{"id":196657,"date":"2024-04-12T07:00:23","date_gmt":"2024-04-12T05:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=196657"},"modified":"2024-04-12T09:16:11","modified_gmt":"2024-04-12T07:16:11","slug":"schweizer-solidaritaet-mit-schoenheitsfehlern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2024\/04\/schweizer-solidaritaet-mit-schoenheitsfehlern\/","title":{"rendered":"Schweizer Solidarit\u00e4t mit Sch\u00f6nheitsfehlern"},"content":{"rendered":"<p>Der F\u00f6deralismus ist tief in der institutionellen Tradition der Schweiz verwurzelt. Im Herzen des f\u00f6deralen Systems stehen zwei Prinzipien: das Subsidiarit\u00e4tsprinzip und die fiskalische \u00c4quivalenz. Dem Subsidiarit\u00e4tsprinzip folgend sollte der Bund nur Aufgaben \u00fcbernehmen, welche Kantone oder Gemeinden nicht selber erf\u00fcllen k\u00f6nnen, so beispielsweise die Landesverteidigung. Das Prinzip der fiskalischen \u00c4quivalenz besagt, dass die Nutzer \u00f6ffentlicher Leistungen auch f\u00fcr deren Kosten aufkommen sollten. Ein Beispiel sind sogenannte Zentrumslasten: Wenn das kulturelle Angebot eines Kantons von Einwohnern eines anderen Kantons genutzt wird, m\u00fcsste der Nachbarkanton ebenfalls Beitr\u00e4ge zur Finanzierung leisten, um die fiskalische \u00c4quivalenz aufrechtzuerhalten. Mit der Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung (NFA) im Jahr 2008 wurden diese Prinzipien fest in der Bundesverfassung verankert.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">F\u00f6derales Politiklabor<\/h2>\n<p>Doch wozu gibt es \u00fcberhaupt die komplizierte dezentrale Organisation staatlicher Aufgaben? Weil \u00f6ffentliche Leistungen auf lokaler Ebene tendenziell effizienter erbracht werden k\u00f6nnen als von einem Zentralstaat, argumentierte 1972 der US-amerikanische \u00d6konom Wallace E. Oates mit seiner Dezentralisierungstheorie.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Ihm zufolge kennen lokale Regierungen die lokal vorherrschenden Pr\u00e4ferenzen ihrer B\u00fcrger besser als der weiter entfernte Zentralstaat, weshalb sie die W\u00fcnsche entsprechend passender adressieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die bessere Informationslage ist aber nicht der einzige Vorteil des Fiskalf\u00f6deralismus. Der F\u00f6deralismus ist auch eine Art Politiklabor.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Denn wenn mehrere lokale Regierungen selbst \u00fcber ihre Politik entscheiden k\u00f6nnen, werden h\u00e4ufiger unterschiedliche L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr dasselbe Problem ausprobiert. Das steigert die Innovationskraft des \u00f6ffentlichen Sektors, w\u00e4hrend der potenzielle Schaden solcher Versuche f\u00fcr eine ganze Nation eher gering bleibt. Sollte ein L\u00f6sungskonzept nicht funktionieren, so werden die Kosten nur von einem begrenzten Teil der B\u00fcrger getragen. Funktioniert ein L\u00f6sungskonzept, k\u00f6nnen es die anderen Gliedstaaten \u00fcbernehmen. In einem Zentralstaat hingegen m\u00fcssten diese Kosten von allen getragen werden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Disziplinierende Eigenverantwortung<\/h2>\n<p>Ein konsequenter Fiskalf\u00f6deralismus setzt voraus, dass Gemeinden und Kantone \u00fcber Einnahmen- und Ausgabenautonomie verf\u00fcgen. Ist der Nutzerbereich einer \u00f6ffentlichen Leistung auch r\u00e4umlich klar abgegrenzt, ist die fiskalische \u00c4quivalenz erf\u00fcllt. Die Eigenverantwortlichkeit hat zudem eine disziplinierende Wirkung auf regionale Finanzpolitiker und f\u00f6rdert den sorgf\u00e4ltigen Umgang mit Steuergeldern.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Verst\u00e4rkt wird diese Disziplin durch den Wettbewerb zwischen den Gebietsk\u00f6rperschaften. Denn die B\u00fcrger k\u00f6nnen \u00abmit den F\u00fcssen abstimmen\u00bb und ziehen dorthin, wo das Angebot \u00f6ffentlicher Leistungen und deren Kosten in Form von Steuern aus ihrer Sicht optimal ist. Der Wettbewerb f\u00fchrt dazu, dass das Angebot \u00f6ffentlicher G\u00fcter besser mit den tats\u00e4chlichen Bed\u00fcrfnissen der Einwohner \u00fcbereinstimmt.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Trotz dieser Vorteile birgt der fiskalische Wettbewerb auch Herausforderungen: Er kann die fiskalische Ungleichheit zwischen den Gebietsk\u00f6rperschaften versch\u00e4rfen und zu einer Ressourcenkonzentration in einigen wenigen Regionen f\u00fchren. Wenn attraktive Standort- und Steuerpolitiken einer Region steuerbare Ressourcen aus benachbarten Gebieten anziehen, geraten weniger wohlhabende Regionen wom\u00f6glich ins Hintertreffen. Das kann dazu f\u00fchren, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ihre \u00f6ffentlichen Aufgaben angemessen zu erf\u00fcllen.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a><\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Das Trilemma des Finanzausgleichs<\/h2>\n<p>Um allf\u00e4llige negative Effekte des F\u00f6deralismus abzumildern, kann ein Finanzausgleich helfen.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Dieser soll die finanziellen Lasten und Leistungen zwischen den staatlichen Akteuren ausgewogener verteilen, ohne die Autonomie von Gemeinden und Kantonen zu untergraben. Das soll die soziale und wirtschaftliche Koh\u00e4sion innerhalb des f\u00f6deralen Systems st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Wie man ein solches Finanzausgleichssystem gestaltet, ist auch eine politische Frage. \u00c4hnlich wie in der Sozialpolitik gibt es n\u00e4mlich Zielkonflikte. Konkret besteht ein Trilemma zwischen der H\u00f6he der finanziellen Mindestausstattung pro Kanton, der Finanzierbarkeit und den effektiven Anreizen f\u00fcr die Kantone, ihre Finanzkraft ohne Transfers zu erh\u00f6hen.<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a> Es k\u00f6nnen nur zwei dieser Funktionen gleichzeitig erf\u00fcllt werden. Will man effektive Anreize schaffen, muss man n\u00e4mlich die Progression des Systems stark reduzieren. Will man gleichzeitig eine hohe finanzielle Mindestausstattung der Kantone sicherstellen, ist jedoch die langfristige Finanzierbarkeit nicht sichergestellt. Und umgekehrt gen\u00fcgt die Mindestausstattung wahrscheinlich nicht, wenn man die Finanzierbarkeit erhalten m\u00f6chte. Ein System ohne Fehlanreize zu gestalten, ist deshalb politisch schwierig.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Ausgleich mit Fehlanreizen<\/h2>\n<p>Mit diesen Zielkonflikten k\u00e4mpft auch der Schweizer Finanzausgleich. Dort wird die Ausgleichsfunktion prim\u00e4r durch den sogenannten Ressourcenausgleich erf\u00fcllt, der f\u00fcr etwa 80 Prozent der Umverteilung im Finanzausgleich verantwortlich ist. Er soll sicherstellen, dass jeder Kanton \u00fcber gen\u00fcgend finanzielle Mittel zur Erf\u00fcllung seiner \u00f6ffentlichen Aufgaben verf\u00fcgt. Zur Berechnung dieser Transfers wird der sogenannte Ressourcenindex je Kanton herangezogen (siehe Kasten). Dieser bestimmt, welcher Kanton zahlt und wer etwas erh\u00e4lt (siehe Abbildung).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die meisten Kantone profitieren vom Ressourcenausgleich (2023)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class='chart chart--normal' id='MAIR-MOSLER-SCHALTEGGER_4-2024_DE'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n\n\n\n\n\n\n$(function () {\n\nHighcharts.wrap(Highcharts.Axis.prototype, 'getPlotLinePath', function(proceed) {\n    var path = proceed.apply(this, Array.prototype.slice.call(arguments, 1));\n    if (path) {\n        path.flat = false;\n    }\n    return path;\n});\n\n\n    $('#MAIR-MOSLER-SCHALTEGGER_4-2024_DE').highcharts({\n\n\nchart: {\n            type: 'scatter', \/\/ macht Punkte statt bubbles\n            plotBorderWidth: 1,\n            zoomType: 'xy'\n        },\n\t\t\tcredits: {enabled: false}, \/\/ so wird die Quelle Highcharts.com ausgeblendet\n        legend: {\n            enabled: false\n        },\n\n        title: {\n           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Ausgleich besser da als vorher. F\u00fcr die Geberkantone rechts unterhalb der 45-Grad-Linie ist es umgekehrt.<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: <a href=\"https:\/\/www.efv.admin.ch\/efv\/de\/home\/themen\/finanzausgleich\/zahlen.html\">EFV<\/a> (2023), eigene Darstellung der Autoren \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<p>Der Finanzausgleich erzielt eine Angleichung der Finanzkraft der Kantone. Allerdings: Er f\u00fchrt auch zu Fehlanreizen. Das gilt insbesondere f\u00fcr die Nehmerkantone. Ein Problem sind die sogenannten Grenzabsch\u00f6pfungsquoten. Sie zeigen, um wie viel die Transferzahlungen an einen Nehmerkanton abnehmen beziehungsweise um wie viel sich die Zahlungen eines Geberkantons erh\u00f6hen, wenn das Ressourcenpotenzial w\u00e4chst. Wenn ein Kanton also durch eine attraktive Standortpolitik ein neues Unternehmen zu sich lockt, tr\u00e4gt dessen Gewinn f\u00fcr den Kanton dazu bei, dass man weniger Transfers erh\u00e4lt oder mehr Gelder in den Finanzausgleich einbezahlen muss.<\/p>\n<p>Viele Nehmerkantone wie etwa der Jura und das Wallis haben aufgrund hoher Grenzabsch\u00f6pfungsquoten finanzpolitisch betrachtet nur geringe Anreize, ihre Standortattraktivit\u00e4t zu erh\u00f6hen. Das heisst: Ein Anstieg ihres Ressourcenpotenzials w\u00fcrde zu einem R\u00fcckgang der Transferzahlungen f\u00fchren, den auch neue Steuereinnahmen nicht kompensieren k\u00f6nnen.<a href=\"#footnote_8\" id=\"footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor\">[8]<\/a> Zus\u00e4tzlich zeigt die politische \u00d6konomie, dass Transfereinnahmen eher zur Ausgabenerh\u00f6hung als zur Reduktion der Steuerlast genutzt werden.<a href=\"#footnote_9\" id=\"footnote-anchor_9\" class=\"inline-footnote__anchor\">[9]<\/a> Dieser sogenannte Flypaper-Effekt verst\u00e4rkt potenziell die Anreizproblematik.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Mindestausstattung reduzieren?<\/h2>\n<p>So weit die finanzpolitischen Herausforderungen. Gleichzeitig konnte der Nationale Finanzausgleich die bereits vor 2008 bestehende Tendenz einer zunehmenden Zentralisierung und Aufgabenverflechtung nicht aufhalten,<a href=\"#footnote_10\" id=\"footnote-anchor_10\" class=\"inline-footnote__anchor\">[10]<\/a> die sich etwa in der Bildungs- und der Gesundheitspolitik zeigt. Das kostet die Kantone politischen Handlungsspielraum und widerspricht den Zielen des Finanzausgleichs, die eigentlich einen Abbau der Aufgabenverflechtungen zwischen Bund und Kantonen fordern.<\/p>\n<p>Weil der Finanzausgleich zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitr\u00e4gt und einen fairen F\u00f6deralismus erm\u00f6glicht, sollte man ihm Sorge tragen. Um den genannten Problemen entgegenzuwirken und den Schweizer F\u00f6deralismus zu st\u00e4rken, w\u00fcrden sich eine Adjustierung des Finanzausgleichs und ein Abbau der Aufgabenverflechtung zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden anbieten. Um die Problematik bei den Grenzabsch\u00f6pfungsquoten zu mildern, k\u00f6nnten zum Beispiel Alternativen zum progressiven Verteilschl\u00fcssel diskutiert werden. Wegen der erw\u00e4hnten Zielkonflikte w\u00fcrde dies allerdings bedeuten, dass eine Reduktion der Mindestausstattung wom\u00f6glich notwendig w\u00e4re, um die Finanzierbarkeit des Systems aufrechtzuerhalten. In welche Richtung es gehen soll, gilt es bei zuk\u00fcnftigen Reformen des Finanzausgleichssystems auszuarbeiten.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Oates (1972).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Oates (1999).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Olson (1969); Pitlik und Schmid (2000).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Tiebout (1956).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Wilson (1999).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">K\u00f6thenb\u00fcrger (2002).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">Leisibach und Schaltegger (2019).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_8\" class=\"footnote--item\">Leisibach und Schaltegger (2019).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_9\" class=\"footnote--item\">Hines und Thaler (1995).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_9\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_10\" class=\"footnote--item\">Siehe Schaltegger, Portmann und Winist\u00f6rfer (2023) sowie Schaltegger und Winist\u00f6rfer (2014).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_10\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der F\u00f6deralismus ist tief in der institutionellen Tradition der Schweiz verwurzelt. Im Herzen des f\u00f6deralen Systems stehen zwei Prinzipien: das Subsidiarit\u00e4tsprinzip und die fiskalische \u00c4quivalenz. Dem Subsidiarit\u00e4tsprinzip folgend sollte der Bund nur Aufgaben \u00fcbernehmen, welche Kantone oder Gemeinden nicht selber erf\u00fcllen k\u00f6nnen, so beispielsweise die Landesverteidigung. 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An Essay on Fiscal Federalism. Journal of Economic Literature, 37(3), 1120\u20131149.<\/li>\r\n \t<li>Olson, M. (1969). The Principle of \u00abFiscal Equivalence\u00bb: the Division of Responsibilities Among Different Levels of Government. The American Economic Review, 59(2), 479\u2013487.<\/li>\r\n \t<li>Pitlik, H. und Schmid, G. (2000). Zur politischen \u00d6konomie der f\u00f6deralen Finanzbeziehungen in Deutschland. Zeitschrift f\u00fcr Wirtschaftspolitik, 49(1), 100\u2013124.<\/li>\r\n \t<li>Schaltegger, C. A., Portmann, M. und Winist\u00f6rfer, M. M. (2023). <a href=\"https:\/\/www.iwp.swiss\/die-schweiz-wird-zentralistischer-nicht-nur-wegen-covid-19\/\">Die Schweiz wird zentralistischer \u2013 nicht nur wegen Covid-19<\/a>.<\/li>\r\n \t<li>Schaltegger, C. A. und Winist\u00f6rfer, M. M. (2014). Zur Begrenzung der schleichenden Zentralisierung im Schweizerischen Bundesstaat. ORDO, 65(1), 183\u2013228.<\/li>\r\n \t<li>Tiebout, C. M. (1956). A Pure Theory of Local Expenditures. Journal of Political Economy, 64(5), 416\u2013424.<\/li>\r\n \t<li>Wilson, J. D. (1999). Theories of Tax Competition. National Tax Journal, 52(2), 269\u2013304.<\/li>\r\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Ressourcenindex als Mass f\u00fcr das Steuerpotenzial","kasten_box":"Zur Berechnung der Transfers im Ressourcenausgleich wird der sogenannte Ressourcenindex je Kanton herangezogen. Dieser bestimmt, welcher Kanton zahlt und wer etwas erh\u00e4lt. Die Ressourcenindizes werden berechnet, indem das kantonale Ressourcenpotenzial pro Einwohner (ein Sch\u00e4tzwert f\u00fcr die steuerbaren Einkommen und Verm\u00f6gen nat\u00fcrlicher Personen und die Gewinne juristischer Personen) mit dem Schweizer Durchschnitt verglichen wird.\r\n\r\nKantone mit einem Ressourcenindex unter dem Durchschnitt von 100 Prozent erhalten als Nehmerkantone Transfers aus dem System. Kantonen mit einem Ressourcenindex von weniger als 70 Prozent wird ein Minimum von 86,5 Prozent der durchschnittlichen Schweizer Finanzkraft garantiert. Die restlichen Nehmerkantone erhalten progressive Zuwendungen, mit denen ihre Finanzkraft auf mehr als 86,5 Prozent des Durchschnitts angehoben wird. Will heissen: Je tiefer ihr Ressourcenpotenzial vor dem Ausgleich, desto st\u00e4rker wird es durch die Transfers angehoben. Das f\u00fchrt etwa dazu, dass die Kantone Wallis und Uri nach dem Ressourcenausgleich beinahe gleichauf sind, obwohl der Kanton Uri vor Ausgleich mit 71 Prozent rund 7 Prozentpunkte h\u00f6her lag.\r\n\r\nKantone mit einem Ressourcenindex \u00fcber 100 Prozent des Schweizer Durchschnitts m\u00fcssen als Geberkantone Transferzahlungen leisten. Die geschuldeten Beitr\u00e4ge werden linear ermittelt (siehe Abbildung). Die Geberkantone finanzieren insgesamt rund 40 Prozent des Systems, der Bund die restlichen 60 Prozent."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":[196914,197724],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[4306],"korrektor":5357,"planned_publication_date":"2024-04-12 05:00:23","original_files":null,"external_release_for_author":"20240412","external_release_for_author_time":"00:05:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/exedit\/65e596cc7818b"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/196657"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5216"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=196657"}],"version-history":[{"count":28,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/196657\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":198045,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/196657\/revisions\/198045"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5357"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4306"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2807"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11772"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5216"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/197724"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/196914"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/197959"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=196657"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=196657"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=196657"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=196657"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=196657"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=196657"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}