{"id":183865,"date":"2023-06-20T07:30:28","date_gmt":"2023-06-20T05:30:28","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=183865"},"modified":"2023-08-24T01:40:08","modified_gmt":"2023-08-23T23:40:08","slug":"strommarkt-europa-die-schweiz-ist-mittendrin-aber-nicht-dabei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/06\/strommarkt-europa-die-schweiz-ist-mittendrin-aber-nicht-dabei\/","title":{"rendered":"Strommarkt Europa: Die Schweiz ist mittendrin, aber nicht dabei"},"content":{"rendered":"<p>Im aargauischen St\u00e4dtchen Laufenburg an der Grenze zu Deutschland schlug 1958 die Geburtsstunde des europ\u00e4ischen Strom-Verbundnetzes. In der heute als \u00abStern von Laufenburg\u00bb bekannten Schaltanlage wurden die Stromleitungen Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz erstmals zusammengeschlossen. Damals war die Schweiz aus europ\u00e4ischer Sicht nicht nur geografisch mittendrin, sondern auch tatkr\u00e4ftig mit dabei. Denn bereits in der Nachkriegszeit war klar, dass sich die Netz- und Versorgungssicherheit dank der europ\u00e4ischen Zusammenarbeit markant verbessern wird.<\/p>\n<p>Das ist heute noch genauso wahr wie damals. Die Einbindung in das europ\u00e4ische Stromsystem bleibt eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr eine sichere und wirtschaftliche Stromversorgung \u2013 und zwar auf beiden Seiten: f\u00fcr die Schweiz und f\u00fcr Europa. Doch die ungekl\u00e4rten Fragen um ein Stromabkommen zwischen der Schweiz und der EU gef\u00e4hrden aktuell dieses Erfolgskonzept und stellen die Schweiz sowie ihre Nachbarl\u00e4nder vor grosse Herausforderungen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die Schweiz ger\u00e4t ins Abseits<\/h2>\n<p>Im t\u00e4glichen Leben sehnt sich in der Schweiz wohl niemand nach einem Stromabkommen mit der EU. Der Strom fliesst ja. Kein Grund zur Sorge, k\u00f6nnte man meinen. Oder? Nicht so bei Swissgrid, der Betreiberin des gesamten 6700 Kilometer langen Schweizer H\u00f6chstspannungsnetzes (siehe Kasten). Hier macht sich das fehlende Stromabkommen im Arbeitsalltag bemerkbar \u2013 und zwar immer mehr. Denn zurzeit implementiert die EU mit Hochdruck das dritte Binnenmarktpaket und das \u00abClean Energy Package\u00bb, um den EU-internen Stromhandel zu maximieren.<\/p>\n<p>Das Ziel der EU ist die Vollendung des Binnenmarktes f\u00fcr Strom. Gr\u00f6ssere zonen\u00fcbergreifende Handelskapazit\u00e4ten sollen den grenz\u00fcberschreitenden Wettbewerb erh\u00f6hen und die Integration erneuerbarer Energiequellen f\u00f6rdern. Auch die Netzentwicklung wird vorangetrieben, um den Stromaustausch zwischen den EU-Staaten zu vereinfachen. Um diese Ziele zu erreichen, hat die EU einheitliche Regeln (Network Codes) festgeschrieben, die laufend weiterentwickelt werden. W\u00e4hrend die EU so den Strombinnenmarkt seit Jahren vorantreibt, lebt die Schweiz mit einem Gesetz von 2008. Auch im Mantelerlass, der aktuell im Parlament beraten wird, fehlen Bestimmungen, wie die Schweiz technisch und auch \u00f6konomisch mit der EU umgeht.<\/p>\n<p>So wird Swissgrid Schritt f\u00fcr Schritt aus relevanten europ\u00e4ischen Prozessen ausgeschlossen. Aktuell droht der Ausschluss aus den europ\u00e4ischen Regelenergiekooperationen, welche f\u00fcr die Netzstabilit\u00e4t zentral sind. Zwar nimmt Swissgrid bis jetzt noch an einer von drei Regelenergieplattformen teil, die weitere Teilnahme daran sowie die Teilnahme an den anderen zwei Regelenergieplattformen sind aber stark gef\u00e4hrdet. Bereits ausgeschlossen ist Swissgrid von der Teilnahme an der EU-Marktkop&shy;plung. Hierdurch entstehen ungeplante Lastfl\u00fcsse durch die Schweiz, die zunehmend die Netzstabilit\u00e4t gef\u00e4hrden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Importkapazit\u00e4ten in Gefahr<\/h2>\n<p>Auch die neue 70-Prozent-Regel der EU wirkt sich auf den Netzbetrieb und die Versorgungssicherheit in der Schweiz aus. Bis sp\u00e4testens Ende 2025 m\u00fcssen unsere Nachbarl\u00e4nder n\u00e4mlich mindestens 70 Prozent der grenz\u00fcberschreitenden Kapazit\u00e4ten f\u00fcr den Handel zwischen EU-Mitgliedsstaaten reservieren. Stromfl\u00fcsse mit Drittstaaten wie der Schweiz z\u00e4hlen nach heutigem Stand nicht dazu.<\/p>\n<p>Das hat Konsequenzen. Denn einerseits ist eine Zunahme des Stromhandels innerhalb der EU zu erwarten, was zu einer Zunahme ungeplanter Stromfl\u00fcsse durch die Schweiz f\u00fchrt, solange die Schweiz nicht ad\u00e4quat in die dazu notwendigen Kapazit\u00e4tsberechnungsprozesse einbezogen ist. Andererseits k\u00f6nnten unsere Nachbarl\u00e4nder \u2013 wenn sie Probleme haben, die 70-Prozent-Regel zu erf\u00fcllen \u2013 die Grenzkapazit\u00e4t zur Schweiz einseitig limitieren. Das w\u00fcrde die Importkapazit\u00e4ten der Schweiz massiv beschneiden. Insbesondere im Winterhalbjahr, in dem die Schweiz auf Importe angewiesen ist, k\u00f6nnte dies auch f\u00fcr die Versorgungssicherheit der Schweiz unangenehme Konsequenzen haben.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Swissgrid st\u00f6sst an die Grenzen ihrer Handlungsm\u00f6glichkeiten<\/h2>\n<p>Swissgrid arbeitet mit den europ\u00e4ischen \u00dcbertragungsnetzbetreibern an einer m\u00f6glichst weitgehenden Inklusion der Schweiz in netzsicherheitsrelevante Prozesse, die in der EU gesetzlich vorgeschrieben sind. Zu Beginn dieses Jahres konnte der bereits im Dezember 2021 abgeschlossene Vertrag mit der <a href=\"https:\/\/www.swissgrid.ch\/dam\/swissgrid\/about-us\/newsroom\/positions\/20220111-Factsheet-Kapazitaetsberechnungsregionen-de.pdf\">Kapazit\u00e4tsberechnungsregion \u00abItaly North\u00bb<\/a> um ein Jahr verl\u00e4ngert werden. Damit wird die Schweiz an der s\u00fcdlichen Landesgrenze bei systemrelevanten Prozessen weiterhin ber\u00fccksichtigt. Als \u00abTechnical Counterparty\u00bb haben wir die gleichen Rechte und Pflichten wie ein \u00dcbertragungsnetzbetreiber der EU. Auch f\u00fcr die Nordgrenze der Schweiz m\u00f6chte Swissgrid einen entsprechenden Vertrag abschliessen. Die Verhandlungen sind aufgrund der zahlreichen Akteure aber deutlich komplexer, und ein Vertragsabschluss ist nicht vor 2024 zu erwarten.<\/p>\n<p>Doch diese privatrechtlichen Vertr\u00e4ge stellen langfristig keinen ad\u00e4quaten Ersatz f\u00fcr ein Stromabkommen dar. Dies, weil aus Sicht der EU privatrechtliche Vertr\u00e4ge immer konform mit der EU-Regulierung sein m\u00fcssen. Unsere EU-Partner ben\u00f6tigen deshalb fr\u00fcher oder sp\u00e4ter die Genehmigung der zust\u00e4ndigen EU-Beh\u00f6rden. Deren Zustimmung ist langwierig und kann nicht garantiert werden. Unsere L\u00f6sungsversuche auf technischer Ebene stossen daher an Grenzen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Stromautarkie ist eine Illusion<\/h2>\n<p>Angesichts der Angst vor einer Energiemangellage und der beschriebenen Herausforderungen wird immer lauter nach Schweizer Stromautarkie gerufen. Hier muss man klar festhalten: Aus Sicht von Swissgrid ist ein autarkes System der Schweiz eine Illusion. Zu schwer wiegen Risiken f\u00fcr die Netzstabilit\u00e4t und die Versorgungssicherheit ohne Einbindung in das kontinentaleurop\u00e4ische Verbundnetz. Zu gross sind die Vorteile einer Integration: \u00dcbertragungsnetzbetreiber unterst\u00fctzen sich gegenseitig und helfen sich bei Problemen aus. Die gemeinsame und optimierte Beschaffung von Regelleistung f\u00fchrt zu h\u00f6herer Liquidit\u00e4t im entsprechenden Markt.<\/p>\n<p>Trotzdem haben die Bef\u00fcrworter einer Stromautarkie in einem Punkt recht: Die Schweiz muss die inl\u00e4ndische Stromproduktion steigern. Bis ins Jahr 2050 m\u00fcssen die Schweizer Produktionskapazit\u00e4ten vor allem beim Winterstrom massiv ausgebaut werden. Gleichzeitig darf aber nicht vergessen werden, dass diese zus\u00e4tzliche Energie auch transportiert werden muss.<\/p>\n<p>Das Stromnetz darf also bei der Planung nicht vergessen gehen. Der Ausbau des \u00dcbertragungsnetzes h\u00e4lt schon heute nicht mit dem Kraftwerksausbau mit. Die Folge sind volkswirtschaftlich ineffiziente Netzengp\u00e4sse und Einschr\u00e4nkungen der Stromproduktion neuer Kraftwerke. Um den sicheren, leistungsf\u00e4higen und effizienten Betrieb des Schweizer Stromsystems zu gew\u00e4hrleisten, m\u00fcssen bestehende sowie k\u00fcnftig drohende Engp\u00e4sse beseitigt werden. Daf\u00fcr braucht es effiziente und koordinierte Bewilligungsverfahren. Ansonsten haben wir am Ende zwar neue Kraftwerke, aber die Energie kann nicht zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern gelangen, da das entsprechende Stromnetz fehlt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im aargauischen St\u00e4dtchen Laufenburg an der Grenze zu Deutschland schlug 1958 die Geburtsstunde des europ\u00e4ischen Strom-Verbundnetzes. In der heute als \u00abStern von Laufenburg\u00bb bekannten Schaltanlage wurden die Stromleitungen Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz erstmals zusammengeschlossen. Damals war die Schweiz aus europ\u00e4ischer Sicht nicht nur geografisch mittendrin, sondern auch tatkr\u00e4ftig mit dabei. 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Ihr Auftrag ist im Stromversorgungsgesetz (StromVG) und in der Stromversorgungsverordnung (StromVV) geregelt. \u00dcberwacht wird deren Einhaltung von der Eidgen\u00f6ssischen Elektrizit\u00e4tskommission (Elcom). Mehrere Schweizer Elektrizit\u00e4tsunternehmen halten die Mehrheit des Aktienkapitals von Swissgrid."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":[184640,184642],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[4306],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20230620","original_files":null,"external_release_for_author":"20230619","external_release_for_author_time":"00:05:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/exedit\/645cdfe57a081"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/183865"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10724"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=183865"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/183865\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":185290,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/183865\/revisions\/185290"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4306"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10724"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/184642"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/184640"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/185401"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=183865"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=183865"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=183865"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=183865"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=183865"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=183865"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}