{"id":176280,"date":"2022-10-24T10:40:41","date_gmt":"2022-10-24T08:40:41","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=176280"},"modified":"2023-08-24T01:33:42","modified_gmt":"2023-08-23T23:33:42","slug":"die-elektromobilitaet-ist-vielleicht-nur-eine-uebergangsphase","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/10\/die-elektromobilitaet-ist-vielleicht-nur-eine-uebergangsphase\/","title":{"rendered":"\u00abDie Elektromobilit\u00e4t ist vielleicht nur eine \u00dcbergangsphase\u00bb"},"content":{"rendered":"<div class=\"content-copy-questions\">Herr Ducrot, die Mobilit\u00e4t der Zukunft ist elektrisch &#8230;<\/div>\n<p>F\u00fcr die Schiene trifft das heute zu, aber f\u00fcr die Strasse? Da bin ich mir nicht sicher. Die Elektromobilit\u00e4t ist vielleicht nur eine \u00dcbergangsphase. Das Problem ist, dass sich Strom schlecht speichern l\u00e4sst.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Und was kommt danach?<\/div>\n<p>Wasserstoff k\u00f6nnte wichtig werden. Weil man Strom in Wasserstoff umwandeln und ihn leichter speichern kann. Batterien, wie sie beispielsweise E-Lastwagen antreiben, sind extrem schwer. Sprich, entweder m\u00fcssen kleinere und effizientere Batterien gebaut oder andere L\u00f6sungen gefunden werden.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Werden die SBB auf Wasserstoffz\u00fcge umsteigen?<\/div>\n<p>Unsere Z\u00fcge werden weiterhin mit Strom fahren. Die Schweiz ist ein Paradies: 100 Prozent unseres Eisenbahnnetzes sind elektrifiziert. Aber Deutschland hat seit Kurzem erste Regionalz\u00fcge mit Wasserstoffantrieb. Dies k\u00f6nnte eine L\u00f6sung sein, um mit fossiler Energie betriebene Z\u00fcge zu ersetzen. In Europa ist das Eisenbahnnetz in einigen L\u00e4ndern erst zu 60 Prozent elektrisch oder sogar noch weniger.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Werden die SBB bei Strommangel einen Teil ihres Stroms in das \u00f6ffentliche Netz einspeisen?<\/div>\n<p>Dies w\u00e4re ein Beschluss der politischen Entscheidungstr\u00e4ger, der sich einschneidend auf die Mobilit\u00e4t auswirken w\u00fcrde. Die SBB erzeugen einen grossen Teil des Stroms f\u00fcr ihr eigenes Netz. Unsere Wasserkraftwerke haben diesen Sommer aber wegen der Trockenheit nur wenig produziert. Die SBB werden daher im kommenden Winter Strom einkaufen m\u00fcssen, so wie die restliche Schweiz auch.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Wie k\u00f6nnen die SBB ihre Stromproduktion erh\u00f6hen?<\/div>\n<p>Wir konzentrieren uns haupts\u00e4chlich auf Sonnenenergie und Wasserkraft. Es steht aber ausser Frage, dass die Schweiz und auch die SBB im Winter mehr Strom erzeugen m\u00fcssen. Gleichzeitig ist es wichtig, weniger Strom zu brauchen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Ist Fotovoltaik eine L\u00f6sung f\u00fcr den Winter?<\/div>\n<p>Wir haben zwei Orte, um Anlagen zu installieren: im Flachland auf unseren Geb\u00e4uden und in den Bergen. Es ist schwierig, den Output unserer Anlagen zu erh\u00f6hen und gleichzeitig im Winter mehr Strom zu erzeugen. Im Sommer ist es immer einfacher, Strom zu produzieren. Wir k\u00f6nnten uns vorstellen, in den Bergen Solarpanels aufzustellen, zum Beispiel auf den Staumauern unserer Wasserkraftwerke.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">M\u00fcssten mehr Pumpspeicherkraftwerke wie jenes von Nant de Drance bei Finhaut im Wallis gebaut werden?<\/div>\n<p>Diese Art von Kraftwerk ist eine Batterie mit kurzer Laufzeit. Wir f\u00fcllen sie am Wochenende und leeren sie unter der Woche. Das Kraftwerk ist Teil des Versorgungssystems. Es reguliert die Stromproduktion und stabilisiert unser Stromnetz. In f\u00fcnf Sekunden kann es eine Leistung von 900\u00a0Megawatt ins Netz einspeisen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Sie k\u00f6nnen Ihre Stromproduktion herauffahren oder aber Ihren Verbrauch reduzieren.<\/div>\n<p>Wir haben intensiv daran gearbeitet, Bremsenergie zur\u00fcckzugewinnen und diese wieder ins Netz einzuspeisen. Wir wollen das System weiter optimieren, damit die Z\u00fcge vor allem beim Anfahren weniger Strom verbrauchen. Wir ermuntern unsere Mitarbeitenden laufend, neue Ideen einzubringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Seit 2010 haben wir mit den realisierten Projekten gut 25 Prozent Strom eingespart.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Wie f\u00f6rdern Sie Kreativit\u00e4t?<\/div>\n<p>Unsere Mitarbeitenden machen gerne Vorschl\u00e4ge. Ausserdem beobachten wir den Transportsektor weltweit und nehmen an internationalen Projekten teil, zum Beispiel im Silicon Valley. Es gibt viele tolle Ideen. Seit 2010 haben wir mit den realisierten Projekten gut 25 Prozent Strom eingespart.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Welche weiteren Projekte haben zu Stromeinsparungen gef\u00fchrt?<\/div>\n<p>Z\u00fcge brauchen beim Bremsen und Anfahren am meisten Energie. Wir f\u00fchren nun ein System der gr\u00fcnen Welle ein. Dieses geht auf eine Idee der SBB-Lokf\u00fchrer zur\u00fcck. Das System zeigt dem Lokf\u00fchrer in Echtzeit, wie schnell er fahren muss, damit er bei den Signalen bei Gr\u00fcn durchkommt. So k\u00f6nnen wir pro Jahr 7 bis 8 Prozent Strom sparen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Man spricht heute oft von multimodaler Mobilit\u00e4t, sprich der Nutzung unterschiedlicher Transportmittel auf einem Weg.<\/div>\n<p>Die meisten sind heute multimodal unterwegs. Leute, die ausschliesslich den Zug oder das Auto benutzen, sind eher selten. Heute zum Beispiel ist sch\u00f6nes Wetter. Meine Kinder sind zu Fuss oder mit dem Trottinett von zu Hause los. Wenn es aber regnet, sind sie doch recht froh, wenn der Papa sie mit dem Auto zum Bahnhof bringt.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Welche Rolle kommt hier den SBB zu?<\/div>\n<p>Wir bei den SBB haben uns lange gefragt, ob wir aktiv oder integrativ sein wollen. Wir haben uns f\u00fcr die integrative Rolle entschieden: \u00dcber unser Verkaufssystem und unsere Apps bieten wir Zugtickets an, vermieten aber auch Trottinette oder Parkpl\u00e4tze.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Was ist der Unterschied zwischen Akteur und Integrierer?<\/div>\n<p>Die SBB besitzen selbst keine Autos oder Trottinette. Wir schaffen aber Plattformen, auf denen wir die verschiedenen Anbieter von Mobilit\u00e4t integrieren. An unseren Bahnh\u00f6fen k\u00f6nnen Sie fast 150\u2019000 Parkpl\u00e4tze reservieren. In naher Zukunft werden Sie diese Reservation mit dem Kauf eines Zugtickets kombinieren k\u00f6nnen. Auch k\u00f6nnen Sie \u00fcber die SBB ein Mobility-Auto buchen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Und in der Zukunft?<\/div>\n<p>Wichtig ist, dass unsere Plattform den Leuten eine m\u00f6glichst grosse Auswahl anbietet. Hier sehe ich Verbesserungspotenzial. Das Parlament diskutiert demn\u00e4chst \u00fcber eine Mobilit\u00e4tsplattform. Diese wird den Austausch von Daten zwischen den einzelnen Akteuren in der Schweiz erm\u00f6glichen. Diesen Vorschlag unterst\u00fctzten wir voll und ganz.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Ein Problem der multimodalen Mobilit\u00e4t scheint, dass Zug- oder Bustickets nicht \u00fcberall verkauft werden k\u00f6nnen. Warum?<\/div>\n<p>Der Zugang zum Ticketverkauf wird kontrolliert ge\u00f6ffnet. Kontrolliert bedeutet, dass Daten und Tarife gesch\u00fctzt bleiben m\u00fcssen. Der Gesetzgeber w\u00fcnscht einen gleichberechtigten Zugang bei einheitlichen Tarifen. Jedes x-beliebige Portal kann beispielsweise Zugtickets \u00fcber Nova verkaufen. Dieses System geh\u00f6rt der Branche und wird von den SBB betrieben. Ein Ticket von Bern nach Z\u00fcrich muss aber immer gleich viel kosten, egal welches Unternehmen es verkauft und wer die Linie betreibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Zug und Auto erg\u00e4nzen sich perfekt.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Es heisst oft, das Auto stehe in Konkurrenz zum Zug &#8230;<\/div>\n<p>Das stimmt nicht. Zug und Auto erg\u00e4nzen sich perfekt. Man entscheidet sich je nach Aktivit\u00e4t f\u00fcr das eine oder das andere. Die Distanz gibt dabei nicht zwingend den Ausschlag. Ein bestimmter Skiort ist zum Beispiel einfacher mit dem Zug zu erreichen, w\u00e4hrend man an einem anderen Ziel schneller mit dem Auto ist.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Zwischen 2010 und 2019 haben sich die Staustunden auf den Strassen verdoppelt. In den Z\u00fcgen gab es vor der Pandemie zu Stosszeiten kaum freie Pl\u00e4tze. Wie kam das?<\/div>\n<p>Ganz einfach: Die Mobilit\u00e4t hat sich erh\u00f6ht. Heute wohnen Menschen h\u00e4ufiger 80 oder gar 100 Kilometer von ihrem Arbeitsort entfernt. Die SBB haben das Zugfahren einfacher und praktischer gemacht. Das animiert zum Reisen. Wenn Sie einen guten Service anbieten, dann wird er genutzt. Wenn man heute immer noch in Autos aus den 50er-Jahren unterwegs w\u00e4re, w\u00fcrden weniger Kilometer auf der Strasse gefahren.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Entlasten SBB-Sparbillette stark frequentierte Z\u00fcge?<\/div>\n<p>Diese Tickets sind bei unseren Kunden sehr beliebt. Sie haben einen doppelt positiven Effekt: Sie erzeugen neue Mobilit\u00e4t und verschieben einzelne Zugreisen auf Randstunden. Wir werden unser Angebot an Sparbilletten in Zukunft erweitern, insbesondere auf den Regionalverkehr.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Sind Sparbillette eine Massnahme, um die maximale Zahlungsbereitschaft der einzelnen Kunden abzusch\u00f6pfen?<\/div>\n<p>Diese Logik gilt bestimmt nicht f\u00fcr ein Massentransportmittel mit 1,1 Millionen Passagieren pro Tag. Unsere Preisdifferenzierung erfolgt gegen unten. Wir haben kein System des Yield-Managements, bei dem die Preise zu Spitzenzeiten erh\u00f6ht werden. Wir senken sie zu Randzeiten.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Seit der Pandemie bef\u00f6rdern die SBB weniger Passagiere. Wie viele werden es in f\u00fcnf Jahren sein?<\/div>\n<p>Wir erwarten ein steigendes Passagieraufkommen. Die Schweizer Bev\u00f6lkerung w\u00e4chst, und die Arbeit im Homeoffice betrifft nur einen kleinen Teil der Arbeitnehmenden. Wir stellen aber fest, dass gerade diese Personen daf\u00fcr \u00f6fter am Wochenende verreisen. Die Freizeitmobilit\u00e4t ist heute schon viel h\u00f6her als 2019 und wird weiter steigen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Haben die SBB gen\u00fcgend Platz f\u00fcr alle Passagiere?<\/div>\n<p>Ja, unsere Z\u00fcge sind l\u00e4nger, und wir haben neue zweist\u00f6ckige Kompositionen gekauft. Wir k\u00f6nnen heute 400 Meter lange Z\u00fcge einsetzen, die 1400 Personen bef\u00f6rdern. Und wir arbeiten daran, die Frequenz der Z\u00fcge weiter zu steigern.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Die SBB wollen bis 2030 Kosten senken und die Produktivit\u00e4t steigern. Wie?<\/div>\n<p>Mithilfe der Digitalisierung. Heute verbringt ein Lokomotivf\u00fchrer nur ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte seiner Arbeitszeit mit kommerziellen Fahrten. In der \u00fcbrigen Zeit f\u00fchrt er Leerfahrten durch, etwa indem er Z\u00fcge verschiebt. Wenn wir unsere Tools f\u00fcr die Ressourcenplanung verbessern, steigt unsere Produktivit\u00e4t. Dies ist auch der Wunsch der Lokomotivf\u00fchrer: Sie m\u00f6chten \u00f6fter kommerziell fahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Unser Grundauftrag lautet: Sicherheit, P\u00fcnktlichkeit und Zuverl\u00e4ssigkeit.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Die SBB sind ein staatlich gesch\u00fctztes Monopol. Sie haben keine Konkurrenz auf der Schiene. Gleichzeitig unterliegen sie strengen Regulierungen, um ihre Marktmacht einzuschr\u00e4nken. W\u00fcnschen Sie eine Deregulierung?<\/div>\n<p>Nein, keinesfalls. Wir sind ein Akteur der Mobilit\u00e4t, ein Service public, der den Transport im Land gew\u00e4hrleisten muss. Wenn unser Eigent\u00fcmer, der Staat, etwas anderes m\u00f6chte, muss er die Spielregeln anpassen. Der Vorteil der heutigen Regeln besteht darin, dass der Zug intensiv genutzt wird. Nirgendwo wird mehr Zug gefahren als in der Schweiz und in Japan.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Was halten Sie vom Projekt \u00abCargo sous terrain\u00bb, einem unterirdischen Warentransportsystem?<\/div>\n<p>Dieser Ansatz ist sehr innovativ. Doch wir haben gerade beschlossen, unsere Beteiligung von 2 Prozent an diesem Projekt zu verkaufen. Wir wollen uns auf unser Kerngesch\u00e4ft konzentrieren: auf unser Schienennetz.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Wie p\u00fcnktlich sind die SBB?<\/div>\n<p>Wir haben die P\u00fcnktlichkeit der SBB deutlich verbessert. Diese m\u00fcssen wir jetzt in den kommenden zwei bis drei Jahren best\u00e4tigen. Unser Grundauftrag lautet: Sicherheit, P\u00fcnktlichkeit und Zuverl\u00e4ssigkeit.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Wohin m\u00f6chten Sie die SBB in Zukunft f\u00fchren?<\/div>\n<p>Langfristig m\u00fcssen wir den G\u00fcterverkehr auf der Schiene mit Suisse Cargo Logistics st\u00e4rken und im Personenverkehr flexibler werden. Es gilt, den Personenverkehr einerseits in der Agglomeration auszubauen, andererseits aber auch auf interregionaler, nationaler und internationaler Ebene.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Ducrot, die Mobilit\u00e4t der Zukunft ist elektrisch &#8230; F\u00fcr die Schiene trifft das heute zu, aber f\u00fcr die Strasse? Da bin ich mir nicht sicher. Die Elektromobilit\u00e4t ist vielleicht nur eine \u00dcbergangsphase. Das Problem ist, dass sich Strom schlecht speichern l\u00e4sst. Und was kommt danach? Wasserstoff k\u00f6nnte wichtig werden. 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