{"id":191172,"date":"2023-10-09T07:00:41","date_gmt":"2023-10-09T05:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=191172"},"modified":"2023-10-09T15:32:17","modified_gmt":"2023-10-09T13:32:17","slug":"wie-die-duerre-in-afrika-die-schweizer-wirtschaft-trifft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/10\/wie-die-duerre-in-afrika-die-schweizer-wirtschaft-trifft\/","title":{"rendered":"Wie die D\u00fcrre in Afrika die Schweizer Wirtschaft trifft"},"content":{"rendered":"<p>Wer an den Klimawandel denkt, sieht Bilder von \u00dcberschwemmungen am Rhein, vom ausgetrockneten Lac de Joux, von schmelzenden Gletschern \u2013 und Jugendlichen, die sich auf die Strasse oder an Dirigentenpulte kleben. Einiges davon ist Folge des Klimawandels, anderes nur zum Teil, und vieles ist irref\u00fchrend. Denn diese Bilder suggerieren erstens, dass uns die Auswirkungen des Klimawandels im eigenen Land am meisten betreffen. Sie blenden zweitens die ganze wirtschaftliche Dimension aus. Und sie zementieren drittens einen Graben zwischen gef\u00fchlt linksgr\u00fcnen staatsfreundlichen Weltrettern und rechtsliberalen egoistischen Wirtschaftseliten, der weder dem Problem gerecht wird noch f\u00fcr die L\u00f6sung hilfreich ist.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Viele Klimarisiken in Industriel\u00e4ndern sinken<\/h2>\n<p>Klimarisiken sind nicht nur durch H\u00e4ufigkeit und St\u00e4rke der Wetterereignisse bestimmt. Sie sind auch, und in vielen F\u00e4llen sogar vor allem, durch die Exposition, die Verwundbarkeit und die F\u00e4higkeit definiert, auf ausserordentliche Bedrohungen zu reagieren. Exposition betrifft also die Frage, ob und allenfalls wie viel Infrastruktur und Menschen einem Klimaereignis ausgesetzt sind. Insgesamt nehmen die Exposition und damit die Sch\u00e4den an vielen Orten zu. Denn wo vor 50 Jahren noch gar nichts war, ist heute oft alles verbaut.<\/p>\n<p>Gleichzeitig nimmt die Verwundbarkeit in den Industriel\u00e4ndern ab: Durch besseres Verst\u00e4ndnis der Prozesse, Gefahrenkarten, bessere Wetterprognosen, Warnsysteme, Naturgefahrenpr\u00e4vention und Technologien sind wir heute besser auf Naturereignisse vorbereitet. Vor St\u00fcrmen oder Hochwassern wird heute mehr als f\u00fcnf Tage vorher gewarnt. Damit lassen sich zwar nicht alle Sch\u00e4den vermeiden, aber in der Zwischenzeit lassen sich mobile Sperren aufbauen, Seepegel absenken sowie Wertsachen und Menschen evakuieren. Und kommt es doch zu Sch\u00e4den, sind die Abl\u00e4ufe f\u00fcr Hilfe und Wiederaufbau klar, und die Versicherung zahlt.<\/p>\n<p>Zudem: Die sogenannte Resilienz, die F\u00e4higkeit, einem Naturereignis standzuhalten oder sich davon zu erholen, nimmt zu. Auch in der Schweiz sind wir robuster geworden und k\u00f6nnen Menschen und Infrastruktur relativ gut sch\u00fctzen. Nicht zwingend gilt das jedoch f\u00fcr nat\u00fcrliche Systeme wie Tierarten und W\u00e4lder: Ist es zu trocken, k\u00f6nnen sich diese nur beschr\u00e4nkt anpassen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die Schweiz ist keine Insel<\/h2>\n<p>Nat\u00fcrlich: Die Auswirkungen des Klimawandels sp\u00fcren wir vor Ort am direktesten. Aber oft geht dabei vergessen, dass die Schweiz keine Insel ist. Denn was die Wertsch\u00f6pfung angeht, ist die Schweiz sehr wahrscheinlich von den Auswirkungen des Klimawandels im Ausland st\u00e4rker betroffen als von jenen im Inland. Sprich, schmelzende Gletscher bei uns wirken sich kostenm\u00e4ssig m\u00f6glicherweise weniger stark auf die Schweizer Bev\u00f6lkerung aus als anhaltende D\u00fcrren in L\u00e4ndern, von denen wir Nahrungsmittel importieren. Das genau zu bestimmen, ist nicht einfach, aber Forschungsprojekte<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> dazu laufen. Wir leben in und von einer globalisierten Welt, verkaufen Dienstleistungen und Innovation in alle Welt, und der Finanzplatz Schweiz ist um ein Vielfaches gr\u00f6sser als das BIP der Schweiz. Wir vergessen oft: Geht es den L\u00e4ndern um uns herum schlecht, trifft uns das zumindest finanziell enorm, sei es durch abnehmenden Handel oder durch unrentablere Beteiligungen im Ausland.<\/p>\n<p>Anders als hierzulande arbeitet in Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4ndern ein gr\u00f6sserer Teil der Bev\u00f6lkerung in der Landwirtschaft und ist damit dem Klima direkter ausgesetzt als eine Gesellschaft, die ihr Leben mit Dienstleistungen verdient. Schlechte oder gar keine Infrastruktur sowie wenig Technologie und Geld f\u00fchren dort zu einer hohen Verwundbarkeit. Der Klimawandel ist dabei oft nicht die alleinige direkte Krise, sondern er wirkt in Kombination oder als Brandbeschleuniger von bestehenden \u00f6konomischen, \u00f6kologischen und humanit\u00e4ren Krisen: Hunger, Kampf um Wasser oder nicht nachhaltige Nutzung von Land. \u00dcber Konflikte, Migration, Preise und Lieferketten sind auch wir davon betroffen. Schon 2011 hat eine <a href=\"https:\/\/www.science.org\/doi\/full\/10.1126\/science.1204531\">Studie<\/a> argumentiert, dass der Klimawandel den Ertrag von Weizen um 5 Prozent reduziert hat, was sich in eine Preiszunahme von 19 Prozent \u00fcbersetzt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Nichts tun ist am teuersten<\/h2>\n<p>Die Kosten f\u00fcr die fossile Energie plus die Kosten der Sch\u00e4den des Klimawandels sind h\u00f6her als diejenigen der Vermeidung des CO<sub>2<\/sub>. Selbst wenn wir bis 2050 ein Netto-null-CO<sub>2<\/sub>-Ziel erreichen, wird der dann erreichte Klimawandel noch \u00fcber Jahrhunderte weiterbestehen und Sch\u00e4den verursachen. Obwohl dies schon lange bekannt ist, werden j\u00e4hrlich Hunderte von Milliarden in neue fossile Infrastruktur wie Pipelines und Tanklager gepumpt \u2013 auch von Schweizer Firmen und Banken<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>. Und was heute gebaut wird, das muss viele Jahrzehnte laufen, damit es rentiert. Auf oberster politischer Ebene wird deshalb lobbyiert, damit sich wenig \u00e4ndert. Wohl wissend, dass diese Strategie langfristig nicht nachhaltig ist. Wir setzen mit unserem Handeln nicht nur unseren Planeten, unsere Lebensgrundlage aufs Spiel, sondern verpflichten unsere Kinder, sp\u00e4ter f\u00fcr alle Sch\u00e4den zu bezahlen.<\/p>\n<p>Dabei gibt es gen\u00fcgend Alternativen. Klimaschutz und Energiewende sind nicht ein Problem von Technologie und Geld, sondern eine Frage von politischem Willen. Erneuerbare Energie ist schon heute in vielen F\u00e4llen g\u00fcnstiger als fossile.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Ber\u00fccksichtigt man die Sch\u00e4den von mehreren Hundert Franken pro Tonne ausgestossenes CO<sub>2<\/sub>, wird dieser Preisvorteil noch deutlicher. Weil aber der Ausstoss von CO<sub>2<\/sub> in vielen F\u00e4llen noch immer nichts kostet, wird der Wettbewerb verzerrt, und fossile Energietr\u00e4ger bleiben (scheinbar) attraktiv. Niemand verneint es: Nat\u00fcrlich wird der Umbau der Geb\u00e4ude und des Energiesystems kosten, aber nichts tun kostet langfristig noch mehr.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Entwicklungsl\u00e4nder tragen Hauptlast<\/h2>\n<p>Der Klimawandel ist fundamental unfair: Diejenigen, die ihn historisch am wenigsten verursacht haben, leiden am st\u00e4rksten darunter. Es ist leicht, in diesem Spannungsfeld wegzuschauen und sich auf das eigene Land zu konzentrieren. Was auf den ersten Blick weit weg erscheint, ist jedoch n\u00e4her, als die Bilder in den Nachrichten suggerieren. Es betrifft uns \u00fcber instabile Lieferketten, erh\u00f6hte Preise beim Nahrungsmittelimport und letztlich \u00fcber reduzierte Kaufkraft im Ausland.<\/p>\n<p>Neben der moralischen Verantwortung haben wir also auch ein direktes Interesse, den Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern zu helfen und gemeinsam eine nachhaltige Welt zu gestalten. Reduzieren wir die Abh\u00e4ngigkeit von einzelnen L\u00e4ndern und Energietr\u00e4gern, erh\u00f6hen wir die Resilienz des globalen Systems und reduzieren gleichzeitig geopolitische Abh\u00e4ngigkeiten, wie zum Beispiel bei russischem Gas. Mit diversifizierten Lieferketten, internationaler Zusammenarbeit und weniger Isolation in Europa sind wir in Krisen besser aufgestellt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">EU und USA machen es vor<\/h2>\n<p>Es ist kein Zufall, dass sich der gr\u00f6sste Teil der Wirtschaft im Juni dieses Jahres hinter das Klimaschutzgesetz gestellt hat. Sie sieht die Chancen der Innovation, sie will gleich lange Spiesse f\u00fcr alle sowie verbindliche Ziele, damit sie planen kann. Die Idee, dass die kleine Schweiz inmitten der EU mit eigenen Regeln oder Normen besser fahren w\u00fcrde, ist Wunschdenken. Die Ver\u00e4nderungen erfolgen schnell und sind weitreichend, und wir tun gut daran, sie mitzugestalten, statt zu warten, bis andere uns die Regeln aufdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Klimaschutz und Energiewende bedeuten also nicht nur schmelzende Gletscher. Vielmehr sind es handfeste wirtschaftliche und geopolitische Realit\u00e4ten, bei denen \u00f6kologische und \u00f6konomische Herausforderungen \u00fcber Parteigrenzen hinweg angepackt werden m\u00fcssen. Klima- und Energiepolitik ist nicht prim\u00e4r Plastiks\u00e4cklisparen, sondern auch Wirtschafts- und Aussenpolitik, Innovation und Standortf\u00f6rderung. Investieren wir im eigenen Land, dann ersetzen wir nicht nur alte Infrastruktur, sondern k\u00f6nnen innovative L\u00f6sungen auch ins Ausland verkaufen. Ein ambitioniertes Klimaziel ist g\u00fcnstiger, als wie bisher auf fossile Mobilit\u00e4t und Heizungen zu setzen. Ein ambitioniertes Klimaziel reduziert die geopolitischen Abh\u00e4ngigkeiten von \u00d6l und Gas und st\u00e4rkt den Standort Schweiz. Die EU und die USA machen mit dem Green Deal und dem Inflation Reduction Act gerade vor, wie erfolgreich milliardenschwere Infrastrukturpakete f\u00fcr die L\u00e4nder sein k\u00f6nnen. Das Beispiel USA zeigt: Mit Weitsicht und der Bereitschaft zur Ver\u00e4nderung \u00fcber Parteigrenzen hinweg sind L\u00f6sungen mehrheitsf\u00e4hig, von denen am Ende alle profitieren.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe <a href=\"https:\/\/www.nccs.admin.ch\/nccs\/de\/home\/klimawandel-und-auswirkungen\/nccs-impacts\/projekte.html\">NCCS-Impacts<\/a>, Projekt \u00abAuswirkungen des globalen Klimawandels auf die Schweiz\u00bb.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Swissinfo vom 27.3.2019: \u00ab<a href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/wirtschaft\/klima-und-finanzen_1900-mrd--fr----so-viel-haben-banken-in--dreckige-energie--investiert\/44851324\">1900 Mrd. Fr. \u2013 so viel haben Banken in <\/a><a href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/wirtschaft\/klima-und-finanzen_1900-mrd--fr----so-viel-haben-banken-in--dreckige-energie--investiert\/44851324\">\u2039<\/a><a href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/wirtschaft\/klima-und-finanzen_1900-mrd--fr----so-viel-haben-banken-in--dreckige-energie--investiert\/44851324\">dreckige Energie<\/a><a href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/wirtschaft\/klima-und-finanzen_1900-mrd--fr----so-viel-haben-banken-in--dreckige-energie--investiert\/44851324\">\u203a<\/a><a href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/wirtschaft\/klima-und-finanzen_1900-mrd--fr----so-viel-haben-banken-in--dreckige-energie--investiert\/44851324\"> investiert<\/a>\u00bb.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe Ourworldindata (2020). <a href=\"https:\/\/ourworldindata.org\/cheap-renewables-growth\">Why Did Renewables Become So Cheap So Fast?<\/a> 1. Dezember.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer an den Klimawandel denkt, sieht Bilder von \u00dcberschwemmungen am Rhein, vom ausgetrockneten Lac de Joux, von schmelzenden Gletschern \u2013 und Jugendlichen, die sich auf die Strasse oder an Dirigentenpulte kleben. Einiges davon ist Folge des Klimawandels, anderes nur zum Teil, und vieles ist irref\u00fchrend. 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