{"id":192708,"date":"2023-12-12T07:03:16","date_gmt":"2023-12-12T06:03:16","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=192708"},"modified":"2023-12-12T09:38:05","modified_gmt":"2023-12-12T08:38:05","slug":"die-schweiz-ist-eine-willensnation-des-auslands","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/12\/die-schweiz-ist-eine-willensnation-des-auslands\/","title":{"rendered":"Die Schweiz ist eine Willensnation \u2013 des Auslands"},"content":{"rendered":"<p>Ein langer Kampf f\u00fcr Freiheit, Unabh\u00e4ngigkeit und Souver\u00e4nit\u00e4t \u2013 so oder \u00e4hnlich erz\u00e4hlt man sich in der Schweiz gerne die eigene Geschichte. Kriegerische Tapferkeit, kluge Selbstbeschr\u00e4nkung und neutrale Enthaltsamkeit, der Wille zu nationaler Einigkeit oder die F\u00e4higkeit zum Kompromiss h\u00e4tten die Schweiz m\u00f6glich gemacht. Solche Geschichten sollen die B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen stolz auf die Vergangenheit ihres Landes zur\u00fcckblicken lassen.<\/p>\n<p>Sicher: Jede Nationalgeschichte erz\u00e4hlt die Vergangenheit selektiv und blendet Tatsachen aus, welche die hehre nationale Identit\u00e4tsvorstellung st\u00f6ren. Doch Schweizer Geschichte l\u00e4sst sich auch anders erz\u00e4hlen \u2013 als eine Geschichte der Verflechtung, der wechselseitigen oder sogar vollst\u00e4ndigen Abh\u00e4ngigkeit der Schweiz vom Ausland.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Zum Handel gezwungen<\/h2>\n<p>Wirtschaftlich war die Schweiz nie aus eigener Kraft \u00fcberlebensf\u00e4hig. Ausser Holz, Steinen, Wasser und Arbeitskr\u00e4ften besitzt sie keine Rohstoffe. Fast seit je versorgt die Landwirtschaft die Bev\u00f6lkerung nicht gen\u00fcgend mit Getreide, zumal die Bauern in den Voralpen schon im Sp\u00e4tmittelalter auf Viehzucht und K\u00e4seherstellung umstellten. Als mehrere Regionen \u2013 insbesondere in der Ostschweiz \u2013 im 17. und 18. Jahrhundert ihre Wirtschaft auf die Tuchherstellung in Heimarbeit ausrichteten und daf\u00fcr den Landbau aufgaben, wurden auch sie von Getreideimporten abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Diese fr\u00fchkapitalistischen Entwicklungen in der Landwirtschaft und im Gewerbe verst\u00e4rkten die Abh\u00e4ngigkeit der Schweiz vom Ausland noch in anderer Hinsicht: Viehzucht und K\u00e4seherstellung ben\u00f6tigten Unmengen von Salz, das zum grossen Teil ebenfalls importiert werden musste. Die Heimarbeiter fertigten Tuche aus Seide und Baumwolle an. Auch sie mussten von weit her eingef\u00fchrt werden. Und die Genfer Uhren- und Schmuckindustrie verarbeitete Edelmetalle und Edelsteine aus Indien und S\u00fcdafrika.<\/p>\n<p>Die schweizerische Textil- und Uhrenindustrie produzierte schon in der fr\u00fchen Neuzeit vorwiegend f\u00fcr den Export. Denn der Binnenmarkt f\u00fcr den Absatz ihrer Waren war viel zu klein. Im 19. Jahrhundert verst\u00e4rkten die Industrialisierung und der Eisenbahnbau, welche den Transport revolutionierten, die Verflechtung der Schweiz mit der Weltwirtschaft. Der Aussenhandel mit Nahrungsmitteln wie K\u00e4se, Textilien, Maschinen und chemischen Erzeugnissen machte die Schweiz \u2013 gemessen an ihrer Bev\u00f6lkerungszahl \u2013 schon vor dem Ersten Weltkrieg zu einer wichtigen Exportnation. Seit dem Ersten Weltkrieg ist sie ein f\u00fchrender Finanzplatz.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Ein Land von Migranten<\/h2>\n<p>Seit Jahrhunderten ist die Schweiz auch \u00fcber die Arbeitsmigration mit dem Ausland verflochten. S\u00f6ldner dienten zu Hunderttausenden bei ausw\u00e4rtigen M\u00e4chten, beispielsweise in Frankreich, Spanien, Savoyen, den Niederlanden. B\u00fcndner Zuckerb\u00e4cker gr\u00fcndeten im 18. und 19. Jahrhundert Kaffeeh\u00e4user und Konditoreien in ganz Europa.<\/p>\n<p>In den B\u00fcndner und Tessiner T\u00e4lern verliessen die M\u00e4nner w\u00e4hrend Jahrhunderten jedes Jahr ihre Familien, um f\u00fcr mehrere Monate in den St\u00e4dten Italiens und \u00d6sterreichs als Transport- und Bauarbeiter, Maronibrater oder Kaminfeger ein Einkommen zu erwerben, das es so zu Hause nicht zu verdienen gab. Aus denselben T\u00e4lern stammten die vielen Architekten, Baumeister, Freskomaler, Stuckateure und Maurer, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert den St\u00e4dten und Residenzen in Italien, Deutschland, \u00d6sterreich, Polen, Skandinavien und Russland ein barockes und klassizistisches Gepr\u00e4ge verliehen.<\/p>\n<p>Auch Gelehrte wie der Berner Mediziner und Botaniker Albrecht von Haller oder die Mathematiker aus der Basler Familie Bernoulli sowie zahlreiche Hauslehrer und Erzieherinnen zogen ins Ausland, wo sie an Universit\u00e4ten und Wissenschaftsakademien oder im Dienst f\u00fcrstlicher Familien als Forscher oder P\u00e4dagogen t\u00e4tig wurden.<\/p>\n<p>Erst in den 1880er-Jahren ist die Schweiz \u2013 per saldo \u2013 ein Einwanderungsland geworden. Die Einwanderer waren vor allem im Bau- und Gesundheitssektor, im Tourismus sowie an h\u00f6heren Schulen t\u00e4tig. So ersetzten sie unter anderem die zahlreichen Arbeitskr\u00e4fte, die als Auswanderer die Schweiz im 19. Jahrhundert definitiv verlassen hatten.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Ein Produkt des Auslands<\/h2>\n<p>Nach ihrem Sieg in den Burgunderkriegen von 1474 bis 1477 gegen das Herzogtum Burgund wurden die Eidgenossen ein milit\u00e4rischer und politischer Faktor in der europ\u00e4ischen M\u00e4chtekonkurrenz. Die europ\u00e4ischen Kriegsherren buhlten fortan um deren Freundschaft und den Zugang zum hiesigen S\u00f6ldnermarkt. Mit ihrer Lage an den P\u00e4ssen der Zentralalpen und zwischen den rivalisierenden Grossm\u00e4chten Frankreich und Habsburg wurde die Eidgenossenschaft ein geostrategisch neuralgischer Raum.<\/p>\n<p>In diesen europ\u00e4ischen Konstellationen definierten die eidgen\u00f6ssischen Kleinstaaten ihre Aussenbeziehungen. Sie schlossen Vereinbarungen und Allianzen mit den wichtigen M\u00e4chten in der Nachbarschaft. Beispielsweise die sogenannten Erbeinungen mit Habsburg-\u00d6sterreich 1477 und 1511, welche zur Folge hatten, dass das Haus Habsburg auf seine fr\u00fcheren Besitzungen im nunmehr eidgen\u00f6ssischen Raum verzichtete. Oder die Friedens- und Allianzvertr\u00e4ge mit Frankreich von 1516 und 1521. Beides verschaffte den schweizerischen Kleinstaaten mehr Sicherheit in einem kriegerischen Umfeld. Mit der Nachbarschaft zur Freigrafschaft Burgund und zum Herzogtum Mailand wurde die Eidgenossenschaft im 16. Jahrhundert Teil der habsburgisch-spanischen Machtsph\u00e4re und damit zwangsl\u00e4ufig auch f\u00fcr den K\u00f6nig von Frankreich \u2013 den grossen Rivalen Habsburg-Spaniens \u2013 zum strategischen Faktor.<\/p>\n<p>Beide Grossm\u00e4chte wollten die Eidgenossenschaft fortan aus verschiedenen Gr\u00fcnden m\u00f6glichst eng an sich binden: Zwar griffen die Kantone selber nicht in die Kriege der Grossm\u00e4chte ein, boten aber den M\u00e4chten milit\u00e4rischen Flankenschutz. Sie er\u00f6ffneten den M\u00e4chten gleichzeitig den Zugang zum eidgen\u00f6ssischen S\u00f6ldnermarkt und gew\u00e4hrten ihren Truppen den Durchmarsch durch das Land. Zudem statteten die eidgen\u00f6ssischen Orte und deren Machteliten die Kriegsherren mit Darlehen aus. Im Kriegsfall wickelte sich \u00fcber eidgen\u00f6ssisches Gebiet ein lebhafter Zwischenhandel mit Kriegsmaterial ab, um Handelsembargos zu umgehen, wovon H\u00e4ndler und Bauern aus der Eidgenossenschaft profitierten.<\/p>\n<p>Die Existenz einer aussenpolitisch schwachen, ansonsten aber milit\u00e4risch, sicherheitspolitisch und kommerziell n\u00fctzlichen Eidgenossenschaft lag ganz im Interesse der M\u00e4chte. Deshalb stellten die Allianzen mit den M\u00e4chten vom 16. bis zum 18. Jahrhundert faktisch eine Bestandsgarantie f\u00fcr die eidgen\u00f6ssischen Kleinstaaten dar. Ausw\u00e4rtige M\u00e4chte haben aber auch jene Strukturreformen durchgesetzt, ohne welche sich die Alte Eidgenossenschaft nicht zum Bundesstaat von 1848 h\u00e4tte weiterentwickeln k\u00f6nnen. Denn von sich aus h\u00e4tten die Orte sich nie auf diese revolution\u00e4re staatliche Transformation einigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Frankreichs milit\u00e4rische Besetzung der Schweiz f\u00fchrte 1798 zur Ausrufung der Helvetischen Republik und erm\u00f6glichte die Beseitigung der Untertanenverh\u00e4ltnisse in der Schweiz. 1803 besorgte Napoleon Bonaparte mit der sogenannten Mediations- und Vermittlungsakte die f\u00f6deralistische Neuordnung der Schweiz. Nicht nur stattete er die alten Kantone wieder mit jener Souver\u00e4nit\u00e4t aus, die sie 1798 verloren hatten; vielmehr schuf er mit dem Aargau, St. Gallen, dem Tessin, dem Thurgau und der Waadt auch f\u00fcnf neue Kantonalstaaten. Zudem band er die Republik der Drei B\u00fcnde als Kanton Graub\u00fcnden an die Schweiz an.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Neutraler Sicherheitspuffer<\/h2>\n<p>Am Wiener Kongress 1814\/15 schliesslich ordneten die M\u00e4chte \u00d6sterreich, Russland, Frankreich, Vereinigtes K\u00f6nigreich und Preussen die Schweizer Angelegenheiten neu: Sie anerkannten die Eigenst\u00e4ndigkeit der Schweiz und wiesen ihr als neutralem Puffer zwischen Frankreich und \u00d6sterreich eine zentrale Rolle in Europas neuer Sicherheitsarchitektur zu. Um diese Neutralit\u00e4t k\u00fcnftig selber behaupten zu k\u00f6nnen, verpflichtete der Kongress die Schweiz zum Aufbau eines Bundesheers und zur Aufnahme der neuen Kantone Wallis, Neuenburg und Genf. Erst so erhielt die Schweiz im Westen eine Landesgrenze, die sie glaubw\u00fcrdig mit eigenen Mitteln verteidigen konnte.<\/p>\n<p>Kaum ein Land in Europa ist seit Jahrhunderten so eng wie die Schweiz mit dem Kontinent verflochten. Ihre Identit\u00e4t und Eigenst\u00e4ndigkeit wurden und werden durch das Ausland gepr\u00e4gt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein langer Kampf f\u00fcr Freiheit, Unabh\u00e4ngigkeit und Souver\u00e4nit\u00e4t \u2013 so oder \u00e4hnlich erz\u00e4hlt man sich in der Schweiz gerne die eigene Geschichte. Kriegerische Tapferkeit, kluge Selbstbeschr\u00e4nkung und neutrale Enthaltsamkeit, der Wille zu nationaler Einigkeit oder die F\u00e4higkeit zum Kompromiss h\u00e4tten die Schweiz m\u00f6glich gemacht. 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