{"id":196999,"date":"2024-04-04T07:00:28","date_gmt":"2024-04-04T05:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=196999"},"modified":"2024-04-04T09:41:16","modified_gmt":"2024-04-04T07:41:16","slug":"landwirtschaft-30-jahre-direktzahlungen-eine-bilanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2024\/04\/landwirtschaft-30-jahre-direktzahlungen-eine-bilanz\/","title":{"rendered":"Landwirtschaft: 30 Jahre Direktzahlungen \u2013 eine Bilanz"},"content":{"rendered":"<p>Vor 30 Jahren stiess die Agrarpolitik an ihre Grenzen. Damals gab es Preis- und Abnahmegarantien f\u00fcr landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Milch und Brotgetreide, die teils eine \u00dcberproduktion zur Folge hatten. Die Garantien f\u00fchrten zu h\u00f6heren Ausgaben beim Bund und wirkten sich negativ auf die Umwelt aus. In der Folge wurden sie schrittweise abgebaut und stattdessen produktionsunabh\u00e4ngige Direktzahlungen gest\u00fctzt auf Artikel 31<em>a<\/em> und 31<em>b<\/em> des Landwirtschaftsgesetzes eingef\u00fchrt. Diese gelten gemeinwirtschaftliche Leistungen ab, wie beispielsweise die Pflege und Offenhaltung der Kulturlandschaft und die Erhaltung der Biodiversit\u00e4t, und werden in Form von Finanzhilfen direkt an Landwirtschaftsbetriebe ausbezahlt. Die Direktzahlungen erm\u00f6glichten den Wandel von der \u00abalten\u00bb zur \u00abneuen\u00bb Agrarpolitik und unterst\u00fctzten die Landwirtschaft auf ihrem Weg zu mehr Markt und \u00d6kologie.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Schrittweiser Ausbau des Direktzahlungssystems<\/h2>\n<p>Im Jahr 1993 wurden erstmals Direktzahlungen f\u00fcr \u00f6kologische Ausgleichsfl\u00e4chen, f\u00fcr den biologischen Landbau und die integrierte Produktion sowie f\u00fcr das Tierwohl ausgerichtet. 1999 trat das neue Landwirtschaftsgesetz in Kraft. Ein wichtiger Meilenstein dieses Gesetzes war die Einf\u00fchrung des \u00f6kologischen Leistungsnachweises (\u00d6LN) als Grundvoraussetzung. Um Direktzahlungen zu erhalten, m\u00fcssen Betriebe Anforderungen in den Bereichen Biodiversit\u00e4tsfl\u00e4chen, D\u00fcngung, Fruchtfolge im Ackerbau, Bodenschutz, Tierhaltung und Pflanzenschutz einhalten.<\/p>\n<p>Mit der Agrarpolitik 2014\u20132017 (AP 14-17) wurden die Direktzahlungen nochmals besser auf die agrarpolitischen Ziele der Bundesverfassung ausgerichtet und weiter ausgebaut. Die wichtigsten \u00c4nderungen per 2014 waren der Abbau der tierbezogenen Direktzahlungen und der Ausbau fl\u00e4chenbezogener Versorgungssicherheitsbeitr\u00e4ge. Ferner wurden die Mittel zur Erreichung der \u00f6kologischen und landschaftspflegerischen Ziele aufgestockt und Beitr\u00e4ge vom Tal- ins Berg- und Alpgebiet umgelagert.<\/p>\n<p>Infolge der parlamentarischen Initiative <a href=\"https:\/\/www.parlament.ch\/de\/ratsbetrieb\/suche-curia-vista\/geschaeft?AffairId=20190475\">19.475<\/a> \u00abDas Risiko beim Einsatz von Pestiziden reduzieren\u00bb setzte der Bundesrat per 2023 weitere Bestimmungen in Kraft: Wirkstoffe mit erh\u00f6hten Risikopotenzialen sind seither im \u00d6LN verboten, und neue Produktionssystembeitr\u00e4ge wurden eingef\u00fchrt. Weitere Neuerungen wie die Zusammenlegung von regionalen Projekten der Landschaftsqualit\u00e4t und der Vernetzung von Biodiversit\u00e4tsfl\u00e4chen hat das Parlament mit der letzten agrarpolitischen Reform (Agrarpolitik 22+) beschlossen, die in den kommenden Jahren umgesetzt wird. Im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte stiegen die Ausgaben f\u00fcr Direktzahlungen von 1,2 auf 2,8 Milliarden Schweizer Franken pro Jahr (siehe Abbildung 1).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Die Direktzahlungen des Bundes stiegen auf rund 2,8 Milliarden Schweizer Franken (1993\u20132023)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"HOFER-2024-4_ABB-1_DE\"><\/div>\n<script>\n\n\n\n$(function () {\n    $('#HOFER-2024-4_ABB-1_DE').highcharts({     \n\n chart: {\n        type: 'line'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    subtitle: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n    \n    title: {\n                text: ''\n            },\n        categories: [\n        \n1993,1994,1995,1996,1997,1998,1999,2000,2001,2002,2003,2004,2005,2006,2007,2008,2009,2010,2011,2012,2013,2014,2015,2016,2017,2018,2019,2020,2021,2022,2023\n\n\n],\n\n    },\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: ''\n        },\n        labels: {\n                formatter: function () {\n            return Highcharts.numberFormat(this.value, 0);\n        }\n            },\n       \n    },\n     tooltip: {\n     headerFormat: '<b>{point.x} <\/b><br>',\n     valueSuffix: ''\n   \n   \n        },\n    plotOptions: {\n        line: {\n    \n\n            dataLabels: {\n                enabled: false\n            },\n            enableMouseTracking: true\n        },\n        series: {\nmarker: {\nenabled: false\n}\n}\n    },\n    series: [{\n        name: 'Direktzahlungen (in Mio. 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Agroscope ermittelt daher im Auftrag des Bundes aus den Buchhaltungsdaten von rund 2500 Landwirtschaftsbetrieben die Einkommenssituation in der Landwirtschaft.<\/p>\n<p>Die durchschnittlichen Ertr\u00e4ge pro Betrieb belaufen sich im Jahr 2022 auf 389\u2019900 Schweizer Franken, wovon 78\u2019900 Schweizer Franken Direktzahlungen sind \u2013 das sind rund 20 Prozent (siehe Abbildung 2). Nach Abzug der durchschnittlichen betrieblichen Aufw\u00e4nde von 310\u2019300 Schweizer Franken resultiert ein Einkommen von 79\u2019700 Schweizer Franken pro Betrieb. Das durchschnittliche Einkommen, das aus diesen Buchhaltungsdaten errechnet wird, ist somit praktisch identisch mit den Direktzahlungen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Direktzahlungen machen rund 20 Prozent der Ertr\u00e4ge eines Landwirtschaftsbetriebs aus<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"HOFER-2024-4_ABB-2_DE\"><\/div>\n<script>\n$(function () {\n    $('#HOFER-2024-4_ABB-2_DE').highcharts({\nchart: {\n    type: 'column'\n  },\n  title: {\n    text: '',\n\n  },\n  legend: {\n    title: {\n      text: '',\n      style: {\n        fontStyle: ''\n      }\n    },\n    layout: 'horizontal',\n    align: 'center',\n    verticalAlign: 'bottom',\n\n  },\n\n  xAxis: {\n    categories: ['Aktivseite', 'Passivseite']\n  },\n  yAxis: {\n    min: 0,\n    title: {\n      text: 'in Schweizer Franken'\n    },\n    labels: {\n      formatter: function() {\n        return Highcharts.numberFormat(this.value, 0);\n      }\n    },\n\n  },\n\n  tooltip: {\n    valueDecimals: 0,\n    headerFormatter: '<b>{point.x}<\/b><br\/>',\n    pointFormatter: function() {\n      return `${this.series.name}: ${Highcharts.numberFormat(this.y, ' ')} <br\/>Total: ${Highcharts.numberFormat(this.stackTotal, ' ')}`\n    }\n  },\n  plotOptions: {\n    column: {\n      stacking: 'normal',\n      dataLabels: {\n        enabled: false\n      }\n    }\n  },\n   series: [{\n        name: 'Ertr\u00e4ge aus Pflanzenbau',\n        data: [59231,0],color: '#666666'\n    }, {\n        name: 'Ertr\u00e4ge aus Tierhaltung',\n        data: [187898,0],color: '#cccccc'\n    }, {\n        name: 'Andere Ertr\u00e4ge',\n        data: [63944,0],color: '#e5e4e4'\n    },{\n        name: 'Direktzahlungen',\n        data: [78854,0],color: '#327775'\n    }, {\n        name: 'Aufw\u00e4nde',\n        data: [0,310265],color: '#9c92bf'\n    }, {\n        name: 'Landwirtschaftliches Einkommen',\n        data: [0,79662],color: '#655c99'\n  }]\n});\n\n\n\n});\n<\/script>\n<h6 class=\"content-copy\">Quelle: Agroscope \/ Die Volkswirtschaft<\/h6>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die Komplexit\u00e4t nimmt zu<\/h2>\n<p>Die Ziele der Landwirtschaftspolitik wurden fortlaufend erweitert. Im Gleichschritt mit den gestiegenen gesellschaftlichen Anspr\u00fcchen und Erwartungen wurde das Direktzahlungssystem im Laufe seiner 30-j\u00e4hrigen Weiterentwicklung ebenfalls ausgebaut und differenziert. Beispielsweise wurden neue Massnahmen aufgenommen wie die Landschaftsqualit\u00e4ts- und Ressourceneffizienzbeitr\u00e4ge. Der \u00d6LN wurde mit Vorgaben aus anderen Gesetzgebungen wie der emissionsarmen Ausbringung von fl\u00fcssigen Hofd\u00fcngern erg\u00e4nzt. Parlamentarische Vorst\u00f6sse fordern regelm\u00e4ssig zus\u00e4tzliche Massnahmen vom Bundesrat. So werden seit 2018 f\u00fcr Bisons Tierwohlbeitr\u00e4ge ausbezahlt, weil sie gleichbehandelt werden sollen wie Rindvieh. F\u00fcr die Zuckerr\u00fcbenproduktion nach den Standards des Biolandbaus oder der integrierten Produktion wurde 2022 ein Zusatzbeitrag eingef\u00fchrt, um die \u00f6kologische Produktion zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Zwar konnten die Ziele der Agrarpolitik mit den Direktzahlungen besser erreicht werden, allerdings machten die Erg\u00e4nzungen das System auch komplex. Hinzu kommt, dass die kantonalen Vollzugsstellen und privaten Kontrollstellen exakt kontrollierbare Bestimmungen verlangen. So musste beispielsweise das Bundesamt f\u00fcr Landwirtschaft die Anforderung an Zufluchtsm\u00f6glichkeiten auf der Gefl\u00fcgelweide mit detaillierten Weisungen pr\u00e4zisieren. Auch b\u00e4uerliche Organisationen stellen Forderungen f\u00fcr mehr Unterst\u00fctzungen und nach praxisangepassten, differenzierteren Bestimmungen, sodass das Direktzahlungssystem weiter ausgebaut wurde. Letztlich k\u00f6nnen einmal eingef\u00fchrte F\u00f6rdermassnahmen kaum mehr aufgehoben werden, weil die politische Gegenwehr sehr gross ist.<\/p>\n<p>Die Folgen dieses Ausbaus und der Schwierigkeit, einmal eingef\u00fchrte Massnahmen aufzuheben, sind mehr Regulierungen und mehr administrativer Aufwand f\u00fcr die Betriebe und den kantonalen Vollzug. Es gilt auch zu beachten, dass die Direktzahlungen nur ein Teil der Regulierungen sind. Viele Vorschriften kommen von anderer Seite: Private Labelorganisationen geben Anforderungen f\u00fcr die landwirtschaftliche Produktion vor, und Abnehmer von Agrarerzeugnissen stellen h\u00f6here Anforderungen an die Produkte. Ebenfalls nehmen Vorschriften aus anderen Gesetzgebungen zu oder werden versch\u00e4rft wie beispielsweise in der Raumplanung, im Gew\u00e4sserschutz, im Umwelt- oder Veterin\u00e4rrecht.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">L\u00f6sungen der k\u00fcnftigen Agrarpolitik<\/h2>\n<p>Der Bundesrat hat im <a href=\"https:\/\/www.parlament.ch\/de\/ratsbetrieb\/suche-curia-vista\/geschaeft?AffairId=20203931\">Postulatsbericht<\/a> \u00ab<a href=\"https:\/\/www.blw.admin.ch\/blw\/de\/home\/politik\/agrarpolitik\/postulat.html\">Zuk\u00fcnftige Ausrichtung der Agrarpolitik<\/a>\u00bb vom Juni 2022 Ans\u00e4tze aufgezeigt, wie das Direktzahlungssystem weiterentwickelt und vereinfacht werden kann. Beispielsweise k\u00f6nnte die ohnehin fortschreitende Digitalisierung genutzt werden, um einmal erhobene Daten mehrfach zu nutzen oder Kontrollen zu vereinfachen. Direktzahlungen k\u00f6nnten nur noch nach den erreichten Ergebnissen der Betriebe ausgerichtet und im Gegenzug k\u00f6nnen detaillierte Handlungsanweisungen oder Vorschriften an die Betriebe reduziert werden.<\/p>\n<p>Hebel, das System zu vereinfachen, sind die Reduktion der Anzahl und der Differenzierung der gef\u00f6rderten Massnahmen. Der Bund kann sich auch aus bestimmten Bereichen zur\u00fcckziehen, wenn die Ziele durch mehr Selbstverantwortung der landwirtschaftlichen Betriebe erreicht werden k\u00f6nnen. Anstelle von j\u00e4hrlichen Direktzahlungen f\u00fcrs Tierwohl k\u00f6nnten einmalig Investitionen in tierwohlfreundliche St\u00e4lle st\u00e4rker gef\u00f6rdert werden.<\/p>\n<p>Das Parlament hat dem Bundesrat den Auftrag gegeben, den Postulatsbericht zu konkretisieren und bis sp\u00e4testens Ende 2027 eine Botschaft zu unterbreiten. Dabei ist besonders wichtig, Direktzahlungen zu vereinfachen und den administrativen Aufwand zu reduzieren. F\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre stehen daher die Stabilit\u00e4t der Bestimmungen zu den Direktzahlungen und die Umsetzung der bereits bestehenden gesetzlichen Auftr\u00e4ge oder \u00fcberwiesener parlamentarischer Vorst\u00f6sse im Zentrum.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 30 Jahren stiess die Agrarpolitik an ihre Grenzen. Damals gab es Preis- und Abnahmegarantien f\u00fcr landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Milch und Brotgetreide, die teils eine \u00dcberproduktion zur Folge hatten. Die Garantien f\u00fchrten zu h\u00f6heren Ausgaben beim Bund und wirkten sich negativ auf die Umwelt aus. 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