{"id":179964,"date":"2023-03-09T07:07:49","date_gmt":"2023-03-09T06:07:49","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=179964"},"modified":"2023-08-24T01:37:15","modified_gmt":"2023-08-23T23:37:15","slug":"non-profit-organisationen-ein-auslaufmodell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/03\/non-profit-organisationen-ein-auslaufmodell\/","title":{"rendered":"Non-Profit-Organisationen: ein Auslaufmodell?"},"content":{"rendered":"<p>Der Sektor der Non-Profit-Organisationen (NPO) ist in den letzten Jahren weltweit stetig gewachsen. Nie gab es mehr Organisationen, besser ausgebildete Mitarbeitende und mehr finanzielle Mittel. Dies l\u00e4sst sich f\u00fcr die Schweiz verdeutlichen: \u00dcber 60 Prozent der heute existierenden Stiftungen sind nach dem Jahr 2000 gegr\u00fcndet worden, und die Hilfswerke mit Zewo<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>-G\u00fctesiegel haben 2021 \u00fcber 4 Milliarden Schweizer Franken eingenommen. Vor 20 Jahren waren es noch unter 2 Milliarden (siehe Abbildung).<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Die aktuellen wirtschaftlichen, geopolitischen und gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen werfen jedoch die Frage auf, ob dies so weitergeht. In mehrfacher Hinsicht stellen sich aktuell besondere Herausforderungen, die die Entwicklung des NPO-Sektors beeinflussen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Spendenvolumen in der Schweiz in Millionen Franken (2003\u20132021)<\/h2>\n<div class='chart chart--normal' id='SCHNURBEIN-HENGEVOSS_DV3-2023_DE'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#SCHNURBEIN-HENGEVOSS_DV3-2023_DE').highcharts({\n\nchart: {\n        type: 'line'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    subtitle: {\n        text: ''\n    },\n     plotOptions: {\n        line: {\n            marker: {\n                enabled: false\n            }\n        }\n    },\n    xAxis: {\n    \n    title: {\n                text: ''\n            },\n        categories: [\n\n'\t2003'\t,\n'\t2004'\t,\n'\t2005'\t,\n'\t2006'\t,\n'\t2007'\t,\n'\t2008'\t,\n'\t2009'\t,\n'\t2010'\t,\n'\t2011'\t,\n'\t2012'\t,\n'\t2013'\t,\n'\t2014'\t,\n'\t2015'\t,\n'\t2016'\t,\n'\t2017'\t,\n'\t2018'\t,\n'\t2019'\t,\n'\t2020'\t,\n'\t2021'\t\n\n\n],\n\n\n    },\n tooltip: {\n        headerFormat: '<b>{point.key}:<\/b> ',\n        pointFormat: '{point.y} Mio. 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Das hohe Spendenvolumen im Jahr 2005 ist auf das Seebeben in Asien zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/h6>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die neue Generation spendet anders<\/h2>\n<p>Viele NPO sind auf private Spenden angewiesen. Dazu betreiben sie Fundraising. Die wichtigsten Fundraisinginstrumente sind dabei immer noch Briefe und Telefon \u2013 Kommunikationsmittel des 20. Jahrhunderts. Digitales Fundraising ist zwar im Kommen, doch k\u00f6nnen damit auch neue Spender gewonnen werden?<\/p>\n<p>Jede Spendergeneration hat neue Pr\u00e4ferenzen. Das Spendeninteresse der Nachkriegsgeneration liegt bei den Themen Kinder, Krankheiten und Behinderung.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Sie spendet im Schnitt 700 Schweizer Franken pro Person und Jahr. Die Generation Z, zwischen 1994 und 2009 geboren, will etwas bewegen, und zwar zeitnah. Sie spendet bevorzugt f\u00fcr den Umwelt- und den Tierschutz oder nach Katastrophen, im Schnitt 100 Schweizer Franken pro Person und Jahr. F\u00fcr die NPO bedeutet dies, dass sie ihre Mittelbeschaffungsstrategie diesen Ver\u00e4nderungen anpassen m\u00fcssen. Modernes Fundraising soll unterhaltsam, originell und crossmedial sein. Fundraisingkampagnen basierend auf der sogenannten Gamification \u2013 der Verwendung von Spielelementen \u2013 erreichen eine j\u00fcngere Generation und k\u00f6nnen durch spielerischen Ehrgeiz ein hohes Spendenvolumen generieren. So k\u00f6nnen beispielsweise bei einer Online-Spendenkampagne Aufgaben gel\u00f6st werden, die mit virtuellen Belohnungen wie digitalen Abzeichen oder realen Preisen motiviert werden. Dadurch steigert sich das Engagement der Spenderpersonen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Der Staat finanziert direkt<\/h2>\n<p>Viel wichtiger als Spenden von Privaten ist der Staat als Geldgeber. \u00c4ndert der Staat seine Zahlungsmodalit\u00e4ten, sind die subsidi\u00e4r finanzierten NPO unmittelbar davon betroffen. Vermehrt fliessen staatliche Gelder nicht mehr direkt an die NPO, sondern werden den Klienten zur Verf\u00fcgung gestellt. Diese suchen sich dann die NPO aus, deren Leistungsangebot ihren Bed\u00fcrfnissen entspricht. So erh\u00e4lt beispielsweise ein gemeinn\u00fctziges Pflegeheim nur noch dann staatliche Gelder, wenn sich Leistungsempf\u00e4ngerinnen auch f\u00fcr ihre Pflegeleistungen entscheiden.<\/p>\n<p>Diese \u00c4nderung in der staatlichen Finanzierung erh\u00f6ht den Wettbewerbsdruck f\u00fcr NPO. Insbesondere jene im Sozial- und Gesundheitswesen sind von dieser Entwicklung betroffen. Infolge der UNO-Behindertenrechtskonvention von 2014 wurde beispielsweise die kantonale Versorgung f\u00fcr Menschen mit Beeintr\u00e4chtigung angepasst. Denn wenn diese Gelder direkt erhalten, k\u00f6nnen sie selbstbestimmter leben. Pro Infirmis, die gr\u00f6sste Schweizer Fachorganisation in dem Bereich, bezieht ihre Klienten heutzutage bei allen von der Subjektfinanzierung betroffenen Prozessen ein. So k\u00f6nnen sie ihr Leistungsangebot besser auf die Bed\u00fcrfnisse ihrer Klienten zuschneiden. NPO m\u00fcssen in Zukunft dienstleistungsorientierter denken und ihr Angebot auf die individuellen Bed\u00fcrfnisse ihrer Klienten abstimmen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Wandel der Freiwilligenarbeit<\/h2>\n<p>Neben gespendeten Geldern sind Freiwillige, die ihre Zeit und Arbeitskraft investieren, eine einzigartige Ressource f\u00fcr NPO. Viele Vorstands- bzw. Stiftungsratsmitglieder arbeiten ehrenamtlich. NPO sind f\u00fcr die Durchf\u00fchrung ihrer Aktivit\u00e4ten auf Freiwillige angewiesen, beklagen jedoch einen R\u00fcckgang der Freiwilligenarbeit: Personen haben weniger Zeit oder Interesse, sich zu engagieren. Dar\u00fcber hinaus verliert das Ehrenamt an gesellschaftlichem Ansehen.<\/p>\n<p>Statistiken best\u00e4tigen, dass die formale Freiwilligenarbeit in der Schweiz seit zehn Jahren stetig abnimmt.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> \u00a0Insbesondere junge Menschen m\u00f6chten sich weniger langfristig verpflichten und engagieren sich lieber punktuell und \u00fcber kurze Zeitr\u00e4ume. Bezeichnungen wie Micro-Volunteering verdeutlichen diese Entwicklung. Dennoch sind viele Angebote von NPO ohne Freiwillige nicht m\u00f6glich. Zwar ist die Besch\u00e4ftigungsquote in NPO in den letzten Jahren stetig gestiegen, damit aber auch die Kosten und die Notwendigkeit, mehr Mittel einzuwerben. F\u00fcr NPO stellt sich die Herausforderung, ihre Freiwilligenarbeit den neuen Pr\u00e4ferenzen in der Gesellschaft anzupassen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Weniger politischer Einfluss<\/h2>\n<p>NPO, vor allem Verb\u00e4nde und Gewerkschaften, sind durch das Vernehmlassungsverfahren seit je aktiv in den politischen Willensbildungsprozess eingebunden. Unter anderem durch den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft haben diese NPO aber an Einfluss verloren. Stattdessen gewinnen im Zuge der Verst\u00e4rkung globaler sozialer und \u00f6kologischer Probleme themenspezifisch ausgerichtete NPO an politischem Einfluss. So ist beispielsweise die H\u00e4lfte aller Stiftungen, die sich f\u00fcr den Klimaschutz starkmachen, in den letzten zehn Jahren entstanden.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> Sie setzen sich nicht nur f\u00fcr konkrete Massnahmen, etwa zur Reduktion von Emissionen, ein, sondern f\u00f6rdern auch Lobbying und Advocacy-Kampagnen. Die Laudes-Stiftung setzt sich beispielsweise f\u00fcr eine nachhaltige Textilproduktion ein. Sie bringt dazu die wichtigsten Akteure aus der Textilbranche an einen Tisch, um gemeinsam an L\u00f6sungen zu arbeiten. Durch diesen Ansatz kann sie die politische Willensbildung auf nationaler und internationaler Ebene beeinflussen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Datenschutz gewinnt an Bedeutung<\/h2>\n<p>Viele NPO sind f\u00fcr eine wirksame Zweckerf\u00fcllung auf Netzwerke, Beziehungen und Kontakte angewiesen. Was fr\u00fcher vor allem \u00fcber pers\u00f6nliche Kontakte geschah, verlagert sich zunehmend in die digitalen Medien. Dadurch wird der Wirkungsradius der NPO erh\u00f6ht, gleichzeitig nimmt die Regulierung in diesem Bereich zu. Datenschutzgesetze werden zur Abwehr von Grosskonzernen wie Google erlassen, gelten aber gleichermassen auch f\u00fcr jede NPO. Der verantwortungsbewusste Umgang mit Daten erfordert einen h\u00f6heren b\u00fcrokratischen Aufwand und Investitionen in die entsprechende Technik. Aber durch die digitalen Medien kann etwaiges Fehlverhalten einer NPO auch \u00f6ffentlichkeitswirksam angeprangert werden. Die Entstehung einer digitalen Zivilgesellschaft steckt noch in den Kinderschuhen und hinkt aktuell der Digitalisierung in der Wirtschaft hinterher. Die NPO der Zukunft wird sich strategisch mit den Vor- und Nachteilen einer Nutzung von technologischen Innovationen sowie ihrer Onlinepr\u00e4senz auseinandersetzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Zentrale Faktoren des Selbstverst\u00e4ndnisses von NPO wie Finanzierung, Personalressourcen und politische Einflussnahme ver\u00e4ndern sich. In diesem Licht betrachtet, neigt sich das goldene Zeitalter der NPO dem Ende zu. Gleichzeitig haben sowohl die Corona-Pandemie als auch die Folgen des Kriegs in der Ukraine gezeigt, wie wichtig NPO f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt sind. Daher ist kaum mit einem schnellen Ende der NPO zu rechnen, wohl aber werden sich die NPO den neuen Herausforderungen anpassen m\u00fcssen. Am Ende ist die NPO der Zukunft nicht die gleiche wie jene der Vergangenheit.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Die Zewo ist die Zertifizierungsstelle f\u00fcr gemeinn\u00fctzige NPO, die in der Schweiz Spenden sammeln.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe von Schnurbein (2022).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe Leutenegger (2022).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Siehe Freitag et al., (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Siehe Eckhardt et al. (2020).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sektor der Non-Profit-Organisationen (NPO) ist in den letzten Jahren weltweit stetig gewachsen. Nie gab es mehr Organisationen, besser ausgebildete Mitarbeitende und mehr finanzielle Mittel. 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Das Spendenmagazin, novembre, 10\u201311.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Von Schnurbein G. (2022). \u00ab\u00a0Der Nonprofit-Sektor in der Schweiz\u00a0\u00bb. In: Meyer M., Simsa R. &amp; Badelt Ch. 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