{"id":181419,"date":"2023-04-18T07:12:26","date_gmt":"2023-04-18T05:12:26","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=181419"},"modified":"2023-08-24T01:38:45","modified_gmt":"2023-08-23T23:38:45","slug":"schweizer-arbeitsmarkt-trotzte-der-pandemie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/04\/schweizer-arbeitsmarkt-trotzte-der-pandemie\/","title":{"rendered":"Schweizer Arbeitsmarkt trotzte der Pandemie"},"content":{"rendered":"<p>Die Corona-Pandemie f\u00fchrte zur Schliessung von Gesch\u00e4ften, Betrieben sowie Kultur- und Freizeiteinrichtungen, zu einem Einbruch der Nachfrage nach G\u00fctern und Dienstleistungen, zu Unterbrechungen globaler Lieferketten sowie zu erheblichen Einschr\u00e4nkungen der nationalen und internationalen Mobilit\u00e4t. Im Auftrag des Bundes wurden die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Arbeitsmarkt und die Rolle der Arbeitslosenversicherung (ALV) untersucht (siehe Kasten).<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Rasche Erholung<\/h2>\n<p>Im Gegensatz zur Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008 hatte die Corona-Pandemie sehr rasch umfangreiche Auswirkungen auf den zu diesem Zeitpunkt florierenden Schweizer Arbeitsmarkt. Das Stellenangebot brach sofort ein, und die Zahl der registrierten Arbeitslosen stieg in den ersten beiden Monaten um mehr als 50 Prozent auf 160\u2019000 Personen. Die Arbeitslosenquote stieg von 2,6 Prozent im Februar 2020 auf 3,4 Prozent im Mai 2020. Nach Aufhebung der strengen Massnahmen zur Eind\u00e4mmung der Pandemie Anfang Juni 2020 stabilisierte sich die Lage jedoch schnell. Sie verschlechterte sich auch im darauffolgenden Winter nicht, obwohl die Massnahmen erneut versch\u00e4rft wurden. Seit Anfang 2021 \u00fcbersteigt das Stellenangebot das Vorkrisenniveau. Auch die Arbeitslosigkeit liegt seit Anfang 2022 darunter.<\/p>\n<p>Arbeitslos wurden wie auch in anderen Krisen vor allem j\u00fcngere und schlechter ausgebildete Personen. Diese fanden aber schnell wieder Arbeit, als sich der Arbeitsmarkt erholte. Regional gesehen wurde die Deutschschweiz aufgrund unterschiedlicher Branchenstruktur st\u00e4rker getroffen, und sie erholte sich langsamer als die Westschweiz und das Tessin. Bez\u00fcglich Geschlecht und Familiensituation zeigen sich keine systematischen Unterschiede hinsichtlich Erwerbsbeteiligung, geleisteter Wochenarbeitszeit und Erwerbslosigkeit.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Rekrutierungsprobleme in Gastronomie<\/h2>\n<p>Bei den Branchen waren der Einbruch der offenen Stellen und der Anstieg der Arbeitslosigkeit in Tourismus und Gastronomie mit Abstand am gr\u00f6ssten, gefolgt vom verarbeitenden Gewerbe und der Logistik. Gastronomie und Tourismus haben sich rasch erholt und standen bereits im M\u00e4rz 2022 besser da als im M\u00e4rz 2019. Zudem verzeichnete die Gastronomie Anfang 2022 nicht nur wesentlich mehr offene Stellen, sondern auch mehr Rekrutierungsschwierigkeiten. Im verarbeitenden Gewerbe und in der Logistik lag die Arbeitslosigkeit Anfang 2022 noch \u00fcber dem Vorkrisenniveau, zwischenzeitlich ist sie ebenfalls darunter gesunken.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Corona-Pandemie wechselten insgesamt weniger Arbeitnehmende den Beruf oder die Branche als zuvor. Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung daf\u00fcr ist, dass Krisenzeiten mit einer h\u00f6heren (wahrgenommenen) Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt und geringeren Wechselm\u00f6glichkeiten einhergehen. Auch die Kurzarbeit d\u00fcrfte Wechsel verhindert haben. Bei den Stellensuchenden haben sich die Abg\u00e4nge aus bestimmten Branchen und Berufen prozentual meist nur wenig ge\u00e4ndert. Da jedoch die Anzahl der Stellensuchenden in der Pandemie erheblich angestiegen ist, kam es in absoluten Zahlen zu nennenswerten Verschiebungen: Viele Stellensuchende, die vorher im Gastgewerbe, in der Hotellerie oder im Tourismus arbeiteten, suchten eine Stelle in einer anderen Branche. Zudem liessen sich aufgrund der geringeren Wechselbereitschaft von Besch\u00e4ftigten \u00fcber alle Branchen hinweg weniger Arbeitskr\u00e4fte aus dem Pool der Besch\u00e4ftigten rekrutieren. In Kombination mit der deutlich gestiegenen Arbeitsnachfrage ist dies eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr die aktuellen Rekrutierungsschwierigkeiten in diesen Branchen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Weniger Aussteuerungen, mehr Taggelder<\/h2>\n<p>Personen, die am 1. M\u00e4rz 2020 als arbeitslos registriert waren und einen Taggeldanspruch hatten, konnten zwischen M\u00e4rz und August 2020 maximal 120 zus\u00e4tzliche Taggelder beziehen. Ebenso erhielten Personen, die am 1. M\u00e4rz 2021 als arbeitslos registriert waren und einen Taggeldanspruch hatten, zwischen M\u00e4rz und Mai 2021 maximal 66 zus\u00e4tzliche Taggelder. Die Massnahmen hatten das Ziel, Aussteuerungen zu verhindern. Um sich der Wirkung des erweiterten Taggeldbezugs zu n\u00e4hern, wurde eine Blinder-Oaxaca-Zerlegung der Ver\u00e4nderung verschiedener Arbeitsmarktgr\u00f6ssen zwischen Pandemie- und Vorpandemieperioden durchgef\u00fchrt. Dabei wurden Ver\u00e4nderungen in der Zusammensetzung der Stellensuchenden, bei den offenen Stellen, bei den Arbeitsbem\u00fchungen und den Angeboten und Aktivit\u00e4ten der RAV einbezogen. Wurden tats\u00e4chlich alle relevanten Faktoren ber\u00fccksichtigt, l\u00e4sst sich der verbleibende nicht erkl\u00e4rte Unterschied als Folge des erweiterten Taggeldbezugs interpretieren.<\/p>\n<p>Die Analysen zeigen, dass durch den erweiterten Taggeldbezug Aussteuerungen in erheblichem Umfang verhindert wurden. Nach der Ausweitung im M\u00e4rz 2020 fanden jedoch etwas weniger Personen eine Stelle, und die Suchdauern stiegen leicht an. F\u00fcr die Ausweitung im M\u00e4rz 2021 zeigen sich keine solchen negativen Auswirkungen. Insgesamt kann geschlussfolgert werden, dass das Ziel des erweiterten Taggeldbezugs, Aussteuerungen zu reduzieren, erreicht wurde und das Ausmass unerw\u00fcnschter Nebeneffekte allenfalls moderat und auf die erste Pandemiephase beschr\u00e4nkt war.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Reger Einsatz von Kurzarbeit<\/h2>\n<p>Nebst den zus\u00e4tzlichen Taggeldern wurden auch Kurzarbeitsentsch\u00e4digungen umfangreich eingesetzt. Auf dem H\u00f6chststand im April 2020 waren fast ein Viertel der Betriebe und fast ein Drittel der Erwerbst\u00e4tigen in der Schweiz betroffen. Mit Abstand am st\u00e4rksten wurden die Entsch\u00e4digungen in der Gastronomie und im Tourismus genutzt. Dort waren in der ersten Pandemiephase monatlich durchschnittlich 60 Prozent resp. 50 Prozent der Betriebe betroffen.<\/p>\n<p>Entlassungen direkt zu Beginn der Pandemie konnten aber nicht in allen F\u00e4llen verhindert werden. M\u00f6glicherweise, weil Kurzarbeit in den am st\u00e4rksten betroffenen Branchen in fr\u00fcheren Krisen kaum eingesetzt wurde und die Erfahrung damit fehlte. Zudem liefen im Fr\u00fchjahr 2020 vor allem in Gastronomie und Tourismus viele auf die Wintersaison befristete Arbeitsvertr\u00e4ge aus, f\u00fcr die es keine Kurzarbeitsentsch\u00e4digung gab. Hinzu kommt, dass die Zahlungen an die Betriebe zeitverz\u00f6gert erfolgten.<\/p>\n<p>Vor allem im Gast- und im verarbeitenden Gewerbe kam es nach der ersten Pandemiephase zu Entlassungen nach Ende des Bezugs von Kurzarbeitsentsch\u00e4digungen. Im Gegenzug wurden dort jedoch im Winter 2020\/21 weniger Personen entlassen als bei Betrieben ohne Bezug. F\u00fcr die zweite Pandemiephase Juli 2020 bis M\u00e4rz 2021 gibt es keine Evidenz f\u00fcr mehr Entlassungen, jedoch Anzeichen f\u00fcr eine schnellere Erholung der Betriebe mit Bezug von Kurzarbeitsentsch\u00e4digungen, die Ende 2021 mehr offene Stellen aufwiesen als Betriebe ohne Bezug. Dies vor allem im verarbeitenden Gewerbe und in der Deutschschweiz. Kurzarbeitsentsch\u00e4digungen haben somit entscheidend dazu beigetragen, einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Felder et. al (2023). Studie im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco), mandatiert von der Aufsichtskommission f\u00fcr den Ausgleichsfonds der Arbeitslosenversicherung (AK ALV).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Corona-Pandemie f\u00fchrte zur Schliessung von Gesch\u00e4ften, Betrieben sowie Kultur- und Freizeiteinrichtungen, zu einem Einbruch der Nachfrage nach G\u00fctern und Dienstleistungen, zu Unterbrechungen globaler Lieferketten sowie zu erheblichen Einschr\u00e4nkungen der nationalen und internationalen Mobilit\u00e4t. Im Auftrag des Bundes wurden die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Arbeitsmarkt und die Rolle der Arbeitslosenversicherung (ALV) untersucht (siehe Kasten). 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Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft Seco, Bern, Schweiz. <\/span><\/li>\r\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Datenbasis","kasten_box":"Die Studie verwendet aggregierte Daten des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco), Individualdaten der Arbeitsvermittlung, Individualdaten der Arbeitslosenversicherung und Betriebsdaten zu Kurzarbeitsentsch\u00e4digungen, Daten der Schweizerischen Arbeitskr\u00e4fteerhebung sowie der Besch\u00e4ftigungsstatistik. Es werden Daten bis einschliesslich 1. 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