{"id":181937,"date":"2023-12-05T07:00:31","date_gmt":"2023-12-05T06:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=181937"},"modified":"2023-12-05T10:56:01","modified_gmt":"2023-12-05T09:56:01","slug":"co2-ausstoss-banken-koennen-kreditnehmer-kaum-beeinflussen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/12\/co2-ausstoss-banken-koennen-kreditnehmer-kaum-beeinflussen\/","title":{"rendered":"CO<sub>2<\/sub>-Ausstoss: Banken k\u00f6nnen Kreditnehmer kaum beeinflussen"},"content":{"rendered":"<p>Umweltschutz und Klimawandel sind heute aus gesellschaftlichen und politischen Debatten nicht mehr wegzudenken.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Im Zuge internationaler Klimaverhandlungen werden bereits seit den 1970er-Jahren wichtige Klimaereignisse wie der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur besprochen und Abkommen verabschiedet. Vor allem seit 2010 wurde die Diskussion dynamischer. Die hohen Kohlenstoffemissionen spielten dabei eine zentrale Rolle. Ziel des Pariser Klimaabkommens von 2015 war es denn auch, diese so weit wie m\u00f6glich zu reduzieren und damit die durchschnittliche Erderw\u00e4rmung gegen\u00fcber dem vorindustriellen Zeitalter auf deutlich unter 2 Grad Celsius zu beschr\u00e4nken. Voraussetzung daf\u00fcr ist allerdings der \u00dcbergang von emissionsintensiven fossilen zu umweltfreundlichen Technologien.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Banken sitzen am Schalthebel<\/h2>\n<p>Bei diesem Strukturwandel kann der Finanzsektor eine bedeutende Rolle spielen. Denn Banken sind wichtige Kapitalgeber von privaten Unternehmen und k\u00f6nnen deren Investitionen beeinflussen. Eine von den Vereinten Nationen ins Leben gerufene Initiative im Bankensektor setzt deshalb hier an. In der \u00abNet-Zero Banking Alliance\u00bb verpflichteten sich 2021 weltweit Banken, die insgesamt rund 40 Prozent der globalen Bankenaktiva repr\u00e4sentieren, ihre Kreditvergabe bis 2050 auf netto null Emissionen auszurichten. Schon 2015 hatte die \u00abScience Based Targets Initiative\u00bb \u00e4hnliche Ziele. Doch sind solche freiwilligen Initiativen tats\u00e4chlich wirkungsvoll, und k\u00f6nnen sie zum Erreichen der Klimaziele beitragen?<\/p>\n<p>Die Wirtschaftswissenschaftler Marcin Kacperczyk und Jos\u00e9-Luis Peydr\u00f3 vom Imperial College London fragen in ihrer Studie deshalb: K\u00f6nnen Banken, die sich den Klimazielen verpflichten, tats\u00e4chlich finanzielle Mittel von emissionsstarken in emissionsarme Investitionen umlenken? K\u00f6nnen emissionsintensive Firmen offene Finanzl\u00fccken nicht einfach aus anderen Quellen kompensieren? Und sinken die CO<sub>2<\/sub>-Emissionen der Firmen unter dem Strich tats\u00e4chlich?<\/p>\n<p>F\u00fcr die Analyse nutzen die Forscher einen Datensatz von \u00fcber 2000 international t\u00e4tigen Firmen mit Sitz in den USA, der EU und dem Vereinigten K\u00f6nigreich zwischen 2013 und 2018 (siehe Kasten). Im Durchschnitt hat ein Unternehmen aus dem Datensatz Schulden im Wert von 1,3 Milliarden Dollar. 40 Prozent davon sind Bankschulden, der Rest ist vorwiegend \u00fcber den Kapitalmarkt finanziert. Gem\u00e4ss Unternehmensquellen emittierte eine Firma zwischen 2013 und 2014 durchschnittlich etwa 3,5 Millionen Tonnen Treibhausgase pro Jahr. Ihre j\u00e4hrlichen explizit ausgewiesenen Umweltinvestitionen waren mit knapp einem Prozent des Gesamtverm\u00f6gens gering.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Verpflichtete Banken reduzieren Kredite<\/h2>\n<p>Die Studie best\u00e4tigt: Banken ver\u00e4ndern ihre Kreditvergabe, nachdem sie sich 2015 den Klimazielen der \u00ab<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Science_Based_Targets_initiative\">Science Based Targets Initiative<\/a>\u00bb verpflichtet haben. Die Autoren analysieren jene Firmen genauer, welche \u00fcberdurchschnittlich viele Treibhausgase ausstossen (das heisst rund 13,8 Millionen Tonnen mehr als der Durchschnitt). Diese Betriebe erhalten nach den Klimaverpflichtungen ihrer Banken um 12,2 Prozentpunkte weniger Bankkredite als Betriebe, die bei anderen Banken Kredite aufnahmen. Gleichzeitig reduzierten sich im Schnitt die Gesamtschulden dieser Firmen nach dem ersten Quartal 2015 um zus\u00e4tzliche 6,4 Prozentpunkte gegen\u00fcber Firmen, die keine Gesch\u00e4ftsbeziehung zu einer Bank mit Verpflichtung hatten.<\/p>\n<p>Dabei ist es offenbar nicht unbedingt so, dass Banken die finanziellen Risiken von umweltverschmutzenden Unternehmen h\u00f6her einsch\u00e4tzen und deshalb weniger Kredite vergeben. Denn der Einfluss des Emissionslevel auf die Bankverschuldung bei Firmen ohne Verbindung zu Banken mit Klimaverpflichtung ist durchgehend nicht signifikant (siehe Abbildung, links). Anders bei jenen Firmen, die bereits einmal einen Kredit von einer verpflichteten Bank erhalten haben: Die Emissionen haben dort teilweise einen signifikant negativen Einfluss auf die Bankverschuldung, nachdem die Banken ab 2015 solche Selbstverpflichtungen eingegangen sind (siehe Abbildung, rechts).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Ver\u00e4nderung der Bankschulden von emissionsintensiven Firmen mit Beziehung zu Banken mit\/ohne Klimaverpflichtungen, in Prozentpunkten (2013\u20132016)<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/11\/20_D-SONVILLA-Next-Generation-Abbildung-1.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-193048\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/11\/20_D-SONVILLA-Next-Generation-Abbildung-1-1024x700.png\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"547\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/11\/20_D-SONVILLA-Next-Generation-Abbildung-1-1024x700.png 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/11\/20_D-SONVILLA-Next-Generation-Abbildung-1-300x205.png 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/11\/20_D-SONVILLA-Next-Generation-Abbildung-1-768x525.png 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/11\/20_D-SONVILLA-Next-Generation-Abbildung-1-1536x1050.png 1536w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/11\/20_D-SONVILLA-Next-Generation-Abbildung-1.png 1701w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Kacperczyk und Peydr\u00f3, 2021, S. 36 \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weiter zeigt die Studie, dass Banken unabh\u00e4ngig vom Ausfallrisiko und der Teilnahme an der \u00abScience Based Targets Initiative\u00bb Kredite an emissionsstarke Betriebe reduzierten. Denn auch wenn man die Risikobewertung der Firmen ber\u00fccksichtigt, reduzierten sich die Bankkredite von \u00fcberdurchschnittlich emissionsintensiven Firmen mit verpflichteten Banken um 5,1 Prozentpunkte st\u00e4rker als bei Firmen, deren Banken keine Klimaverpflichtung eingingen. Wenn Banken unabh\u00e4ngig von diesem wichtigen Entscheidfaktor die Kredite reduzieren, spricht das f\u00fcr die Hypothese, dass die verpflichteten Banken umweltsch\u00e4dliche Technologien und Aktivit\u00e4ten tats\u00e4chlich eind\u00e4mmen wollen und dies nicht nur deshalb tun, weil sie die finanziellen Risiken von umweltverschmutzenden Unternehmen h\u00f6her einsch\u00e4tzen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Kaum Einfluss auf CO<sub>2<\/sub>-Ausstoss<\/h2>\n<p>Bleibt noch die Frage, ob \u00fcberdurchschnittlich emissionsstarke Betriebe den Kreditr\u00fcckgang durch andere Finanzmittel kompensieren k\u00f6nnen? Die Autoren zeigen, dass sich der relative Verschuldungsgrad jener Firmen insgesamt nur unwesentlich verringerte. Jedoch gingen der absolute Schuldenstand und die Investitionen signifikant zur\u00fcck. Das bedeutet: Emissionsstarke Firmen nehmen im Schnitt keinen Wandel zu gr\u00fcnen Technologien vor, aber sie schrumpfen. Ganz im Gegenteil zu den nachhaltigsten Firmen. Diese konnten ihre Kredite im Vergleich zu den restlichen Unternehmen um 15 Prozent erh\u00f6hen und ihre Investitionen sogar um rund 18 Prozent steigern.<\/p>\n<p>Beeinflussen Banken nun also durch die Umlenkung der Kredite die CO<sub>2<\/sub>-Emissionen von emissionsintensiven Unternehmen? Die Antwort lautet: kaum. Die Daten liefern keine starken Hinweise daf\u00fcr. Die Banken stellen diesen Firmen f\u00fcr den Wandel zu gr\u00fcnen Technologien nicht die notwendigen Mittel zur Verf\u00fcgung. Die \u00fcber ihre Bank indirekt an Klimaverpflichtungen gebundenen Firmen verringern zwar im Schnitt ihre Emissionen. Die Effekte sind aber \u00f6konomisch klein.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Dieser Artikel fasst im Rahmen der Serie \u00abNext Generation\u00bb die Studie von Kacperczyk und Peydr\u00f3 (2021) zusammen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Umweltschutz und Klimawandel sind heute aus gesellschaftlichen und politischen Debatten nicht mehr wegzudenken. Im Zuge internationaler Klimaverhandlungen werden bereits seit den 1970er-Jahren wichtige Klimaereignisse wie der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur besprochen und Abkommen verabschiedet. Vor allem seit 2010 wurde die Diskussion dynamischer. Die hohen Kohlenstoffemissionen spielten dabei eine zentrale Rolle. 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Knapp ein Drittel der Firmen befindet sich in den USA, ein weiteres Viertel in der Europ\u00e4ischen Union und im Vereinigten K\u00f6nigreich. Unter den Kreditgebern sind 59 Banken, welche sich entweder bereits zu Emissionsreduzierungen verpflichtet haben oder Ziele festgelegt haben. Diese sind an circa 60 Prozent der erfassten Kredite beteiligt.\r\n\r\nDie Selbstverpflichtung der Banken fand in zwei Schritten statt. Im zweiten Quartal 2015 sowie im zweiten Quartal 2016 beschloss eine Vielzahl Firmen, sich den Klimazielen der \u00abScience Based Targets Initiative\u00bb zu verpflichten. Rund drei Viertel der untersuchten Firmen hatten eine Kreditbeziehung zu mindestens einer Bank mit Klimaverpflichtung. Diese hohe Zahl begr\u00fcndet sich vor allem dadurch, dass diese Banken sehr aktiv im Markt f\u00fcr sogenannte syndizierte Kredite sind, die jeweils von mehreren Banken gemeinsam vergeben werden. Der Anteil der verpflichteten Banken unter allen Kreditgebern eines Unternehmens ist jedoch mit 15 Prozent eher gering."},{"kasten_title":"Serie: Next Generation","kasten_box":"Dieser Artikel ist Teil der Reihe \u00abNext Generation\u00bb. Darin fassen herausragende Studierende der Universit\u00e4t St. Gallen aktuelle und bedeutende Forschungsresultate von international renommierten \u00d6konominnen und \u00d6konomen kompakt zusammen. Betreut und herausgegeben wird die Reihe von Christian Keuschnigg, Professor f\u00fcr National\u00f6konomie und \u00f6ffentliche Finanzen, und Michael Kogler, Lehrbeauftragter f\u00fcr Volkswirtschaftslehre. Weitere Artikel der Reihe finden Sie\u00a0<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/serien\/?cat1=next-generation\">hier<\/a>\u00a0sowie auf der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.unisg.ch\/de\/studium\/master\/volkswirtschaftslehre\/curriculum\/ehsgnextgeneration\">Website<\/a>\u00a0der Universit\u00e4t St. Gallen."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":"","serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[4306],"korrektor":5357,"planned_publication_date":"2023-12-05 06:00:31","original_files":null,"external_release_for_author":"20231231","external_release_for_author_time":"00:05:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/exedit\/641c6c6029175"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/181937"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10580"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=181937"}],"version-history":[{"count":37,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/181937\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":193806,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/181937\/revisions\/193806"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5357"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4306"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10580"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/193179"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=181937"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=181937"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=181937"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=181937"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=181937"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=181937"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}