{"id":184264,"date":"2023-06-19T07:07:49","date_gmt":"2023-06-19T05:07:49","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=184264"},"modified":"2023-08-24T01:40:51","modified_gmt":"2023-08-23T23:40:51","slug":"versorgungsluecken-im-strommarkt-schliessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/06\/versorgungsluecken-im-strommarkt-schliessen\/","title":{"rendered":"Versorgungsl\u00fccken im Strommarkt schliessen"},"content":{"rendered":"<p>Im letzten Jahr war der Strom knapp \u2013 und die Preise am Strommarkt schnellten in die H\u00f6he. Steigende Preise signalisieren eine Knappheit \u2013 etwa in Stunden mit hoher Nachfrage und geringer Produktion aus Erneuerbaren sowie w\u00e4hrend Krisen wie der Gasverknappung infolge des Ukraine-Krieges. Die meisten Verbraucher in der Schweiz haben jedoch kaum einen Anreiz, auf diese Preissignale zu reagieren, da sie von ihrem Elektrizit\u00e4tsversorgungsunternehmen (EVU) zu einem im Vorjahr festgelegten Preis versorgt werden. Falls freiwillige Einsparungen nicht ausreichen, um Engp\u00e4sse zu \u00fcberbr\u00fccken, bleibt im Notfall also nur die Abschaltung durch das EVU.<\/p>\n<p>Das aktuelle Marktdesign unterdr\u00fcckt somit sowohl den Anreiz f\u00fcr Lastverschiebungen (von teuren in weniger teure Stunden) als auch den Anreiz f\u00fcr freiwillige Lastsenkungen (bei durchgehend hohen Preisen w\u00e4hrend Krisen). Das heutige System ist daher wenig geeignet, den \u00dcbergang zu einer nachhaltigen Energieversorgung mit Erneuerbaren zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Verbesserung der Preisanreize durch Profilvertr\u00e4ge<\/h2>\n<p>Im Folgenden werden drei \u00dcberlegungen skizziert, wie sich das Marktdesign verbessern liesse. Erstens gilt es, die Preisanreize zu verst\u00e4rken. Dies kann erreicht werden, indem die EVU ihrer Kundschaft anstelle von Fixpreisvertr\u00e4gen einen Profilvertrag anbieten. In diesem Modell kauft die Kundschaft zu einem Fixpreis (z. B. dem langfristigen Durchschnittspreis) ein definiertes Lastprofil (=gekauftes Profil) ein, das ihrem Verbrauchsprofil entspricht (siehe Abbildung). F\u00fcr ihren Mehrkonsum (im Vergleich zum gekauften Profil) bezahlt sie, und f\u00fcr ihren Minderverbrauch erh\u00e4lt sie eine Erstattung in H\u00f6he des Spotpreises. Der bezahlte Durchschnittspreis ist sehr nahe am Fixpreis, sofern das Lastprofil der Verbraucher dem von ihnen eingekauften Profil entspricht und dieses w\u00e4hrend Hochpreisstunden nicht systematisch \u00fcbersteigt. Profilvertr\u00e4ge sch\u00fctzen die Verbraucher daher \u2013 \u00e4hnlich wie Fixpreise \u2013 vor pl\u00f6tzlich steigenden Preisen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Wirkungsweise des Profilvertrags<\/h2>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-185393 size-large\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/06\/DV_monat-23_Winzer_Duemmler_de-1024x510.png\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"398\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/06\/DV_monat-23_Winzer_Duemmler_de-1024x510.png 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/06\/DV_monat-23_Winzer_Duemmler_de-300x149.png 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/06\/DV_monat-23_Winzer_Duemmler_de-768x383.png 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/06\/DV_monat-23_Winzer_Duemmler_de-1536x765.png 1536w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/06\/DV_monat-23_Winzer_Duemmler_de-2048x1020.png 2048w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<h6 class=\"content-copy\">Quelle: Eigene Darstellung der Autoren \/ Die Volkswirtschaft<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleichzeitig haben Verbraucher mit einem Profilvertrag aber denselben Anreiz f\u00fcr kurzfristige Lastverschiebung und mittelfristige Lastsenkung, wie wenn sie zu Grosshandelspreisen beliefert werden (siehe Tabelle). Verglichen mit den heutigen Fixpreisvertr\u00e4gen k\u00f6nnen Verbraucher, die ihre Last einschr\u00e4nken oder diese von teuren in g\u00fcnstigere Stunden verschieben, gerade w\u00e4hrend Mangellagen bedeutende Einsparungen erzielen. Sie m\u00fcssen daf\u00fcr kein wesentlich h\u00f6heres Preisrisiko in Kauf nehmen. Gleichzeitig profitieren auch die EVU: Das von ihnen abzusichernde Lastprofil ist bereits im Voraus bekannt und l\u00e4sst sich somit deutlich einfacher auf Forward-M\u00e4rkten absichern (\u00abhedgen\u00bb). Profilvertr\u00e4ge sind einer Belieferung zu Fixpreisen oder Grosshandelspreisen im Hinblick auf die daraus entstehenden Anreize \u00fcberlegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Preisrisiken und Anreizwirkung verschiedener Vertr\u00e4ge f\u00fcr Verbraucher<\/h2>\n<h6><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-185419\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/06\/DV_monat-23_Winzer_Duemmler_de_02-1-1024x336.png\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"263\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/06\/DV_monat-23_Winzer_Duemmler_de_02-1-1024x336.png 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/06\/DV_monat-23_Winzer_Duemmler_de_02-1-300x98.png 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/06\/DV_monat-23_Winzer_Duemmler_de_02-1-768x252.png 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/06\/DV_monat-23_Winzer_Duemmler_de_02-1-1536x504.png 1536w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2023\/06\/DV_monat-23_Winzer_Duemmler_de_02-1-2048x672.png 2048w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/h6>\n<h6 class=\"content-copy\">Quelle: Eigene Darstellung der Autoren \/ Die Volkswirtschaft<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Eine massgeschneiderte, individuelle Versorgungssicherheit<\/h2>\n<p>Die zweite \u00dcberlegung beruht auf folgendem Fakt: Der subjektive Wert einer unterbrechungsfreien Stromversorgung aus dem Netz variiert stark \u2013 sowohl zwischen Kundengruppen (z. B. Haushalte kontra Spit\u00e4ler) als auch unter den Lastentypen (z. B. Computer versus W\u00e4rmepumpe). Darauf sollte R\u00fccksicht genommen werden. Im Fall einer Mangellage erlaubt heute die Bewirtschaftungsverordnung des Bundes, pauschale Verbote bestimmter Endger\u00e4te, einheitliche Kontingentierungss\u00e4tze f\u00fcr Grossverbraucher und \u2013 als Letztmassnahme \u2013 rollierende Abschaltungen verschiedener Teilnetzgebiete zu erlassen.<\/p>\n<p>Es gibt aber M\u00f6glichkeiten, die Abschaltungen viel individueller zu steuern, n\u00e4mlich mit der Installation intelligenter Stromz\u00e4hler sowie der Anbindung von Ladestationen und anderen Endger\u00e4ten an die Rundsteuerung (bzw. das Internet of Things). Im Fall einer Mangellage ist es effizient, wenn die Kundschaft selbst entscheiden kann, welchen Grad der Versorgungssicherheit sie f\u00fcr ihren Verbrauch als Ganzes oder f\u00fcr bestimmte Endger\u00e4te ben\u00f6tigt. \u00c4hnlich wie beim Abschluss einer Versicherung eine maximale Deckungssumme im Schadensfall gew\u00e4hlt wird, k\u00f6nnten die Verbraucher bei Vertragsabschluss festlegen, bis zu welchem maximalen Preisniveau sie ihre Gesamtnachfrage oder Teile ihrer Nachfrage \u2013 zum Beispiel f\u00fcr bestimmte Endger\u00e4te \u2013 aufrechterhalten und daf\u00fcr einen entsprechend tieferen Preis bezahlen wollen im Vergleich zu einer (beinahe) 100-Prozent-Versorgung.<\/p>\n<p>EVU k\u00f6nnten bereits heute derartige Vertr\u00e4ge anbieten. Sie haben dazu jedoch kaum einen Anreiz, da sie den Verbrauch von Lasten in kritischen Versorgungssituationen auch ohne Entsch\u00e4digung einschr\u00e4nken d\u00fcrfen. In Zukunft sollten solche Einschr\u00e4nkungen auf Ausnahmesituationen wie h\u00f6here Gewalt (z. B. Sabotage) beschr\u00e4nkt werden. In allen \u00fcbrigen Situationen sollten Kundeninnen und Kunden von ihren EVU eine Kompensation erhalten. Dadurch erhielten die EVU einen Anreiz, bei ihrer Kundschaft weniger wertvolle Lasten im Voraus zu identifizieren, diese \u00fcber g\u00fcnstigere Vertr\u00e4ge abzusichern und im Bedarfsfall abschalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Automatisierte Laststeuerung gem\u00e4ss Pr\u00e4ferenzen<\/h2>\n<p>Dritte \u00dcberlegung, um das Marktdesign zu verbessern: Es sollte den Verbrauchern m\u00f6glichst einfach gemacht werden, auf den Strompreis zu reagieren. Am effizientesten w\u00e4re es, Lastverschiebungen und -senkungen innerhalb der von den Kunden voreingestellten Parameter zu automatisieren. So k\u00f6nnten Verbraucher das gew\u00fcnschte Versorgungsniveau f\u00fcr einzelne Endger\u00e4te festlegen. Die Ger\u00e4testeuerung berechnet daraus die jeweils tolerierbare Abweichung und steuert das Ger\u00e4t automatisch: Sie drosselt die Versorgung oder schaltet das Ger\u00e4t gar ab, wenn bestimmte Preisschwellen \u00fcberschritten werden. F\u00fcr die Kundschaft w\u00e4re dies deutlich komfortabler als eine andauernde \u00dcberwachung der Strompreise und die manuelle Abschaltung einzelner Ger\u00e4te bei steigenden Preisen.<\/p>\n<p>Je nach Pr\u00e4ferenz des Kunden kann die Laststeuerung dabei durch unterschiedliche Arten erfolgen: durch den Kunden selber (bzw. sein Home-Automation-System), durch ein mit der Laststeuerung aller Ger\u00e4te beauftragtes EVU oder durch mehrere mit der Laststeuerung bestimmter Ger\u00e4te beauftragte Versorger. Letztere k\u00f6nnten die Ger\u00e4te deutlich effizienter steuern, da sie \u00fcber detaillierte Kenntnisse herstellerspezifischer technischer Parameter verf\u00fcgen. Damit minimiert sich auch das Risiko von Sch\u00e4den an den gesteuerten Ger\u00e4ten. Denkbar w\u00e4re, dass Ger\u00e4tehersteller in Zukunft auch gleich ein Nutzungsabonnement verkaufen, welches das vom Kunden gew\u00e4hlte Niveau der Versorgung mit Energie, die optimierte Steuerung und den Service des Ger\u00e4ts beinhaltet. Voraussetzung einer individuellen Laststeuerung ist aber nicht nur eine massiv verbesserte Datenlage, sondern auch eine weiter gehende Markt\u00f6ffnung, die den Endkunden erlaubt, f\u00fcr die wichtigsten flexiblen Lasten einen unabh\u00e4ngigen Stromlieferanten auf dem freien Markt zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Stromsystem wird resilienter und verl\u00e4sslicher<\/h2>\n<p>Die Kombination von Preisanreizen, individuellen Versorgungsniveaus und automatisierter Laststeuerung in Abh\u00e4ngigkeit von den Strompreisen hat einen gewichtigen Vorteil: Versorgungsl\u00fccken bei Mangellagen k\u00f6nnen jederzeit \u00fcber eine Drosselung der am wenigsten wertvollen Lasten geschlossen werden. Ein administriertes Lastabwurfverfahren, also eine kontrollierte Stromabschaltung als letzte m\u00f6gliche Massnahme, w\u00fcrde bei angebotsseitigen Mangellagen kaum mehr notwendig sein. Die Kosten im Fall einer Mangellage w\u00fcrden sinken, und das Stromsystem w\u00fcrde resilienter und damit verl\u00e4sslicher werden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im letzten Jahr war der Strom knapp \u2013 und die Preise am Strommarkt schnellten in die H\u00f6he. Steigende Preise signalisieren eine Knappheit \u2013 etwa in Stunden mit hoher Nachfrage und geringer Produktion aus Erneuerbaren sowie w\u00e4hrend Krisen wie der Gasverknappung infolge des Ukraine-Krieges. 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