{"id":191167,"date":"2023-10-10T07:00:21","date_gmt":"2023-10-10T05:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=191167"},"modified":"2023-10-10T11:43:49","modified_gmt":"2023-10-10T09:43:49","slug":"gute-klimapolitik-laesst-die-wirtschaft-wachsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/10\/gute-klimapolitik-laesst-die-wirtschaft-wachsen\/","title":{"rendered":"Gute Klimapolitik l\u00e4sst die Wirtschaft wachsen"},"content":{"rendered":"<p>Der in diesem Jahr ver\u00f6ffentlichte <a href=\"https:\/\/www.ipcc.ch\/report\/ar6\/syr\/downloads\/report\/IPCC_AR6_SYR_SPM.pdf\">Synthesebericht<\/a> des Weltklimarates (IPCC) verk\u00fcndet wieder einmal die l\u00e4ngst bekannte Botschaft: Solange die Menschheit Treibhausgase in die Atmosph\u00e4re ausst\u00f6sst, wird die globale Durchschnittstemperatur der Erde ansteigen. M\u00f6chten wir diesen Anstieg unter 2 Grad Celsius halten, muss die Welt bis 2050 klimaneutral sein. Sprich: Global d\u00fcrfen nicht mehr Treibhausgase in die Atmosph\u00e4re gelangen, als durch nat\u00fcrliche oder k\u00fcnstliche Senken absorbiert werden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Das Trittbrettfahrer-Problem<\/h2>\n<p>Aus \u00f6konomischer Sicht handelt es sich bei der Vermeidung von Treibhausgasen um ein sogenanntes \u00f6ffentliches Gut. Jede Tonne CO<sub>2<\/sub>, die ich vermeide, hilft, die globale Temperaturerh\u00f6hung und die damit verbundenen Sch\u00e4den einzud\u00e4mmen. Davon profitiere nicht nur ich, sondern die gesamte Welt. Die Kosten der Vermeidung trage jedoch ich allein. Den Nutzen, den meine Vermeidung f\u00fcr die anderen generiert, kann ich allerdings niemandem in Rechnung stellen. Diese \u00abTrittbrettproblematik\u00bb f\u00fchrt letztlich dazu, dass wir insgesamt zu wenig f\u00fcrs Klima tun. Denn alle hoffen, von den CO<sub>2<\/sub>-Einsparungen der anderen zu profitieren, ohne sich selbst einzuschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Die klassische L\u00f6sung f\u00fcr dieses Problem ist die \u00f6ffentliche Hand: Diese bietet \u00f6ffentliche G\u00fcter wie Infrastruktur, Bildung und nationale Verteidigung an und finanziert diese durch Steuereinnahmen. Doch auf globaler Ebene gibt es keine solche L\u00f6sungsm\u00f6glichkeit. Denn es gibt keine supranationale Autorit\u00e4t, welche die Treibhausgasvermeidung weltweit politisch durchsetzen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die einzige Alternative sind deshalb internationale Abkommen. Mit dem Pariser Klimaabkommen gelang 2015 zwar ein wichtiger Durchbruch in diesem Bereich, doch die tats\u00e4chlichen Erfolge sind bisher bescheiden. Denn obwohl (fast) alle Staaten der Welt dieses Abkommen ratifiziert haben<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>, reichen die Vermeidungs&shy;versprechen der Mitgliedsstaaten nicht aus, um den Temperaturanstieg auf 2 \u00b0C zu beschr\u00e4nken. Hinzu kommt: Die meisten L\u00e4nder (auch die Schweiz) bleiben regelm\u00e4ssig hinter ihren Vermeidungsversprechen zur\u00fcck. Aus Sicht der Trittbrettfahrer-Problematik ist dies nicht sonderlich \u00fcberraschend.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Der globale Trend zur Klimaneutralit\u00e4t<\/h2>\n<p>\u00dcberraschend ist allerdings der neueste Trend in der internationalen Klimapolitik, den man seit ungef\u00e4hr f\u00fcnf Jahren beobachten kann: Immer mehr L\u00e4nder verpflichten sich durch unilaterale nationale Gesetze selbstst\u00e4ndig zur Klimaneutralit\u00e4t. Die EU, die Schweiz, die USA, Kanada, Grossbritannien, Australien, Brasilien und viele mehr: Sie alle versprechen, bis 2050 klimaneutral zu sein. Andere L\u00e4nder haben es sogar deutlich eiliger mit dem Netto-null-Ziel: Finnland will bis 2035, Island und \u00d6sterreich bis 2040 und Deutschland und Schweden bis 2045 CO<sub>2<\/sub>-neutral sein. Sogar L\u00e4nder wie Saudi-Arabien, Russland und China streben bis 2060 Klimaneutralit\u00e4t an, Indien bis 2070. Was ist von diesen Versprechungen zu halten, insbesondere da sie im Gegensatz zur lange beobachteten Trittbrettfahrer-Logik stehen?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist nicht vollst\u00e4ndig auszuschliessen, dass es sich bei diesen Klimaneutralit\u00e4tsversprechen zumindest teilweise um politische Lippenbekenntnisse handelt, beispielsweise um eine zunehmend bewegte Klimajugend zumindest vor\u00fcbergehend zu bes\u00e4nftigen. In Einzelf\u00e4llen mag das zutreffen. Es gibt jedoch auch gute \u00f6konomische Gr\u00fcnde, die diesen globalen Trend erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Denn Klimaneutralit\u00e4t ist langfristig alternativlos. L\u00e4nder, die fr\u00fch mit dem technologischen Umbau auf eine nachhaltige Wirtschaft beginnen, haben einen wirtschaftlichen Startvorteil.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Technologischer Wandel ist in vollem Gange<\/h2>\n<p>Die \u00abKosten\u00bb einer effektiven Klimapolitik bestehen vor allem aus Investitionen in klimafreundliche Technologien. Tats\u00e4chlich ist der Trend zu erneuerbaren Energietr\u00e4gern in vielen Sektoren bereits seit Jahren in vollem Gange. Aufgrund des exponentiellen Fortschritts neuer Technologien neigen wir jedoch dazu, diese lange Zeit zu untersch\u00e4tzen, bis sie \u2012 scheinbar \u00fcber Nacht \u2012 die alte etablierte Technologie hinwegfegen.<\/p>\n<p>Dies erleben wir gerade bei der individuellen Mobilit\u00e4t. Elektroautos \u2013 vor wenigen Jahren noch als Kleinstnische bel\u00e4chelt \u2013 haben die Schwelle der Massenproduktion l\u00e4ngst \u00fcberschritten. Setzt sich die bisherige exponentielle Entwicklung fort, wird der Verbrennungsmotor noch vor 2030 aus dem Neuwagenmarkt f\u00fcr Personenwagen in der Schweiz verbannt sein (siehe Abbildung).<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Bei der Wind- und der Solarenergie ist die Entwicklung \u00e4hnlich, wie etwa der IPCC-Bericht zeigt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Neuzulassungen von Personenwagen in der Schweiz (2010\u20132022)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"Winkler-10-2023_DE\"><\/div>\n<script>\n\n\n$(function () {\n    $('#Winkler-10-2023_DE').highcharts({     \n\n   chart: {\n   \n        type: 'line'\n    },\n    \n    title: {\n        text: ''\n    },\n    subtitle: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: { \n    \n    title: {\n                text: ''\n            },\n        categories: [\n        \n2010,2011,2012,2013,2014,2015,2016,2017,2018,2019,2020,2021,2022,2023,2024,2025,2026,2027,2028,2029,2030\n\n\n],\n\n    },\n    yAxis: {\ntitle: {\n        text: ''\n    },\n    labels: {\n   \n            formatter: function () {\n            return Highcharts.numberFormat(this.value, 0);\n        }\n    },\n    type: 'logarithmic'\n        \n    },\n     tooltip: {\n     headerFormat: '<b>{point.x}<\/b><br>',\n     valueSuffix: ' Neuzulassungen'\n     \n   \n   \n        },\n    plotOptions: {\n        line: {\n    \n\n            dataLabels: {\n                enabled: false\n            },\n            enableMouseTracking: true\n        },\n        series: {\nmarker: {\nenabled: false\n}\n}\n    },\n    series: [{\n        name: 'Elektrisch (ohne Hybrid)',\n        data: [\n      201,452,924,1392,1948,3882,3525,4929,5411,13197,19765,32017,40507,null,null,null,null,null,null,null,null\n\n\n\n\n],color: '#327775'\n    },\n    {\n        name: 'Trend Elektrisch (ohne Hybrid)',\n        data: [\n        322,484,729,1097,1651,2486,3741,5631,8476,12757,19202,28902,43502,65477,98553,148339,223274,336063,505829,761354,1145961\n\n],color: '#9bbcbc',\ndashStyle: 'longdash'\n       \n           },\n           \n           {\n        name: 'Neuzulassungen insgesamt',\n        data: [\n        296597,327955,334045,310154,304083,327143,319331,315032,300887,312377,238475,242022,229403,null,null,null,null,null,null,null,null\n\n\n],color: '#655c99', \n\n       \n           }\n       \n           \n           \n           \n           ]\n});\n\n\n\n});\n\n<\/script>\n<div class=\"content-copy diagram-legend\">Quelle: Bundesamt f\u00fcr Statistik \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Klimaziele geben Planungssicherheit<\/h2>\n<p>Sowohl die Richtung als auch die Geschwindigkeit des technologischen Wandels ist stark von den Rahmenbedingungen abh\u00e4ngig, in denen dieser stattfindet. Beispielsweise profitiert die Elektromobilit\u00e4t davon, dass die EU den Grenzwert des Flottenverbrauchs auf 95g CO<sub>2<\/sub>\/km gesenkt hat und in zahlreichen L\u00e4ndern direkte oder indirekte Subventionen f\u00fcr Elektrowagen existieren. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr Wind- und Solarenergie.<\/p>\n<p>Solche Rahmenbedingungen schaffen Anreize f\u00fcr Investitionen in klimafreundliche Technologien. Und genauso verh\u00e4lt es sich auch mit einem verbindlichen nationalen Klimaneutralit\u00e4tsziel. Ein solches ist deshalb der erste wichtige Schritt, wenn ein Land seine Volkswirtschaft auf den Wandel vorbereiten will. Denn es signalisiert fr\u00fchzeitig, dass langfristige Investitionen in fossile Energietechnologien nicht mehr rentieren. Der zweite wichtige Schritt ist dann, Treibhausgasemissionen zu bepreisen und sukzessive zu verteuern. Dies gibt zum einen auch kurz- bis mittelfristige Anreize f\u00fcr klimafreundliche Investitionen und unterstreicht zum anderen die Glaubw\u00fcrdigkeit des langfristigen Klimaneutralit\u00e4tsziels.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die Schweiz hat Luft nach oben<\/h2>\n<p>Die Schweiz hat sowohl ein solches Klimaneutralit\u00e4tsziel (netto null bis 2050) als auch eine CO<sub>2<\/sub>-Abgabe von derzeit 120 Franken pro Tonne CO<sub>2<\/sub>. Dennoch hat auch die Schweizer Klimapolitik Luft nach oben. Ein Grund daf\u00fcr ist, dass die CO<sub>2<\/sub>-Abgabe nur f\u00fcr Emissionen aus bestimmten Sektoren gilt \u2013 n\u00e4mlich auf Brenn-, nicht aber auf Treibstoffe. Dem Klima ist es jedoch v\u00f6llig egal, aus welcher Quelle die Treibhausgase stammen.<\/p>\n<p>Auch die <a href=\"https:\/\/www.bafu.admin.ch\/bafu\/de\/home\/themen\/klima\/fachinformationen\/emissionsverminderung\/verminderungsziele\/ziel-2030.html\">mittelfristige Strategie<\/a> der Schweiz, Emissionen teilweise \u00fcber Emissionsreduktionen im Ausland zu kompensieren, ist aus zwei Gr\u00fcnden zu kritisieren: Erstens wird es in einer Welt, in der alle L\u00e4nder klimaneutral werden m\u00fcssen, mittelfristig keine \u00abbilligen\u00bb ausl\u00e4ndischen Kompensations&shy;m\u00f6glichkeiten geben, weil es nur sehr begrenzte nat\u00fcrliche Senkenkapazit\u00e4ten gibt. Zweitens verschieben Auslandkompensationen die n\u00f6tigen Investitionen in den Umbau der eigenen Volkswirtschaft nach hinten. Der Klimaschutzsektor ist jedoch einer der am schnellsten wachsenden Wirtschaftszweige weltweit. Zwischen 2019 und 2022 betrug die durchschnittliche Wachstumsrate 40 Prozent, und die Private-Equity-Investitionen haben sich im selben Zeitraum von 75 auf 196 Milliarden Dollar deutlich mehr als verdoppelt. Das Beratungsunternehmen McKinsey sch\u00e4tzt in einer <a href=\"https:\/\/www.mckinsey.com\/capabilities\/sustainability\/our-insights\/climate-investing-continuing-breakout-growth-through-uncertain-times\">Studie<\/a> das Investitionspotenzial im Jahr 2030 auf 9 bis 12 Billionen Dollar. Investitionen in Klimaschutztechnologien sind deshalb unerl\u00e4sslich, um unseren wirtschaftlichen Wohlstand und Arbeitspl\u00e4tze zu erhalten und zu mehren. Andere L\u00e4nder haben dies erkannt und bringen entsprechende Klimapolitiken auf den Weg. J\u00fcngstes Beispiel sind die USA, die inl\u00e4ndische wie ausl\u00e4ndische Firmen mit Milliardensubventionen im Bereich Klimaschutztechnologien locken.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Die unr\u00fchmlichen Ausnahmen sind der Iran, der Jemen und Libyen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Selbst wenn es am Ende etwas l\u00e4nger dauern sollte: Die meisten Autobauer haben sich bereits verpflichtet, bis sp\u00e4testens 2035 keine neuen Autos mit Verbrennungsmotoren herzustellen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der in diesem Jahr ver\u00f6ffentlichte Synthesebericht des Weltklimarates (IPCC) verk\u00fcndet wieder einmal die l\u00e4ngst bekannte Botschaft: Solange die Menschheit Treibhausgase in die Atmosph\u00e4re ausst\u00f6sst, wird die globale Durchschnittstemperatur der Erde ansteigen. 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