{"id":194846,"date":"2024-02-19T07:00:09","date_gmt":"2024-02-19T06:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=194846"},"modified":"2024-02-21T08:55:15","modified_gmt":"2024-02-21T07:55:15","slug":"kann-die-wirtschaft-umweltvertraeglich-wachsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2024\/02\/kann-die-wirtschaft-umweltvertraeglich-wachsen\/","title":{"rendered":"Kann die Wirtschaft umweltvertr\u00e4glich wachsen?"},"content":{"rendered":"<div class=\"content-copy-questions\">Herr Scheidegger, Sie finden Wirtschaftswachstum positiv. Sie, Frau Seidl, weniger. Warum?<\/div>\n<p><strong>Eric Scheidegger:<\/strong> Wirtschaftswachstum ist wesentlich f\u00fcr die Wohlstandsentwicklung von Gesellschaften.<\/p>\n<p><strong>Irmi Seidl:<\/strong> Wirtschaftswachstum bedeutet wachsenden Ressourcenverbrauch und zunehmende Umweltzerst\u00f6rung. Hinzu kommt, dass unsere \u00d6konomien und Gesellschaften existenziell vom Wachstum abh\u00e4ngig sind: Sie geraten in eine Krise, sobald das Wachstum ausbleibt.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Was ist mit der Effizienz?<\/div>\n<p><strong>Seidl:<\/strong> Effizienz ist wichtig, um sparsam mit Ressourcen umzugehen. Aber gem\u00e4ss Forschung gehen 50 Prozent der Effizienzgewinne in erh\u00f6hte oder neue Ressourcennutzungen. So f\u00fchren treibstoffsparende Autos etwa dazu, dass Autobesitzerinnen und -besitzer mehr fahren. Das nennt man Reboundeffekt.<\/p>\n<p><strong>Scheidegger:<\/strong> Wirtschaftswachstum hat immer einen Konnex mit Effizienz. Selbst unter Ber\u00fccksichtigung von Reboundeffekten wird der Ressourcenverbrauch dank technischem Fortschritt verringert. Wenn die alten Fahrzeuge in Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern mit modernerer Technologie ersetzt werden, ist das gut f\u00fcr die Umwelt. Unabh\u00e4ngig von der Wachstumsdebatte gilt: Im Unterschied zum Paradies haben wir auf Erden keine unendlichen Ressourcen. Deshalb m\u00fcssen wir mit ihnen effizient, das heisst ressourcenschonend umgehen.<\/p>\n<p><strong>Seidl:<\/strong> Einzelwirtschaftliche Effizienz f\u00fchrt oft zu gesamtwirtschaftlicher Ineffizienz. Es mag effizient sein, Soja aus Brasilien zu importieren und hier Schweinen und Gefl\u00fcgel zu verf\u00fcttern, doch fehlt in Brasilien der enthaltene Stickstoff, bei uns \u00fcberd\u00fcngt er Gew\u00e4sser. Auch m\u00f6gen die grossen Modeketten effizient wirtschaften, aber bis zu ein Drittel der Kleidung in Schweizer L\u00e4den wird nicht verkauft und landet in der Kehrrichtverbrennung. Dies zeigt: Effizienz reicht nicht f\u00fcr Ressourcenschonung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Wenn der Kuchen nicht w\u00e4chst, muss man jemandem etwas wegnehmen, um einem anderen etwas zu geben.<\/span><\/p>\n<p>\u2013 Eric Scheidegger<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Was w\u00fcrde Nullwachstum f\u00fcr die Schweiz bedeuten?<\/div>\n<p><strong>Scheidegger:<\/strong> Der gesellschaftliche Sprengstoff und die Verteilungsk\u00e4mpfe, die bei einem Nullwachstum beginnen, sind enorm. Denn: Wenn der Kuchen nicht w\u00e4chst, muss man jemandem etwas wegnehmen, um einem anderen etwas zu geben. In der Schweiz hatten wir von 1991 bis 1996 Nullwachstum beim BIP pro Kopf. Die realen j\u00e4hrlichen Wachstumsraten betrugen damals maximal 0,2 Prozent. Die Folge: Im Februar 1997 erreichte die Arbeitslosenquote mit 5,7 Prozent ihren h\u00f6chsten bisherigen Stand. Zudem sind damals die Defizite des Bundes wegen der hohen Sozialausgaben explodiert.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Frau Seidl, Sie sprechen von Wachstumsabh\u00e4ngigkeit. Was meinen Sie damit?<\/div>\n<p><strong>Seidl:<\/strong> Wir sind seit den 1950er-Jahren an st\u00e4ndiges Wirtschaftswachstum gew\u00f6hnt und haben Strukturen entwickelt, die auf Wachstum angewiesen sind. Denken wir an die Erwerbsarbeit: Weil trotz st\u00e4ndig steigender Arbeitseffizienz die Erwerbsarbeit nicht ausgehen soll \u2013 sonst w\u00fcrden die Einnahmen aus Einkommenssteuer und Sozialabgaben sinken \u2013, tut die Politik alles f\u00fcr weiteres Wachstum: Steuern und Zinsen senken, deregulieren, privatisieren, investieren, verschulden, globalisieren.<\/p>\n<p><strong>Scheidegger:<\/strong> Tats\u00e4chlich ist die Erwerbsarbeit aber zur\u00fcckgegangen: Die durchschnittliche Arbeitszeit eines Erwerbst\u00e4tigen ist seit den 1950er-Jahren um 37 Prozent gesunken; auch die Phosphorbelastung in Schweizer Seen hat seit den 1970er-Jahren um 80 Prozent abgenommen, und der Treibhausgasausstoss eines Elektrofahrzeugs betr\u00e4gt beim Schweizer Strommix heute nur noch ein Siebtel des effizientesten fossilen Kleinwagens der 1970er-Jahren. Der Grund: Wirtschaftswachstum hat enormen Wohlstand geschaffen. Wir beide sind aus einer Generation, in welcher die Nachhaltigkeit politisch salonf\u00e4hig wurde. Alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit \u2013 Umwelt, Soziales und Wirtschaft \u2013 sollten sich gleichwertig weiterentwickeln k\u00f6nnen. Aus Frau Seidls Voten h\u00f6re ich, dass die Umwelt einen Vorrang geniessen soll und sich die anderen Dimensionen dieser unterordnen m\u00fcssen. Das finde ich falsch. Das f\u00fchrt zu Zielkonflikten mit gesellschaftlichem Spaltpotenzial.<\/p>\n<p><strong>Seidl:<\/strong> Doch es besteht gesellschaftlicher Konsens, dass die planetaren Grenzen einzuhalten sind. Dies verleiht der \u00d6kologie eine gewisse Priorit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/02\/Scheidegger-Seidl_20240122_SECO_2_1.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-195395\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/02\/Scheidegger-Seidl_20240122_SECO_2_1-1024x552.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"431\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/02\/Scheidegger-Seidl_20240122_SECO_2_1-1024x552.jpg 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/02\/Scheidegger-Seidl_20240122_SECO_2_1-300x162.jpg 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/02\/Scheidegger-Seidl_20240122_SECO_2_1-768x414.jpg 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/02\/Scheidegger-Seidl_20240122_SECO_2_1.jpg 1335w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<h6 class=\"content-copy\">Irmi Seidl im Treppenhaus der Universit\u00e4t Bern: \u00abEs wird auch Innovationen geben, wenn die Wirtschaft nicht w\u00e4chst oder gar schrumpft.\u00bb (Bild: Keystone \/ Remo Naegeli)<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Kann eine Wirtschaft umweltvertr\u00e4glich wachsen?<\/div>\n<p><strong>Scheidegger:<\/strong> Ja. Der Hinweis auf planetarische Grenzen ist nicht falsch \u2013 entbehrt aber der \u00f6konomischen Logik. Wirtschaftswachstum muss nicht mit immer mehr umweltsch\u00e4dlichem Ressourcenverbrauch einhergehen. Die Schweiz hat die Entkopplung in den letzten 20 Jahren geschafft. Wir haben \u00fcber die Jahre laufend weniger Treibhausgase ausgestossen, obwohl die Wirtschaft gewachsen ist. Die Entkopplung ist also m\u00f6glich, weil funktionierende M\u00e4rkte und umweltpolitische Vorgaben zu h\u00f6heren Ressourcenpreisen und damit zu haush\u00e4lterischem Umgang f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Seidl:<\/strong> Die Zahlen zeigen, dass es kein gr\u00fcnes Wachstum gibt, weil sich bisher und wohl auch k\u00fcnftig Wachstum und Ressourcenverbrauch nicht absolut entkoppeln lassen. Die Schweizer Treibhausgasemissionen sind j\u00fcngst trotz Wirtschaftswachstum gesunken. Aber diese Abnahme ist nur ein Zehntel des N\u00f6tigen, um die Pariser Klimaziele zu erreichen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Frau Seidl, w\u00fcnschen Sie Nullwachstum?<\/div>\n<p><strong>Seidl:<\/strong> Mir geht es um das Abbauen der systembedingten Wachstumsabh\u00e4ngigkeiten. Erste Ansatzpunkte daf\u00fcr sind das Internalisieren externer Kosten sowie das Reduzieren der Steuern auf Erwerbsarbeit. Gleichzeitig sollten die Steuern auf Kapital und nat\u00fcrliche Ressourcen steigen.<\/p>\n<p><strong>Scheidegger:<\/strong> Sie sprechen die sogenannte \u00f6kologische Steuerreform an. Das ist ein interessanter Ansatz. 2015 gab es eine entsprechende Volksinitiative. Diese wurde deutlich abgelehnt. Daraufhin hat der Bundesrat die damals laufenden Arbeiten beiseitegelegt. Grenzen von Grossreformen sehe ich insbesondere bei einer weiter gehenden Besteuerung von Kapital, weil dieses international sehr mobil ist und teilweise aus der Schweiz abfliessen w\u00fcrde.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Frau Seidl, Sie sind \u00d6konomin. Glauben Sie an die Marktkr\u00e4fte?<\/div>\n<p><strong>Seidl:<\/strong> Der Markt kann ein effizienter Mechanismus sein, wenn die Preissignale nicht verf\u00e4lscht sind. Doch sie sind es oft, unter anderem, weil die Wirtschaft wachsen soll. Beispiel Subventionen: Gem\u00e4ss Internationalem W\u00e4hrungsfonds flossen 2022 weltweit 7 Billionen Dollar in die Subventionierung von fossiler Energie. In der Schweiz etwa werden 170 Millionen Franken an Mineral\u00f6lsteuer zur\u00fcckerstattet, Flugtreibstoffe sind von dieser Steuer befreit. In einer Studie haben wir 160 biodiversit\u00e4tssch\u00e4digende Subventionen in der Schweiz identifiziert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Die Zahlen zeigen, dass es kein gr\u00fcnes Wachstum gibt. <\/span><\/p>\n<p>\u2013 Irmi Seidl<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">\u00d6konomen sagen, dass man die externen Umweltkosten internalisieren m\u00fcsste.<\/div>\n<p><strong>Seidl:<\/strong> Das lernen schon Studierende. Aber es wird kaum umgesetzt. Sonst w\u00e4re beispielsweise ein Retourbillett nach Bangkok 550 Franken teurer. Fluggesellschaften sowie andere grosse Treibstoffproduzenten und -verbraucher lobbyieren erfolgreich gegen das Internalisieren.<\/p>\n<p><strong>Scheidegger:<\/strong> Wenn die staatlichen Spielregeln auf dem Markt die Menschen dazu bringen, nicht nach Bangkok zu fliegen, dann ist das eine Verbesserung f\u00fcr die Umwelt und das Klima. Ich glaube, die Marktkr\u00e4fte haben einen starken Einfluss auf das menschliche Entscheiden und dass sie damit eben doch die zentrale Rolle spielen. Und bei den Subventionen fossiler Energietr\u00e4ger sind wir uns \u00f6konomisch gesehen einig: Das ist das Erste, was man abschaffen muss. Die Schweiz setzt sich auch weltweit daf\u00fcr ein. Zu Hause kann die Politik dann aber nach anderen Gesichtspunkten entscheiden.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Herr Scheidegger, lobbyieren alle f\u00fcr Wirtschaftswachstum?<\/div>\n<p><strong>Scheidegger:<\/strong> Ich stelle fest, dass die Bef\u00fcrworter einer Gesellschaft ohne Wirtschaftswachstum eine Minderheitenposition vertreten. Umgekehrt ist wohl eine deutliche Mehrheit der \u00d6konomenzunft der \u00dcberzeugung, dass nachhaltiges Wachstum m\u00f6glich ist. Wichtig ist, dass man unerw\u00fcnschte Nebenwirkungen auf die Wohlstandsentwicklung wissenschaftlich und politisch offen diskutiert. Gerade bei globalen Umweltzielen m\u00fcssen international verpflichtende Spielregeln angestrebt werden. Ein Alleingang der Schweiz n\u00fctzt niemandem.<\/p>\n<p><strong>Seidl:<\/strong> Mehr Pionierverhalten k\u00f6nnte der Schweiz n\u00fctzen, weil sie so ihren Innovationsvorsprung halten und ausbauen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/02\/Scheidegger-Seidl_20240122_SECO_2_2.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-195397\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/02\/Scheidegger-Seidl_20240122_SECO_2_2-1024x552.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"431\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/02\/Scheidegger-Seidl_20240122_SECO_2_2-1024x552.jpg 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/02\/Scheidegger-Seidl_20240122_SECO_2_2-300x162.jpg 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/02\/Scheidegger-Seidl_20240122_SECO_2_2-768x414.jpg 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/02\/Scheidegger-Seidl_20240122_SECO_2_2.jpg 1335w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<h6 class=\"content-copy\">Eric Scheidegger im Treppenhaus der Universit\u00e4t Bern: \u00abWirtschaftswachstum muss nicht mit immer mehr umweltsch\u00e4dlichem Ressourcenverbrauch einhergehen.\u00bb (Bild: Keystone \/ Remo Naegeli)<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Welche Rolle spielen Innovationen, um den Wandel zu beschleunigen?<\/div>\n<p><strong>Scheidegger:<\/strong> Innovation ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um vielf\u00e4ltige Probleme der Menschheit zu l\u00f6sen, den Klimawandel mit eingeschlossen. Denn: Nur Innovation schafft Nachhaltigkeit, wobei ich hier sowohl Prozessinnovationen als auch technologische Innovationen meine.<\/p>\n<p><strong>Seidl:<\/strong> Weil Menschen sehr kreativ dabei sind, Probleme zu l\u00f6sen, wird es auch Innovationen geben, wenn die Wirtschaft nicht w\u00e4chst oder gar schrumpft. Bislang setzen Forschung und Wirtschaft auf technische Innovationen und auf Optimierung von Vorhandenem. Doch wir brauchen vor allem soziale sowie strukturver\u00e4ndernde technische Innovationen. Etwa Sharingkonzepte auf breiter Basis oder Materialien f\u00fcr Produkte, die sich schadlos im Naturkreislauf zersetzen.<\/p>\n<p><strong>Scheidegger:<\/strong> Sie k\u00f6nnen nicht gleichzeitig Innovation wollen, aber kein Wachstum. Jede erfolgreiche Innovation schafft eine Nachfrage und damit einen Markt. Mit Innovation k\u00f6nnen Produkte ressourcenschonender hergestellt werden. Diese Kosteneinsparungen schaffen \u00fcber h\u00f6here Kaufkraft eine zus\u00e4tzliche Nachfrage \u2013 ab einem gewissen Einkommen vor allem auch nach \u00f6kologischen Produkten. Innovation kann man nur unterbinden, wenn man Menschen verbietet, innovativ zu sein. Deshalb bin ich der Meinung, Sie, Frau Seidl, sprechen letztlich einem Systembruch und einer Systemrevolution das Wort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Das jetzige Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell f\u00fchrt uns in die \u2039Klimah\u00f6lle\u203a.<\/span><\/p>\n<p>\u2013 Irmi Seidl<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Frau Seidl, fordern Sie ein neues Gesellschaftsmodell?<\/div>\n<p><strong>Seidl:<\/strong> Das jetzige Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell f\u00fchrt uns in die \u00abKlimah\u00f6lle\u00bb, wie UNO-Generalsekret\u00e4r Guterres es nennt. Deshalb m\u00fcssen wir es weiterentwickeln. Der Staat muss den ordnungspolitischen Rahmen setzen und das Einhalten der planetaren Grenzen sicherstellen. In diesem Rahmen hat der Markt seine Funktion. Zugleich brauchen wir Institutionen wie eine Alterssicherung und ein Gesundheitssystem, die auch funktionieren, wenn die Wirtschaft nicht mehr w\u00e4chst.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Sind Sie sich einig, dass es einen Staat braucht, der die Regeln setzt?<\/div>\n<p><strong>Seidl:<\/strong> Der Staat muss Regeln setzen, etwa um die nationalen und internationalen Umweltziele einzuhalten. Mein Eindruck ist aber, dass Sie, Herr Scheidegger, sagen: Der Markt richtet es.<\/p>\n<p><strong>Scheidegger:<\/strong> Nein, das sage ich nicht. Institutionen mit durchsetzbaren Regulierungen zum haush\u00e4lterischen Umgang mit Ressourcen sind zentral. Deshalb ist eine effiziente Umweltpolitik in der Schweiz zentral. Selbst in Handelsvertr\u00e4gen strebt die Schweiz als Standard an, dass die Handelspartner auf Handel mit nachhaltigen Produkten setzen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Der Klimawandel ist ein internationales Problem. Wer soll die Spielregeln setzen?<\/div>\n<p><strong>Seidl:<\/strong> Wir sehen an den Klimakonferenzen, dass internationale Prozesse zu langsam und inzwischen auch von m\u00e4chtigen Lobbygruppen durchsetzt sind. Aktuell hoffe ich auf Bewegung bei den grossen Wirtschaftsbl\u00f6cken und bin sogar vorsichtig zuversichtlich angesichts des Green Deal der EU.<\/p>\n<p><strong>Scheidegger:<\/strong> Ich sehe das gleich und komme zur\u00fcck auf das Positive von Wirtschaftswachstum. Es steigert das Bed\u00fcrfnis nach Gesundheit, Freizeit und guter Umweltqualit\u00e4t. Deshalb bin ich sehr zuversichtlich, dass auch China als Technologietreiber in den n\u00e4chsten zwei Generationen grosse Fortschritte machen wird. Dasselbe gilt auch f\u00fcr Indien und andere.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Ich glaube an die Zukunft der Menschheit.<\/span><\/p>\n<p>\u2013 Eric Scheidegger<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Aber haben wir noch zwei Generationen Zeit?<\/div>\n<p><strong>Seidl:<\/strong> Nein.<\/p>\n<p><strong>Scheidegger:<\/strong> Doch, selbstverst\u00e4ndlich. Ich teile die Pariser Klimaziele, aber ich finde, es ist eine heroische Aufgabe, dass in den meisten Regionen der Welt genau am 1. Januar 2050 alles umgesetzt sein soll. Da verlangt man unserer Gesellschaft einiges ab. Ich glaube, der weitere Weg wird \u00fcber eine nachhaltige Marktwirtschaft gehen m\u00fcssen, mit gesellschaftlich akzeptierten Massnahmen. Ansonsten verlieren wir die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler auf dem Weg dorthin \u2013 auch in der Schweiz.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Naturwissenschaftler sagen, die 1,5-Grad-Grenze werden wir wahrscheinlich nicht mehr erreichen. Wie schlimm ist die Situation?<\/div>\n<p><strong>Seidl:<\/strong> Die Aussichten sind dramatisch. Wir verlassen eine klimatisch stabile erdgeschichtliche Phase, das Holoz\u00e4n, das die Entwicklung der menschlichen Zivilisation erm\u00f6glichte. Die Klimaerhitzung wirkt inzwischen selbstverst\u00e4rkend, so etwa die tauenden Permafrostb\u00f6den in Sibirien, die grosse Mengen des Treibhausgases Methan freisetzen.<\/p>\n<p><strong>Scheidegger:<\/strong> Ich glaube nicht an den Untergang der Welt. Aber \u00f6konomisch ist ein Verfehlen der Klimaziele um +1,5 oder +4,5 Grad mit globalen Wohlstandsverlusten von 1 bis 3 Prozent des Weltbruttoinlandprodukts im Jahr 2060 verbunden. Das zeigt eine Studie der OECD. Der globale Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energietr\u00e4ger sowie die Anpassung der Schweiz an den Klimawandel m\u00fcssen deshalb das Ziel sein.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\">Wird der Mensch den Untergang verhindern?<\/div>\n<p><strong>Seidl:<\/strong> Was heisst Untergang? Es gehen bereits Pazifikinseln unter. Ein Drittel Pakistans stand unter Wasser. Ebenso das Ahrtal in Deutschland mit 135 Toten. Menschen haben eine Zukunft, klar, aber welche? Wir gef\u00e4hrden das \u00dcberleben und auch zivilisatorische Errungenschaften wie die soziale Absicherung, das hohe Bildungsniveau, eine prosperierende Kultur, Demokratie, Gleichberechtigung, Menschenrechte.<\/p>\n<p><strong>Scheidegger:<\/strong> Ich glaube an die Zukunft der Menschheit, und ich bin \u00fcberzeugt, dass die Menschen sich anpassen werden \u2013 unter Einhaltung dieser zivilisatorischen Errungenschaften und der demokratischen Ordnung.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Scheidegger, Sie finden Wirtschaftswachstum positiv. Sie, Frau Seidl, weniger. Warum? Eric Scheidegger: Wirtschaftswachstum ist wesentlich f\u00fcr die Wohlstandsentwicklung von Gesellschaften. Irmi Seidl: Wirtschaftswachstum bedeutet wachsenden Ressourcenverbrauch und zunehmende Umweltzerst\u00f6rung. Hinzu kommt, dass unsere \u00d6konomien und Gesellschaften existenziell vom Wachstum abh\u00e4ngig sind: Sie geraten in eine Krise, sobald das Wachstum ausbleibt. 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Er doktorierte an der Universit\u00e4t Basel und arbeitete unter anderem als Wirtschaftsjournalist f\u00fcr die NZZ sowie als pers\u00f6nlicher wirtschaftspolitischer Berater von Bundesrat Pascal Couchepin.\r\n\r\nDas Seco, mit Sitz in Bern, ist das Kompetenzzentrum des Bundes f\u00fcr Kernfragen der Wirtschaftspolitik. Sein Ziel ist es, f\u00fcr ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum, eine hohe Besch\u00e4ftigung sowie faire Arbeitsbedingungen zu sorgen. Das Seco besch\u00e4ftigt gut 800 Mitarbeitende."},{"kasten_title":"Irmi Seidl","kasten_box":"Die 62-J\u00e4hrige ist Professorin f\u00fcr Umwelt\u00f6konomie. Sie leitet seit 2006 die Forschungseinheit Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Eidgen\u00f6ssischen Forschungsanstalt f\u00fcr Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf ZH. Die \u00d6konomin promovierte in St. Gallen und habilitierte 2002 in \u00d6kologischer \u00d6konomie an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich.\r\n\r\nDie WSL ist ein Forschungszentrum des Bundes. Sie befasst sich mit der Nutzung und Gestaltung sowie dem Schutz von naturnahen und urbanen Lebensr\u00e4umen. Die Forschungsanstalt geh\u00f6rt zum Bereich der Eidgen\u00f6ssischen Technischen Hochschule (ETH) und besch\u00e4ftigt gut 550 Mitarbeitende."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":[194784,194786],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[4306],"korrektor":5357,"planned_publication_date":"2024-02-19 06:00:09","original_files":null,"external_release_for_author":"20240221","external_release_for_author_time":"19:05:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/exedit\/65a948b257953"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/194846"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2848"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=194846"}],"version-history":[{"count":46,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/194846\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":196230,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/194846\/revisions\/196230"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5357"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4306"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2848"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/194786"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/194784"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/195399"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=194846"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=194846"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=194846"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=194846"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=194846"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=194846"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}