{"id":181958,"date":"2023-05-02T07:04:11","date_gmt":"2023-05-02T05:04:11","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=181958"},"modified":"2023-08-24T01:39:26","modified_gmt":"2023-08-23T23:39:26","slug":"bildungsabschluss-ein-langer-weg-bis-zum-95-prozent-ziel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/05\/bildungsabschluss-ein-langer-weg-bis-zum-95-prozent-ziel\/","title":{"rendered":"Bildungs\u00adabschluss: Ein langer Weg bis zum 95-Prozent-Ziel"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr Bund und Kantone ist der Bildungsbericht ein zentrales Instrument, um die gemeinsamen bildungspolitischen Ziele zu \u00fcberpr\u00fcfen (siehe Kasten). Im M\u00e4rz ist er zum vierten Mal erschienen. Gest\u00fctzt auf den Bildungsbericht 2018, hatten Bund und Kantone 2019 ihre gemeinsamen bildungspolitischen Ziele formuliert. Eines dieser insgesamt acht Ziele soll hier n\u00e4her beleuchtet werden: Mindestens 95 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner sollen im Alter von 25 Jahren \u00fcber einen nachobligatorischen Schulabschluss verf\u00fcgen (Sekundarstufe II genannt), sei dies ein Lehrabschluss oder ein Abschluss eines Gymnasiums oder einer Fachmittelschule. Dieses Ziel war schon definiert, bevor die Schweiz 2006 mit der \u00dcberpr\u00fcfung des Bildungswesens begann.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Quote ist stagnierend \u2013 und heterogen<\/h2>\n<p>Sozialpartner, Bund und Kantone hatten sich auf diesen Wert geeinigt im Wissen um dessen Bedeutung: Ein nachobligatorischer Bildungsabschluss ist Voraussetzung, dass sich Jugendliche nachhaltig in den Arbeitsmarkt integrieren und damit ein selbst bestimmtes Leben f\u00fchren k\u00f6nnen. Die Schweiz hat zwar im internationalen Vergleich seit vielen Jahren eine respektable Erfolgsquote vorzuweisen: Rund 90 Prozent schliessen nach der obligatorischen Schulzeit eine weitere Ausbildung ab. Mit Blick auf die Bed\u00fcrfnisse des heimischen Arbeitsmarktes formulierte man aber ambitioniertere Vorgaben.<\/p>\n<p>Der Bildungsbericht 2018 legte erstmals Verlaufsdaten des Bundesamtes f\u00fcr Statistik vor: Die \u00dcberpr\u00fcfung des obgenannten Ziels best\u00e4tigte den Wert von 90 Prozent und stellte gleichzeitig fest, dass grosse Unterschiede einerseits zwischen den Kantonen und andererseits bez\u00fcglich der Herkunft der Personen bestehen. Der aktuelle Bildungsbericht 2023 hat eine Quote von nur leicht \u00fcber 90 Prozent nochmals best\u00e4tigt. Das bedeutet, dass bei der Abschlussquote auf Sekundarstufe II keine merklichen Fortschritte erzielt worden sind. Der Bericht 2023 liefert aber zus\u00e4tzlich zwei neue Befunde \u2013 und best\u00e4tigt einen \u00abalten\u00bb Befund.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Schulische Defizite hallen nach<\/h2>\n<p>Zwischen Schweizerinnen und Schweizern und jungen Menschen mit Migrationshintergrund bestehen sehr unterschiedliche Erfolgsquoten. Fr\u00fcher liess sich nur dar\u00fcber spekulieren, welche Faktoren hier eine Rolle spielen. Nun aber liegen dank der Kohorte, die 2012 den Pisa-Test absolvierte, Daten vor. Der Test lieferte Angaben zu den schulischen Kompetenzen am Ende der obligatorischen Schulzeit. Es zeigt sich, dass rund die H\u00e4lfte der Unterschiede beim sp\u00e4teren Erfolg auf Sekundarstufe II auf diese unterschiedlichen Kompetenzen zur\u00fcckzuf\u00fchren ist (siehe Abbildung).<\/p>\n<p>Daraus l\u00e4sst sich schliessen: Personen mit Migrationshintergrund aus der ersten wie auch der zweiten Generation hatten sp\u00e4ter dann Erfolgsquoten von leicht oder deutlich \u00fcber 90 Prozent, wenn sie am Ende der obligatorischen Schulzeit \u00fcber durchschnittliche Kompetenzen verf\u00fcgt hatten. Kompetenzdefizite verhinderten aber bei zahlreichen Migrantinnen und Migranten bessere Ergebnisse. Diese Erkenntnis veranschaulicht nicht nur die Bedeutung der obligatorischen Schule f\u00fcr den weiteren Bildungserfolg. Sie zeigt auch, dass die Sekundarstufe II zwar viele, aber nicht alle schulischen Defizite am Ende der obligatorischen Schulzeit kompensieren kann.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Wahrscheinlichkeitsquote eines Sek-II-Abschlusses im Alter von 22\/23 Jahren<\/h2>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"5T-2023_Wolter_DE\"><\/div>\n<script>\n\n\n\n$(function () {\n    $('#5T-2023_Wolter_DE').highcharts({     \n\nchart: {\n        type: 'line'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    subtitle: {\n        text: ''\n    },\n     legend: {\n          itemWidth: 230\n    },\n    \n     plotOptions: {\n        line: {\n            marker: {\n                enabled: false\n               \n            }\n        }\n    },\n     tooltip: {\n           \n                       valueSuffix: '',\n\n\n        },\n   \n    xAxis: {\n    \n    title: {\n                text: 'Pisa-Punkte in Mathematik'\n            },\n        categories: [\n        \n       '250','300','350','400','450','500','550','600','650','700','750'\t\n\n\n],\n\n\n    },\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: 'Erfolgswahrscheinlichkeit Sek II'\n        },\n        labels: {\n                format: '{value}%'\n            },\n            \n                   \n    },\n     tooltip: {\n     headerFormat: '<b>{point.x} Pisa-Punkte in Mathematik<\/b><br>',\n     valueSuffix: '% Erfolgswahrscheinlichkeit'\n   \n   \n        },\n    \n    series: [\n     {\n        name: ' Zwischenjahr',\n        data: [\n      55.17,65.15,73.82,80.94,86.49,90.64,93.63,95.72,97.15,98.1,null\n\n], \ncolor:\"#666666\"\n       \n           },  {\n        name: ' Berufsbildung',\n        data: [\n      76.31,81.4,86.07,90.13,93.43,95.93,97.68,98.79,99.43,99.76,99.91\n\n], \n color:\"#327775\"\n       \n           },  {\n        name: '  Allgemeinbildung',\n        data: [\n      null,65.38,77.15,85.56,91.09,94.53,96.6,97.82,98.53,98.95,99.2\n\n], \ncolor:\"#655c99\"\n       \n           },  {\n        name: '   weiss nicht',\n        data: [\n      29.42,48.29,65.07,77.3,85.14,89.76,92.29,93.5,93.75,93.15,null\n\n], \n color:\"#cccccc\"\n       \n           }\n           \n          \n           \n           \n           \n           ]\n});\n\n});\n\n<\/script>\n<h6 class=\"content-copy\">Lesebeispiel: Unter Personen, die ungef\u00e4hr 300 Pisa-Punkte in Mathematik erreichten und zum Zeitpunkt der Pisa-Befragung planten, eine Berufslehre zu machen, haben 81 Prozent im Alter von 22 bis 23 Jahren einen Abschluss auf der Sekundarstufe II. Unter Personen mit denselben Mathematikkompetenzen, die aber nicht wussten, was sie nach der obligatorischen Schule tun sollen, liegt die Abschlusswahrscheinlichkeit lediglich bei 48 Prozent.<\/h6>\n<h6 class=\"content-copy\">Quelle: <a href=\"https:\/\/www.skbf-csre.ch\/bildungsbericht\/bildungsbericht\/\">Bildungsbericht 2023<\/a> \/ Die Volkswirtschaft<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Allgemeinbildung versus Berufsbildung<\/h2>\n<p>Der aktuelle Bildungsbericht liefert einen weiteren Befund im Bereich des nachobligatorischen Schulabschlusses: Kantone haben im Total aller Jugendlichen eine deutlich h\u00f6here Erfolgsquote, wenn sich eher mehr Jugendliche f\u00fcr eine berufliche Grundbildung entscheiden. Umgekehrt weisen Kantone mit hohem Anteil an Jugendlichen, die eine allgemeinbildende Ausbildung w\u00e4hlen, eine niedrigere Quote aus. Da allgemeinbildende Ausbildungen fast immer mit der Maturit\u00e4t enden, offenbart sich hier ein unerw\u00fcnschter \u00abTrade-off\u00bb: Tiefe Maturit\u00e4tsquoten gehen mit hohen Erfolgsquoten einher \u2013 und umgekehrt. Offensichtlich ist es noch keinem Kanton gelungen, ein Rezept daf\u00fcr zu finden, beide Werte gleichzeitig zu maximieren. Dies w\u00e4re aber w\u00fcnschenswert, denn der j\u00fcngste Bildungsbericht zeigt auf, dass der Arbeitsmarkt zunehmend auch terti\u00e4re Bildungsabschl\u00fcsse verlangt. Somit sollte nicht nur eine h\u00f6here Quote der nachobligatorischen Bildungsabschl\u00fcsse angestrebt werden, sondern auch, dass m\u00f6glichst viele Jugendliche den Abschluss mit einer Maturit\u00e4t machen \u2013 sei es gymnasial oder eine Berufs- oder Fachmaturit\u00e4t. Denn diese garantiert ihnen den Zugang zur Hochschullandschaft.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Auch Pers\u00f6nlichkeitseigenschaften sind wichtig<\/h2>\n<p>Es mehren sich Forschungsergebnisse, die belegen, dass neben den klassischen Schulkompetenzen (verk\u00fcrzt: kognitive Kompetenzen) zunehmend auch Pers\u00f6nlichkeitseigenschaften (nicht kognitive Kompetenzen) \u00fcber Bildungs- und Arbeitsmarkterfolg entscheiden. Der Bildungsbericht 2023 erg\u00e4nzt diese Erkenntnis mit einem neuen Befund in Bezug auf das 95-Prozent-Ziel. Die Personen der oben erw\u00e4hnten Pisa-2012-Kohorte, deren Werdegang bis ins Alter von 23 Jahren verfolgt werden konnte, wurden beim Test \u2013 also wenige Monate vor Ende der obligatorischen Schulzeit \u2013 auch nach ihren Pl\u00e4nen f\u00fcr die Zeit danach befragt.<\/p>\n<p>Die Schlussfolgerung aus der Kombination der Daten zu diesen Pl\u00e4nen und den Pisa-Testergebnissen: Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die im Alter von 15 Jahren schulische Kompetenzen \u00fcber dem OECD-Durchschnitt (500 Punkte) erzielten, verf\u00fcgten unabh\u00e4ngig von ihren Pl\u00e4nen acht Jahre sp\u00e4ter grossmehrheitlich \u00fcber einen Sekundarstufe-II-Abschluss (siehe Abbildung). Sie hatten das 95-Prozent-Ziel erreicht oder gar \u00fcbertroffen. Diese Erfolgsquote sank aber deutlich und schnell, wenn die schulischen Leistungen tiefer lagen \u2013 und dies besonders deutlich bei jenen, die die obligatorische Schule ohne konkrete Pl\u00e4ne f\u00fcr ihre weitere Bildungslaufbahn verlassen hatten. Jugendliche mit ebenfalls schlechten schulischen Leistungen, aber mit konkreten Bildungspl\u00e4nen waren hingegen, gemessen an ihren Kompetenzen, erfolgreicher unterwegs.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Vom Ziel- zum Massnahmenmonitoring<\/h2>\n<p>Es ist davon auszugehen, dass Bund und Kantone weiter an dem vor rund zwanzig Jahren formulierten 95-Prozent-Ziel festhalten werden. Um dieses zu erreichen, braucht es mehr als nur ein Monitoring der Abschlussquoten. Gefragt ist auch eine \u00dcberpr\u00fcfung der Massnahmen, die uns dem Ziel n\u00e4her bringen sollen. Die Analysen im aktuellen Bildungsbericht verweisen auf erfolgversprechende Wege: Es gilt, die Zahl der Jugendlichen zu erh\u00f6hen, welche die Grundkompetenzen in der obligatorischen Schule erreichen, und gleichzeitig eine Pers\u00f6nlichkeitsbildung anzustreben, welche die jungen Menschen bef\u00e4higt, den nachobligatorischen Bildungsweg zu meistern.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Bund und Kantone ist der Bildungsbericht ein zentrales Instrument, um die gemeinsamen bildungspolitischen Ziele zu \u00fcberpr\u00fcfen (siehe Kasten). Im M\u00e4rz ist er zum vierten Mal erschienen. Gest\u00fctzt auf den Bildungsbericht 2018, hatten Bund und Kantone 2019 ihre gemeinsamen bildungspolitischen Ziele formuliert. 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