{"id":182834,"date":"2023-05-15T07:07:20","date_gmt":"2023-05-15T05:07:20","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=182834"},"modified":"2023-08-24T01:39:17","modified_gmt":"2023-08-23T23:39:17","slug":"kaum-mehr-bargeld-in-schweden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/05\/kaum-mehr-bargeld-in-schweden\/","title":{"rendered":"Kaum mehr Bargeld in Schweden"},"content":{"rendered":"<p>In einer Umfrage der Schwedischen Nationalbank zum Zahlungsverhalten im Jahr 2022 gaben nur 8 Prozent der Schweden an, dass sie ihren letzten Einkauf im Gesch\u00e4ft bar bezahlt haben. Im Jahr 2010 waren es noch fast 40 Prozent. Zudem belief sich die Bargeldmenge in Schweden Ende 2022 auf etwa 1 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Zum Vergleich: Die Bargeldmenge in der Eurozone betrug im gleichen Jahr mehr als 12 Prozent und in der Schweiz 11 Prozent des BIP.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Im Gegensatz zu den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern nahm die Bargeldmenge in Schweden seit 2008 ab. Das deutet darauf hin, dass Bargeld in Schweden nicht nur als Zahlungsmittel, sondern auch als Sparinstrument an Bedeutung verloren hat.<\/p>\n<p>F\u00fcr die meisten von uns Schweden hat diese Entwicklung Vorteile: Wir k\u00f6nnen Geld nahezu in Echtzeit zwischen Konten bei verschiedenen Banken transferieren und mittels Zahlungskarten auf unseren Mobiltelefonen beim Strassenh\u00e4ndler Obst kaufen. Eine aktuelle Studie der Schwedischen Nationalbank zeigt denn auch: Die gesellschaftlichen Kosten sind in Schweden bei digitalen Zahlungen niedriger als bei Barzahlungen.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Doch wie ist es so weit gekommen?<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Warum die Schweden kaum Bargeld benutzen<\/h2>\n<p>Vor allem Private haben die Digitalisierung des schwedischen Zahlungsverkehrs vorangetrieben. Auf Verbraucher, die ein zunehmend digitales Leben f\u00fchren, treffen Anbieter, die sichere und einfach zu bedienende digitale Zahlungsm\u00f6glichkeiten entwickeln.<\/p>\n<p>Debit- und Kreditkarten gibt es nat\u00fcrlich schon seit Jahren, aber Innovationen auf der Empf\u00e4ngerseite wie mobile Kartenleseger\u00e4te haben die Akzeptanz deutlich erh\u00f6ht. Dar\u00fcber hinaus haben schwedische Banken gemeinsam eine Zahlungsapp f\u00fcr Smartphones namens Swish entwickelt und im Jahr 2012 eingef\u00fchrt. Swish ist das schwedische Pendant zur Schweizer Zahlungsapp Twint, die 2017 lanciert wurde. Beide Apps erm\u00f6glichen digitale Sofortzahlungen zwischen Konten bei verschiedenen Banken und sind insbesondere f\u00fcr Zahlungen zwischen Privatpersonen beliebt. Von den 15- bis 65-j\u00e4hrigen Schweden haben 95 Prozent die Swish-App auf ihrem Mobiltelefon.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Die Nutzung von Swish hat fast im gleichen Masse zugenommen, wie die Bargeldnutzung zur\u00fcckgegangen ist (siehe Abbildung).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Nutzung verschiedener Zahlungsmittel in Schweden (2016\u20132022)<\/h2>\n<div class='chart chart--normal' id='Arnoldsson-Brimberg_5G-2023_DE'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Arnoldsson-Brimberg_5G-2023_DE').highcharts({\nchart: {\n        type: 'column'\n    },\n\n    title: {\n        text: ''\n    },\n\n    xAxis: {\n        categories: ['Bargeld', 'Bankkarte', 'Zahlungsapp Swish']\n    },\n\n    yAxis: {\n        allowDecimals: false,\n        min: 0,\n        title: {\n            text: 'Anteil Anleger in Prozent'\n        }\n    },\n\n    tooltip: {\n        headerFormat: '{point.key}: ' ,\n        pointFormat: '{point.y}%',\n    },\n    yAxis: {\nmin: 0,\n        title: {\n            text: ''\n        },\n        labels: {\n                format: '{value}%'\n            },\n            \n                 \n    },\n\n    plotOptions: {\n        column: {\n        \n        }\n    },\n\n    series: [{\n        name: '2016',\n        data: [79,\t93,\t52],\n        \n        color:\"#9bbcbc\"\n    }, \n    {\n        name: '2018',\n        data: [61,\t93,\t62],\n       \n        color:\"#7ea8a7\"\n    }, \n    {\n        name: '2020',\n        data: [50,\t92,\t75],\n       \n        color:\"#649795\"\n    }, \n    {\n        name: '2022',\n        data: [34,\t90,\t82],\n       \n        color:\"#327775\"\n    }]\n});\n\n    });\n\n\n<\/script>\n<h6 class=\"content-copy\">Anmerkung: Anteil Personen, die in den letzten 30 Tagen mit Bargeld, Karte oder Swish bezahlt haben.<\/h6>\n<h6 class=\"content-copy\">Quelle: Schwedische Nationalbank \/ Die Volkswirtschaft<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Laut einer Studie der Schwedischen Nationalbank von 2020 hat das Zusammenspiel von Ereignissen und politischen Massnahmen den R\u00fcckgang des Bargelds in Schweden beschleunigt.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a>Dazu geh\u00f6ren insbesondere die Einf\u00fchrung von Swish, aber auch Initiativen des Gesetzgebers und der Beh\u00f6rden, beispielsweise die Bek\u00e4mpfung von Steuerhinterziehung durch anonyme Barzahlungen.<\/p>\n<p>Ausserdem f\u00fchrte die Schwedische Nationalbank zwischen 2015 und 2017 relativ rasch eine neue M\u00fcnzen- und Banknotenserie ein. Das k\u00f6nnte f\u00fcr einige, die Ersparnisse in Bargeld hatten, mit Kosten verbunden gewesen sein. Dies hat sich offenbar negativ auf die Bereitschaft der \u00d6ffentlichkeit, Bargeld zu halten, ausgewirkt und die Anpassung an elektronische Zahlungsmittel weiter vorangetrieben.<\/p>\n<p>Eine weitere m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr die r\u00fcckl\u00e4ufige Bargeldnachfrage ist, dass es immer schwieriger wird, mit Bargeld zu bezahlen, wenn die Verwendung von M\u00fcnzen und Noten unter ein bestimmtes Niveau f\u00e4llt. Dann wird Bargeld auch weniger attraktiv, um f\u00fcr unerwartete Ereignisse zu sparen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Bargeld im Krisenfall<\/h2>\n<p>Wenn der Zahlungsverkehrsmarkt zunehmend digital wird, m\u00fcssen einige Fragen gekl\u00e4rt werden. Beispielsweise: Was passiert im Krisenfall?<\/p>\n<p>Hier hat Bargeld eine \u00dcberbr\u00fcckungsfunktion. Denn man kann damit bezahlen, wenn digitale Zahlungssysteme nicht zur Verf\u00fcgung stehen, etwa wegen eines Stromausfalls. Deshalb empfiehlt die schwedische Katastrophenschutzbeh\u00f6rde der Bev\u00f6lkerung weiterhin, etwas Bargeld zu Hause zu halten.<\/p>\n<p>Allerdings: Auch wenn Bargeld wichtig ist, es kann nicht die einzige L\u00f6sung f\u00fcr Zahlungen in Krisenzeiten sein. Wenn man sich nur auf eine Zahlungsmethode verl\u00e4sst, wird das System anf\u00e4llig. Es ist wichtig, dass Einzelpersonen Zugang zu mehreren Zahlungsinstrumenten haben und dass digitale Zahlungsmittel auch in einer Krise funktionieren.<\/p>\n<p>Zudem darf nicht \u00fcbersehen werden, dass Zahlungsempf\u00e4nger bei einem Stromunterbruch eventuell gar keine Zahlungen annehmen k\u00f6nnen \u2013 auch nicht in bar. Denn ohne Strom funktionieren die Kassensysteme nicht.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Soziale Integration in Gefahr<\/h2>\n<p>Ein Teil der schwedischen Bev\u00f6lkerung kann gar keine digitalen Zahlungen machen. Gem\u00e4ss Sch\u00e4tzungen machen diese \u00abdigitalen Aussenseiter\u00bb etwa 5 Prozent der erwachsenen Bev\u00f6lkerung aus.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> Gr\u00fcnde daf\u00fcr k\u00f6nnen mangelnde kognitive oder physische F\u00e4higkeiten sein oder dass ihnen die Er\u00f6ffnung eines Bankkontos verweigert wird \u2013 oft weil sie nicht in der Lage sind, sich ordnungsgem\u00e4ss auszuweisen.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren haben alle grossen Banken in Schweden die Bargeldabwicklung am Schalter eingestellt. Auch die meisten anderen Anbieter von Bargelddienstleistungen, beispielsweise zum Bezahlen von Rechnungen, haben ihre T\u00e4tigkeit eingestellt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Der Gesetzgeber reagiert<\/h2>\n<p>2021 trat ein neues Gesetz in Kraft, das bestimmte Grossbanken dazu verpflichtet, Bargeldabhebungen anzubieten und Einzahlungen von Organisationen und Unternehmen entgegenzunehmen. Die Banken erf\u00fcllen diese Verpflichtung haupts\u00e4chlich durch automatisierte Dienstleistungen, etwa an Geldautomaten. Und seit Januar 2023 verpflichtet ein Gesetz die Schwedische Nationalbank zu mehr Verantwortung bei der Sicherstellung der Bargeldversorgung im Grosshandel und bei der \u00dcberwachung der Bargeldversorgungskette.<\/p>\n<p>Angesichts des rapiden R\u00fcckgangs der Bargeldnutzung hat die Schwedische Nationalbank eine Untersuchung \u00fcber die Rolle des Staates auf dem Zahlungsmarkt gefordert.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Der eben erschienene Abschlussbericht<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a> empfiehlt beispielsweise, Apotheken zur Annahme von Bargeld f\u00fcr verschriebene Medikamente zu verpflichten und dass die schwedische Steuerbeh\u00f6rde Bargeld f\u00fcr Steuerzahlungen bis zu einem bestimmten Betrag akzeptieren muss. Dennoch: St\u00e4rker als den Schutz des Bargeldes betont die Untersuchung, wie wichtig die digitale Inklusion ist.<\/p>\n<p>Bislang ist Bargeld in Schweden also immer noch Teil der L\u00f6sung. Und die j\u00fcngsten gesetzlichen Massnahmen deuten darauf hin, dass dies noch eine Weile so bleiben wird. Um sich auf eine zunehmend digitale Zukunft vorzubereiten, pr\u00fcfen jedoch viele Zentralbanken, darunter auch die schwedische, die Ausgabe von digitalem Zentralbankgeld.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Quelle: Macrobond. F\u00fcr mehr Details siehe auch den <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/?p=181545&v\">Artikel<\/a> von Schmidbauer, Himmel und Baur in diesem Schwerpunkt.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Schwedische Nationalbank (2023). Cost of Payments in Sweden. Riksbank Studies Nr. 1\/2023.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Swish (2022). <a href=\"https:\/\/www.swish.nu\/newsroom\/news\/historical-milestone-for-swish-now-more-than-8-million-users?lang=en\">Historical Milestone for Swish \u2013 Now More Than 8 Million Users<\/a>. 17. Juni 2022.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Armelius, H., C.A. Claussen und A. Reslow (2020). Withering Cash: Is Sweden Ahead of the Curve or Just Special?, Working Paper Series 393, Sveriges Riksbank.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">The Swedish Internet Foundation (2022). Swedes and the Internet 2022.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Petition an den Schwedischen Reichstag 2018\/19:RB3. The State\u2019s Role on the Payment Market.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">SOU 2023:16. Staten och betalningarna [The State and the Payments].&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer Umfrage der Schwedischen Nationalbank zum Zahlungsverhalten im Jahr 2022 gaben nur 8 Prozent der Schweden an, dass sie ihren letzten Einkauf im Gesch\u00e4ft bar bezahlt haben. Im Jahr 2010 waren es noch fast 40 Prozent. 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