{"id":192024,"date":"2023-11-14T06:45:02","date_gmt":"2023-11-14T05:45:02","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=192024"},"modified":"2023-11-14T11:31:07","modified_gmt":"2023-11-14T10:31:07","slug":"korkenknallen-unangebracht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/11\/korkenknallen-unangebracht\/","title":{"rendered":"Korkenknallen unangebracht"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend die EU-Mitgliedsstaaten gerade zu Recht dabei sind, ihre l\u00e4ngst \u00fcberholten Maastricht-Kriterien den gegebenen Realit\u00e4ten anzupassen, feiert man in der Schweiz 20 Jahre Schuldenbremse. Von einer \u00abweltweit beachteten Phase der Prosperit\u00e4t\u00bb sprach Alt-Bundesrat Kaspar Villiger, \u00abVater\u00bb der Schuldenbremse, an der Jubil\u00e4umsfeier. Tats\u00e4chlich erlebte die Schweiz diese Prosperit\u00e4t kaum dank, sondern eher trotz der restriktiven Schweizer Haushaltsregel.<\/p>\n<p>Villiger verwies in seiner Festrede auch auf eine alte, urspr\u00fcnglich vom Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) verwendete Studie<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>\u00a0 Diese besagt, dass eine \u00f6ffentliche Schuldenquote von mehr als 90 Prozent der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes abtr\u00e4glich sei. Die These der besagten Studie wurde l\u00e4ngst von einem Studenten widerlegt: Sie fusste schlicht auf einem Rechenfehler.<\/p>\n<p>Die Schuldenquote der Schweiz betr\u00e4gt heute 26 Prozent. Selbst der IWF empfahl der Schweiz deshalb regelm\u00e4ssig eine Lockerung ihrer Haushaltsregel. Denn wie die vergangenen 20 Jahre zeigten, bewirkt die Schuldenbremse einen fortlaufenden Abbau nicht nur der Schuldenquote, sondern sogar des nominalen Schuldenstands.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Der Bundesrat nimmt das Jubil\u00e4um der Schuldenbremse zum Anlass, seine neue Sparpolitik ideologisch zu rechtfertigen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Insgesamt hat der Staat heute schon wesentlich mehr Verm\u00f6gen als Schulden \u2013 gem\u00e4ss IWF-Finanzstatistik betrug das Reinverm\u00f6gen der \u00f6ffentlichen Hand im Jahr 2021 409 Milliarden. Das entspricht mehr als der H\u00e4lfte der j\u00e4hrlichen Wirtschaftsleistung. Letztlich entzieht die Schuldenbremse damit der Bev\u00f6lkerung systematisch finanzielle Mittel, um sie beim Staat anzuh\u00e4ufen.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung widerspricht nicht nur dem Volkswillen in der Verfassung, sie ist auch volkswirtschaftlich unsinnig. Denn damit einher geht ein massiver \u00f6ffentlicher Investitionsr\u00fcckstand beispielsweise beim Umbau der Energieversorgung. Die Last, welche k\u00fcnftigen Generationen daraus erw\u00e4chst, ist real, ganz im Gegensatz zu den \u00f6ffentlichen Schulden. Letztere k\u00f6nnten aus \u00f6konomischer Sicht problemlos im Gleichschritt mit der Wirtschaftsleistung wachsen. Doch im aktuell engen Korsett der Schuldenbremse d\u00fcrfen sie das nicht.<\/p>\n<p>Anstatt sich mit diesem Missstand substanziell zu besch\u00e4ftigen, nimmt der Bundesrat das Jubil\u00e4um der Schuldenbremse vielmehr zum Anlass, seine neue Sparpolitik ideologisch zu rechtfertigen. Insgesamt strebt die Regierung \u00fcber die kommenden Jahre ein Sparvolumen von j\u00e4hrlich 2,7 Milliarden Franken<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> an. Das entspricht fast exakt den zwischen 2005 und 2020 angefallenen Budgetunterschreitungen von j\u00e4hrlich 2,6 Milliarden Franken (inklusive Prognosefehler bei den Einnahmen). Heute verschwinden diese Kreditreste per Definition in der Schuldenbremse. Sie k\u00f6nnten und sollten jedoch dazu eingesetzt werden, den erw\u00e4hnten Investitionsr\u00fcckstand aufzuholen. Das geplante Sparvolumen liesse sich dadurch mit einem buchhalterischen Federstrich auch f\u00fcr obsolet erkl\u00e4ren.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Reinhart, Carmen M. und Kenneth S. Rogoff\u00a0(2010). <a href=\"https:\/\/www.aeaweb.org\/articles?id=10.1257\/aer.100.2.573\">Growth in a Time of Debt<\/a>. American Economic Review, 100 (2): 573\u201378.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Bei den 2,7 Mrd. handelt es sich um die Summe der i) Vorentscheide im Januar, ii) der 2-Prozent-K\u00fcrzungen der schwach gebundenen sowie iii) der vorgeschlagenen K\u00fcrzungen der stark gebundenen Ausgaben.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend die EU-Mitgliedsstaaten gerade zu Recht dabei sind, ihre l\u00e4ngst \u00fcberholten Maastricht-Kriterien den gegebenen Realit\u00e4ten anzupassen, feiert man in der Schweiz 20 Jahre Schuldenbremse. 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