{"id":194952,"date":"2024-03-12T07:00:34","date_gmt":"2024-03-12T06:00:34","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=194952"},"modified":"2024-03-12T08:26:24","modified_gmt":"2024-03-12T07:26:24","slug":"qualitaetsmedien-auf-der-suche-nach-dem-verlorenen-geschaeftsmodell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2024\/03\/qualitaetsmedien-auf-der-suche-nach-dem-verlorenen-geschaeftsmodell\/","title":{"rendered":"Qualit\u00e4tsmedien auf der Suche nach dem verlorenen Gesch\u00e4ftsmodell"},"content":{"rendered":"<p>Am 20. September 1999 erschien die umfangreichste Ausgabe der \u00abNeuen Z\u00fcrcher Zeitung\u00bb (NZZ), die es je gab: Normalteil und Sonderbeilagen summierten sich auf 168 Seiten, so berichtet es der Journalist Friedeman Bartu in seinem 2020 erschienenen Portr\u00e4t \u00fcber die NZZ. Der Druck dieser Ausgabe sei nicht nur eine technische Meisterleistung gewesen, sondern habe auch erheblich zum Unternehmensgewinn beigetragen. Die Gewinne seien so reichlich gesprudelt, dass die NZZ in einem damals g\u00e4ngigen Bonmot als die einzige Bank der Schweiz bezeichnet worden sei, die sich eine Tageszeitung leiste, so Bartu.<\/p>\n<p>Das Gesch\u00e4ftsmodell von Qualit\u00e4tsmedien beruht darauf, dass Menschen bereit sind, f\u00fcr publizistische Inhalte zu zahlen, die ihrer Aufmerksamkeit wert sind. Die Aufmerksamkeit wird mit Werbung und Kleinanzeigen zu weiterem Geld gemacht. Lange Zeit sicherte diese wechselseitige Mischfinanzierung, die als zweiseitiges Gesch\u00e4ftsmodell bezeichnet wird, den Medienunternehmen hohe Gewinne und der Gesellschaft journalistische Vielfalt. Doch die Zeit der sprudelnden Gewinne ist pass\u00e9 \u2013 nicht nur f\u00fcr die NZZ. Die Digitalisierung bedroht dieses Modell, mit negativen Konsequenzen f\u00fcr Demokratie und Gesellschaft.<\/p>\n<p>Zu lange w\u00e4hnten sich die Medienunternehmen von der Digitalisierung nur am Rande betroffen, schliesslich sei Qualit\u00e4tsjournalismus ein zeitloses Premiumprodukt. Doch die Kommunikations- und Medienwissenschaft warnte schon fr\u00fch, dass es der seri\u00f6se Journalismus in Zeiten der Digitalisierung immer weniger vermag die \u00abNachfrage nach Information und Bildung gewinntr\u00e4chtig zu befriedigen\u00bb, wie J\u00fcrgen Habermas 2008 konstatierte. Inzwischen kann von einem Marktversagen gesprochen werden: Der Medienmarkt ist nicht mehr in der Lage, die publizistische Vielfalt zu liefern, die Demokratie und Gesellschaft ben\u00f6tigen, so Habermas im Jahr 2022.<\/p>\n<p>Wie kam es zum Niedergang dieses lange erfolgreichen zweiseitigen Gesch\u00e4ftsmodells? Und warum findet sich kein neues Erfolgsrezept f\u00fcr den gesellschaftlich so wertvollen Qualit\u00e4tsjournalismus?<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Pfeiler der politischen \u00d6ffentlichkeit<\/h2>\n<p>Auch Unterhaltungsformate m\u00f6gen Qualit\u00e4t aufweisen. Heutige Streamingdienste stellen hochwertige Inhalte her, deren gesellschaftlicher Nutzen jedoch begrenzt bleibt. Doch die gesellschaftlich bedeutsame Qualit\u00e4t eines Mediums bemisst sich daran, inwiefern es durch seine redaktionellen Inhalte vielf\u00e4ltige vernunftgeleitete Meinungen zu bilden erm\u00f6glicht. Hierf\u00fcr sind vier Kriterien massgeblich.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Erstens: Die Inhalte besitzen gesellschaftliche Relevanz; Hard News, etwa \u00fcber Politik und Wirtschaft, werden den Soft News<em>, <\/em>etwa \u00fcber das Privatleben von Prominenten, vorgezogen. Zweitens: Die Inhalte decken insgesamt ein weites Feld an Themen und Meinungen ab, um der Gesellschaft in ihrer Vielfalt gerecht zu werden. Drittens: Die Inhalte entsprechen professionellen Standards mit hoher Eigenleistung und sorgf\u00e4ltiger Recherche. Viertens: Die Inhalte ordnen Fakten und Themen anhand fundierten Hintergrundwissens ein.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">F\u00fcr das Publikum und die Werbewirtschaft sind journalistische Medientitel nur noch eine Option unter unz\u00e4hligen M\u00f6glichkeiten<\/h2>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-195740 size-full\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/03\/DV_03-23_Bachmann_01_DE-1.png\" alt=\"\" width=\"1707\" height=\"853\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/03\/DV_03-23_Bachmann_01_DE-1.png 1707w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/03\/DV_03-23_Bachmann_01_DE-1-300x150.png 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/03\/DV_03-23_Bachmann_01_DE-1-1024x512.png 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/03\/DV_03-23_Bachmann_01_DE-1-768x384.png 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/03\/DV_03-23_Bachmann_01_DE-1-1536x768.png 1536w\" sizes=\"(max-width: 1707px) 100vw, 1707px\" \/><\/p>\n<h6 class=\"content-copy\">Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an von Rimscha und Siegert (2015) \/ Die Volkswirtschaft<\/h6>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Wettbewerb um Aufmerksamkeit<\/h2>\n<p>Im Allgemeinen setzt sich Qualit\u00e4t im Wettbewerb durch \u2013 ein \u00f6konomisches Prinzip, das bei den meisten Produkten wie Elektronik, Lebensmitteln oder Bildungsangeboten g\u00fcltig ist. Die Abbildung illustriert, weshalb journalistisch hochwertige Medientitel trotzdem um ihr Bestehen k\u00e4mpfen. Das innere Rechteck zeigt das traditionelle, zweiseitige Gesch\u00e4ftsmodell klassischer Medienunternehmen.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Dieses besteht einerseits aus dem \u00f6konomisch orientierten Medienmanagement, das sich beispielsweise um Finanzen und Personal k\u00fcmmert, und andererseits aus den publizistisch unabh\u00e4ngigen Redaktionen.<\/p>\n<p>Diese Zweikammerstruktur gew\u00e4hrleistet redaktionelle Unabh\u00e4ngigkeit, um Inhalte von \u00f6ffentlichem Interesse zu schaffen, was sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich vorteilhaft ist. Ein breites Publikum, das durch glaubw\u00fcrdige Inhalte angezogen wird, ist wiederum f\u00fcr die Werbebranche attraktiv, da Anzeigen von kaufkr\u00e4ftigen Konsumenten wahrgenommen werden. Dieses Modell hat lange erfolgreich unabh\u00e4ngigen Journalismus hervorgebracht und somit \u00f6konomischen sowie gesellschaftlichen Nutzen gestiftet.<\/p>\n<p>Die Digitalisierung hat den klassischen Medienmarkt stark ver\u00e4ndert: Werbeeinnahmen fliessen zunehmend zu Tech-Giganten wie Google und Facebook, die algorithmisch gesteuerte Werbung schalten, ohne journalistische Inhalte zu produzieren. Dies entzieht traditionellen Medienunternehmen wichtige Gewinne. Kompensationen, etwa dadurch, dass die internationalen Tech-Firmen daf\u00fcr zahlen, wenn sie Inhalte von Schweizer Medien \u00fcbernehmen oder als Trainingsmaterial f\u00fcr k\u00fcnstliche Intelligenz (KI) verwenden, sind unzureichend, um Verluste auszugleichen. Trotz weiterhin bestehender Werbeschaltungen in Medien sinkt die Nachfrage aufgrund der neuen Konkurrenz. Zudem f\u00fchrt die Digitalisierung zu geringeren Ertr\u00e4gen im Publikumsmarkt \u2013 die Abonnemente und direkten Verkaufserl\u00f6se gehen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Journalistische Medien konkurrieren nicht nur untereinander, sondern auch mit vielen anderen Anbietern um die Aufmerksamkeit des Publikums: Wer Instagram oder Netflix nutzt, hat weniger Zeit f\u00fcr traditionelle Medien. Qualit\u00e4tsmedien sind nun eine Option unter vielen, und besonders junge Zielgruppen wenden sich ab.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Zunehmende Medienkonzentration<\/h2>\n<p>Trotz Marktversagen gibt es weiterhin qualitativ hochwertige Medientitel. In der Schweiz macht das <a href=\"https:\/\/www.mqr-schweiz.ch\/\">Medienqualit\u00e4tsrating<\/a> diese Qualit\u00e4t sichtbar. Dennoch darf dies nicht den Blick darauf verstellen, dass die beiden tragenden S\u00e4ulen \u2013 in Form von Verkaufs- und Werbeerl\u00f6sen \u2013 des klassischen Medienmarkts wegbrechen.<\/p>\n<p>Traditionelle Medienunternehmen wie Ringier und TX Group wenden sich neuen, nicht journalistischen Gesch\u00e4ftsfeldern zu, zum Beispiel digitalen Jobportalen, die die Stellenanzeigen in Tageszeitungen ersetzen. Zwar werden Ressourcen in gut ausgestatteten Mantelredaktionen geb\u00fcndelt, die weniger, daf\u00fcr aber hochwertigen Journalismus produzieren. Dennoch leidet durch diese Konzentration die Qualit\u00e4t des Gesamtsystems. F\u00fcr Demokratie und Gesellschaft sind viele Redaktionen vorteilhafter als wenige, wenn auch vermeintlich besser ausgestattete Mantelredaktionen.<\/p>\n<p>Weniger Vielfalt wird besonders deutlich in der Romandie und im Tessin sowie im Regionaljournalismus.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Was einmal verloren geht, kommt in seiner urspr\u00fcnglichen Form nicht zur\u00fcck. Noch vor rund zwanzig Jahren wurde die NZZ als die \u00abeinzige Bank mit Tageszeitung\u00bb betrachtet. Schon heute muss auch die NZZ daf\u00fcr k\u00e4mpfen, ein privates Medienunternehmen mit eigener Redaktion zu bleiben.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Bachmann, Ingenhoff und Eisenegger (2022).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe von Rimscha und Siegert (2015).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe Burger et al. (2024).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 20. 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Die seri\u00f6se Presse als R\u00fcckgrat der politischen \u00d6ffentlichkeit.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Habermas, J. (2022). Ein neuer Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit und die deliberative Politik.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Von Rimscha, B. und G. Siegert (2015). Medien\u00f6konomie. 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