Kombination mit Mobilit\u00e4t gedacht werden. Bei der Gestaltung dichter Quartiere kommt dem Strassenraum eine Schl\u00fcsselrolle zu. Ziel ist es, eine Kombination aus \u00f6ffentlichem Nahverkehr, Mietvelos und autonom fahrenden Sammeltaxis anzubieten, die den individualisierten motorisierten Verkehr in der Innenstadt obsolet macht. Dann kann man wertvollen \u00f6ffentlichen Raum, der vorher als Verkehrs- und Parkfl\u00e4che diente, zu begr\u00fcnten Aufenthaltszonen f\u00fcr Mensch und Tier umgestalten.<\/p>\n<p>Die neu eingekehrte Ruhe in der Stadt erlaubt dann mehr Freiheit bei der Gestaltung von Wohnungsgrundrissen, da es weniger l\u00e4rmbelastete Zonen gibt, auf die man R\u00fccksicht nehmen muss. Gleichzeitig erlauben die Frischluftschneisen eine dichte Bauweise in Gebieten, in denen gewohnt, gearbeitet und lokal produziert werden kann.<\/p>\n<p>Wenn wir wollen, dass unsere Kinder und Kindeskinder eine lebenswerte Welt vorfinden, die ihnen erm\u00f6glicht, ihr Leben selbst zu gestalten, gibt es kein Zur\u00fcck! Die Entwicklungen nehmen uns in die Pflicht, unsere Welt f\u00fcr eine postfossile Zukunft umzubauen. Dabei sind wir alle gefordert, zusammenzuarbeiten und Synergien zu nutzen: die Bauwirtschaft, die Immobilienbranche, die Planungsb\u00fcros, die Politik, die Verwaltung, die Gemeinden und St\u00e4dte \u2013 und Sie!<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Jenny und McCay (2021).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt ist im Wandel. Klimakrise, Fluchtbewegungen, geopolitische Spannungen, Ressourcenknappheit oder Artensterben \u2013 sie betreffen uns alle und haben Auswirkungen auf unseren gebauten Lebensraum. Die Art und Weise, wie wir unsere Siedlungen planen und bauen, wird sich \u00e4ndern m\u00fcssen. Und auch bereits bestehende urbane Strukturen m\u00fcssen zukunftsf\u00e4hig umgebaut werden. 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London.<\/h6>\r\n<\/li>\r\n \t<li>\r\n<h6 class=\"content-copy\">Schwehr, Peter und Richard Zemp (2021). <a href=\"https:\/\/sites.hslu.ch\/architektur\/dichte-auf-dem-pruefstand\/\">Dichte auf dem Pr\u00fcfstand<\/a>.<\/h6>\r\n<\/li>\r\n \t<li>\r\n<h6 class=\"content-copy\">Solt Judit (2020). <a href=\"https:\/\/www.espazium.ch\/de\/aktuelles\/innenentwicklung-ja-aber-wie\">Innenentwicklung ja, aber wie?<\/a> In: Espazium.ch (erschienen am 24. 7.).<\/h6>\r\n<\/li>\r\n \t<li>\r\n<h6 class=\"content-copy\">Solt, Judit (2020). <a href=\"https:\/\/www.espazium.ch\/de\/aktuelles\/raum-allein-bringt-nichts\">Raum allein bringt nichts<\/a>. In: Espazium.ch (erschienen am 27. 11.).<\/h6>\r\n<\/li>\r\n \t<li>\r\n<h6 class=\"content-copy\">Solt, Judit (2021). <a href=\"https:\/\/www.espazium.ch\/de\/aktuelles\/corona-ist-nur-der-anfang\">Corona ist nur der Anfang<\/a>. In: Espazium.ch (erschienen am 12. 4.).<\/h6>\r\n<\/li>\r\n \t<li>\r\n<h6 class=\"content-copy\">Solt, Judit (2022). <a href=\"https:\/\/www.espazium.ch\/de\/aktuelles\/bauen-nach-corona-wie-weiter\">Bauen nach Corona \u2013 wie weiter? <\/a>\u00a0In: Espazium.ch (erschienen am 9. 6.).<\/h6>\r\n<\/li>\r\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":[174564,174570,181394],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[4306],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"","original_files":null,"external_release_for_author":"20220912","external_release_for_author_time":"00:05:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/exedit\/62ecf2548c010"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/174197"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9683"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=174197"}],"version-history":[{"count":18,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/174197\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":175408,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/174197\/revisions\/175408"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4306"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9684"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9683"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/174570"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/174564"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/175263"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=174197"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=174197"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=174197"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=174197"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=174197"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=174197"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}