{"id":180316,"date":"2023-03-10T07:00:35","date_gmt":"2023-03-10T06:00:35","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=180316"},"modified":"2023-08-24T01:38:00","modified_gmt":"2023-08-23T23:38:00","slug":"wirtschaftskriminalitaet-in-der-schweiz-die-geschichte-eines-langen-kampfes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/03\/wirtschaftskriminalitaet-in-der-schweiz-die-geschichte-eines-langen-kampfes\/","title":{"rendered":"Wirtschafts\u00adkrimi\u00adnali\u00adt\u00e4t in der Schweiz: Die Ge\u00adschich\u00adte eines lan\u00adgen Kampfes"},"content":{"rendered":"<p>Das positive Recht der Schweiz enth\u00e4lt keine Definition des Begriffs \u00abWirtschaftskriminalit\u00e4t\u00bb. Bereits 1975 sagte der Direktor des Bundesamts f\u00fcr Justiz: \u00abAlle wissen ungef\u00e4hr, was Wirtschaftskriminalit\u00e4t ist. [&#8230;] Es handelt sich um einen neuen Begriff f\u00fcr eine alte Tatsache, einen Begriff, der namentlich Verst\u00f6sse gegen das Gesellschafts- und Betreibungsrecht, Steuerbetrug, den unlauteren Wettbewerb, Zollvergehen, irregul\u00e4re Immobilientransaktionen und die Wirtschaftsspionage umfasst.\u00bb<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<p>In j\u00fcngerer Zeit wurden mehrere Versuche unternommen, um Wirtschaftskriminalit\u00e4t klarer zu fassen.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Aus kriminologischer und soziologischer Sicht findet Wirtschaftskriminalit\u00e4t in einem wirtschaftlichen Umfeld statt, im Rahmen einer an sich legitimen T\u00e4tigkeit in einem privaten Unternehmen oder in einer staatlichen Organisation. Dies im Gegensatz zur sogenannten organisierten Kriminalit\u00e4t. In der Regel wird keine physische Gewalt, sondern betr\u00fcgerische Praktiken angewendet. Ein immer wiederkehrendes Motiv ist der Wunsch, Gewinn zu machen, wirtschaftliche Dominanz auszu\u00fcben oder das \u00dcberleben eines strauchelnden Unternehmens zu sichern. Wirtschaftskriminelle handeln im Wesentlichen im Rahmen ihrer Arbeit. Oft verf\u00fcgen sie \u00fcber ein gewisses soziales Prestige und ein Vertrauenskapital, das sie missbrauchen, um ihre Taten zu begehen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Eine Kriminalit\u00e4t der Eliten<\/h2>\n<p>Diese Sicht auf die Wirtschaftskriminalit\u00e4t geht teilweise auf den in den 1930er-Jahren vom amerikanischen Soziologen Edwin Sutherland gepr\u00e4gten Begriff \u00abwhite-collar crime\u00bb zur\u00fcck. Ihm zufolge werden solche Taten von ehrenwerten und sozial angesehenen Personen in Aus\u00fcbung ihrer beruflichen T\u00e4tigkeit begangen.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Elitekriminalit\u00e4t wurde also von wirtschaftlichen und politischen Machthabern mit weissen Hemdkragen ver\u00fcbt, in Abgrenzung zu den Arbeitern mit blauen Hemdkragen. Bereits davor, n\u00e4mlich 1905, formulierte der marxistische niederl\u00e4ndische Jurist Willem Bonger eine vergleichsweise \u00e4hnliche Definition. Darin behauptete er, es gebe die T\u00e4terschaft der besitzenden Klasse, die dem Wirtschaftssystem inh\u00e4rent sei.<\/p>\n<p>Die Diskussionen \u00fcber diese Definitionen werden teilweise heftig gef\u00fchrt. Mal konzentrieren sie sich auf die Straftaten selbst (insbesondere ungetreue Gesch\u00e4ftsbesorgung, Urkundenf\u00e4lschung und Betrug), mal auf das Profil und den Modus operandi der T\u00e4ter. Trotzdem scheint eines klar zu sein: Wirtschaftskriminalit\u00e4t gibt es zwar schon seit Langem; wie sie wahrgenommen wird, hat sich aber im Laufe der Zeit ver\u00e4ndert.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Uralte illegale Praktiken<\/h2>\n<p>Illegale oder illegitime Praktiken im Gesch\u00e4ftsleben sind so alt wie die Wirtschaft selbst. Die wirtschaftliche Entwicklung<span style=\"color: #000000;\"> der <span style=\"color: #333333;\">USA<\/span> im<\/span> 19. Jahrhundert war von Korruption und monopolistischer Ausbeutung durch die als R\u00e4uberbarone bezeichneten Gesch\u00e4ftsleute gepr\u00e4gt. In der Schweiz sorgte 1869 der Fall eines Kassiers der Z\u00fcrcher Filiale der Eidgen\u00f6ssischen Bank f\u00fcr Schlagzeilen: Er wurde der Unterschlagung von 3,2 Millionen Franken (heute rund 35 Millionen Franken) schuldig gesprochen.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Der an der italienisch-\u00f6sterreichischen Grenze verhaftete Beschuldigte wurde zu einer elfj\u00e4hrigen Gef\u00e4ngnisstrafe verurteilt.<\/p>\n<p>In den 1970er- und 1980er-Jahren erlebte die Wirtschaftskriminalit\u00e4t eine bedeutende Wende. Damals wurde man sich ihrer Besonderheiten st\u00e4rker bewusst. Der Begriff wurde popul\u00e4rer und Gegenstand immer tiefgehender akademischer Forschung. Ein Beispiel ist eine vom Gottlieb-Duttweiler-Institut im Oktober 1970 in Z\u00fcrich organisierte internationale Konferenz zum Thema. Unter den Teilnehmenden fanden sich mehr als 150 Sachverst\u00e4ndige und Rechtsgelehrte aus elf L\u00e4ndern.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Der Kampf wird verst\u00e4rkt<\/h2>\n<p>Auch die Justiz ging immer st\u00e4rker gegen Wirtschaftskriminalit\u00e4t vor. In mehreren Kantonen wurden in den 1970er-Jahren spezialisierte Strafverfolgungsbeh\u00f6rden geschaffen, zur Untersuchung und Bek\u00e4mpfung von Wirtschaftsstraftaten (Sondereinheiten der Justiz oder Fachabteilungen der Polizei).<\/p>\n<p>Neben diesen Verbesserungsmassnahmen auf kantonaler Ebene wurden auch auf Stufe Bund und interkantonaler Ebene erste \u00dcberlegungen angestellt und mehrere Arbeitsgruppen eingesetzt. Geleitet wurden diese vom Bundesamt f\u00fcr Justiz oder von <span style=\"color: #333333;\">der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren<\/span>. Die Harmonisierung der einzelnen Vorgehensweisen und der interkantonalen Zusammenarbeit kam jedoch kaum vorw\u00e4rts. In jener Zeit nahmen auch die internationalen Rechtshilfegesuche an Schweizer Beh\u00f6rden im Bereich der Wirtschaftskriminalit\u00e4t zu.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a><\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Ber\u00fchmte F\u00e4lle waren Ausl\u00f6ser<\/h2>\n<p>Zwischen 1965 und 1999 ersch\u00fctterten etliche F\u00e4lle von Wirtschaftskriminalit\u00e4t die Schweiz (siehe Tabelle). Oft waren solche F\u00e4lle der Ausgangspunkt f\u00fcr Versuche, den rechtlichen und gesetzlichen Rahmen zu <span style=\"color: #333333;\">reformieren<\/span>, um sowohl auf kantonaler als auch auf eidgen\u00f6ssischer Ebene besser gegen Wirtschaftskriminalit\u00e4t vorgehen zu k\u00f6nnen. So sind die Bem\u00fchungen um eine Spezialisierung der Justizbeh\u00f6rden in Z\u00fcrich auf parlamentarische Vorst\u00f6sse nach den Z\u00fcrcher Bankdebakeln von 1965 und 1974 zur\u00fcckzuf\u00fchren. Auch die Emp\u00f6rung \u00fcber den Skandal der Schweizerischen Kreditanstalt in Chiasso 1977 (siehe Kasten) l\u00f6ste eine breite Diskussion \u00fcber die Rolle der Banken in der Schweiz aus.<\/p>\n<p>Und schliesslich spielten Aff\u00e4ren in den 1980er-Jahren wie die Pizza Connection, sp\u00e4ter die Libanon Connection sowie die vom ehemaligen philippinischen Diktator Ferdinand Marcos unterschlagenen Gelder eine wichtige Rolle bei der Erarbeitung einer Rechtsnorm f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung von Geldw\u00e4scherei: Im M\u00e4rz 1990 wurde das Strafgesetzbuch um zwei neue Straftatbest\u00e4nde erg\u00e4nzt (Art. 305bis und Art. 305ter), und im Oktober 1997 folgte das Geldw\u00e4schereigesetz.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">20 Wirtschaftskriminalit\u00e4tsf\u00e4lle in der Schweiz, insbesondere im Bankensektor (1965\u20131999)<\/h2>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\" border=\"1\">\n<tbody>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.e-newspaperarchives.ch\/?a=d&amp;d=NZZ19751020-01.2.19.18&amp;srpos=4&amp;e=------197-fr-20--1--img-txIN-%22IBZ%252DFinanz%22-------0-----\">IBZ Finanz AG<\/a>, Werner Fuchs, Z\u00fcrich, 1965<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.e-newspaperarchives.ch\/?a=d&amp;d=NZN19651125-01.2.17.2&amp;srpos=2&amp;e=-------fr-20--1--img-txIN-%22Azadbank%22-------0-----\">Azad-Bank<\/a>, Meinrad K\u00e4lin und Fritz Berger, Z\u00fcrich, 1965<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.e-newspaperarchives.ch\/?a=d&amp;d=NZN19710923-01.2.22.1&amp;srpos=7&amp;e=-------fr-20--1-byDA.rev-img-txIN-Aiutana-------0-----\">Aiutana Bank<\/a>, Felix Wyler, Z\u00fcrich, 1965<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/schweiz\/max-hommel-1965-tritt-der-praesident-der-bankenaufsicht-zurueck-ld.1508244?reduced=true\">Banque genevoise de commerce et de cr\u00e9dit<\/a>, Julio Mu\u00f1oz und Hermann Hug, 1965<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.e-newspaperarchives.ch\/?a=d&amp;d=NZZ19670705-03.2.42.6&amp;srpos=3&amp;e=-------fr-20--1--img-txIN-Arbitrex+max+tr%c3%b6ndle-------0-----\">Arbitrex AG\/Aeschenbank<\/a>, Max Tr\u00f6ndle, Basel, 1967<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.e-newspaperarchives.ch\/?a=d&amp;d=DTT19770516-01.2.109&amp;srpos=3&amp;e=-------fr-20--1--img-txIN-ab+nach+amerika+statt+ins+kittchen-------0-----\">United California Bank Basel AG<\/a>, Paul Erdmann, 1970<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.e-newspaperarchives.ch\/?a=d&amp;d=NZN19790926-01.2.22.1&amp;e=-------fr-20--1--img-txIN-%22investors+overseas+services%22+cornfeld-------0--de---\">Investors Overseas Services (IOS)<\/a>, Bernard Cornfeld, Genf, 1970\u201371<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.e-newspaperarchives.ch\/?a=d&amp;d=DTT19770517-01.2.94&amp;e=-------fr-20--1--img-txIN--------0-----\">Metro-Bank\/Profinanz AG<\/a>, Hugo St\u00fcrchler, Z\u00fcrich, 1974<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.e-newspaperarchives.ch\/?a=d&amp;d=NZZ19791008-01.2.11.3&amp;srpos=2&amp;e=-------fr-20--1-byDA.rev-img-txIN-banque+de+cr%c3%a9dit+international+rosenbaum-------0--de---\">Banque de cr\u00e9dit international<\/a>, Genf, Tibor Rosenbaum, 1974<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.e-newspaperarchives.ch\/?a=d&amp;d=DTT19770521-01.2.81&amp;srpos=3&amp;e=-------fr-20--1-byDA.rev-img-txIN-atlas%252Dbank-------0--de---\">Atlas-Bank<\/a>, Ren\u00e9 Eugen Lins, Z\u00fcrich, 1974<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.euromoney.com\/article\/b1d06hwcxgbq9y\/the-mysterious-private-banks-of-geneva\">Banque priv\u00e9e Leclerc<\/a>, Robert Leclerc, Genf, 1977<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/historisches-lexikon.li\/Chiasso-Skandal\">Schweizerische Kreditanstalt<\/a>, Aff\u00e4re Texon, Ernst Kuhrmeier, Claudio Laffranchi und Meinrad Perler, Chiasso, 1977<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.e-newspaperarchives.ch\/?a=d&amp;d=DTT19770520-01.2.78&amp;srpos=1&amp;e=-------fr-20--1--img-txIN-weisscredit-------0--de---\">Weisscredit<\/a>, Rolando Zoppi, Renzo di Piramo und Elvio Zoppi, Lugano, 1977<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.e-newspaperarchives.ch\/?a=d&amp;d=NZN19850906-01.2.23.5&amp;srpos=9&amp;e=-------fr-20--1--img-txIN-pizza+connection-------0--de---\">Pizza Connection<\/a>, Paul Edouard Waridel, Franco della Torre und Enrico Rossini, Lugano, 1985<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.e-newspaperarchives.ch\/?a=d&amp;d=NZZ19931006-01.2.15.1&amp;srpos=7&amp;e=------199-fr-20--1--img-txIN-plumey----1993---0--de---\">Plumey AG<\/a>, Andr\u00e9 Plumey, Basel, 1986<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.e-newspaperarchives.ch\/?a=d&amp;d=NZZ19890704-01.2.43.17&amp;srpos=11&amp;e=-------fr-20--1--img-txIN-libanon+connection-------0--de---\">Libanon Connection<\/a>, Mohammed Shakarchi, Jean und Barkev Magharian, 1988<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.e-newspaperarchives.ch\/?a=d&amp;d=DBB19910709-01.2.14.10.5&amp;srpos=1&amp;e=-------fr-20--1--img-txIN-BCCI+BCP-------0--de---\">Banque de cr\u00e9dit et de commerce international (BCCI) \/ Banque de commerce et de placements<\/a>, Genf, 1991<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.watson.ch\/wirtschaft\/schweiz\/567145671-die-geschichte-von-don-raffi-zuerich-verdankt-seine-bars-der-korruption\">Raphael Huber, Wirte-Aff\u00e4re<\/a>, Z\u00fcrich, 1995<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.1815.ch\/site\/assets\/files\/0\/75\/34\/80\/599\/1995-1.pdf\">Jean Dorsaz \/ Walliser Kantonalbank<\/a>, Sitten, 1998<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 100%; height: 24px;\"><a href=\"https:\/\/www.handelszeitung.ch\/unternehmen\/werner-k-rey-der-jaeger-ist-zurueck-1049389\">Omni Holding, Werner K. Rey<\/a>, Z\u00fcrich, 1999<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<h6 class=\"content-copy\">Anmerkung: Das Datum verweist auf das Jahr der Aufdeckung des Falls. Der \u00dcberblick endet an der Wende zum 21. Jahrhundert, als die Bundesanwaltschaft mit der Verfolgung von Wirtschaftskriminalit\u00e4t betraut wurde.<\/h6>\n<h6 class=\"content-copy\">Quellen: Schmid (1980) \/ Rossier (2019) \/ Queloz (2001)<\/h6>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Und die Strafverfolgung?<\/h2>\n<p>Die Strafverfolgung bestimmter Wirtschaftsdelikte liegt erst seit 2002 in der Zust\u00e4ndigkeit der Bundesanwaltschaft. Zuvor waren allein die kantonalen Justizbeh\u00f6rden f\u00fcr die Untersuchung und Verfolgung von Wirtschaftsstraftaten verantwortlich. Diese Reorganisation geht auf die 1990er-Jahre zur\u00fcck. In seiner <a href=\"https:\/\/www.fedlex.admin.ch\/eli\/fga\/1998\/2_1529__\/de\">Botschaft<\/a> vom 28. Januar 1998\u00a0stellte der Bundesrat klar, dass sich die Zust\u00e4ndigkeit des Bundes (Art. 24 der Strafprozessordnung) auf das organisierte Verbrechen, die Terrorismusfinanzierung und die Wirtschaftskriminalit\u00e4t erstrecke. Letztere umfasst auch Verm\u00f6gensdelikte oder <span style=\"color: #333333;\">Bestechungstatbest\u00e4nde<\/span>, wenn die Taten zu einem wesentlichen Teil im Ausland oder in mehreren <span style=\"color: #333333;\">K<\/span><span style=\"color: #ff00ff;\"><span style=\"color: #333333;\">antonen begange<\/span><\/span><span style=\"color: #333333;\">n<\/span> wurden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Guten Ruf des Finanzplatzes wahren<\/h2>\n<p>Mit etwas geschichtlichem Abstand l\u00e4sst sich feststellen: Die Wirtschaftskriminalit\u00e4t und die Reaktion der Beh\u00f6rden auf die aufgedeckten F\u00e4lle haben stets auch Fragen nach dem Vertrauen in die Institutionen und in <span style=\"color: #333333;\">ihre <\/span>Reputation aufgeworfen. F\u00fcr die Bankenwelt bestand das Hauptziel der Bek\u00e4mpfung von Wirtschaftskriminalit\u00e4t darin, den Ruf der Schweiz als seri\u00f6ser und solider Finanzplatz im Ausland zu sch\u00fctzen. F\u00fcr die politischen Beh\u00f6rden stand hingegen das Vertrauen in die Institutionen auf dem Spiel. Pierre-Henri Bolle, Leiter der Sektion Strafrecht der Division Jus<span style=\"color: #333333;\">tiz im Justiz- und Polizeidepartement,<\/span> dr\u00fcckte diese grundlegende Herausforderung bereits im April 1975 aus: \u00abAngesichts dieser wahren sozialen Plage, die die Wirtschaftskriminalit\u00e4t darstellt, sieht sich der Staat in allen westlichen L\u00e4ndern mit einem Vorwurf konfrontiert. N\u00e4mlich, dass er sich nicht an die dicken Fische heranwage, sondern nur ein paar kleine Fische fange. Damit lasse der Staat eine gravierende Ungleichbehandlung vor dem Strafgesetzbuch zu, die in der \u00d6ffentlichkeit zu einem anhaltenden Unbehagen und zum Verlust des Vertrauens in die Strafjustiz und die Organe f\u00fchrt, die generell mit der Kriminalit\u00e4tsbek\u00e4mpfung betraut sind.\u00bb<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a><\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Voyame (1975). Vortrag der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und \u2011direktoren. Basel, (6.\u20137. November), S. 17, Zitat aus dem Franz\u00f6sischen \u00fcbersetzt.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Queloz (2002), Augsburger-Bucheli (2010), Augsburger-Bucheli und Tirelli (2020) sowie Cassani (2020).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe Sutherland (1940).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Siehe Schmid (1980) und Kunz (1965).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Siehe auch Giddey (2022).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Siehe Bundesarchiv (1975). Bek\u00e4mpfung der Wirtschaftskriminalit\u00e4t, Brief von Pierre-Henri Bolle (Division Justiz, Sektion Strafrecht) an Kurt Furgler (BR), E4110B#1988\/166#148* (16. April), Zitat aus dem Franz\u00f6sischen \u00fcbersetzt.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das positive Recht der Schweiz enth\u00e4lt keine Definition des Begriffs \u00abWirtschaftskriminalit\u00e4t\u00bb. Bereits 1975 sagte der Direktor des Bundesamts f\u00fcr Justiz: \u00abAlle wissen ungef\u00e4hr, was Wirtschaftskriminalit\u00e4t ist. 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D\u00e9linquants \u2039en col blanc\u203a en Suisse: \u00e2ge des cheveux gris, r\u00e9actions sociales privil\u00e9gi\u00e9es et int\u00e9r\u00eat scientifique \u00e0 y pr\u00eater attention, Wirtschaft und Strafrecht: Festschrift f\u00fcr Niklaus Schmid zum 65. Geburtstag, Z\u00fcrich: Schulthess, S. 107\u2013108.<\/h6>\r\n<\/li>\r\n \t<li>\r\n<h6 class=\"content-copy\">Queloz N. (2002). Criminalit\u00e9 \u00e9conomique et criminalit\u00e9 organis\u00e9e, L\u2019\u00c9conomie politique 15, Nr. 3, S. 58\u201367.<\/h6>\r\n<\/li>\r\n \t<li>\r\n<h6 class=\"content-copy\">Rossier R. (2019). La Suisse et l\u2019argent sale: 60 ans d\u2019affaires bancaires, Les routes de l\u2019histoire, Neuenburg: Alphil.<\/h6>\r\n<\/li>\r\n \t<li>\r\n<h6 class=\"content-copy\">Schmid N. (1980). Banken zwischen Legalit\u00e4t und Kriminalit\u00e4t: zur Wirtschaftskriminalit\u00e4t im Bankenwesen, Heidelberg: Kriminalistik Verlag.<\/h6>\r\n<\/li>\r\n \t<li>\r\n<h6 class=\"content-copy\">Sutherland E. (1940). White-Collar Criminality, American Sociological Review 5, Nr. 1, S. 1\u201312.<\/h6>\r\n<\/li>\r\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Der Chiasso-Skandal der Schweizerischen Kreditanstalt 1977","kasten_box":"<h6 class=\"content-copy\">Am 14.\u00a0April 1977 r\u00e4umte die Schweizerische Kreditanstalt (SKA) \u00fcber eine Pressemitteilung ein, dass ihre Tessiner Filiale in Chiasso grosse Probleme eines wichtigen Firmenkunden verschleiert hatte. Die Verluste wurden auf 1,4 Milliarden Franken gesch\u00e4tzt. Die \u00fcberraschte \u00d6ffentlichkeit erfuhr, dass dieser sogenannte Firmenkunde namens Texon mit Sitz in Liechtenstein in Tat und Wahrheit eine Bank in der Bank war, die im Wesentlichen dazu diente, die Kapitalflucht aus Italien zu erleichtern. Erschwerend kam hinzu, dass Filialleiter E. Kuhrmeier f\u00fcr die Gesch\u00e4fte der Firma Texon eine B\u00fcrgschaft der SKA angeboten hatte, die so hoch gewesen w\u00e4re wie das gesamte Kapital und die statutarischen Reserven der Bank. Ende April wurden Kuhrmeier und zwei seiner Kollegen wegen ungetreuer Gesch\u00e4ftsbesorgung und Urkundenf\u00e4lschung verhaftet. Die Aff\u00e4re, die eine der gr\u00f6ssten Banken des Landes betraf, ersch\u00fctterte den gesamten Schweizer Finanzplatz und sorgte im In- und Ausland f\u00fcr Schlagzeilen. 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