{"id":174722,"date":"2022-09-12T09:55:24","date_gmt":"2022-09-12T07:55:24","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=174722"},"modified":"2023-08-24T01:32:39","modified_gmt":"2023-08-23T23:32:39","slug":"ohne-zement-geht-in-entwickelten-volkswirtschaften-gar-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/09\/ohne-zement-geht-in-entwickelten-volkswirtschaften-gar-nichts\/","title":{"rendered":"\u00abOhne Zement geht in entwickelten Volkswirtschaften gar nichts\u00bb"},"content":{"rendered":"<div class=\"content-copy-questions\">Herr Vannoni, wie erkl\u00e4ren Sie einem Laien, was Zement ist?<\/div>\n<p>Ganz einfach: Zement ist das Bindemittel f\u00fcr Beton. Zusammen mit Kies, Sand und Wasser wird das Pulver zu hartem Beton.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Welche Bedeutung hat Zement f\u00fcr die Baubranche?<\/div>\n<p>Ohne Zement geht in entwickelten Volkswirtschaften gar nichts. Beton ist mit Abstand der am h\u00e4ufigsten verwendete Baustoff. Der Zementverbrauch ist seit je stabil und ziemlich konjunkturunabh\u00e4ngig. In der Schweiz brauchen wir pro Jahr rund 5 Millionen Tonnen Zement beziehungsweise rund 15 Millionen Kubikmeter Beton. Die Schweiz ist also definitiv nicht fertig gebaut.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">In der Schweiz wurden w\u00e4hrend der Corona-Krise schnell Schutzkonzepte entwickelt, um Baustellenschliessungen zu vermeiden. Blieb die Branche verschont?<\/div>\n<p>Dass die Baustellen in der Schweiz w\u00e4hrend der Covid-Zeit offen blieben, war sehr wichtig. Wenn der Staat auch noch die Bauwirtschaft h\u00e4tte finanziell unterst\u00fctzen m\u00fcssen, dann w\u00e4re das noch teurer geworden. Gleichzeitig haben wir als Zementindustrie auch unsere Entsorgungsleistungen \u2013 wir sind ja auch Partner der Abfallwirtschaft \u2013 erbringen k\u00f6nnen. Auch da gab es keine Einschr\u00e4nkungen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Zur Rolle des Abfallverwerters kommen wir sp\u00e4ter. Wie verbreitet ist Beton?<\/div>\n<p>Tiefbau wie Tunnel, Kanalisationen oder Staumauern ist ohne Beton unm\u00f6glich. Aber auch die Erstellung von Fundamenten f\u00fcr H\u00e4user oder Windkraftr\u00e4der ist ohne Beton und damit Zement nicht m\u00f6glich. Im Hochbau \u2013 bei Ein- und Mehrfamilienh\u00e4usern \u2013 bestehen gewisse alternative Baustoffe wie Holz oder Ziegelsteine. Beton findet sich aber auch bei Strassen oder Br\u00fccken \u2013 und unter dem Asphalt. Strassenabschnitte, die grossen Gewichten und Kr\u00e4ften ausgesetzt sind \u2013 wie Bushaltestellen oder Kreisel \u2013, werden in der Schweiz mehr und mehr mit Betonbel\u00e4gen gebaut. Bei grosser Hitze verformt sich der Asphalt. Bei Beton passiert das nicht.<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Beton ist mit Abstand der am h\u00e4ufigsten verwendete Baustoff<\/span><\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Welche weiteren Vorteile hat Beton im Hoch- und Tiefbau?<\/div>\n<p>Beton ist extrem widerstandsf\u00e4hig. Er h\u00e4lt sowohl grosse chemische wie auch mechanische Belastungen aus und weist zudem eine lange Lebensdauer \u2013 von bis zu 100 Jahren \u2013 auf. Zudem ist Beton faktisch unendlich oft recycelbar \u2013 man kann den Beton abtragen, zerkleinern und wieder als Kiesersatz einsetzen. Und er ist formbar, weshalb er sich auch bei Architekten grosser Beliebtheit erfreut. Der gegossene Stahlbeton weist sowohl eine hohe Druckfestigkeit wie auch Flexibilit\u00e4t auf.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Die Schweiz importiert rund zehn Prozent der heimischen Zementnachfrage. Haben Lieferengp\u00e4sse bei Rohstoffen daran etwas ge\u00e4ndert?<\/div>\n<p>Nein. Denn die Rohstoffe f\u00fcr Beton kommen aus der Schweiz. Zement und Beton sind regionale Produkte. Zement ist gebrannter Kalkstein. In der Schweiz sind wir in der gl\u00fccklichen Lage, dass wir sehr viel Kalkstein im Jurabogen vorfinden. Und auch Kies ist reichlich vorhanden. Die Gletscher haben so viel Kies in der Vergangenheit abgelagert, da haben wir eine ausgezeichnete Ausgangslage.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Warum ist der Selbstversorgungsgrad nicht 100 Prozent?<\/div>\n<p>Das w\u00e4re problemlos m\u00f6glich \u2013 die Kapazit\u00e4ten der Schweizer Zementwerke reichen daf\u00fcr aus. Doch nat\u00fcrlich sind wir in einem freien Markt t\u00e4tig. Im grenznahen Ausland wird Zement importiert, zum Beispiel aus Deutschland und Italien. Generell werden aber grosse Distanzen derzeit noch vermieden. Auch wird der Kalkstein in der N\u00e4he eines Zementwerks abgebaut. Zement weist ein hohes spezifisches Gewicht pro Einheit auf, weshalb lange Transportwege insbesondere auch \u00f6kologisch nicht sinnvoll sind.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">In den Zementwerken werden zur Luftreinigung Reduktionsmittel verwendet. Gibt es durch den Ukraine-Krieg nicht Engp\u00e4sse bei Ammoniak und Harnstoffen?<\/div>\n<p>Ja, hier gibt es Unsicherheiten. Unsere Lieferanten haben signalisiert, dass sie die Lieferketten nicht zu 100 Prozent garantieren k\u00f6nnen. Das macht uns etwas Sorgen. Denn Reduktionsmittel sind f\u00fcr die Luftreinhaltung unabdingbar \u2013 um Schadstoffe wie Stickoxide zu reduzieren. Dabei ist vieles just in time: Wenn ein Lieferant nicht liefert, entsteht innerhalb von wenigen Tagen ein Engpass. Das Problem kann innerhalb von k\u00fcrzester Zeit akut werden.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Dann \u00fcberschreiten Sie nach drei Tagen die Grenzwerte und m\u00fcssen die Werke schliessen?<\/div>\n<p>Man muss dann eine Interessenabw\u00e4gung vornehmen. Das Abschalten der \u00d6fen ist f\u00fcr die Bauwirtschaft alles andere als vorteilhaft. Aber nat\u00fcrlich gilt es auch, die Luftreinhaltung sicherzustellen. Zusammen mit den Kantonen und dem Bund brauchen wir dann relativ rasch L\u00f6sungen. Da sind wir in Gespr\u00e4chen.<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Zement und Beton sind regionale Produkte<\/span><\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">In der Schweiz ist die Zementindustrie f\u00fcr 5 Prozent des CO<sub>2<\/sub>-Ausstosses verantwortlich. Wann gibt es den klimaneutralen Zement?<\/div>\n<p>Sp\u00e4testens im Jahr 2050. Die Brennenergie f\u00fcr den Ofen macht etwa ein Drittel unseres CO<sub>2<\/sub>-Ausstosses aus. Zwei Drittel kommen jedoch aus dem Rohmaterial \u2013 beim Verbrennen des Kalksteins. Diese Emissionen entstehen also immer, wenn man Zement herstellt. Der Kalkstein wird in einem rund 80 Meter langen Ofen bei einer Flammentemperatur von 2000 Grad gebrannt. Um den Ofen zu beheizen, setzen wir heute schon 70 Prozent alternative Brennstoffe wie Altholz, Altreifen, getrockneten Kl\u00e4rschlamm ein. Die restlichen 30 Prozent sind fossile Brennstoffe, wie prim\u00e4r Kohle und wenig Erd\u00f6l.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Somit liegt das gr\u00f6sste Einsparpotenzial beim Verbrennen des Kalksteins?<\/div>\n<p>Ja, genau. Wir k\u00f6nnen beispielsweise den Klinkerfaktor im Zement reduzieren, das heisst den Anteil gebrannten Kalkstein reduzieren. Fr\u00fcher lag dieser bei rund 95 Prozent, und entsprechend hoch war der CO<sub>2<\/sub>-Ausstoss. Diese Zementsorten machen heute nur noch rund 6 Prozent des Marktes aus. Wir haben also die klinkerreduzierten Zemente ausgebaut. Hier hat man noch einen gewissen Hebel. Der Spielraum beim Klinkerfaktor ist jedoch nicht unbegrenzt, weil der Zement eine gewisse Qualit\u00e4t und Leistung erbringen muss. Zus\u00e4tzlich kann man in den Zementwerken das CO<sub>2<\/sub> auffangen und in anderen Branchen weiter nutzen, zum Beispiel f\u00fcr synthetische Treibstoffe.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Sie sagen sp\u00e4testens 2050 \u2013 wann ist es im besten Fall so weit mit dem CO<sub>2<\/sub>-neutralen Zement?<\/div>\n<p>Wir haben das Ziel, dass wir bis 2030 erste CO<sub>2<\/sub>-Auffanganlagen in Betrieb setzen. Wie hoch der Anteil sein wird, ist schwierig abzusch\u00e4tzen. Es bleiben offene Fragen: Wohin soll das abgeschiedene CO<sub>2<\/sub>? Kann es in ehemaligen Gasfeldern gespeichert werden? Verwerten wir es weiter f\u00fcr synthetische Treibstoffe? Antworten darauf m\u00fcssen auch andere Akteure liefern. Das Hauptproblem aber liegt bei den Kosten dieser Anlagen und der Planungssicherheit. Eine dekarbonisierte Volkswirtschaft ist nicht gratis zu haben. Die Kosten werden langfristig auch in der Wertsch\u00f6pfungskette der gesamten Bauwirtschaft anfallen: beim Betonhersteller, beim Baumeister, beim Bauherrn oder beim Mieter.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Die Zementbranche emittiert rund 2,5 Millionen Tonnen CO<sub>2<\/sub>. Wie funktioniert das Emissionshandelssystem?<\/div>\n<p>F\u00fcr jede emittierte Tonne CO<sub>2<\/sub> m\u00fcssen wir ein Emissionsrecht abgeben. Derzeit kosten diese etwa 80 bis 100 Franken pro Tonne. Um Produktionsverlagerungen zu verhindern, welche auch dem Klima nicht helfen w\u00fcrden, wird ein Teil der Emissionsrechte in der EU und der Schweiz derzeit noch kostenlos zugeteilt. Diese sollen nun gem\u00e4ss Pl\u00e4nen in der EU wegfallen. Korrigiert man dann nicht mit Grenzausgleichsmassnahmen, wird die Zementproduktion in der EU und der Schweiz massiv teurer als ausserhalb dieser L\u00e4nder. Denn die Konkurrenten ausserhalb der Schweiz und der EU m\u00fcssen diese internalisierten Kosten durch das bereits existierende Emissionshandelssystem nicht tragen.<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Es bleiben offene Fragen: Wohin soll das abgeschiedene CO<sub>2<\/sub>?<\/span><\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Was w\u00fcrde die Nichtbeteiligung der Schweiz am geplanten CO<sub>2<\/sub>-Grenzausgleichssystem f\u00fcr die Schweizer Zementindustrie bedeuten?<\/div>\n<p>Das w\u00e4re eine Katastrophe. Das Ziel dieses Systems ist, dass Produktionsprozesse in L\u00e4ndern mit fortschrittlicher Klimapolitik \u2013 durch einen CO<sub>2<\/sub>-Preis \u2013 nicht einer unfairen Konkurrenz aus L\u00e4ndern mit weniger strengen Klimaschutzvorschriften ausgesetzt sind. Damit k\u00f6nnen gleich lange Spiesse geschaffen werden. Ansonsten w\u00e4re der Anreiz, Zement aus klimapolitisch weniger ambitionierten L\u00e4ndern zu importieren, immens. Unsere Branche w\u00e4re nicht mehr konkurrenzf\u00e4hig. F\u00fcr die Unternehmen im Emissionshandelssystem braucht es die Grenzausgleichsmassnahmen. Wer bei einer konsistenten Klimapolitik \u00abA\u00bb sagt, muss auch \u00abB\u00bb sagen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Wie plant die Zementbranche?<\/div>\n<p>Ein wichtiges Element in der Zementherstellung ist die Planungssicherheit. Ich mache gerne den Vergleich mit anderen Branchen. Einige Unternehmen denken in Quartalen. Die Zementindustrie denkt in 25-Jahr-Schritten. Unsere Industrie braucht Planungssicherheit \u00fcber viele Jahrzehnte. Hat man Rohmaterialreserven f\u00fcr 20 Jahre, geht das gerade noch in Ordnung. Aber besser w\u00e4ren 50 Jahre oder 100 Jahre.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Wie pr\u00e4sentiert sich die Planungssicherheit in der Schweiz?<\/div>\n<p>Die Schweiz verf\u00fcgt \u00fcber eine hohe Bev\u00f6lkerungsdichte. Viele Rahmenbedingungen und Schutzgebiete schr\u00e4nken unseren Abbau zus\u00e4tzlich ein. Deshalb haben wir in der Schweiz oft eine k\u00fcrzere Planungssicherheit als beispielsweise Unternehmen in Deutschland. Da gibt es Werke, die mit einer Rohstoffsicherheit von 125 Jahren planen k\u00f6nnen. Das f\u00fchrt zu komplett anderen Investitionsentscheiden, weil sie wissen, dass sie das voraussichtlich \u00fcber eine viel l\u00e4ngere Zeit amortisieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Die Steinbr\u00fcche geh\u00f6ren den Gemeinden. Das Mitspracherecht der Bev\u00f6lkerung erschwert die Planung ebenfalls, oder?<\/div>\n<p>Die Schweiz ist erfreulicherweise ein sehr f\u00f6deraler Staat. Das bedingt aber immer wieder auch viel Aufkl\u00e4rungsarbeit. Gerade vor zwei Jahren haben zwei Gemeinden \u00fcber ein zentrales Erweiterungsprojekt im Kanton Aargau abgestimmt. Erfreulicherweise haben sie mit grossem Mehr der Erweiterung zugestimmt. Das ist wichtig, denn das betroffene Werk deckt einen zweistelligen Anteil des Schweizer Zementbedarfs ab. Diese Umst\u00e4nde zeigen die Herausforderungen f\u00fcr die so wichtige Planungs- und Investitionssicherheit \u2013 insbesondere auch im Vergleich mit einem Konkurrenten aus dem Ausland.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Die Proteste der Bev\u00f6lkerung k\u00f6nnen auch sehr heftig sein, wie man im Waadtl\u00e4nder Werk Ecl\u00e9pens sieht.<\/div>\n<p>In der Waadt sind die Diskussionen tats\u00e4chlich sehr aktiv und aktuell. Dabei ist aber das betroffene Werk auch bez\u00fcglich \u00d6kologie sehr fortschrittlich. Es gilt immer zu reflektieren, was die Bed\u00fcrfnisse einer Gesellschaft sind. Ohne Zement ist zum Beispiel kein verdichtetes Bauen m\u00f6glich. Und die Rohstoffe m\u00fcssen irgendwo gewonnen werden. Ohne Planungssicherheit bestehen dann wiederum grosse Unsicherheiten bez\u00fcglich Investitionen. Gerade auch in einer kapitalintensiven Industrie wie der Zementindustrie. Ein Zementwerk l\u00e4sst sich nicht ohne Weiteres vom einen an den anderen Ort transferieren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Vannoni, wie erkl\u00e4ren Sie einem Laien, was Zement ist? Ganz einfach: Zement ist das Bindemittel f\u00fcr Beton. Zusammen mit Kies, Sand und Wasser wird das Pulver zu hartem Beton. Welche Bedeutung hat Zement f\u00fcr die Baubranche? Ohne Zement geht in entwickelten Volkswirtschaften gar nichts. Beton ist mit Abstand der am h\u00e4ufigsten verwendete Baustoff. 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