{"id":195136,"date":"2024-03-08T07:10:49","date_gmt":"2024-03-08T06:10:49","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=195136"},"modified":"2024-03-08T09:58:22","modified_gmt":"2024-03-08T08:58:22","slug":"meinungsbildung-unter-druck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2024\/03\/meinungsbildung-unter-druck\/","title":{"rendered":"Meinungsbildung unter Druck?"},"content":{"rendered":"<p>Die Schweizer Bev\u00f6lkerung kann sich \u00fcber Initiativen und Referenden sehr direkt in den politischen Prozess einbringen. F\u00fcr die dazu n\u00f6tige freie Meinungs- und Willensbildung ist sie auf eine vielf\u00e4ltige Medienlandschaft angewiesen. Denn: Zur Demokratie, wo alle am politischen Prozess teilhaben, geh\u00f6rt der Einbezug verschiedener Meinungen und Standpunkte. Und diese erschliessen sich einem gr\u00f6sseren Publikum vor allem via Medien.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Werbeeinnahmen sinken<\/h2>\n<p>In den letzten Jahren sind aber alle wichtigen Finanzierungsquellen von Schweizer Medien unter Druck geraten. Die Werbeeinnahmen gingen teils dramatisch zur\u00fcck: bei den Printmedien zum Beispiel gegen\u00fcber dem Jahr 2000 um 75 Prozent. Mittlerweile fliesst mindestens gleich viel Werbegeld aus der Schweiz zu den grossen Internet-Plattformen \u2013 wie beispielsweise Google von Alphabet oder Instagram und Facebook von Meta \u2013 wie in alle Schweizer Medien zusammen. Diese Plattformen berichten aber nicht \u00fcber die verschiedenen Regionen in der Schweiz.<\/p>\n<p>Im Printbereich gehen Einnahmen aus Abonnements zur\u00fcck, und Onlinemedien leiden unter der tiefen Zahlungsbereitschaft f\u00fcr journalistische Inhalte im Netz. Auch die Finanzierung des \u00f6ffentlichen Rundfunks \u2013 der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) \u2013 ist durch die eidgen\u00f6ssische Volksinitiative \u00ab200 Franken sind genug! (SRG-Initiative)\u00bb, die die Reduktion der Haushaltabgabe auf 200 Franken und die komplette Streichung der Unternehmensabgabe fordert, von m\u00f6glichen K\u00fcrzungen bedroht.<\/p>\n<p>Die Schweizer Medien reagieren auf dieses herausfordernde wirtschaftliche Umfeld mit Sparmassnahmen: Personal wird entlassen, die journalistische Produktion nach wirtschaftlicher Logik effizienter organisiert und optimiert, die Angebote werden ausged\u00fcnnt. Andererseits zeigt sich eine Tendenz zur Konzentration: Medienangebote verschwinden vom Markt oder werden in Medienkonzerne integriert. F\u00fcr die Grundversorgung der Schweizer Bev\u00f6lkerung mit vielf\u00e4ltigen Informationen sind beide Reaktionen problematisch. W\u00e4hrend es Einsparungen und Entlassungen erschweren, die publizistische Qualit\u00e4t aufrechtzuerhalten, f\u00fchrt die Medienkonzentration dazu, dass sich die Meinungsmacht auf einige wenige, daf\u00fcr grosse Medienkonzerne verdichtet.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Hohe regionale Medienkonzentration<\/h2>\n<p>Den Begriff der Meinungsmacht nimmt der Medienmonitor Schweiz auf, der im Auftrag des Bundesamts f\u00fcr Kommunikation (Bakom) Entwicklungen in der Schweizer Medienlandschaft seit 2017 systematisch nachzeichnet. Meinungsmacht wird hier als Potenzial verstanden, meinungsbildende Wirkung zu entfalten. Empirisch gemessen wird sie anhand von zwei Komponenten: Erstens beurteilen Mediennutzende in einer repr\u00e4sentativen Befragung Medienangebote unter anderem hinsichtlich ihrer Leistung als Informationsmedien. Zweitens, wie die Angebote durch das Publikum genutzt werden.<\/p>\n<p>Die gute Nachricht zuerst: Weder auf nationaler noch auf sprachregionaler oder auf lokaler Ebene geht von einer einzelnen Medienmarke (zum Beispiel dem \u00abTages-Anzeiger\u00bb) eine Monopolgefahr aus. Dies zeigt die aktuellste Erhebung aus dem Jahr 2022. In jeder Region der Schweiz stehen der Bev\u00f6lkerung mehrere Medienangebote zur Befriedigung ihres Informationsbed\u00fcrfnisses zur Verf\u00fcgung. Allerdings greift diese Betrachtung zu kurz, um die Meinungsvielfalt einzusch\u00e4tzen oder eine Aussage zur Medienkonzentration zu treffen. Denn die Konzentration zeigt sich bereits darin, dass mehr als 100 der im Medienmonitor untersuchten 176 Medienangebote nur gerade zehn Konzernen geh\u00f6ren. Allein auf das Konto von CH Media oder der TX Group gehen 31 respektive 19 Medienmarken. Die SRG, als Betreiberin des \u00f6ffentlichen Radios und Fernsehens, ist mit 24 Angeboten vertreten.<\/p>\n<p>Gerade in der Schweiz ist zudem aufgrund der f\u00f6deralistischen, dezentralen Struktur, der vier Landessprachen und der einschneidenden topografischen Konturen eine regionale Sichtweise wichtig. Und hier \u2013 konkret in der italienischsprachigen Schweiz sowie in der H\u00e4lfte aller insgesamt untersuchten lokalen Medienr\u00e4ume \u2013 zeigt sich die Medienkonzentration deutlich. Als am h\u00f6chsten konzentriert gelten das Berner Oberland, das Oberwallis und Teile der Zentralschweiz sowie der Grossraum Bern. Aber auch in Graub\u00fcnden, der Zentralschweiz und den nord\u00f6stlichen Teilen der Region Z\u00fcrich (Kantone Z\u00fcrich, Thurgau und Schaffhausen) nimmt die Medienkonzentration zu. In all diesen Gebieten wird der Meinungsmarkt von zwei grossen Medienh\u00e4usern dominiert. Einer der zwei dominierenden Player ist aber jeweils die SRG.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Verschiebung hin zu digitalen Kan\u00e4len<\/h2>\n<p>Aus gesellschaftlicher Sicht w\u00e4re eine Verteilung der Meinungsmacht auf mehr Medienh\u00e4user w\u00fcnschenswert. Gleichzeitig bildet die starke Stellung der SRG ein Gegengewicht zu den gr\u00f6ssten kommerziell orientierten Medienkonzernen, denn sie ist zu inhaltlicher Vielfalt und ausgewogener Berichterstattung verpflichtet \u2013 im Gegensatz zu den Angeboten der \u00fcbrigen Konzerne ohne Leistungsauftrag. Damit ist auch eine in der aktuellen Diskussion kaum ber\u00fccksichtigte Eigenschaft der SRG angesprochen, die sich im Medienmonitor aber sehr klar empirisch nachweisen l\u00e4sst: Ohne die SRG w\u00e4re in vielen Regionen der Schweiz die vielf\u00e4ltige und ausgewogene Versorgung der Bev\u00f6lkerung mit Information nicht in ausreichendem Mass sichergestellt.<\/p>\n<p>Das Schweizer Mediensystem erf\u00fcllt die Voraussetzungen f\u00fcr eine freie Meinungsbildung vorl\u00e4ufig noch. Die Medienvielfalt und damit die Meinungsvielfalt stehen aber unter Druck, in regional unterschiedlichem Ausmass. Im Medienmonitor zeigt sich zudem eine Verschiebung der Meinungsmacht weg von den klassischen Medien (Print, TV, Radio) und hin zu neueren, digitalen Angeboten (Onlinemedien und Social Media). Die finanzielle Situation vieler journalistischer Onlineangebote, insbesondere in der franz\u00f6sisch- und der italienischsprachigen Schweiz, ist jedoch prek\u00e4r, wie eine Studie des Forschungszentrums \u00d6ffentlichkeit und Gesellschaft der Universit\u00e4t Z\u00fcrich (F\u00f6g) im Auftrag des Bakom zeigt. Die zunehmende Wichtigkeit dieser digitalen Informationsangebote \u2013 vor allem, aber nicht nur f\u00fcr j\u00fcngere Zielgruppen \u2013 stellt folglich eine neue Herausforderung f\u00fcr die l\u00e4ngerfristige Sicherstellung der Meinungsvielfalt dar.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweizer Bev\u00f6lkerung kann sich \u00fcber Initiativen und Referenden sehr direkt in den politischen Prozess einbringen. F\u00fcr die dazu n\u00f6tige freie Meinungs- und Willensbildung ist sie auf eine vielf\u00e4ltige Medienlandschaft angewiesen. 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