{"id":183450,"date":"2023-06-20T07:00:19","date_gmt":"2023-06-20T05:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=183450"},"modified":"2023-08-24T01:39:48","modified_gmt":"2023-08-23T23:39:48","slug":"enttaeuschende-nachfrage-nach-energiespar-innovationen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/06\/enttaeuschende-nachfrage-nach-energiespar-innovationen\/","title":{"rendered":"Entt\u00e4uschende Nachfrage nach Energiespar-Innovationen"},"content":{"rendered":"<p>Die produzierende Industrie in Europa hat es in diesen Tagen nicht leicht: Noch immer sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Lieferketten sp\u00fcrbar. Und auch die Inflation bei den Inputkosten ist allgegenw\u00e4rtig. Ein wesentlicher Grund f\u00fcr die Teuerung sind die steigenden Energiepreise. Deshalb versuchen Unternehmen mit Nachdruck, ihren Energieverbrauch zu senken.<\/p>\n<p>Die aktuell herausfordernde Situation k\u00f6nnte aber auch eine Chance sein \u2013 insbesondere f\u00fcr Hersteller von Maschinen und Maschinenanlagen, die mittels innovativer technischer L\u00f6sungen ihren Kunden erm\u00f6glichen, nachhaltig den Energieverbrauch zu senken. Doch die erhofften Ums\u00e4tze bleiben oft hinter den Erwartungen der Maschinen- und Anlagenbauer zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Wieso das so ist, hat das Institut f\u00fcr Technologiemanagement der Universit\u00e4t St. Gallen im Rahmen eines Forschungsprojekts untersucht. Daf\u00fcr wurden im September 2022 Gespr\u00e4che<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> mit Entscheidungstr\u00e4gern von Maschinen- und Anlagenbauern aus Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz sowie deren Kunden gef\u00fchrt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Innovationsdruck so hoch wie nie<\/h2>\n<p>Der gesellschaftliche und politische Druck zu mehr Nachhaltigkeit war f\u00fcr die europ\u00e4ische Industrie wohl nie h\u00f6her als heute. Der Ausstieg aus fossilen Energietr\u00e4gern und der Ausstieg Deutschlands aus der Atomkraft, der nur schleppende Ausbau der Windkraft und die nur langsamen Fortschritte bei Energiespeichertechnologien: Alle diese Gr\u00fcnde schaffen ein Umfeld, in dem die Strompreise in Europa auf dem ohnehin schon hohen Niveau noch weiter steigen werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr Industrieunternehmen bedeutet das auch langfristig hohe Kosten und weiter erodierende Margen. Die Folge: In einem immer kompetitiveren globalen Markt nimmt die Wettbewerbsf\u00e4higkeit europ\u00e4ischer Produktionsstandorte ohne Gegenmassnahmen ab &#8211; vor allem in energieintensiven Branchen. Produzenten versuchen daher ihre Stromkosten zu senken und suchen M\u00f6glichkeiten, die \u00fcber die Reduktion der Raumtemperatur in Fabrikhallen und Verwaltungsgeb\u00e4uden hinausgehen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Hohe Strompreise als Gesch\u00e4ftschance<\/h2>\n<p>Bei der Steigerung der Energieeffizienz ist externe Expertise gefragt. In der Industrie steckt sehr viel Sparpotenzial im Produktionsprozess selbst. Investitionen in Hardware-Upgrades oder -Modernisierungen sind eine M\u00f6glichkeit. In den letzten Jahren wurde hier aber bereits viel investiert. Immer h\u00e4ufiger wird auch versucht, Firmenkunden mit Abomodellen zu locken. Neu ist dabei der Ansatz, den Kunden auch Hardware in Leasing- oder Langzeitmietmodellen zu \u00fcberlassen, anstatt sie ihnen zu verkaufen. Man spricht dabei von \u00abEquipment-as-a-Service\u00bb, da diese Gesch\u00e4ftsmodelle oft weitere umfangreiche Dienstleistungen umfassen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel ist etwa Siemens Smart Infrastructure mit Sitz in Zug. Das Unternehmen ist auf Geb\u00e4udel\u00f6sungen spezialisiert und bietet seinen Kunden ein sogenanntes Performance Contracting an. Die Siemens-Spezialisten betrachten dabei die Energie- und Infrastrukturanforderungen ihrer Kunden ganzheitlich und stellen einen Plan auf, wie diese Herausforderungen adressiert werden k\u00f6nnen. Siemens verlangt daf\u00fcr eine Geb\u00fchr, die von den Stromeinsparungen abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Doch auch ohne Anpassungen an der Hardware l\u00e4sst sich viel Energie einsparen. In der Schweiz bieten verschiedene Industriegr\u00f6ssen wie ABB, Endress und Hauser, Georg Fischer, Siemens oder Sulzer Software-L\u00f6sungen an. Sie sollen den produzierenden Kunden etwa dabei helfen, ihren Strom- und Wasserverbrauch zu planen und zu optimieren. Energieeinsparungen werden dabei sowohl unmittelbar wie auch mittelbar erzielt. Solche Software-basierten Anwendungen zahlen sich f\u00fcr produzierende Kunden im aktuellen Energiepreisumfeld oft bereits in wenigen Monaten aus. F\u00fcr die Anbieter erschliessen sich so wiederkehrende Umsatzquellen und Daten, um Kunden noch gezielter zu unterst\u00fctzen und weitere Effizienzpotenziale auszumachen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Investition zahlt sich zu langsam aus<\/h2>\n<p>Unsere Befragung hat ergeben: Maschinen- und Anlagenbauer in der Schweiz, Deutschland und \u00d6sterreich sind gem\u00e4ss Selbsteinsch\u00e4tzung gut aufgestellt, um ihren produzierenden Kunden mehr Nachhaltigkeit zu erm\u00f6glichen (siehe Abbildung 1). Viele Unternehmen unterstreichen dabei, dass die aktuelle Kundennachfrage nach Energieeinsparungsl\u00f6sungen oft durch die Konsumenten getrieben sei.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Selbsteinsch\u00e4tzung zur Energieeffizienz von Maschinen- und Anlagenbauern aus Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz (2022)<\/h2>\n<h6 class=\"content-copy\"><strong>INTERAKTIVE GRAFIK<\/strong><\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"R\u00f6sler-Friedli_6G-2023_Abb1_DE\"><\/div>\n<script>\n\n\n\n$(function () {\n    $('#R\u00f6sler-Friedli_6G-2023_Abb1_DE').highcharts({     \n\nchart: {\n        type: 'bar'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n        categories: ['Wir haben eine klare Strategie und Roadmap, wie wir vom Thema Energieeffizienz profitieren k\u00f6nnen.'\t,\n'Mit unserem aktuellen Portfolio sind wir gut aufgestellt, um vom Thema Energieeffizienz zu profitieren.', \n'Unsere Kunden fordern L\u00f6sungen, die energieeffizient gestaltet sind.'\t,\n'Unsere Kunden sind bereit, f\u00fcr energieeffiziente Produkte, Dienstleistungen und Software einen Aufpreis zu zahlen.'\t,\n'Wir arbeiten effektiv mit externen Partnern zusammen, um das Thema Energieeffizienz voranzubringen.'\t,\n'Die zunehmende Aufmerksamkeit, die der Energieeffizienz gewidmet wird, bietet uns die Chance, neue Gesch\u00e4ftsm\u00f6glichkeiten zu erschliessen.'\t,\n'Wir engagieren uns in Initiativen, um unsere Branche zu ver\u00e4ndern und\/oder die polit. Entscheidfindung im Bereich Energieeffizienz zu beeinflussen.'\t\n\n\n\n], \nlabels: {\n          step: 1,\n          rotation: 0,\n          style: {\n            fontSize: '11px',\n            fontFamily: 'helvetica'\n          }\n          }\n    },\n    yAxis: {\n        min: 0,\nmax: 100,\n        title: {\n            text: ''\n        }, labels: {\n            format: '{value}%'\n\n},\n        stackLabels: {enabled: false } ,\n    },\n    legend: {\n        reversed: true\n    },\n    plotOptions: {\n        series: {\n            stacking: 'percent',\n            dataLabels: {\n                enabled: true\n            }\n        } \n\n    },\n    \n         tooltip: {\n          valueSuffix: '%'\n   \n   \n        },\n    series: [ {\n        name: 'stimme voll und ganz zu',\n        data: [5,3,8,3,6,13,6\n\n], color:'#327775',\n     },          {\n        name: 'stimme zu',\n        data: [7,15,7,3,8,10,11\n\n], color:'#7ea8a7'\n     }, {\n        name: 'stimme weder zu, noch lehne ich ab',\n        data: [4,2,6,9,6,null,2\n], color:'#cccccc'\n         },  {\n        name: 'stimme nicht zu',\n        data: [7,2,1,6,2,null,2\n\n], color:'#9c92bf'\n    } \n     ]\n});\n\n\n\n});\n\n<\/script>\n<h6 class=\"content-copy\">Anmerkung: Es wurden 23 Unternehmen befragt. Die Antwortoption \u00abKeine Angabe\u00bb ist in der Grafik nicht dargestellt.<\/h6>\n<h6 class=\"content-copy\">Quelle: Item-HSG \/ Die Volkswirtschaft<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Interesse der produzierenden Kunden an Produkten und Dienstleistungen f\u00fcr mehr Energieeffizienz ist also hoch. Wieso verbuchen Maschinen- und Anlagenbauer dennoch nicht mehr Gesch\u00e4ftsabschl\u00fcsse?<\/p>\n<p>Hauptargument f\u00fcr das mangelnde Interesse der produzierenden Kunden ist aus Sicht der befragten Unternehmen die fehlende Wirtschaftlichkeit der Investition \u2013 der sogenannte Return on Investment (siehe Abbildung 2). Die reine Umetikettierung in \u00abgr\u00fcne\u00bb und \u00abenergiesparsame\u00bb Produkte hilft deshalb nur bedingt. Das ist auf den ersten Blick \u00fcberraschend. Doch tats\u00e4chlich exportieren die Maschinen- und Anlagenbauer aus Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz auch in ausl\u00e4ndische M\u00e4rkte, wo die Kunden nicht mit so hohen Strompreisen konfrontiert sind.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Unsicherheit hemmt Kunden<\/h2>\n<p>Letztlich ist der Einsatz von Software- und Modernisierungsl\u00f6sungen jedoch begrenzt. Gr\u00f6ssere Einsparungen sind dann nur noch m\u00f6glich, wenn Firmen grosse Investitionen t\u00e4tigen und ihre gesamten Prozesse auf neue Technologien umstellen. Das erfordert jedoch die Bereitschaft der produzierenden Unternehmen, bestehende Produktionsprozesse zu unterbrechen. Dabei ist oft unklar, ob sich diese Investitionen in drei bis f\u00fcnf Jahren auszahlen \u2013 meist ist der Planungshorizont der Unternehmen im turbulenten Wettbewerbsumfeld nicht l\u00e4nger.<\/p>\n<p>Hinzu kommen signifikante Risiken, \u00fcber die gerne hinweggesehen wird, die aber f\u00fcr die Kunden existenziell sind. So k\u00f6nnen angepasste Produktionsprozesse beispielsweise die Qualit\u00e4t der gefertigten Produkte ver\u00e4ndern. Unsicher ist zudem, ob standardisierte Prozesse in stark regulierten Branchen, wie etwa der Pharmaindustrie, ohne Weiteres abge\u00e4ndert werden d\u00fcrfen. Ver\u00e4nderungen am Status quo erfordern zudem in vielen F\u00e4llen Experten aufseiten der Kunden. Mit dem aktuellen Fachkr\u00e4ftemangel sind diese aber oft in anderen Bereichen des Unternehmens unentbehrlich.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Herausforderungen aus Sicht von Maschinen- und Anlagenbauern in Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz (2022)<\/h2>\n<h6 class=\"content-copy\"><strong>INTERAKTIVE GRAFIK<\/strong><\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"R\u00f6sler-Friedli_6G-2023_Abb2_DE\"><\/div>\n<script>\n\n\n$(function () {\n    $('#R\u00f6sler-Friedli_6G-2023_Abb2_DE').highcharts({     \n\n chart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    \n    xAxis: {\n        categories: ['Fehlender Bedarf des Endkunden', 'Implementierung ist zu riskant', 'Implementierung ist zu komplex', 'Fehlender Return on Investment', 'Verfolgung anderer Priorit\u00e4ten', 'Unklare Resultate'     \t\t\t\t\t\t\t\n\n        ],\n        crosshair: true\n    },\n    yAxis: {\n        \n        title: {\n            text: ''        },\n            labels: {\n            format: '{value}%'\n            \n            },\n    },\n    tooltip: {\n     headerFormat: '{point.x}',\n     valueSuffix: '%'\n   \n   \n        },\nlegend: {\nenabled: false\n},\n   \n    \n    plotOptions: {\n        column: {\n            pointPadding: 0.2,\n            borderWidth: 0\n        }, \nseries: {\n            dataLabels: {\n                enabled: true\n            }\n        }\n    },\n    series: [{\n        name: '',\n        data: [38\t,\n13\t,\n29\t,\n75\t,\n46\t,\n42\t\n]\n\n    }]\n});\n\n\n\n});\n\n<\/script>\n<h6 class=\"content-copy\">Anmerkung: Es wurden 24 Unternehmen befragt. Mehrfachantworten m\u00f6glich.<\/h6>\n<h6 class=\"content-copy\">Quelle: Item-HSG\u00a0 \/ Die Volkswirtschaft<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das kommunikativ beteuerte Interesse an Nachhaltigkeit entspricht nicht immer der tats\u00e4chlichen Bereitschaft, nachhaltiger zu produzieren. Auch das m\u00fcssen Maschinen- und Anlagenbauer lernen. Die aktuellen Erfahrungen zeigen, dass gerade f\u00fcr Hersteller von Zwischenprodukten ohne Druck der Konsumenten andere Themen wichtiger sind. Kommen dann noch eine gewisse Skepsis, ein unklarer Marktausblick oder gar mangelndes Vertrauen der Kunden gegen\u00fcber energieeffizienten L\u00f6sungen hinzu, schiebt man solche Themen gerne auf die lange Bank.<\/p>\n<p>Auch mangelndes Verst\u00e4ndnis der Kunden f\u00fcr die verschiedenen, komplexen L\u00f6sungen kann eine Rolle spielen. Gerade bei digitalen L\u00f6sungen k\u00f6nnen zudem noch handfeste Bedenken bez\u00fcglich Datensicherheit, IT-Infrastruktur und die Integration in bestehende Systemlandschaften hinzukommen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Ein langer Atem lohnt sich<\/h2>\n<p>Auch wenn es den Maschinen- und Anlagenbauer derzeit nur schleppend gelingt, die Herausforderungen der produzierenden Kunden in signifikante Gesch\u00e4ftschancen umzum\u00fcnzen: Mit mehr Referenzbeispielen und weiter steigenden Strompreisen stehen die Chancen gut, dass die Nachfrage nach stromsparenden L\u00f6sungen in den kommenden Jahren noch einmal stark steigen wird.<\/p>\n<p>Maschinen- und Anlagenbauer, die in der Lage sind, Mehrwert auf Kundenseite zu realisieren und Kundenbedenken zu adressieren, haben exzellente Chancen, vom Trend zu profitieren. Auf stromsparende L\u00f6sungen als Anbieter zu setzen, ist daher keinesfalls falsch. Es erfordert aber einen langen Atem. Langfristig gesehen, sind energiesparsame L\u00f6sungen nicht nur gut f\u00fcr das Klima, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht bei intensiver globaler Konkurrenz alternativlos.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Grundlage f\u00fcr diesen Artikel sind Gespr\u00e4che mit Verantwortlichen von 45 Maschinen- und Anlagenbauern aus Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die produzierende Industrie in Europa hat es in diesen Tagen nicht leicht: Noch immer sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Lieferketten sp\u00fcrbar. Und auch die Inflation bei den Inputkosten ist allgegenw\u00e4rtig. Ein wesentlicher Grund f\u00fcr die Teuerung sind die steigenden Energiepreise. Deshalb versuchen Unternehmen mit Nachdruck, ihren Energieverbrauch zu senken. 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