{"id":176303,"date":"2022-11-15T06:17:18","date_gmt":"2022-11-15T05:17:18","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=176303"},"modified":"2023-08-24T01:33:45","modified_gmt":"2023-08-23T23:33:45","slug":"wie-viel-berufsbildung-steckt-im-schweizer-arbeitsmarkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/11\/wie-viel-berufsbildung-steckt-im-schweizer-arbeitsmarkt\/","title":{"rendered":"Wie viel Berufsbildung steckt im Schweizer Arbeitsmarkt?"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es darum geht, den Schweizer Arbeitsmarkt im internationalen Vergleich zu charakterisieren, kommt man sehr rasch auf das duale Berufsbildungssystem zu sprechen. In keinem anderen System ist die Ausbildung so eng mit dem Arbeitsmarkt verbunden. Von der tiefen (Jugend-)Arbeitslosigkeit \u00fcber die allgemein hohe Arbeitsmarktbeteiligung bis zur ausgewogenen Lohnverteilung \u2013 in all diesen Bereichen scheint das gut funktionierende Berufsbildungssystem einen Beitrag zum Erfolg zu leisten. Die Ausbildungsbereitschaft \u2013 insbesondere auch jene der kleinen und mittelgrossen Unternehmen \u2013 spielt dabei eine zentrale Rolle. Der folgende Artikel zeigt auf, welchen Stellenwert die Berufsbildung f\u00fcr den Schweizer Arbeitsmarkt hat und wie sich dieser \u00fcber die letzten rund zehn Jahre ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Berufliche Grundbildung stark verbreitet<\/h2>\n<p>Um die Bedeutung der Berufsbildung zu beschreiben, greifen wir auf Auswertungen der Schweizerischen Arbeitskr\u00e4fteerhebung (Sake)<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> zur\u00fcck. Von den Erwerbspersonen<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> im Jahr 2020 hatten 58 Prozent einmal eine berufliche Grundbildung \u2013 also je nach Beruf eine zwei-, drei- oder vierj\u00e4hrige Lehre \u2013 absolviert. Die Lernenden erhalten nach bestandenem Qualifikationsverfahren ein Eidgen\u00f6ssisches F\u00e4higkeitszeugnis (EFZ) oder ein Eidgen\u00f6ssisches Berufsattest (EBA). Diese werden in der ganzen Schweiz anerkannt. Ein Drittel der Erwerbspersonen mit beruflicher Grundbildung hatte anschliessend eine weiterf\u00fchrende Ausbildung auf der Terti\u00e4rstufe abgeschlossen. 29 Prozent aller Erwerbspersonen hatten zuerst einen allgemeinbildenden Abschluss \u2013 etwa eine gymnasiale Maturit\u00e4t \u2013 erworben, wovon vier F\u00fcnftel danach noch eine terti\u00e4re Ausbildung angeh\u00e4ngt hatten. 13 Prozent verf\u00fcgten \u00fcber keine nachobligatorische Schulbildung (siehe Abbildung 1).<\/p>\n<p>Im Vergleich zu 2010 hat sich der Anteil der Erwerbspersonen, die mit einer beruflichen Grundbildung ins Erwerbsleben eingestiegen sind, von damals 60 Prozent nur leicht verringert. Hingegen ist der Anteil jener, die nach der beruflichen Grundbildung eine Terti\u00e4rausbildung absolviert haben, um 4 Prozentpunkte auf 19 Prozent sehr deutlich gestiegen. Es fand also innerhalb der beruflichen Bildung eine bemerkenswerte H\u00f6herqualifizierung statt. Im gleichen Zeitraum gewann die Allgemeinbildung insgesamt an Bedeutung, wobei diese Zunahme auf den steigenden Anteil an Erwerbspersonen mit einem Hochschulabschluss zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Erfreulich ist, dass der Anteil von Personen, die lediglich \u00fcber einen obligatorischen Schulabschluss verf\u00fcgen, um 5 Prozentpunkte abgenommen hat.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Ausbildungsstruktur der 15- bis 64-j\u00e4hrigen Erwerbspersonen in der Schweiz, 2010 und 2020 (in Prozent)<\/h2>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-176860 size-full\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/11\/DV_11-22_Speiser-Weber_01.png\" alt=\"\" width=\"2755\" height=\"1169\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/11\/DV_11-22_Speiser-Weber_01.png 2755w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/11\/DV_11-22_Speiser-Weber_01-300x127.png 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/11\/DV_11-22_Speiser-Weber_01-1024x435.png 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/11\/DV_11-22_Speiser-Weber_01-768x326.png 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/11\/DV_11-22_Speiser-Weber_01-1536x652.png 1536w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/11\/DV_11-22_Speiser-Weber_01-2048x869.png 2048w\" sizes=\"(max-width: 2755px) 100vw, 2755px\" \/><\/p>\n<h6 class=\"content-copy\">Quelle: Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) \/ Sake, Auswertungen Seco \/ Die Volkswirtschaft<\/h6>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Mehr Berufsbildung in der Deutschschweiz und bei M\u00e4nnern<\/h2>\n<p>Mit 61 Prozent lag der Anteil der Erwerbspersonen mit beruflicher Grundbildung in der Deutschschweiz \u00fcber dem Schweizer Durchschnitt (siehe Abbildung 2). Im Tessin war er mit 57 Prozent leicht und in der Romandie mit 47 Prozent deutlich darunter, was die traditionell kleinere Rolle der beruflichen Ausbildung in der lateinischen Schweiz widerspiegelt. Seit 2010 hat die Allgemeinbildung in allen Sprachregionen an Bedeutung gewonnen. In der franz\u00f6sischen Schweiz ist sie mit 35 Prozent der Erwerbspersonen aber eindeutig von gr\u00f6sster Relevanz, im Vergleich zu 29 Prozent im Tessin und 27 Prozent in der Deutschschweiz. Der Anteil der Erwerbspersonen ohne nachobligatorischen Schulabschluss ist in der Deutschschweiz am tiefsten. Dies d\u00fcrfte ein Indiz daf\u00fcr sein, dass die st\u00e4rker verbreitete berufliche Grundbildung auch f\u00fcr schulisch schw\u00e4chere Sch\u00fcler die Chance bietet, einen eidgen\u00f6ssischen Abschluss auf Sekundarstufe II zu erlangen.<\/p>\n<p>Eine Auswertung nach Geschlecht zeigt, dass M\u00e4nner mit einem Anteil von 61 Prozent der Erwerbspersonen deutlich h\u00e4ufiger \u00fcber eine Berufsausbildung verf\u00fcgen als Frauen mit einem Anteil von 54 Prozent. Dies h\u00e4ngt auch damit zusammen, dass m\u00e4nnlich gepr\u00e4gte Berufsabschl\u00fcsse h\u00e4ufiger \u00fcber eine Berufsbildung erlangt werden als Berufe, die \u00f6fter von Frauen ausge\u00fcbt werden. Bei der Allgemeinbildung ist es gerade umgekehrt: So hat jede dritte Frau mindestens einen allgemeinbildenden Sek-II-Abschluss, w\u00e4hrend es bei den M\u00e4nnern nur jeder Vierte ist. Der Anteil ohne nachobligatorische Schulbildung liegt bei Frauen und M\u00e4nnern bei je 13 Prozent.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abbildung 2: Ausbildungsstruktur der 15- bis 64-j\u00e4hrigen Erwerbspersonen nach verschiedenen Merkmalen, 2020 (in Prozent)<\/h2>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-177179 size-full\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/11\/DV_11-22_Speiser-Weber_02-1.png\" alt=\"\" width=\"2518\" height=\"1705\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/11\/DV_11-22_Speiser-Weber_02-1.png 2518w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/11\/DV_11-22_Speiser-Weber_02-1-300x203.png 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/11\/DV_11-22_Speiser-Weber_02-1-1024x693.png 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/11\/DV_11-22_Speiser-Weber_02-1-768x520.png 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/11\/DV_11-22_Speiser-Weber_02-1-1536x1040.png 1536w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/11\/DV_11-22_Speiser-Weber_02-1-2048x1387.png 2048w\" sizes=\"(max-width: 2518px) 100vw, 2518px\" \/><\/p>\n<h6 class=\"content-copy\">Quelle: BFS \/ Sake, Auswertungen Seco \/ Die Volkswirtschaft<\/h6>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Weniger Berufsbildung bei den Zugewanderten<\/h2>\n<p>Die Bedeutung der beruflichen Grundbildung auf der Sekundarstufe II ist in der Schweiz im internationalen Vergleich besonders gross. Dies bringt es mit sich, dass durch die Zuwanderung der Anteil an Erwerbspersonen mit beruflicher Grundbildung tendenziell abnimmt. Sichtbar wird dies, wenn man die Zusammensetzung der Ausbildungsabschl\u00fcsse nach Einwanderungsstatus abbildet. 2020 hatten von den Erwerbspersonen, die nach ihrem 15. Geburtstag in die Schweiz eingewandert waren, 46 Prozent einen allgemeinbildenden Bildungsweg durchlaufen. Nur 32 Prozent hatten eine berufliche Grundbildung absolviert. Der hohe Anteil an Erwerbspersonen mit einem allgemeinbildenden Abschluss bei den im Alter von \u00fcber 15 Jahren Zugewanderten ist dabei sehr stark durch Personen mit einem Hochschulabschluss getrieben, welche in den letzten Jahren vor allem in der Europ\u00e4ischen Union (EU) und den Staaten der Europ\u00e4ischen Freihandelsassoziation (Efta) vermehrt rekrutiert wurden. Betrachtet man lediglich jene Personen (Nationalit\u00e4t Schweiz und Ausland), die im Alter von 15 Jahren bereits in der Schweiz gelebt haben, zeigt sich \u00fcber die letzten zehn Jahre, dass die Berufsbildung weiterhin attraktiv bleibt. So hat sich deren Anteil gegen\u00fcber 2010, als er bei 66 Prozent lag, sogar noch leicht auf 68 Prozent erh\u00f6ht.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Berufliche Grundbildung verhilft zu Arbeitsmarkterfolg<\/h2>\n<p>Personen mit einer beruflichen Grundbildung sind auf dem Schweizer Arbeitsmarkt sehr begehrt. Ihre Erwerbsbeteiligung ist hoch und ihre Erwerbslosenquote tief. Im Vergleich zu Erwerbspersonen mit allgemeiner Ausbildung nehmen sie sogar h\u00e4ufiger am Arbeitsmarkt teil und sind besser gegen tiefe L\u00f6hne versichert \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob sie anschliessend einen Abschluss auf Terti\u00e4rstufe erworben haben. Einzig bei den sehr hohen L\u00f6hnen sind Personen, die eine Berufsbildungslaufbahn gemacht haben, gegen\u00fcber solchen mit allgemeiner Hochschulbildung im Nachteil.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Die Bedeutung der beruflichen Ausbildung ist je nach Branche sehr unterschiedlich. Am h\u00f6chsten ist der Anteil Erwerbst\u00e4tiger mit beruflicher Grundbildung in der Landwirtschaft, im Baugewerbe, im verarbeitenden Gewerbe, in den Bereichen Verkehr und Lagerei sowie Handel und Reparatur. In diesen Branchen machen Erwerbst\u00e4tige mit beruflicher Grundbildung mehr als zwei Drittel der Arbeitskr\u00e4fte aus. In beruflicher Hinsicht sind Erwerbst\u00e4tige mit beruflicher Grundbildung bei den B\u00fcrokr\u00e4ften und im Handwerk besonders stark vertreten.<\/p>\n<p>Erwerbst\u00e4tige mit einer allgemeinen Ausbildung sind demgegen\u00fcber h\u00e4ufiger in den Branchen Erziehung und Unterricht sowie Information und Kommunikation t\u00e4tig. Auch sind sie \u00f6fter in freiberuflichen, technischen und wissenschaftlichen Dienstleistungsunternehmen vertreten. Nicht \u00fcberraschend arbeiten sie auch \u00fcberdurchschnittlich oft in intellektuellen und wissenschaftlichen Berufen sowie als F\u00fchrungskr\u00e4fte.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Berufsausbildung in Zukunft erfolgreich?<\/h2>\n<p>Der Anteil der Erwerbspersonen mit einer beruflichen Grundbildung ging in den letzten zehn Jahren leicht zur\u00fcck. Allerdings gilt dies nicht f\u00fcr Personen, die sich im Alter von 15 Jahren bereits in der Schweiz befanden.<\/p>\n<p>In der Berufsbildung selbst fand eine H\u00f6herqualifizierung in Richtung terti\u00e4rer Bildungsabschl\u00fcsse statt. Mit der h\u00f6heren Berufsbildung und den Fachhochschulen stehen attraktive Karrierewege offen. Gerade diese Personen erzielen auf dem Arbeitsmarkt sehr gute Ergebnisse, nicht zuletzt, weil sie im Zuge des Strukturwandels und der technischen Entwicklungen, wie beispielsweise der Digitalisierung, von den Unternehmen stark nachgefragt werden.<\/p>\n<p>Die Berufsbildung bietet den grossen Vorteil, dass sie sich durch ihre Arbeitsmarktn\u00e4he rasch an neue Gegebenheiten anpassen kann. Zudem besteht f\u00fcr Unternehmen ein ureigenes Interesse, Lernende f\u00fcr sich zu gewinnen und ad\u00e4quat auszubilden. Die weiteren Artikel zum Themenschwerpunkt \u00abBerufsbildung im steten Wandel\u00bb geben hierzu tiefere Einblicke.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Die Sake ist repr\u00e4sentativ f\u00fcr die st\u00e4ndige Wohnbev\u00f6lkerung ab 15 Jahren. Grenzpendelnde und Kurzaufenthalterinnen und Kurzaufenthalter sind in dieser Betrachtung somit nicht enthalten.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Unter dem Begriff Erwerbspersonen werden erwerbst\u00e4tige und erwerbslose (gem\u00e4ss International Labour Organisation ILO) Personen subsummiert. Erwerbspersonen umfassen somit alle Personen, die ihre Dienstleistungen auf dem Arbeitsmarkt anbieten. Die qualitativen Aussagen, welche aus Abbildung 1 abgeleitet wurden, sind f\u00fcr Erwerbspersonen im Alter von 25 bis 64 sowie f\u00fcr die gesamte Wohnbev\u00f6lkerung ab 15 Jahren sehr \u00e4hnlich.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Manuel Aepli, Andreas Kuhn und J\u00fcrg Schweri (2021). Der Wert von Ausbildungen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt. Grundlagen f\u00fcr die Wirtschaftspolitik Nr. 31. Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft Seco, Bern, Schweiz.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es darum geht, den Schweizer Arbeitsmarkt im internationalen Vergleich zu charakterisieren, kommt man sehr rasch auf das duale Berufsbildungssystem zu sprechen. 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