{"id":191594,"date":"2023-10-10T07:10:22","date_gmt":"2023-10-10T05:10:22","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=191594"},"modified":"2024-04-18T14:33:32","modified_gmt":"2024-04-18T12:33:32","slug":"der-mensch-kann-sich-anpassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/10\/der-mensch-kann-sich-anpassen\/","title":{"rendered":"Der Mensch kann sich anpassen"},"content":{"rendered":"<p>Es ist leicht, Klimakatastrophen zu konstruieren: Man nimmt einen beunruhigenden Trend und projiziert ihn in die Zukunft. Dabei ignoriert man alles, was die Menschheit tun k\u00f6nnte, um sich anzupassen. So behauptet beispielsweise eine unl\u00e4ngst im Wissenschaftsmagazin \u00abScience Advances\u00bb ver\u00f6ffentlichte <a href=\"https:\/\/www.nbcnews.com\/mach\/science\/without-swift-action-climate-change-heat-waves-could-kill-thousands-ncna1017376\">Studie<\/a>, dass Hitzewellen bis zum Ende des Jahrhunderts in 15 US-Grossst\u00e4dten Tausende von Menschen t\u00f6ten k\u00f6nnten, wenn die globale Erw\u00e4rmung anh\u00e4lt. Allerdings: Die Studie ignoriert, dass die Menschen mehr Klimaanlagen installieren werden.<\/p>\n<p>Kurz: Ja, das Klima ver\u00e4ndert sich, aber ebenso das menschliche Verhalten. Kommt es beispielsweise aufgrund h\u00f6herer Temperaturen zu Ernteausf\u00e4llen, werden Bauern vermutlich andere Sorten oder Pflanzen anbauen. Wenn der Meeresspiegel steigt, bauen Regierungen D\u00e4mme, Flutmauern und Entw\u00e4sserungssysteme.<\/p>\n<p>Eine <a href=\"https:\/\/agupubs.onlinelibrary.wiley.com\/doi\/full\/10.1029\/2020EF001882\">Studie<\/a> aus dem Jahr 2021 belegt dies: Der gr\u00f6sste Fehler bei Prognosen \u00fcber den Anstieg des Meeresspiegels bestehe darin, dass sie die Anpassungsf\u00e4higkeit des Menschen ignorierten und so die \u00dcberschwemmungsrisiken im Jahr 2100 um das 1300-Fache \u00fcberzeichneten. Ginge man davon aus, dass sich die Gesellschaft bis zum Jahr 2100 nicht an den Anstieg des Meeresspiegels anpasste, w\u00fcrden weite Teile der Welt regelm\u00e4ssig \u00fcberflutet. Im Jahr 2100 w\u00fcrde das j\u00e4hrlich Sch\u00e4den von insgesamt 55 Billionen Dollar<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> verursachen. Das sind etwa 5 Prozent des globalen Bruttoinlandprodukts. Doch die Studie betont, dass sich die Gesellschaften wahrscheinlich eben doch anpassen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Man muss nicht den Untergang prophezeien, um den Klimawandel ernst zu nehmen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch Anpassung lassen sich die Folgekosten der globalen Erderw\u00e4rmung zwar nicht g\u00e4nzlich vermeiden, aber doch zumindest drastisch reduzieren. Ausserdem sind Anpassungen viel wirksamer als CO<sub>2<\/sub>-Einsparungen, wenn es darum geht, \u00dcberschwemmungsrisiken zu senken. Dieselbe Studie zeigt, dass wir durch den Bau h\u00f6herer D\u00e4mme bis zum Jahr 2100 fast den gesamten prognostizierten Schaden verhindern k\u00f6nnen: Anstelle der in vielen Medien verbreiteten Zahl von potenziell 187 Millionen Flutopfern (ohne jegliche Anpassung) w\u00e4ren mit Anpassungen bis zum Ende des Jahrhunderts nur 15\u2019000 Menschen global von Flutkatastrophen betroffen. Somit w\u00e4ren mehr als 99,99 Prozent potenzieller Flutopfer sicher. Ohne Anpassung w\u00fcrden selbst strenge Klimavorschriften, die den globalen Temperaturanstieg unter 2 Grad Celsius halten, die Zahl der \u00dcberschwemmungsopfer bis zum Ende des Jahrhunderts von 187 nur auf 85 Millionen pro Jahr reduzieren.<\/p>\n<p>Zudem \u00fcberrascht, dass der Bau von D\u00e4mmen plus eine strenge Klimapolitik nur eine geringe Verbesserung der Situation bringen: Statt der 15\u2019000 Flutopfer, die man rein durch Anpassung erreichen w\u00fcrde, w\u00e4ren es mit zus\u00e4tzlicher strenger Klimapolitik immer noch 10\u2019000 \u2013 also nur rund ein Drittel weniger. Der Weg \u00fcber strengere Klimavorschriften w\u00fcrde aber Hunderte von Billionen Dollar kosten, wohingegen die damit einhergehenden geringeren Kosten f\u00fcr \u00dcberschwemmungssch\u00e4den und Deichbau mit lediglich 40 Milliarden Dollar zu Buche schl\u00fcgen.<\/p>\n<p>Man muss nicht den Untergang prophezeien, damit der Klimawandel ernst genommen wird. Wenn in der Klimadiskussion aber Anpassungsmassnahmen ausser Acht gelassen werden, ist dies eine bewusste Irref\u00fchrung.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Ausgedr\u00fcckt im Dollarwert des Jahres 2005.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist leicht, Klimakatastrophen zu konstruieren: Man nimmt einen beunruhigenden Trend und projiziert ihn in die Zukunft. 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